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Periodical volume 2. Juli 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

durchführen wollen. D arüber streitet niem and, das ist : 
für uns selbstverständlich. A ber weiter w ill ich sagen, 
daß bei diesen A usführungen die ethische Seite des 
ganzen A ntrages doch eigentlich noch gar nicht berührt 
worden ist. E s  drehte sich bis jetzt lediglich um die 
materielle Seite, um  die ^Profitmachern, erst den Unter­
nehm er und im entgegengesetzten Falle : wieviel P ro fit 
kann dadurch- unsere Stadtbaugenossenschast machen? 
D as kann letzten Endes nicht der ausschlaggebende 
F aktor für diesen A ntrag  sein. W ir verbinden dam it 
andere Anschauungen; w ir glauben, etw as zu erfüllen, 
w as  durchaus notwendig ist. W enn in  der Neuzeit die 
neuen freiheitlichen Gesetze dem A rbeiter nicht so klar 
w aren, w eil er direkt nicht davon betroffen wird, so 
w ird  e s  ihm klar werden, w enn w ir ihn in Dinge ein- j  
führen können, wo er selbst am  eigenen Leibe verspürt, 
daß es doch eine neue Zeit ist, daß nicht im m er m ehr 
die Hungerpeitsche des K apitalism us über jeden A r­
beiter schwebt, der w agt, etw as zu sagen, daß er nicht 
sofort die Arbeitsstelle verlassen m uh. Derjenige, der 
jahrelang gehetzt w orden ist von Baustelle zu Baustelle, 
weil er die Interessen des arbeitenden P ro le ta ria ts  
vertreten hat, w ird dauernd hinter uns stehen und m it 
F reuden  begrüßen, daß w ir in Neukölln die ersten 
sind, die programmatisch das durchsetzen wollen, w as 
sie für unbedingt notwendig halten. D arüber kann im 
Ernste gar nicht gesprochen werden. W enn w ir unsere 
Stadtbaugenossenschast n u r so halten w ürden, daß sie 
die eigenen Unkosten usw. trägt, daß sie keinen Über- | 
schuß bringt, sondern lediglich alles deckt, dann wäre 
der moralische Effekt im m er noch sehr groß. E s  ist 
moralisch, wenn das in die Taschen vieler Tausender 
fließt, w as  sonst in  die Taschen von wenigen fließen 
würde. D as ist so klar, daß m an nicht zu streiten 
braucht. W ir streiten gar nicht darüber, daß ein Teil 
der Existenzen nicht m ehr so w ird  arbeiten können, wie 
früher, daß er nicht mehr so in der Lage sein w ird, fich 
durch den sauren Schweiß der A rbeiter zu bereichern, 
w ie bisher. (Widerspruch.) Ich  kann meine A u s­
führungen nicht mehr verzuckern, sondern sage es so, 
wie es ist, und ich fühle den H erren nach, ohne weiteres, 
daß sie sich wehren. N iem and w ill Dinge, die ihn bis 
jetzt auf eine besser bezahlte Lebensbahn gebracht haben, 
ohne w eiteres von sich geben. Aber deswegen dürfen 
S ie  nicht sagen, daß das, w as  w ir tun , unmoralisch 
w äre, sondern es ist der Kern zu einer neuen P r o ­
duktionsform.
W enn hier gesagt w ird, daß w ir eigentlich »in I 
Stück von unserer Anschauung preisgeben, indem w ir 
die G .m .b .H . gründen, so ist das nicht w ahr. E s  ist 
einfach die S um m e der E rfahrungen, die w ir bis jetzt 
gemacht haben. W ir find zweckmäßig und  sagen: w ir 
haben gesehen, daß es in der behördlichen F o rm  nicht 
so möglich ist, im Interesse der R egiearbeit zu wirken. ! 
Und w enn schon die kapitalistische M ethode dazu benutzt 
w ird, letzten Endes soll sie bnutzt werden, um den 
S ozia lism us zu fördern für die Gesamtheit, fü r die 
Allgemeinheit. —  H err Quäct sagt, die S ta d t B erlin  
könnte Einw endungen machen bezüglich der G ehälter. 
Die M ängel sind überhoben. Die letzte Besoldungs­
reform  hat auch die B eam ten in der baugeschästlichen 
A bteilung so hoch dotiert, daß es in Zukunst g ar nicht 
m ehr notwendig sein w ird, irgendw ie nennensw ert ein­
zugreifen, da die G ehälter eingeholt w orden sind, die 
sonst in der Regel im  P rivatbaugew erbe bezahlt werden, i  
im Gegenteil, es könnte vielleicht schon umgekehrt sein. 
