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Periodical volume 11. Juni 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Verhältnisse, und w er hat zu entscheiden? Dabei möchte 
ich —  und das ist der S tandpunk t des M ag istra ts  in 
der Angelegenheit —  ein Doppeltes betonen: W enn in  
irgend einer F ra g e  der V erw altung etw as neu  ein­
geführt w erden soll, dann müssen w ir uns zweifellos 
bei unseren Beschlüssen an  die S tim m u n g  der über­
wiegenden M e h rh e itd e r  Bevölkerung halten. D as ist 
der eine Punkt. W enn es sich aber um eine so zarte 
W a n z e  und um eine so schwierige Angelegenheit han ­
delt, wie die Schule, um den Unterricht, um die E r ­
ziehung, und w enn es sich innerhalb dieses Erziehungs­
problem s w ieder darum  handelt, die F ra g e  zu ent­
scheiden, ob der Religionsunterricht nu r ein religions- 
tzeschichl'lichrr Unterricht sein oder gar ganz wegsallen 
soll, so gilt es da, doppelt vorsichtig zu sein, denn w ir 
wollen das, w as w ir schaffen —  und ich glaube, da sind 
alle hier vertretenen, auch die der V ertreter der Rechts­
parteien, einig — , w ir wollen es in demokratischem 
Geist und im sozialen Geiste, im Geist der Genossen­
schaft schaffen', so, daß in solchen zarten and fe inen .. 
Gerstesfragen niem and vergew altigt w ird. Und es ist 
wohl auch n u r ein M ißverständnis, wenn vorhin an ­
genom men w orden ist, a ls ob eine unserer Fraktionen 
eine solche V ergew altigung, die ja gar nicht im Geiste 
des S ozia lism us läge, beabsichtigte. E s kann sich auch 
nicht handeln um  bloße T o le ra n z .. Toleranz heißt 
D uldung, und D uldung hat so etw as gnädiges von 
oben her. R ein, w enn große und bedeutsame Teile 
der Bevölkerung, seien es evangelische erziehungs- 
berechtigle E ltern , seien es katholische oder jüdische, 
die doch von der W ahrheit ihrer Lebens- und W elt­
anschauung so fest überzeugt sind. Schulen, allerdings 
unter dem Bruch der Einheitsschule, aber ddoch soziale 
Einheitsschulen —  so könnte m an sie nennen —  von 
ihrem S tandpunkte aus haben wollen, —  ja, keine P a r ­
tei im deutschen V aterlande w ird  es letzten Endes 
wollen, diese Erziehungsberechtigten zu vergewaltigen 
und zu sogen: nein, nun  soll schematisch eine solche w elt­
liche Schule eingeführt werden. D avon kann gar keine 
Rede sein, sondern es soll —  und es w ird  das in Z u ­
kunst gerade so sein, w enn der S ozia lism us seinen 
S iegeszug fortsetzen w ird —  die Schule, die E inheits­
schule in diesem S in n e  auch eine Schule der religiösen 
F reiheit sein. (Zuruf: Z u  22!)
Dabei ist au f einen P u n k t sehr entschieden der 
D aum en zu legen, der bisher noch nicht hervorgehoben 
w orden ist. S ie  dürfen nicht verwechseln Religion und 
Konfession. Die Schule ist dazu da, die K ulturgüter 
der Menschheit zu verm itteln, und es kann an  sich 
natürlich n u r verlangt werden, daß die Schulen die­
jenigen K ulturgüter vermitteln, die allgemeine G üter, 
d. H. nationale und M enschheitsgüter sind. D a aber, 
wo w ir u n s  trennen —  und w ir  trennen uns im B e­
kenntnis, und w ir trennen uns in  unseren politischen 
Anschauungen und auch in unseren: wirtschaftlichen A n ­
schauungen — , da ist es nicht die A ufgabe der Schule 
und w ird es auch in  Zukunft nicht sein, einseitige W irt- 
schafts-, einseitige Parteipolitik  und einseitige —  wie 
H err Exner schon sagte —  konfessionelle Anschauungen 
hineinzutragen, denn w ir wollen im neuen Deutschland 
starke, aber vor allen D ingen auch f r e i e  Menschen 
haben, und deshalb glaube ich, w enn w ir nun  an unsere 
Neuköllner Verhältnisse denken, daß es das Richtigste 
sein w ird, sich zu überlegen —  und die Schulverw altung 
w ird gemeinsam mit der Schuldm utation  und mit den 
S tad tverordneten  allen Ernstes sich überlegen — , in ­
wiefern dem A ntrag  der mehrheitssozialistischen 
F rak tion  nachgegangen werden kann, inw iefern cs 
möglich sein w ird, etw a zwei b is  4».'oder vielleicht sechs , 
derartige Schulen vom 1. Oktober 1920 ab einzurichten. 
