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Periodical volume 16. Januar 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

lang zu unterhalten. Ich  gebe Ih n e n  ferner zu — ' 
m ir alle geben das zu: Sozia le  Schäden sind da. S ie  
sind der M einung, diese sozialen Schäden werden mit 
der Sozialisierung beseitigt. S ie  wollen die P robe aufs 
Exempel machen. D as können w ir nicht mitmachen. 
W ir sind dagegen und sprechen und stimmen dagegen. 
A ber w ir verstehen, es, daß S ie  den Versuch der S o zia li­
sierung machen wollen, nu r aus eins müssen S ie  dabei 
Rücksicht nehmen, w as jeder vernünftige Sozialdem o­
krat, der nicht nu r mit Schlagworten arbeitet, selbst 
erklärt, daß die finanzielle und wirtschaftliche Lage 
augenblicklich 'dazu nicht angetan  ist. (Zurufe.) Die 
Entschädigung, H err Kollege Radtke, spielt dabei keine 
Rolle. (Z uruf Radtke: Dadurch entsteht die schlechte 
finanzielle Lage!) E s  frag t sich, ob die Gemeinde N eu­
kölln jetzt für wirtschaftliche U nternehm ungen überhaupt 
Geld zur V erfügung hat. Geschäfte könnten sehr viele 
Leute machen, w enn sie den nötigen Kredit hätten und 
Geld geliehen bekämen. W ir wollen offen und ehrlich 
sein, die S ta d t Neukölln ist eben nicht in  der Lage, große 
Geschäfte aufzumachen, weil ihr Kredit, wie der Kredit 
aller G roß-B erliner Gemeinden, erschüttert ist, und S ie  
erschüttern ihn immer weiter. (Zurufe: I m  Gegenteil, 
umgekehrt! Unruhe), w enn S ie  fortw ährend mit un ­
geheuren G eldansorderungen a n  den M arkt herantreten. 
(Z uruf von M agistratsseite: W enn hier solche A us­
führungen gemacht werden!) W ir haben keinerlei A u s­
führungen der A rt gemacht. I m  übrigen, H err S ta d t­
rat, ist es nicht üblich, daß dauernd von der M agistra ts­
bank Zwischenrufe gemacht werden. (Z uruf von der 
M agistratsbank: Überlassen S ie  d as  bitte dem H errn 
Vorsteher! —  Z u ru f von derselben S eite : W ir werden 
uns bessern!)
V orsteher-Stellvertreter Künstler: Ich  möchte S ie  
bitten, den R edner nicht zu unterbrechen. (Heiterkeit.)
Redner fortfahrend: H err Radtke, den ich sonst 
wegen seiner Sachlichkeit im m er schätze, hat heute da­
neben geredet wie noch nie. E r  hat mich apostrophiert 
und h a t m ir ein rotes P lak a t entgegengehalten, das 
ich heute zum ersten M ale gesehen habe (Heiterkeit 
links. Z urufe: I s t  ja rot!), das ich heute zum ersten 
M ale gesehen habe. (Große Unruhe. Z u ru f von links: 
W aren S ie  vielleicht in Schutzhast? Konnten S ie  so­
lange nicht sehen? —  Heiterkeit.) Ich  habe bisher, wenn 
S ie  m ir etw as gesagt haben, und ich konnte das G egen­
teil nicht beweisen, als anständiger Mensch im m er ge­
glaubt, daß S ie  m ir die W ahrheit sagen, und wenn 
ich hier etw as sage, dann  kann ich das auch verlangen. 
Ich könnte dieses F lugb latt ohne weiteres abschütteln, 
denn meine Fraktion hat m it dem B unde nichts zu tun. 
H err Kollege Radtke, der sich in Neukölln als Politiker 
hervortut, sollte doch die „A ufklärung" gelesen haben, 
er sollte wissen, welche Persönlichkeiten für die „Auf­
klärung" verantwortlich sind. N un möge er m ir sagen, 
ob darun ter sich Persönlichkeiten befinden, die in den 
meiner F raktion nahestehenden- P arte ien  irgend welche 
Rolle spielen. W enn S ie  das nicht können, dann lehne 
ich d as  gänzlich ab, und S ie  werden das nicht können, 
Herr Kollege Radtke. Denn, H err Kollege Radtke, ich 
weiß nicht, w er hat von dem anderen gelernt, S ie  so 
schnell von den Demokraten, oder die von I h re r  früheren 
Tätigkeit? D as ist die Kampfesweise, die S ie  jah r­
zehntelang getrieben haben (Zurufe, Unruhe), nämlich 
mit Schlagworten arbeiten. Ich  habe Ih n e n  gesagt, 
ich verurteile die Schlagworte, und habe Ih n e n  auch 
gesagt, w as w ir in  dem A ntrage suchen. W enn S ie  
hierbei gegen die Sozialisierungsgegner sprechen 
wollen, dann  setzen S ie  sich bitte m it den H erren au s­
einander, die den A ntrag  gestellt haben, uns können 
S ie  hier nicht irgendwelche M otive unterschieben. Ich 
habe Ih n e n  gesagt, weshalb ich a ls  M itglied des 
Finanzausschusses diesen A ntrag aus das W ärmste
unterstütze und für absolut notwendig halte, lediglich 
aus finanziellen Gesichtspunkten.
