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Periodical volume 2. Juli 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

nicht möglich, au f G ru n d  der V e ro rd n u n g  voin 23. 7. 
1879, die höheren B e träg e  heraufzuschrauben. D a alle 
A u sg ab en  natürlich  gestiegen sind, wie übera ll, ist auch 
das L e iham t in  der unangenehm en  L age, E in n a h m e ­
quellen sich verschaffen zu müssen, um  zu versuchen, daß  
die Zuschüsse nicht allzu hoch anschwellen. M it Recht 
h a t H err D r. B ierbach hingew iesen, daß  m an  sich in 
B re s la u  m it der Absicht trä g t, d a s  L e ih am t an  P r iv a te  
zu verm ieten , ab e r fast alle anderen  G roßstäd te  stehen 
genau  aus demselben S tan d p u n k t, daß  die S ätze erhöht 
w erden  müssen. D er M ag is tra t b itte t deshalb , der 
V orlage  I h r e  Z ustim m ung  zu geben.
V orsteh er-S te llv ertre te r Künstler: W eitere  W o rt­
m eldungen liegen nicht vor. W er der M a g if tra tsv o r-  
lage seine Z ustim m ung  geben w ill, den bitte ich, eine 
H and  zu erheben. (Z u ru f : I s t  ja  kein W iderspruch e r­
heben!) D anach ist die M a g is lra tso o rlag e  angenom m en.
W ir  komm en zu P u n k t 11 der T ag eso rd n u n g . —  
W ünscht jem and  d as W o rt?  —  D as  geschieht nicht. D a ­
nach ist die E rh ö h u n g  der B adepreise fü r N eukölln an- 
gm cnrm en .
Die P u n k te  13, 14 und  15 sind in  geheim er S itzung  
zu erledigen.
W ir  kämen d an n  zu P u n k t 16 der T ag eso rd n u n g . 
— D as  ist ebenfalls erledigt.
W ir komm en zu P u n k t 17. —  W ünscht jem and  das 
W o rt?  —  D as geschieht nicht. D ie V orlage  ist a n ­
genom m en.
W ir  kom m en zu P u n k t 18 der T ag eso rd n u n g . W er 
wünscht dazu d a s  W o rt?
S ta d tv e ro rd n e te r  Heitmann (S . P .  D .): M eine  D a ­
men und H erren! I n  A nbetracht der vorgerückten Z e it 
w erde ich versuchen, unseren A n tra g  in a ller K ürze zu 
begründen , trotzdem zu dieser F ra g e  in  der heutigen 
S tad tv e ro rd n e ten v e rsam m lu n g  viel zu sagen w äre . Ic h  
g laube aber, daß  allgem eine Ü bereinstim m ung v o r­
handen sein w ird , d aß  sich ein W iderspruch von irgend  
einer S e ite  gegen unseren A n tra g  nicht ergeben w ird .
M eine  D am en  und  H erren ! W ir  befinden u n s  in 
e iner P erio d e , die m it a llem  E rn st au fgefaß t w erden 
m uß. Die A rbeitslosigkeit im  Deutschen Reiche, in s ­
besondere in G ro ß -B e rlin , h a t e inen ungeheuren  U m ­
fang angenom m en . Nach neuester Z ä h lu n g  w aren  vor 
ein igen T ag en  in  G ro ß -B e rlin  147 557 A rbeitslose zu 
verzeichnen, von denen 57 526 unterstützungsberechtigt 
w aren , die 32 146 K inder zu e rn äh ren  haben. Diese 
außerordentlich  große Z ah l, die u n te r der allgem einen 
W irtschaftskrise zu leiden hat, w ird  sich in allernächster 
Z e it noch w eiter erhöhen. D azu kommt, daß  ein 
g roßer T e il von A rbe ite rn  und A rb e ite rinnen  verkürzt 
arbeiten  müssen u n d  dem entsprechend w en iger E in ­
kom m en haben. Diese sind nicht gezählt w orden , aber 
die Z a h l w ird  sicher keine kleine sein. I n  N eukölln sind 
ca. 9000 A rbeitslose gezählt w orden . D ie Z a h l w ird  
sich in  den letzten T ag en  noch w eiter gesteigert haben. 
W ir sind der A uffassung, daß  in erster L in ie  S ta a t  und 
Reich fü r die A rbeitslosen  einzu treten  haben, daß  von  
diesen K örperschaften V orsorge getrosten w erden  m uß, 
um die A rbeitslosen vor der g röß ten  N o t zu schützen, 
aber au f der anderen  S e ite  müssen w ir  a lles aufbieten , 
daß  auch in  den einzelnen G em einden alles ge tan  w ird , 
um  das L os der A rbeitslosen  soweit w ie möglich zu e r­
leichtern. D a haben w ir u n s  die F ra g e  vorzulegen: 
W a s  ist z» tun . um  diesem großen  H eer von A rb e its ­
losen behilflich zu sein? W a s  kann die G em einde tun , 
u nd  w a s  müssen m ir von S ta a t  und Reich fordern , 
um  die A rbeitslosigkeit einzuschränken? D a rü b e r w ird  
kein S tr e i t  bestehen, daß  in  erster L inie den A rb e its ­
losen am  meisten geholfen w ird , w enn  A rbe it geschaffen 
w ird , daß  diese L eute sich produktiv  betätigen  können. 
