Path:
Periodical volume 16. Januar 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

W ie soll e s  jetzt fe in? Die K om m issionen w erden 
ausgelöst. S ie  sollen ja eigentlich nach einem  Beschlusse 
schon ausgelöst fein. D a m it verschwindet der städtische 
L ebensm ittelausschuß von der Bildstäche, u n d  dam it 
verschwinden alle U nterkom m issionen, vielleicht ein 
halbes Dutzend oder noch m ehr, von  der Bildfläche, 
und  die ganze S ache bekom m t die G roßhandelsgesell- 
schuft. Diese G roßhandelsgesellschaft besteht a u s  dem 
V orstande und  au s  dem  A ufsichtsrat, un d  dieser macht 
aller. I n  dem A ufsichtsrat sitzen a lle rd in g s  einige 
S tad tv e ro rd n e te . D a s  R ation ierungssystem  ist heute 
u nd  aus absehbare Z e it eine N otw endigkeit, a lles u n te r­
liegt den behördlichen M a ß n a h m e n : der E r la ß  von  
B ekanntm achungen , von P o lize iv ero rd n u n g en , die V e r­
h än g u n g  von S tr a f e n  fü r  die Ü bertre tung  dieser V e r­
o rdnungen  oder Verstöße gegen die L ebensm itte l­
ra tio n ie ru n g . A lles d a s  ist den B ehörden  anheim ­
gegeben, die B ehörden  erlassen die V ero rdnungen , und 
sie haben über die D urchführung  derselben zu wachen. 
E s  ist selbstverständlich, daß die behördlichen Befugnisse 
nicht ü b e rtrag en  w erden  können au f irgend  eine P r iv a t ­
gesellschaft. D a s  alles m u ß  bei der S ta d t  bleiben, und  
bleibt es bei der S ta d t ,  d a n n  ist nicht der M a g is tra t 
allein  m aßgebend, sondern dann  m u ß  die S ta d tv e r ­
o rdnetenversam m lung  resp. die dazu eingesetzten K om ­
m issionen u n d  D ep u ta tio n en  m itw irken . V ero rd n u n g en  
kann m einer M ein u n g  nach die G . m . b. $). w eder er­
lassen, noch kann sie sie durchführen, es ist h ie r die 
M itw irk u n g  der S tad tv e ro rd n e ten v ersam m lu n g  n o t­
w endig. —  M eine D am en  und H erren ! B ei den ge­
schäftlichen M itte ilungen  heute haben  w ir  schon d a s  
erste B eispiel erleb t, w ie  es in  Z ukun ft aussehen w ird : 
D er H err V orsteher h a t m itgeteilt, d aß  die P e ti tio n  des 
Z e n tra lv e rb a n d e s  der S e ife n h ä n d le r  D eutschlands, be­
treffend die Ü berschreitung der Seisenhöchstpreise in 
den städtischen V erkaufsstellen, der G roßhandelsgesell- 
schast zu r S te llu n g n ah m e  überw iesen w orden  ist. 
W enn es so kommt, d aß  P e titio n e n  und E in g ab en  und  
Beschwerden, die der S tad tv e ro rd n e ten v e rsam m lu n g  zu­
gehen, w eil die B ü rg e r  g lauben, in der S ta d tv e ro rd ­
ne tenversam m lung  eine V ertre tu n g  ih re r In teressen  zu 
haben, w enn  diese E in g a b e n  einfach au f dem  Akten­
wege ohne w eiteres der G roßhandelsgesellschaft zur 
S te llu n g n ah m e  überw iesen w erden , e iner G ro ß h an d e ls - 
cefellfchaft, die doch eigentlich in m ancher B eziehung 
K onkurrenz ist gegenüber diesen G eschäftsleuten, und 
die deshalb  nicht so objektiv dasteht, w ie die S ta d t ­
vero rdnetenversam m lung  und die S ta d tv e ro rd n e te n , 
d an n  spricht d a s  fü r sich. D a s  ist heute n u r  ein B e i­
spiel, un d  d as ist erst der A nfang . I n  Z ukun ft w erden  
die S tad tv e ro rd n e ten  ü b e rh au p t nichts m ehr zu sagen 
haben (sehr richtig!) in  a llen  gen an n ten  A ngelegen­
heiten, w eder in der V erso rgung  der B evö lkerung  m it 
L ebensm itte ln , noch in der V erso rgung  der B evölke­
ru n g  m it K leidung . A lles, feien e s  E in gaben , B e ­
schwerden u nd  Wünsche usw., w erden  einfach einer 
p riv a ten  Gesellschaft z u r B eu rte ilu n g  und  zu r S te l lu n g ­
nahm e überw iesen w erden.
