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Periodical volume 30. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

[irrig in  der jetzigen Zeit durchaus nicht so ist, a ls wie 
es die A rbeiter und  A rbeiterinnen im allgemeinen ver­
langen können, und weiter die Verhältnisse derartig 
sind, daß es in  erster Linie unbegreiflich ist, daß in 
einer Versam m lung, wie der heutigen, H err Trefferl 
diese Entschuldigungen anführt, um uns klar zu machen, 
wie schlecht und außerordentlich drückend die V erhält­
nisse aus dem Lande im allgemeinen sind. Ich möchte 
S ie  deshalb ersuchen, unserem A ntrage in richtiger 
W ürdigung der Verhältnisse Ih re  Zustim m ung zu 
geben, dam it nichts unversucht bleibt und  die unteren 
Schichten der Bevölkerung in  der Zukunft von dieser 
allgemeinen P reissteigerung verschont werden.
S tad tverordneter Treffert (B ürgl. V .): Ich will 
die Debatte nicht in die Länge ziehen, ich habe die De­
batte nicht heraufbeschworen. D as ist durch den A n­
trag  geschehen. Ich  will nu r auf zwei Dinge eingehen, 
die H err S ta d tra t Lange angeführt hat. E r  sagt, ich 
hätte vieles verschwiegen, w as ich noch hätte anführen 
können. Selbstverständlich! W enn ich über die all­
gemeine Lebensmittelbewirtschaftung hätte reden 
wollen, hätte ich noch manches anführen können. M an  
könnte stundenlang über diese Dinge reden, aber wenn 
sich H err S ta d tra t  Lange m al den A n tta g  ansieht, der 
heute zur B eratung  steht, findet er in jedem der sechs 
oder sieben Absätze, daß die Rede ist vom M ehl und 
B rot, im ersten Absatz von der sprunghaften E rhöhung 
der Preise für M ehl und B ro t, im zweiten von der 
E inführung  des A uslandsm ehles, im dritten von den 
M engen von Getreide, im vierten von, Brotgetreide, 
im  fünften vom A uslandsm ehl. W enn w ir heute unsere 
ganze Debatte hauptsächlich beschränkt haben auf das 
M ehl, w ar es angebracht und ganz selbstverständlich, 
daß ich a ls  Beispiel auch n u r d as  M ehl anzog und da­
von sprach, wie die Zwischenspanne beseitigt werden 
kann, welchen W eg das M ehl nim m t und w er an 
diesem M ehlgew inn A nteil hat. Wollte ich anfangen, 
über die Gemüsewirtschaft zu reden, müßte ich auch 
über die Kirschenbewirtschaftung reden, über den Kuh­
stall, über die Fleischversorgung, bei der w ir  erheblich 
verdient haben, es müßte allgemein eine Debatte ent­
stehen über Dinge, die ich in  der öffentlichen Sitzung 
am besten nicht erw ähne. Und dann, H err S ta d tra t 
Lange, ist es w ahrhaftig  kein Geschäftsgrunds atz. wenn 
m an am  Gemüse sieben M illionen zusetzt, den Leuten 
deshalb das B ro t zu verteuern. Ich wollte mal sehen, 
w enn dieser Grundsatz bei den Geschäftsleuten Platz 
greifen würde, die ein Gemüfegeschäft haben. W enn 
ihnen z. B . ein W aggon Gemüse kaputt geht und sie 
deshalb auf den L aib  B ro t 20 oder 30 P f. d rauf­
schlagen würden, dann  w ürde m an sie bald wegen 
W uchers verklagen. E s mühte hier noch mancherlei 
über Dinge geredet werden, über die w ir heute nicht 
reden wollen, aber eine Bem erkung noch über die er­
w ähnten Hülsenfrüchte. Die Hülsenfrüchte der S ta d t  sind 
jetzt so teuer, daß es vielleicht für H errn  S ta d tra t Lange 
recht angenehm, aber fü r mich unangenehm  w äre, wenn 
er m ir den A ntrag , die Hülsenfrüchtepreise für den 
A uftäufer Deibel zu erhöhen, in die Schuhe schieben 
könnte. H err S ta d tra t  Lange ist da ganz gew altig auf
dem Holzwege. E r  selbst w ar ja in  der S itzung nicht 
anwesend, sonst hätte er diese Ä ußerung nicht getan. 