D ie A rb e ite r w erden eine viel größere F reu d e  am  
Leben haben , w enn  sie nicht au f G nadenalm osen , auf
U nterstützung von S ta a t  und  G em einde, angew iesen 
sind; sie w erden zufriedener sein, w enn  ihnen A rb e it 
angew iesen w ird . D eshalb  fo rdern  w ir, d aß  der M a ­
g istrat sich m it den G em einden G ro ß -B e rlin s  in  V e r­
b indung  setzt, d am it diese K örperschaften gemeinschaft­
lich an  d as Reich h eran tre ten , um  zu versuchen, A rbeit 
fü r die A rbeitslosen zu schaffen. Auch S ta a t  und G e­
m einde haben die V erpflichtung, der S te llu n g  der 
A rbeitgeber, w ie sie sich teilweise leider in  der letzten 
Z e it bem erkbar gemacht ha t, w irksam  entgegenzutreten , 
indem  von verschiedenen größeren  F irm e n  B e rlin s  und 
im  Deutschen Reiche der Versuch u n te rnom m en  w ird , 
die B etriebe  zu schließen, w eil die Unsicherheit im  W ir t­
schaftsleben ihnen  nicht die G a ra n tie  gibt, wirtschaftlich 
so zu produzieren , w ie es in  der V ergangenhe it der 
F a ll  gewesen ist, u n d  daß  au f der an d eren  S e ite  v e r­
mutlich die N eigung  v o rhanden  ist, von  S e ite n  dieser 
F a b rik a n te n  und  A rbeitgeber die B etriebe  einzuschrän­
ken u nd  die A rbeitsze it zu verkürzen, d aß  d am it in  
erster L inie der W eg freigem acht w ird , um  die be­
stehenden L öhne ab b au en  zu können. Ich  g laube nicht 
zu übertre iben , w en n  ich sage, d aß  dieser G edanke 
sicherlich bei einem  großen  T eile von U nternehm ern  in 
großen B e trieben  vo rh an d en  ist. E s  ist u n s  m itgeteilt 
w orden , daß v o r ein igen W ochen die V ertre te r g roßer 
F irm e n  in  B e rlin  der A rbeiterschaft gegenüber e r ­
klärten , daß  sie b is  au f zw ei J a h r e  m it A rbeiten  e in ­
gedeckt feien, daß  A u fträg e  genügend vorhanden  seien. 
Trotzdem  haben w ir  w iederum  in E rfa h ru n g  b rin g en  
müsse», daß  die A ufträge  a n n u llie r t w orden  sind und 
daß  die U nternehm er dieser g roßen  B etriebe  dazu bei­
trag en , d as  H eer der A rbeitslosen  noch w eiter zu v e r­
g rößern . E s  m u ß  also in erster L in ie  unsere P flicht 
sein, d a fü r zu sorgen, daß  A rbeitsgelegenheit geschaffen 
w ird , und  alle K örperschaften sollten alles d a ra n  setzen, 
diese F ra g e  so schnell w ie möglich zu lösen. W ir  haben 
insbesondere au f der anderen  S e ite  die V erpflichtung, 
dort, w o keine A rbeitsm öglichkeit geboten w erden kann, 
dah in  zu streben, daß  die A rbeitslosenunterstü tzung  in  
der h ö h e  gezahlt w ird , daß  die F am ilien  sich für die 
spätere Z e it über W asser ha lten  können. Ic h  habe cs 
außerordentlich  schmerzlich em pfunden , daß  bei der 
A uszah lung  der A rbeitslosenunterstü tzung  verschiedene 
H ä rten  sich bem erkbar gemacht haben , die ohne w eiteres 
im  In teresse  der A rbeitslosen  beseitigt w erden  müssen. 
Zunächst ist es unsere A ufgabe —  ich w iederhole es — , 
daß  w ir  d a fü r zu sorgen haben, daß  die A rbeitslosen­
unterstützung in  e in er h ö h e  festgesetzt w ird , daß  die 
no tw end igen  B edarfsa rtik e l fü r die F a m ilie  gedeckt 
w erden  können. A uf der anderen  S e ite  müssen alle 
rigorosen  B estim m ungen  a u s  dem R eg u la tiv  fü r die 
A uszah lung  der A rbeitslosenunterstü tzung  beseitigt 
w erden . Ich  em pfinde es z. B . a ls  eine h ä r te ,  daß  ein 
zw an z ig jäh rig er Mensch a rb e its lo s  w ird , ab e r fest­
gestellt w ird , daß  der V a te r  p ro  M o n a t 700 M . verd ien t, 
d aß  dan ir dieser junge M a n n  von der A rbeitslosen- 
sürsorge keine U nterstützung bekom m t. M a n  kann doch 
nicht behaup ten , d aß  dieser junge M a n n , w enn  der F a ­
m ilienva te r heute p ro  M o n a t 700 M . verdient, e r dam it 
in  der L age ist, sich un d  seine F am ilie , erwachsene 
S ö h n e , die d a s  Unglück haben , a rb e its lo s  zu w erden, 
e rn äh ren  zu können. D a s  reicht fü r  den L eb en su n te r­
halt heute keinesfalls au s . Ic h  bin deshalb  der A u f­
fassung, daß  die B estim m ungen  in  dieser Hinsicht ge­
än d ert w erden  müssen, daß  versucht w erden  m uß, die 
H ä rten  in diesen B estim m ungen  zu beseitigen.
Ich  möchte ab e r noch w eite r einen W eg zeigen, um  
eventuell die A rbeitslosigkeit zu verm in d ern  un d  in  
erster L in ie  zu versuchen, d aß  den arbeitslosen  F a ­
m ilien v ä te rn , denen es lange Z e it nicht möglich w a r, 
A rbeit zu bekomm en, geholfen w ird , und  z w a r dadurch, 
daß  Umschau gehalten  w ird  in  den B etrieben , w o die
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