Um n u n  eine rechtliche G ru n d lag e  fü r dieses ganze 
V orgehen  zu finden, w ird  d e r b isherige  L ebensm itte l­
ausschuß aufgelöst, a b e r daneben  w ird  ein an d e re r ge­
bildet, der, d a s  fei gleich gesagt, a u s  den A ufsichtsrats- 
m itg liedern  der G . m. b . H. besteht. E s  w ird  h ier der 
A ussichtsrat der G roßhandelsgesellschast zugleich L e­
b ensm itte ldepu ta tion  oder -kommission oder w ie m an  
es sonst n en n en  w ill; es ist also eine P e rso n a lu n io n  
vorhanden . D ie H erren  w erden  vielleicht v on  5 b is  
6 U hr a ls  L ebensm itte lausschuß  un d  von 6 b is 7 U hr 
a ls  A ufsichtsrat tagen, vielleicht auch um gekehrt. E s  
sind g en au  dieselben P erso n en , und es w ird  m ir doch 
n iem and  sagen w ollen, d aß  die nicht ein u n d  dieselben 
In teressen  hätten . A ls L ebensm ittelausschuß h aben  die
betreffenden P e rso n en  m indestens dasselbe In teresse, 
w ie a ls  A usiichtsratsm itg lieder, und sie w erden  kaum 
in  der L age sein, so objektiv zu sein, daß  sie a ls  L ebens­
m ittelausschuß gegen den A ufsichtsrat e inm al S te llu n g  
nehm en, denn  d as  w ä re  ein e igenartiges Schauspiel. 
M a n  sieht, w ie verwickelt u nd  kom pliziert die ganze 
Geschichte ist. E s  kann aber noch schlimmer w erden . 
E s  kann der F a l l  eintreten, die A uffich tsratsm itg lieder 
w erden  gew äh lt von der G roßhandelsgesellschast. D ie 
S ta d t  ha t dam it nichts zu tu n ; w ir  haben  nicht das 
Recht, A ufsichtsratsm itg lieder zu w äh len , w ir haben 
höchstens ein Vorschlagsrecht. D a s  haben  w ir  w a h r­
genom m en. D ie A ufsich tsratsm itg lieder sind g ew äh lt, 
und e s  sind a u s  jeder P a r te i , au sgenom m en  natürlich 
die bürgerliche F rak tio n , w a ru m , d as w eiß  ich nicht 
(R ufe von links: Schade!), einige genom m en. J a ,  es 
ist sehr schade, u n d  w ir  haben Ursache, e tw a s  deutlicher 
h ier zu reden, w eil w ir  in  den Komm issionen nicht 
im m er m itreden  können. W enn  S ie  u n s  in  Z ukun ft 
bei d era rtig en  K om missionen und D epu ta tionen  und 
Aufsichtsvatsstellen ausschalten, d a n n  müssen w ir  unsere 
Beschw erden h ier vo rb ringen . (S ta d tv . R adtke: W enn  
w ir  d a s  so w eiter machen, dann  w erden w ir das P ro -  
zen to e rh ä ltn is  bis auf d as i-Tüpfelchen durchführen!) 
