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Periodical volume 14. Mai 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Ziehung arbeiten sönnen. Volksschule und höhere 
Schule sollen eine Einheitsschule und nicht im m er die 
alten bekannten Klassenschulen sein. B is jetzt sind das 
alles W orte , die gesprochen worden sind. W ir müssen 
endlich dazu schreiten, die reaktionären Bedenken zu be­
seitigen, daß den W orten die T aten  folgen aus diesem 
Gebiete.
Aber nicht bloß in dieser Beziehung tu n  m ir die 
Ju ng leh re r leid, auch in ihrer Besoldung. W enn Ske 
sich die G ehälter dieser Kreise ansehen —  es sind Leute 
bis zu 44 Ja h re n  V ertreter und verheiratet; es sind 
viele, die 25, 26, 27 J a h re  sind, und die werden nach 
dem bekannten P arag rap h en  der Besoldungsordnung 
„sinngemäße A nw endung" in der Weise behandelt, daß 
m an das schablonenhaft anwendet, und w enn m an den 
Buchstaben anwendet, w ird er hart und ungerecht, und 
das dürfen w ir nicht. D a müssen A usnahm en zulässig 
sein, und deshalb müßte die F rage  anders  geregelt 
werden. M a n  kann nicht verlangen und sagen: der 
Ju n g leh re r m it 27 Ja h re n , der sich g e rn  einen eigenen 
H ausstand gründen will, kann mit 6800 M . au s­
kommen. W ie soll er dam it einen H ausstand gründen? 
E r kann a ls  Junggeselle nicht bestehen. W ir zwingen 
die Leute zum Schuldenmachen und haben mit Schuld, 
w enn sie angezeigt werden, w enn sie aus die schiefe 
Ebene kommen, und es ist schlecht, von der schiefen 
Ebene wieder herunterzukommen. W ir machen uns 
mitschuldig, w enn w ir solche Leute m it einem solchen 
Einkommen von 6800 M . mit allen Nebeneinnahm en 
besolden. W enn w ir eine Hilfskraft im M agistrat an ­
sehen, die bekommt im selben A lter rund  12 000 M .. 
also fast noch m al soviel, und ein M ann , der sechs 
J a h re  auf der Schulbank gesessen hat, den Krieg tnit- 
gemacht hat, der die G efahren des Lebens kennt, w ird 
abgespeist m it 6800 M . G enau so ist es bei den V er­
treterinnen. Die halben nu r 3600 M . Dementsprechend 
werden die Hilfskräfte ebenfalls niem als so hoch be­
zahlt. D as spricht B ände, da braucht m an nicht viel 
hinzuzusetzen. Da muß jeder sagen, das kann m an nicht 
m it ansehen, selbst wenn w ir aus dem R ahm en G roß- 
B erlins herausfallen. E s handelt sich um geringe 
S um m en. H ier handelt es sich um eine soziale Tat, 
und dazu rufe ich S ie  auf, und deshalb stimmen S ie  
meinem Zusatzanlrage zu und auch dem A ntrage der 
Unabhängigen. D am it können w ir uns einen S te in  
im B re tt der Leute erwerben und einen S te in  über­
haupt für die gange soziale Tätigkeit. Ich bitte, 
stimmen S ie  beiden A nträgen zu.
S tad tvero rdneter B ornem ann (Dt,-dem. P .) : W ir 
sind in der angenehm en Lage, m it den H erren von der 
äußersten Linken wieder mal übereinzustimmen. W ir 
unsererseits hatten einen ähnlichen A ntrag  in V or­
bereitung; w ir haben aber der U .S .  P .  D. den V or­
tritt gelassen, weil w ir der Anficht w aren, daß sie es 
besonders nötig hat, nachdem sie in der vergangenen 
Stadtverordnetenfitzung für die E rhöhung der Pflicht- 
stundenzahl eingetreten w ar, sich in der Lehrerschaft 
wieder ein klein wenig beliebt zu machen. (W ider­
spruch links. Rufe F reund: Kleiner Schäker! Z u ru f 
F rl. Schütz: D as haben w ir nicht nötig! Z uru f R oß: 
D as ist schon so!)