W enn er die Lebensmittelausschußmitglieder fragt, 
w erden sie zugeben, daß ich den V erbesserungsanttag 
gestellt habe; die S ta d t hat den A ntrag  gestellt, dem 
Deibel ohne weiteres für die gesamte M enge eine be­
deutend höhere S um m e zu geben. Dagegen w a r  ich es 
gewesen, der gesagt hat, w ir müssen den Ansporn geben, 
abzuliefern. (Z uruf S ta d tra t Lange: Leider!) J a ,  
leider! Nach einer geschlagenen Schlacht ist m an ge­
wöhnlich schlauer als vorher, und w enn w ir heute auf 
den teueren Hülsenfrüchten festsitzen, dann  ist das eine 
Sache, die dam als weder H err S ta d tra t Lange, noch 
der Lebensmittelausschuß, noch hier jemand über­
schauen konnte. W ir glaubten alle, die Produkte 
steigen im P re is , die V aluta sank dam als, und ich 
glaubte, w ir hätten im F rü h jah r und S om m er keine 
Kartoffeln. Wie m an sich verrechnen kann, zeigt auch 
folgendes Beispiel: W ir w aren im vorigen J a h re  heil- 
S froh, daß w ir unser Dörrobst für 4 M . los geworden 
I sind und hatten bekanntlich als Anreiz noch ein halbes 
P fu n d  Zucker gegeben. Heute w ären  w ir froh, w enn 
w ir unser Dörrobst w ieder hätten und für 6 b is 7 M . 
verkaufen könnten. Auch „leider!". D as m uh m an 
nicht hinterher sagen. W ir sind alle schuld. Ich  habe 
gesagt: nein, w ir geben den Leuten nicht fü r die G e­
samtsumme diesen hohen Satz, sondern fü r die ersten 
Tausend, und fordern fü r die w eiteren soviel, so daß 
der Anreiz fü r  die Leute gegeben ist, möglichst viel ab- 
j zuliefern. —  D as wollte ich hier n u r richtigstellen, in 
i  die allgemeine Debatte w ill ich mich nicht einlassen.
S ta d tra t Jaeck: Ich m uß doch feststellen, daß H errn 
i  S tadtverordneten  Treffert in  der Weise doch ein V or­
w urf zu machen ist, und mit Recht, daß er durch seine 
; A usführungen den Anschein erweckte, a ls  w enn die 
S ta d t  Neukölln bei der Lebensmittelbewirffchastung 
die kaufende Bevölkerung bewuchern würde. (Zuruf: 
Behaupte ich nicht!) Ich habe gesagt: durch seine A u s­
führungen den Anschein erweckte, a ls w enn der R^a- 
gistrat die Bevölkerung bewuchert hätte. Dieser Anschein 
mußte erweckt werden durch die A usführungen, die in 
dieser Weise gemacht worden sind. Ich  stelle fest, daß 
der M agistrat keine Gewinne dabei gemacht hat, son­
dern diese auf anderen Gebieten zugesetzt worden sind. 
Um das Vorgehen des H errn  T reffert zu bezeichnen, 
hätte ich beinahe einen unparlam entarifchen Ausdruck 
gebraucht. Von den Parteiangehörigen  des H errn 
: T reffert ist m an das nicht anders gewöhnt. (Oho!) 
Dieser V orw urf ist H errn  Treffert m it Recht zu machen 
auf G rund seiner Kenntnisse im Lebensmittelausschuß.
Vorsteher-Stellvertreter: W ortm eldungen liegen
nicht mehr vor. W ir kommen zur Abstimmung. W er 
für den A n ttag  17 ist, b itte ich, eine H and zu erheben. 
(Abstimmung.) Gegenprobe! (Abstimmung.) S ow eit 
ich übersehen kann, einstimmig.
W ir w ären  somit am Schluß unserer heutigen 
I Sitzung angelangt.
Schluß 9 Uhr 50 M in.
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