D an n  müssen w ir  G elegenheit nehm en, h ier alles 
öffentlich zu  sagen, w eil w ir  in den Komm issionen 
nichts m ehr sagen können, w eil w ir  d o rt nicht vertre ten  
sind, trotz der großen M ühe, die w ir  u n s  gegeben haben , 
hineinzukom m en.
Ic h  sage also, daß  diese D inge so verwickelt sind, 
das  w ird  unb ed in g t aufgeklärt w erden müssen. W ie ist 
es denn-, w enn  z. B . die A uffich tsratsm itg lieder ge­
w ä h lt sind un d  die B etreffenden legen e in m al ih r 
S ta d to e rv rd n e te n m a n d a t n ieder?  O der sie w erden  au s  
ih re r  P a r te i  ausgeschlossen? D an n  haben  S ie  schon den 
Konflikt! M oralisch m ag  der B etreffende gezw ungen 
sein, sein M a n d a t a ls  A uffich tsratsm itg lied  d an n  n ieder­
zulegen, aber rechtlich können S ie  ihn nicht zw ingen. 
A ls  A ufsich tsratsm itg lied  ist m an  au f die D au er von 
2 b is 3 J a h r e n  gew ählt, nicht a ls  S tad tv e ro rd n e te r , 
sondern a ls  P erso n , Schließen S ie  den B etreffenden 
au s  der F ra k tio n  a u s  oder leg t er a u s  irgend welchen 
G rü n d en  fein M a n d a t  nieder, d an n  kann ihm  feine 
F rak tio n  nahe legen, e r  möchte a u s  dem A uffich tsrat 
herau sg eh en ; w enn er d a s  aber nicht w ill, d an n  kann 
m a n  nichts gegen ihn un ternehm en. S ie  können ihn 
a u s  dem  L ebensm ittelausschuß h in au sb rin g en , dann  
ist er aber noch A uffichtsratsm itg lied . S o  kann der 
F a l l  ein treten , d aß  der ganze A uffichtsrat eines schönen 
T ag es  a u s  la u te r  P riv a tp e rso n en  besteht, nicht m ehr 
a u s  S ta d tv e ro rd n e te n , daß  d an n  die G ro ß h an d e ls - 
gefellschaft in der H and  v on  P riv a tp e rso n en  ist, auf die 
w ir  keinerlei E in fluß  haben. W ir  haben keinerlei E in ­
blick. w ir sind w eder im  V orstand , noch im Aufsichts- 
ra t, noch im Ausschuß. Ob d as m it Absicht oder ohne 
Absicht geschehen ist, d as  w ill ich dahingestellt sein 
lassen. Ic h  w eiß  nicht, ob Ih n e n  unsere M itw irk u n g  
nicht genehm  ist. Ich  w ill nicht sagen, daß  der eine 
oder andere  der jetzigen A uffich tsratsm itg lieder nicht 
objektiv m äre, aber es ist doch möglich, daß der eine 
oder andere sich im m erh in  von G edanken leiten lassen 
kann, die der S ache nicht dienlich sind, und d aß  D inge 
passieren, über die m an  den K opf schütteln m uß. Ich  
w ill e ins e rw äh n en : S o  h a t H err H eyn im  L ebens­
m ittelausschuß den V orschlag gemacht, daß  die V er­
käuferinnen in  den städtischen V erkaufsstellen —  ich 
habe m ir es w örtlich no tie rt —  d a rau fh in  geprüft w e r­
den sollen, ob sie fü r die S o z ia lis ie rung  sind und  
sozialistische Id e e n  h a b e n  (Z uruse, Heiterkeit. H ört, 
hö rt! rechts.) J a ,  m eine H erren , da haben w ir  schon 
den ersten F a ll . E s  w urde  d am als  gesagt: D ie V er­
käuferinnen  gestatten sich, B em erkungen bei den K äu-
23
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.