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Periodical volume 11. Juni 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

und nicht die unabhängige sozialdemokratische 
F raktion  in  diesem S aa le . Und zweitens sagt dieselbe 
Verfassung, daß der R eligionsunterricht obligatorischer 
Unterrichtsgegenstand nach wie vor sein soll. (Zuruf 
von- links: E s  ist Zeit, daß  die Verfassung geändert 
ro ird jl N un, vielleicht ändern S ie  sie bald! (Rufe: 
Kommt bald!) W enn S ie  das Heft in  der Hand haben, 
können S ie  ja die Geschichte nachher wieder ändern. S ie  
können auch, genau so wie hier in diesem A ntrage, auch 
in G roß-B erlin  nachher diktatorisch in kulturellen Din­
gen erklären: B itte, jetzt w ird der R eligionsunterricht 
ausgeschlossen! D as können S ie. E s bleibt Ih n e n  un­
benommen, vorausgesetzt, daß es u n s  auch unbenom m en 
bleibt, Ih n e n  den schärfsten K am pf anzusagen, und dabei 
die schärfsten M ittel anzuwenden und  unsere ganze 
Gegnerschaft aus  innerster Überzeugung Ih n e n  ent­
gegenzustellen. Und glauben S ie  nur, bei dieser dikta­
torische» A rt in kulturellen Dingen, da werden S ie  im 
christlichen Deutschland eine Kam pfansage bekommen, 
da w erden S ie  auf einen Kampfgeist stoßen, den S ie  
bisher noch nicht gekannt haben. Und das Echo von 
solchen diktatorischen M aßnahm en haben S ie  ja  seiner­
zeit nach der V erfügung von Adolph Hofsmann gehört, 
und dieses Echo hat selbst einen Adolph Hofsmann 
etw as stutzig gemacht. W enn S ie  diese diktatorische A rt 
als Auftakt benutzen für G roß-B erlin , wo S ie  viel­
leicht in  vierzehn T agen das Heft in der H and haben 
werden, w enn S ie  da auch so vorgehen, nun, dann 
w ird Ih n e n  der Kulturkam pf angesagt werden. Die 
christlichen Leute werden sich das Recht zu w ahren 
wissen, für den C harakter der eigenen Schule, besonders 
für den Religionsunterricht einzutreten. (Z uruf Radtke: 
G lauben S ie , daß w ir A ndersgläubige verbrennen 
w erden?) H err Radtke, in Ih re m  A ntrage steht, daß 
der Religionsunterricht aus allen Schulen zu entfernen 
ist. Ich meine, das ist keine Toleranz; absolut nicht 
D as ist kein B ew eis von Gerechtigkeit. W ir können 
darin  wenigstens keinen B ew eis von Gerechtigkeit sehen. 
H ätten S ie  geschrieben: „w er w ill", dann  ließe sich d a r­
über reden. N ein, der R eligionsunterricht soll wie ein 
lästiger A usländer ausgewiesen werden, er soll kein 
Heim atsrecht m ehr haben in unseren Schulen. D as ist 
D iktatur, und dafür danke ich. S ie  können als sicher 
annehm en, daß das katholische, das jüdische, das evan­
gelische Bekenntnis sich eine solche D iktatur nicht ge­
fallen lassen, daß sie vielmehr mit allen M itteln  da­
gegen protestieren und kämpfen werden. (Z uruf 
Radtke: Hatten S ie  ein Recht, den evangelischen R e­
ligionsunterricht oder das evangelische B ekenntnis in 
den Schulen einzuführen? S ie  haben es doch einge­
führt. D as w ar aber, w ie 's scheint, e tw as ganz an ­
deres! — S e h r richtig! Unruhe. Zurufe.) D as Recht, 
w as andere früher hatten und das heute S ie  haben, 
ist m it ganz anderen  A ugen zu betrachten. (Aha-Rufe.) 
Selbstverständlich, mit ganz anderen A ugen zu be­
trachten. Ich meine, w enn m an sich über jede historische, 
über jede kulturelle Entwickelung hinwegsetzen will, 
dann w ird  m an die Verhältnisse von vor 10 bis 20 
Ja h re n  nicht verstehen können, dann  w ird m an sie nicht 
m it demselben Gradmesser wie heute irgendwie messen 
können. I h r  bekanntes P ro g ram m  sagt ja: „Religion 
ist Privatsache", das gebe ich zu, aber, meine D am en 
und  Herren, Religion ist auch eine große deutsche Sache, 
ist ein Teil unseres deutschen Volkslebens, und ist ein 
Teil unseres deutschen K ulturlebens. (Zuruf: 1914 
bis 1918!) Za, 1914 hat die rote In te rn a tio n a le  auch 
verfugt, mein lieber H err Schneider, seien S ie  also ganz 
still, die können sich einander nichts vorwerfen, die Christ­
lichen und die ro ten  In te rn a tio n a len . (Zur. v. L: Aber 
es w ar kein A nhänger der ro ten  In te rn a tio n a le  im 
Felde!) Ich will Ih n e n  n u r m al w as sagen: W enn ge­
wisse P ersonen und w enn gewisse Kreise diesen christ-
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i lichen, vor allem den religiösen S tandpunk t verlassen 
haben, dann  haben S ie  noch keine Ursache und  kein 
Recht, das System  als solches, die Idee , zu verurteilen. 
