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Periodical volume 11. Juni 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Neukölln, die Möglichkeit bestünde, nach dem A ntrage 
unserer Nachbarfraktion die K inder zu sammeln und  
in besonderen Schulen unterzubringen. W ir werden 
jedenfalls dam it voll und  ganz einverstanden sein. Den 
L ehrern m äre dadurch die Möglichkeit genommen, daß 
sie, bew ußt oder unbewußt, ihre M ißstim m ung an den 
K indern in  irgend einer Weise auslassen. E s  liegen die 
Dinge heute auch so, daß sich der Religionsunterricht 
in den Schulen schlecht von den anderen Fächern 
trennen  läßt. I n  den verschiedensten Schulen läß t der 
Lehrplan  zu, daß der Religionsunterricht auch in  den 
G esangsunterricht hinüberspielt, durch Gesang kirch­
licher oder religiöser Lieder, kurz und  gut, es w ird über­
all Len Lehrern, die die Absicht haben, die K inder der 
Dissidenten in Verlegenheit zu bringen, die Möglichkeit 
gegeben, ihr V orhaben auszuführen. (Zurufe.) Ich  will 
ja  au f die Religion nicht eingehen, sondern n u r auf die 
M ißstände, die re in  technischen M ißftände, die sich bei 
der E rteilung  des R eligionsunterrichts ergeben. G enau 
so liegt es bei den A nfangs- und Schlußgebeten. Hier 
kommen im m er wieder die Klagen, daß die Kinder der 
Dissidenten beeinflußt werden. H err Exner, S ie  
brauchen nicht zu schreiben, ich meine S ie  nicht dam it 
(Heiterkeit), sondern, eine große Anzahl anderer Lehrer. 
Ich  greife S ie  nicht persönlich an.
Ich  bitte S ie . stimmen S ie  diesem A ntrage im 
P rin z ip  zu. dam it die W illensm einung der Neuköllner 
Bevölkerung hier zum Ausdruck gelangt, da die N eu­
köllner Bevölkerung in  ihrer M ehrheit auf dem Boden 
der weltlichen Schule steht. (B ravo!)
S tad tverordneter Exner (Dt.-dem. P .) :  W erte
F rau en  und Herren! Die M ehrheitssozialisten können 
sich m it ihrem A ntrage tatsächlich auf die Verfassung 
berufen, denn Artikel 146 erklärt: „ In n e rh a lb  der G e­
meinden sind aus A n trag  von Erziehungsberechtigten 
Volksschulen ihres Bekenntnisses oder —  und das trifft 
nämlich hier zu —  ihrer W eltanschauung einzurichten, 
soweit hierdurch ein geordneter Schulbetrieb auch im 
S in n e  des Absatz 1 nicht beeinträchtigt w ird." W enn 
sich die M ehrheitssozialdemokratie darauf stützt, so 
ist das vollkommen richtig; sie hat nun einm al die W elt­
anschauung, daß die R eligion nicht in die Schule ge­
hört, und w enn sie auf G rund dieser W eltanschauung 
nun  Schulen fordert, in  denen die K inder vereinigt 
werden, die keine Religion wollen, so ist das durchaus 
verfassungsm äßig, und es lä ß t sich dagegen nichts ein­
wenden. Ich möchte aber darauf hinweisen, daß die 
Folge dieses A ntrages die ist, daß die Einheitsschule, 
die S ie  doch auch so sehnlichst herbeiwünschen, aus dem 
religiösen Gebiet unmöglich gemacht w ird. E s ist doch 
für die Einheitsschule kennzeichnend, daß  die Kinder 
des gesamten Volkes, ohne Rücksicht auf ihre W elt­
anschauung, auf ihr Bekenntnis, auf den S ta n d , auf 
den Reichtum der E lte rn  usw., m iteinander erzogen 
w erden sollen, dam it sie sich gegenseitig nähertreten, 
sich gegenseitig schätzen lernen und  w ir zu einer wirk­
lichen Einheitsschule des Volkes m it dem Gefühl ta t­
sächlicher E inheit gelangen, weit entfernt von allem 
Klassen-, Massen- und Rassenhaß, w eit entfernt von 
der Enge des B ekenntnisem pfindens und weit entfernt 
von S tandesdünkel. Dieses Ziel machen S ie  nun, 
m eine verehrten F ra u e n  und Herren, durch die F o r ­
derung der weltlichen Schule unmöglich, S ie  nehmen 
diese Kinder, die jetzt noch in  großer M inderzahl sind, 
aus den Schulen heraus und vereinigen die K inder der 
E ltern  m it einer bestimmten W eltanschauung in be­
stimmten Schulen. Dadurch w ird  eine gegenseitige 
Schätzung der verschiedenen W eltanschauungen nicht 
mehr möglich; sie werden voneinander abgeschlossen, 
der eine kennt den anderen nicht, und  ein E inigkeits­
gefühl ist selbstverständlich ausgeschlossen. Ich will 
nicht verm uten, daß diesem A ntrage der Gedanke zu­
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gründe liegt, den w ir am 1. M a i v. I .  hier hörten: 
„W ir wollen die K inder fü r uns haben, um  sie in 
sozialistischem S in n e  zu beeinflussen." D as w ürde aber 
w ohl I h r  Z iel sein, w enn S ie  erst diese Schule haben. 
Ich möchte nu r darauf hinweisen, daß ich es bedauere, 
denn die K inder w erden sehr weite Schulwege haben, 
ohne Rücksicht auf das Schädliche, daß sie nicht die 
gleiche Gemeinsamkeit haben. S ie  werden infolge der 
langen Schulwege allerlei Schädigungen erleiden, sie 
werden an Schulen vorübergehen, die ihnen sehr nahe 
liegen. (Z uruf: Höhere Schulen!) J a ,  w eshalb müssen 
w ir die Nachteile, die für die höheren Schulen bestehen, 
nun auch den Volksschulen aufzw ingen? 
    
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