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Periodical volume 14. Mai 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Borschüsse gezahlt. Ich sehe nicht ein, w arum  w ir diese 
Bedenken nicht im der nächsten Sitzung klären sollen,
Vorsteher: Ich  lasse abstimmen. W er dafür ist, 
daß die V orlage heute verabschiedet w ird, bitte ich, eine 
H and zu erheben. (Abstimmung.) Danke. G egen­
probe. (Abstimmung.) D as erstere w ar die M ajorität.
Wünscht hierzu noch jem and das W ort?  D as ist 
nicht der F all. Gegen die V orlage sind E inw endungen 
nicht erhoben bis auf die von H errn  Quäck aufgew or­
fenen F ra g en  der Aufklärung.
W ir kämen zu P u n k t 12 der T agesordnung: A n­
trag  der S tad tvero rdneten  Radtke und Genossen, be­
treffend K ündigung der an den hiesigen Gem einde­
schulen beschäftigten Jung lehrer.
S tad tverordneter Schneider, ft. (U .S . P .) : M eine 
Dam en und H erren! A n den Neuköllner Schulen sind 
seit einigen M onaten  50 Ju ng leh re r beschäftigt, denen 
m an jetzt rücksichtslos wieder gekündigt hat, und merk­
würdigerweise bezeichnend ist es, daß diese Jung leh re r 
zum Teil am  15. A pril d. I .  eingestellt sind, und die 
Kündigungsschreiben find durchweg datiert vom 
2. A pril. M an  hat also erst die Kündigungsschreiben 
geschrieben und 14 T age später hat m an die J u n g ­
lehrer eingestellt. (Heiterkeit.) D as w irft ein eigen­
artiges Licht auf den Geist, der in der Schulverw altung 
vorherrscht. Aber wer sind nun diese Ju n g leh re r?  Von 
diesen 50 sind 42 gekündigt, die übrigen sollen noch ge­
kündigt werden. Von den 42 Gekündigten sind 31 
Kriegsteilnehm er, 8 davon kriegsbeschädigt, davon einer 
75 P rozen t kriegsbeschädigt, einer 40 P rozent, vier 20 
bis 30 Prozent. E in einziger Nichtkriegsteilnehmer ist 
daru n te r und außerdem zwei D am en. Diesen J u n g ­
lehrern, diesen K riegsteilnehm ern, ist genau so wie 
u n s übrigen, die w ir im Felde standen. Oft genug ge­
sagt w orden: D er Dank des V aterlandes ist Euch ge­
wiß! N un haben diese jungen Leute die K riegsjahre 
überdauert, ihre Gesundheit geopfert, kommen nun hier­
her, freuen sich, daß sie endlich wo untergebracht sind, 
und vorher, ehe sie überhaupt angestellt sind, ist schon 
die K ündigung ergangen. M a n  hat ihnen das natürlich 
nicht bei der Einstellung gesagt, daß sie eigentlich schon 
entlassen sind von Rechts wegen, sondern die Entlassung 
kam erst hinterher. N un  kann m an darüber ja ver­
schiedener M einung sein, ob die Neuköllner S chuber- 
hältnisse so glänzend sind, daß m an ohne w eiteres jetzt 
die 50 Hilfskräfte entbehren kann, und ich glaube, meine 
D am en und H erren, w er einigerm aßen ein bißchen 
Einblick genommen hat in unsere Neuköllner V olts- 
schulverhältnisse, w ird m ir zugeben, daß die alles andere 
als glänzend zu bezeichnen sind. Die Klassen sind über­
füllt, die S tundenp läne sind geradezu als Kuriositäten 
zu bezeichnen. Ich  erw ähne einen S tu n d en p lan  aus 
der zweiten Gemeindeschule aus der Klasse 1 o. D ort 
gehen M ontags die Mädchen von 8 b is 12 in die 
Schule, dann dürfen sie nach Hause gehen essen, um 
1 Uhr müssen sie wieder in  der Schule sein, um b is 
3 Uhr zu sitzen. A ußerdem  wissen w ir noch, daß im 
Durchschnitt fü r 16, für 18 Klassen n u r 12 Klassen vor­
handen sind. A nders sieht es natürlich bei den höheren 
Schulen aus, wo Schulklassen vorhanden sind, die nu r 
von 12 Schülerinnen benutzt werden.
N un  kann m an dazu kommen und w ird vielleicht 
sagen: J a ,  meine D am en und H erren, S ie  haben in 
einer der letzten Stadtverordnetensitzungen der E r ­
höhung der Pslichtstundenzahl der Lehrerinnen auf 
90 P rozent zugestimmt, und nu r dem ist -es zuzuschrei­
ben, daß jetzt diese Ju n g leh re r entlassen werden müssen. 
M a n  sucht aus diese Weise den berühm ten Keil zwischen 
Lehrerinnen und Lehrer zu treiben und g laubt nun, 
wenn, sich diese beiden Berussklassen gegenseitig reiben, 
w ird die Schulverw altung und der M agistrat als 
lachender D ritte beiseite stehen; aber ich glaube, dies­
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m al haben S ie  die Rechnung ohne den W irt gemacht. 