Die G ründe, mit denen H err Schneider geglaubt 
hat, feine Auffassung zu rechtfertigen, sind zu einem 
kleinen Teil stichhaltig. E s ist uns gesagt worden vom 
H errn  Stadtschulrat, daß ihm M ateria l in Bezug auf 
zwei Lehrer zugegangen sei, und daß nach sachlicher 
Untersuchung das Urteil ein negatives gewesen sei. W ir 
wollen doch nicht Gesinnungsschnüffelei treiben! Ich  
möchte w arnen , die Sache zu weit zu treiben. W enn 
wirklich irgendwo ein kleiner S ü n d er dabei ist, kann 
m an ihn laufen lassen; es laufen eine ganze M enge 
großer S ü n d e r  noch herum. W enn m an auf der einen
S eite  schon dafür sein muß, daß die Ju n g leh re r hier 
behalten werden, m uß m an auf der anderen S eite 
M ittel und Wege finden, um Platz zu schaffen, und w ir 
wissen es alle heute, wie auch von sachverständiger 
S eite  ausgeführt worden ist, daß die Klassenfrequenz 
noch im m er viel zu hoch ist in Neukölln, und daß unter 
allen Umständen danach gestrebt werden muß, daß 
w ir kleinere Klassen bekommen. An sich ist die Z ahl 
der Lehrkräfte zweifellos viel zu gering. W ir könnten 
wesentlich, mehr beschäftigen, wenn w ir m ehr Räumlich­
keiten hätten. Neue Schulen können w ir ja nicht aus 
dem Erdboden stampfen, aber, wie auch H err S ta d t­
schulrat D r. Buchenau schon angedeutet hat, möchte ich 
empfehlen, daß w ir uns m it allen Kräften dafür ein­
setzen, daß in  B erlin  eine U m gruppierung der Dinge 
erfolgt, daß diejenigen Schulen, die einigerm aßen 
schwach besetzt sind, stärker belegt werden, und daß von 
den Schulen, die an  der Neuköllner Grenze siegen, eine 
oder zwei fü r unsere Zwecke nutzbar gemacht werden. 
M a n  könnte vielleicht noch w eiter gehen. I n  Treptow  
haben w ir große Gebäude, es sind die B au ten  Oes 
früheren Telegraphenbataillons, ich weiß nicht, ob es 
nicht möglich sein w ird, daß w ir an die H eeresverw al­
tung oder an das Reich herantreten, daß es uns diese 
Kasernen überläßt. E s w äre im m erhin ein Notbehelf, 
und w ir könnten eine ganze Anzahl von neuen Klaffen 
schaffen und eine ganze A nzahl von Jung leh re rn  un te r­
bringen. D aß es ihnen schlecht geht, ist ausgeführt 
worden, und w ir stimmen dem Zusatzantrage des 
Kollegen Heyn durchaus zu. E s ist m ir mitgeteilt w or­
den, daß eine ganze Anzahl von Jung leh re rn  genötigt 
gewesen sind, Schleichhandel zu treiben, daß sie, um 
überhaupt leben zu können, Seife, Streichhölzer und 
Z igaretten verkauft haben im S traßenhandel. M an  
darf sich nicht w undern, wenn die gesamte M o ra litä t 
; in einem derartigen N iedergang begriffen ist, wie w ir 
das alle heute sehen, wenn derartige Verhältnisse 
möglich sind. E s mutz hier den wirtschaftlich Schwachen 
geholfen w erden bei den Lehrern, und das sind zweifel­
los in allererster Linie die Jung lehrer. W ir treten 
daher ein für den A ntrag  der U nabhängigen und gleich­
zeitig fü r den Zusatzantrag des Kollegen Heyn.
S tad tverordneter Schilling (B ürgt. V.): M eine
D am en und Herren! Auch w ir find dagegen, daß m an 
die Ju ng leh re r einfach auf die S tra ß e  fetzen will. D as 
anderen können w ir es nicht verantw orten, wenn das 
erkaufte Recht der ßehreynnen , auf 90 P rozent gesetzt 
zu werden, so ohne weiteres von uns ignoriert werden 
soll. D as geht eben nicht. Die Lehrerinnen haben sich 
das erkauft, w ir müssen das berücksichtigen, und w ir 
wissen ja, daß die Gesetzgebung erfolgt oder teilweise 
schon erfolgt ist. E s handelt sich n u r um  eine augen­
blickliche, tem poräre Lösung dieser Sache, und da zu­
gleich in  G roß-B erlin  eine neue A rt inszeniert w ird, 
um die Pflichtstundenzahl der Lehrpersonen herab­
zusetzen, besonders die Pflichtftundenzahl der Lehrer, 
und da diese Regelung sehr bald erfolgen wird, ist die 
Lösung gegeben. Die Lehrstunden, die jetzt die Lehre­
r in n en  geben, werden dadurch wettgemacht, daß w ir 
nach wie vor die Ju ng leh re r beschäftigen, des anderen 
dadurch, daß die Pslichtstundenzahl der Lehrer herab­
gesetzt wird. *
Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich bemerken, 
daß uns der heutige M agistratston  über die Lehrer 
und über deren Tätigkeit und A rbeit etw as sym­
pathischer ist, a ls  der Ton, der vor vierzehn T agen 
hier gehört w erden muhte, als m an die Tätigkeit der 
Lehrer so m it einer Handbewegung abtun wollte, als 
m an  die Tätigkeit der Lehrpersonen stundenm äßig 
aufziehen wollte, w as einfach lächerlich ist, a ls  ein M a ­
gistratsm itglied sich hinstellte und seine eigene A rbeit 
diskreditierte, indem er erklärte: die S tundenzahl der
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