W ir verkennen auch nicht und bestreiten auch nicht, daß 
w ir nicht irgend jem and dam it schädigen. Aber ich 
stehe auf dem Standpunkte, daß es total verkehrt w äre, 
w enn w ir heute wieder sagen: w ir arbeiten nu r für 
gemeinnützige Zwecke oder n u r für den S ta a t  oder für 
B ehörden. W ir haben einen A pparat aufgezogen, der
sehr groß ist, der in allererster Linie bestrebt sein wird, 
A .beitslosen Beschäftigung zu geben und nützlich zu 
wirken für die Gemeinde. D a müssen w ir bestrebt sein. 
diesen A ppara t ständig in G ang zu halten, und wenn 
w ir plötzlich keine A ufträge hätten  und es käme ein 
großer P riv a ta u ftrag  —  darüber können w ir einig 
sein, w enn heute ein großer Konzern irgend etw as 
bauen lassen w ürde und würde bei der Submission 
finden, daß w ir billiger sein w ürden, a ls  die P r iv a t­
kapitalisten, und er kennt die Arbeit, die geleistet w ird 
von der Stadtbaugesellschaft, er würde ziemlich etw as 
pfeifen, wie schon früher das vielfach der F a ll w ar, 
und schlankweg diesen A uftrag der Stadtbaugesellschaft 
übertragen, w enn vielleicht auch etw as verschleiert. 
J a ,  w enn es sich um den P ro fit, um das Geld dreht, 
hat m an noch nie nach P rinzip ien  gefragt, und in 
diesem F alle bin ich der Auffassung, daß w ir es dann  
tun werden. Ich  glaube, daß das der Arbeiterschaft, 
der Wählerschaft und vielleicht der gesamten deutschen 
Arbeiterschaft zum Ansporn dienen w ird, und w ir 
w erden uns nachher noch sprechen, H err Ouück. Ich  
habe den Wunsch, daß das in  E rfüllung gehen wird. 
Unsere Arbeiterschaft im Hochbaubetriebe, in der Regie­
arbeit, hat in kurzer Zeit eingesehen und gefühlt, wie 
gut es doch ist, endlich aus der Knute herauszukomm en, 
daß jeder endlich einen P latz gefunden hat, wo er m al 
längere Zeit A rbeit hat, wo er m al ein freies W ort 
reden kann, wo er nicht gleich dafür, daß er ein W ort 
zu d u t A rbeitern gesprochen hat . . .  (Zuruf Dr. B ier­
bach.) M an  soll nicht über Dinge reden, von denen 
m an absolut gar nichts versteht. (Heiterkeit. S eh r 
richtig! —  Z uru f Dr. Bierbach: S ie  w erden gleich die 
A ntw ort bekommen!) Ich habe die Dinge 20 J a h re  
hindurch im B erliner Baugew erbe mitgemacht, und die 
gesamten Angehörigen der A rbeiter im B erliner B a u ­
gewerbe werden der Neuköllner Fraktion unserer P a rte i 
dankbar sein-, daß w ir für diese Dinge eingetreten sind.
Bürgerm eister Scholz: M ir  ist der W iderstand 
gegen die V orlage eigentlich unverständlich. W enn es 
sich um  die Einrichtung eines Baugeschäftes handeln 
w ürde, dann hätten vielleicht die V ertreter beider 
Fraktionen auf der rechten S eite  des Hauses m it ihren 
A usführungen recht. Aber cs handelt sich g a r  nicht um 
ein neues Baugeschäft, sondern unser Baugeschüft be­
steht ja bereits. E s  handelt sich ja n u r darum , dieses 
neue Geschäft in  diejenige F o rm  zu bringen, die uns 
am  praktischsten erscheint. (Zuruf: Und zu erw eitern!) 
Und dagegen setzt nun ganz unverständlicherweise der 
W iderstand ein. Ich w ill S ie  daran  erinnern , daß w ir 
un s vor längerer Z eit dam it beschäftigt haben, eine 
Großhandelsgesellschaft zu gründen. Ich  habe durch­
aus verstehen können, daß S ie  von Ih re m  S tandpunk t 
aus gegen die Errichtung einer solchen Gesellschaft 
Einspruch erhoben. Aber als w ir un s über die G rü n ­
dung der Gesellschaft schlüssig w aren, erklärte ein V er­
treter der demokratischen F raktion: w enn nun  schon 
m al ein derartiges Unternehmen beschlossen worden 
ist, m uß m an dem Unternehm en auch diejenige F o rm  
geben, die es ihm ermöglicht, am  leichtesten sich der 
P rivatw irtschaft anzupassen. Um w eiteres handelt es 
sich nicht, und ich kann verraten, daß ich gestern in einer 
anderen Aufsichtsratssitzung —  w ir gründen ja  heute be­
reits die vierte G . m. b. H. —  ein V ertreter der B ü rg e r­
lichen Vereinigung es w ar, der erklärte: Unser W ider­
stand gegen die Errichtung solcher Gesellschaften ist be­
kannt, aber w enn sie einm al errichtet sind, suchen w ir 
sie zu fördern, daß sie kaufmännisch und wirtschaftlich ist. 
(Z uruf Tresfert: Selbstverständlich!) N un  also, meine 
Herren, um  w eiteres handelt es sich nicht. W ir haben 
die baugeschäftliche Abteilung, und die hat heute schon 
die Möglichkeit, alle möglichen Baugeschäfte zu über­
nehmen. B isher haben S ie  im m er eingewendet, wenn
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