Ich glaube, das w ird  Ih n e n  nicht gelingen, hier einen 
Keil dazwischen zu treiben. M a n  hat noch anderweitig 
Gelegenheit, durchzugreisen und Platz zu schaffen fü r 
Lehrer und Lehrerinnen. E s ist dam als nach dem 
Kapp-Putsch ein Untersuchungsausschuß eingesetzt 
w orden von der Schulverw altung, der die Teilnahm e 
der Neuköllner Lehrerschaft am Kapp-Putsch un ter­
suchen sollte. Dieser Untersuchungsausschuß ist bis zum 
heutigen T age noch nicht einberufen (hört, hört!), weil 
anscheinend kein M ateria l vorliegt. Ich stelle fest, daß 
z. B. dam als H err S tadtschulrat auch von einem Lehrer 
Schmidt gesprochen hat. Ich  w eiß nicht, ob es der 
Lehrer ist, von dem m ir M ateria l vorliegt, in der 
25. Gemeindeschule. D as M ateria l scheint m ir doch so 
zu sein, daß eine Untersuchung begründet w äre. Auf 
der anderen S eite  w ird m ir heute mitgeteilt, daß, nach­
dem der P rü g e l-E rlaß  des K ultusm inisters Haenisch 
durch die ranze Presse gegangen ist, er einzelnen Schul- 
rektoren vollständig unbekannt ist, und daß in einzelnen 
Schulen verschiedene P rügelpädagogen im m er noch ihr 
Handwerk treiben. Zum  Beispiel in der 24. Gemeinde- 
schule in Klasse 1 o ist m ir ein derartiger Lehrer ge­
schildert worden. Der erste Blick, w enn er m orgens die 
Klasse betritt, ist nach dem Stock. (Z uruf: S e in  G eh­
stock!) Ich weiß nicht, vielleicht benutzt er den R ohr- 
stock zugleich a ls  Gehstock, weil er so an den Stock ge­
w öhnt ist. Jedenfalls ist es das übereinstimmende 
Urteil der Schülerinnen und E ltern  aus dieser Klasse, 
und es w ird notw endig fein, auch da m al eine strenge 
Untersuchung vorzunehmen. D aß auch die E lternbeiräte 
in  dieser Beziehung versagen, trifft ohne w eiteres zu. 
Ich  will aber gleich bemerken, daß es nicht E lte rn ­
beiräte sind unserer Richtung oder Mehrheitssozialisten, 
sondern gerade E lternbeiräte von Christlichen. D a ist 
m ir ein F a ll geschildert w orden, wo ein M itglied des 
E lternbeirates der zweiten Gemeinbeschule, eine F ra u , 
sich ganz strikte dagegen gew andt hat, daß die P rü g e l­
strafe au s  der Schule verschwindet, im Gegenteil, es m uh 
so geschlagen werden, daß das B lu t die Lenden run ter 
fließt, und schade um jeden Schlag, der daneben geht. 
Vielleicht benutzen die M itglieder der Christlichen die 
Gelegenheit, um bei ihren M itgliedern ein bißchen 
über Pädagogik oder P rügelpädagogik oder den W ert 
der P rü g e l an sich einen V ortrag  zu halten.
D ann kann eine ganze Anzahl unserer Schulen 
im m er noch nicht benutzt werden, weil sie mit W oh­
nungen belegt sind. Auch hier m uß m al ganz energisch 
P rotest erhoben werden. W ir müssen unbedingt dazu 
kommen, daß unsere Schulräum e n u r  zu dem Zwecke 
gebraucht werden, zu dem sie von Rechts wegen da 
sind, zum Zwecke des Schulunterrichts. F ern er w äre es 
längst Zeit gewesen, den K onfirm andenunterricht in die 
Kirchen oder sonstige R äum e zu verlegen. Auch das ist 
heute eigentlich nicht mehr zulässig, daß Schulräum e 
dafür hergegeben werden. (Zuruf: D a kommt T anz­
papa herein!) F erner die T urnhallen . W ir haben noch 
zwei T urnhallen , nämlich in der M ahlow er S tra ß e  und 
in der Boddinstraße, die ebenfalls für Turnzwecke nicht 
benutzt w erden können. S o  oft in der Schuldeputation 
die F rage  angeschnitten wurde, w urde erklärt bezüglich 
der Halle in  der Boddinstraße: I n  8 bis 14 T agen ist 
die T urnhalle frei! D as geht aber schon ein ganzes 
J a h r  lang und w ird  vorläufig noch lange M onate 
weitergehen. D ann  die T urnhalle in der M ahlow er 
S tra ß e , wo der A rbeitsnachw eis d rin  ist. Dieser A r­
beitsnachweis hat sich geradezu zu einem Schm erzens­
kinds entwickelt. I n  der Zeit von 11 bis 1 sind dort die 
; Jugendlichen, die Arbeitsburschen, zur V erm ittelung, 
: und zu derselben Zeit nehmen die Kinder, die aus dem 
Hose aus der Erde sitzen, ihr M ittagsm ahl ein, die 
Quäkerspeisung, und die werden dort, wie die Lehr-
        
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