D ann wollen S ie  in Neukölln in  unsere Versamm­
lungen kommen, H err Kollege Radtke. Bitte, tun  S ie 
d as ; hoffentlich reden S ie  nicht so daneben wie heute, 
denn w enn w ir einen energischen Versam m lungsleiter 
haben, dann  entzieht er I h n e n  das W ort, weil S ie  
nicht zur Sache gesprochen haben. (Heiterkeit.) S ie  
haben u n s  nu r das erzählt, w as S ie  uns bei P unkt 20 
der T agesordnung erzählen müssen, denn da werden 
w ir genau denselben Rum m el nochmal haben, den 
ganzen Sozialisierungsrum m el, den w ir jetzt zu hören 
bekommen haben.
W ir bestehen unbedingt darauf, daß der A ntrag 
angenommen wird. Eigentlich ist er angenommen. 
Und da w ar die S te llung  der Mehrheitsfvzialisten 
eine merkwürdige. Die Demokraten stellten den A ntrag , 
die Bürgerlichen stimmten zu, die Unabhängigen auch, 
und nachdem die Sozialdem okraten durch den M und 
des H errn  Kollegen Kunze abgelehnt haben, w ürde 
der F a ll eintreten, daß die Mehrheitssozialisten in der 
M inderheit blieben. D as aber scheint die R egierungs­
partei nicht vertragen zu können, daß  etwas gegen ihren 
W illen geschieht, deswegen klappen S ie  um und sagen: 
Nachdem die Sache so dargestellt ist, w erden m ir auch 
die Hand für den A n trag  erheben. Ich glaube, es w äre 
gut, w ir hörten jetzt aus und tobten uns'bei dem nächsten 
P unkt -der Tagesordnung aus und erzählen uns dann 
nochmals dasselbe. (Heiterkeit. S e h r richtig!)
S tad tverordneter Kunze (S . P .  D.): M eine D a­
men und Herren! Kollege N eum ann hat ja bereits 
schon gesagt, daß mir, um  dem Bunde der Handel- und 
Gewerbetreibenden das A gitationsm itlel zu nehmen, 
unsere S tellung  geändert haben und dafür stimmen 
werden.
Ich möchte nu r m it ein p aar W orten au f die A us­
führungen meines V orredners eingehen zu feiner ersten 
Rede. E r  hat ausdrücklich erklärt, daß m an  aus der 
B ilanz überhaupt nichts herauslesen kann. J a ,  H err 
Kollege Bierbach kennt wahrscheinlich nur die Bilanzen, 
die von den Kapitalgesellschaften zu ganz bestimmten 
Zwecken aufgestellt 'sind. E s  handelt sich ja  gar nicht 
bei den B ilanzen von bestimmten Gesellschaften darum , 
daß jeder daraus e tw as lesen kann, sondern diese B i­
lanzen werden ja aufgestellt, um möglichst viel zu ver­
schleiern, aber es besteht doch auch die Möglichkeit, 
daß m an etw as herauslesen kann; und im H andels­
gesetzbuch steht nicht, daß die Bilanzen aufgestellt w er­
den sollen, um den S tan d  des Geschäfts zu verschleiern, 
sondern um ihn klarzustellen, und ich kann m ir denken, 
daß -die Stadtgem einde ein Interesse hat, die Sache 
klarzustellen und nicht zu verschleiern- (Zwischenruf.) 
J a ,  natürlich, S ie  können sich von den kapitalistischen 
A llüren nicht freimachen, H err Bierbach! S ie  sind das 
gewöhnt! E s  ist dort so üblich, daß m an verschleiert, 
und aus diesem G runde müssen die anderen das nach­
machen.
D as wollte ich n u r mitteilen. Ich bin überzeugt, 
wenn von S eiten  der <5 todt gemeinde die Bilanzen so 
aufgestellt werden, daß der S ta n d  des Geschäfts d a ra u s  
hervorgeht, w erden S ie  auch zur Einsicht kommen, daß 
es auch möglich ist, eine B ilanz aufzustellen, aus der 
m an etw as lesen kann.
S tad tverordneter Radtke (U. S .  P .) :  M eine D a­
men und H erren! E s  ist m ir hier gesagt worden, daß 
ich da einen Korb bekomme in I h re r  Versam mlung, 
w enn ich spreche. S eien  S ie  unbesorgt, wenn ich dort 
spreche, werde ich so temperam entvoll sprechen, w ie 
noch nie in meinem Leben. (Zuruf: W enn m an S ie  
zu W orte kommen läßt! Heiterkeit.) D as werde ich 
mit schon verschaffen. W enn es der Vorsitzende nicht 
geben will, werden die Anwesenden es verlangen.
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