Die Personen mögen S ie  verurteilen und bekämpfen, 
aber die christlichen und religiösen Id een  sind etw as 
w eiter und etw as breiter und sind kulturell gediegener, 
a ls  daß sie heute abend kurz abgemacht werden können. 
Ich  w ill mich dam it nicht weiter befassen, und ich will 
auch, weil keiner von den anderen H erren es getan  hat, 
nicht näher darauf eingehen, und w ill nicht auf die 
inneren G ründe hinweisen, ich sage nur, daß der R e­
ligionsunterricht und die Religion überhaupt m it zum  
deutschen Kulturleben gehören, und daß derjenige, der 
die Religion und den Religionsunterricht bekämpft, 
dam it ein Stück unseres Deutschtums und unseres 
deutschen- K ulturlebens bekämpft, und dagegen w erden 
w ir un s mit aller M acht wehren. E s w ird  dann all­
mählich Zeit, daß m an sich an  ein Dichterwort er­
innert, w as  lautet: „W as euch heilig, w ill ich achten. 
W as u n s  heilig, laß t es gelten!" —  Ich  meine, dieses 
W ort W ebers sollte m an in der heutigen Z eit mehr 
beachten. W enn ein großer Teil unseres Volkes, w enn 
große O rganisationen, wenn weite Elternkreise, ja, w enn 
die größere Hälfte Deutschlands anders denkt, dann 
sage ich: M eine H erren, w arum  will m an nicht auch 
uns das Recht gewähren, anders zu denken und diese 
andere S tuk tu r und  dieses andere P ro g ram m  in die 
T a t umzusetzen? W o es sich handelt um  E rziehungs­
grundsätze, wo es sich handelt um  R egierungsm ah- 
nahm en, irgendw ie diktatorisch in  I h re r  A rt da vor­
zugehen, d as  finde ich b ru ta l, und eine solche brutale 
A rt müssen w ir w eit von uns weifen. Die E lte rn ra ts ­
w ahlen haben gezeigt, daß, w enn  S ie  heute in I h r e  
Reihen und in die Kreise I h re r  A rbeiter d as  religiöse 
P rob lem  werfen, nun, ich glaube nicht, daß sie alle 
samt und sonders so w eit in religiöser Hinsicht indiffe­
rent -und materialistisch gesinnt sind, daß sie sagen, w ir 
lehnen die Religion ab, sondern sie werden größtenteils 
sagen: fü r unsere K inder wollen w ir doch auch noch 
etw as retten, für die Erziehung unserer K inder wollen 
w ir auch noch eine religiöse G rundlage beachten. Nein,
I meine Herren, glauben S ie  nur, weite Kreise von 
Ih n en , weite Kreise der A rbeiter, der christlich ge­
sinnten A rbeiter, w erden nach wie vor für das religiöse 
Bekenntnis eintreten, und auch für einen R eligions­
unterricht, und die Leute w ürden es niem als verstehen,
- w enn S ie  sie zwingen wollten, ihr religiöses Bekenntnis 
aufzugeben, ihre K inder dem R eligionsunterricht in der 
Schule fernzuhalten. S ie  w ürden höchstwahrscheinlich 
die Konsequenzen au s  diesem Z w ange ziehen.
S tadtschulrat D r. Buchenau: D as P roblem  der 
bekenntnisfreien Schule hat uns in der Schulverw altung 
und auch in  den Ausschüssen, in  der Schul,deputation 
1 seit längerer Zeit beschäftigt, und  um u n s  zu orien­
tieren, wie die R egierung, insbesondere die Reichs­
regierung, sich dazu stellen würde, zu dem, w as w ir  
schon erw ogen hatten, gegebenenfalls auch solche be­
kenntnisfreien oder weltlichen Schulen einzuführen. 
Ich  habe dieserhalb F üh lung  genom men m it H errn  
S taa tssekre tär Heinrich Schulz in B erlin , und der 
S tandpunk t der Reichsregierung deckt sich danach im 
wesentlichen m it den heute von H errn  S tad tverordneten  
Schulz und  von der mehrheitssozialislischen F rak tion  
vertretenen S tandpunkte. E s sind aber, wie H err 
S taa tssekre tär Schulz sagte, w enn  die E inführung be­
absichtigt w ird, insofern Schwierigkeiten zu überwinden, 
a ls  ein eigentliches Gesetz, das eine weltliche Schule ge­
stattete, noch erlassen werden m ü ß te .. D agegen w ürden 
keine Bedenken bestehen —  wie H err S tad tverordneter 
Schulz es schon dargestellt hat — , auch solche nur 
nom inell evangelischen Schulen einzurichten nach dem 
M uster von Adlershof. W ie liegen in  Neukölln die
        
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