Die Bedenken des H errn  S tad tvero rdneten  Exner sind 
allerdings nicht unberechtigt insofern, als, w enn w ir n u r
| eine kleine Anzahl von solchen Schulen einführen^weste 
I Schulw ege entstehen. D as gilt aber für die katholifthen 
j  Kinder, Ä s  gilt für die K inder der höheren Schulen 
und der Hilfsschulen usw. auch, und manche E ltern  
w erden den Nachteil eines weiteren Schulweges gern 
in  K auf nehmen, w enn ihnen eine solche Schule ge­
boten w ird, wie sie ihrer Lebens- und  W eltanschauung 
entspricht. Dabei ist eine zweite Schwierigkeit die 
S te llung  der Lehrerschaft. W ir w erden in der F rag e  
nichts tun  können ohne F ühlung  m it der Lehrerschaft. 
W ir m ü s s e n  unsere Lehrer und Lehrerinnen in eine 
| Schule hineinbringen, in der sie g e r n  und f r e u d i g  
arbeiten. W as ich schon von der M in o ritä t sagte, gilt 
auch sür die Lehrer^ anch d i e sollen nicht gezwungen 
werden, in einer Schule zu unterrichten, deren ganze 
A rt und ganzer A ufbau ihnen keine F reude macht, und 
da können natürlich bisher im  einzelnen M ißgriffe vor­
gekommen sein. D as mag sein. Aber da müssen S ie  sich 
doch auch seelisch hineinversetzen in einen solchen Lehrer, 
der vielleicht 20 oder 30 J a h re  einen Unterricht im m er 
so gesehen hat, daß fü r ihn das eine selbstverständlich 
w ar: der konfessionelle Religionsunterricht, und da 
können S ie  es solchen L ehrern oder Lehrerinnen 
nicht verdenken, w enn sie, nicht belehrt durch den 
9. November und durch die ganze Um wälzung, noch 
anders denken, sich auf einen ganz anderen S tandpunkt 
stellen. (Zuruf: Deswegen unser A ntrag!) W ir müssen 
also auch hier mit der Lehrerschaft in R uhe und Vorsicht 
verhandeln.
D as Dritte ist die „Schwierigkeit des Ersatzes. E s  
heißt in  dem A n trag  „Gemeinschaftskunde". Ich  nehme 
cu, daß dieser Ausdruck entnommen ist der Bezeichnung, 
die m an in  Lichtenberg gewählt hat. D as ist im Grunde 
genommen ein M o ra lu n terricht. W enn ich m it einigen 
W orten m einen persönlichen S tandpunk t dazu charak­
terisieren darf, so sage ich, ichfftehe au f dem S tandpunk t 
eines in terkonfessionellen Religionsunterrichts, eines all­
gemein geschichtlichen, allgem ein vergleichenden R eli­
gionsunterrichts, und schließlich eines R elig ionsunter­
richts philosophischer A rt. D as Letztere, der ver­
gleichende Religionsunterricht, und der R elig ionsunter­
richt philosophischer A rt, solche wunderschönen Dinge 
können w ir aber nicht in  die Volksschulen hinein­
bringen. (S ehr richtig!) D as 'sind keine Sachen, die 
m an treiben kann mit K indern zwischen 6 und 14 
Jah ren , sondern das gehört in die Volkshochschule, in 
die Universität hinein. W enn S ie  etw as anderes als 
die Konfession bringen wollen, so bleibt nichts anderes 
übrig a ls  die Religionsgeschichte, und es ist dabei ein.» 
besondere F rage, ob die Religionsgeschichte nicht in der 
allgemeinen Kulturgeschichte untergebracht werden 
kann. Die F rag e  des Erfatzunterrichts, wie m an lagt, 
oder der Gemeinschaftskunde, müßte also von un s auch 
in aller R uhe und mit aller S o rg fa lt geprüft werden. 
Und das sage ich gleich: w enn dieser Unterricht nicht 
von ausgezeichnet geschulten Lehrern erteilt w ird, und 
w enn er nicht nach einem ganz sorgfältig durchdachten 
P lan e  erteilt w ird, so w ird nicht sd rau s. Ich  habe so 
manchen M oralführer g eseh en u n d  manche L ite ra tu r 
darüber verfolgt, aber ich m uß sagen, w enn diese V or­
bedingungen nicht erfüllt sind, dann sollten w ir lieber 
die F inger davon lassen. (S e h r richtig!) Denn, seien 
w ir ehrlich, fü r den einen Teil der Erziehungsberechtig­
ten sind es wohl die bckenntnisfreien Schulen, w as sie 
erstreben, für die anderen aber sind es ihre evan­
gelischen bezw. katholischen bezw. jüdischen Schulen: 
und ich möchte deshalb bitten, daß S ie  den A n trag  in 
diesem S in n e  annehm en: daß die Schuldepuiation be­
auftrag t w ird, m it der Schulverw altung zusam m en zu 
überlegen, wie sich die Sache zum 1. Oktober durch­
führen läßt, welche und wie viele Schulen usw. in dieser 
i  Weise zum 1. Oktober eingerichtet werden könnten.
        
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