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Periodical volume 30. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Es kommt ein zweites hinzu: das ist die Beseiti­
gung der Preisspanne, die schon erwähnt worden ist. Es 
ist nicht notwendig, daß ein Ei auf dem Lande 50 Pf. 
kostet und in der S tad t 2 M . Es ist nicht notwendig, 
daß der Landwirt 7 oder 8 M . ifür den Zentner Kar­
toffeln bekommt, und in der S tad t werden die K ar­
toffeln für 40 M . verkauft. (Zuruf: Kriegt mehr!) 
Ich rede nicht von den Kartoffeln im Schleichhandel, 
sondern von den normal verkauften Kartoffeln von 
der S tad t. Die S tad t fordert 40 M . für die Kar­
toffeln, und das Land bekommt kaum 10 M. (Zuruf: 
Mehr!) E s ist nicht richtig. Der Höchstpreis war im 
Herbst noch 7 M . auf dem Lande. Der Landwirt hat 
ein Recht, sich aufzuregen, wenn er sagt: Ich muß 
die Kartoffeln, das Saatgut, kaufen, ich mutz pflanzen, 
pflügen und eggen, die Kartoffeln ausmachen und an­
liefern, und dafür bekomme ich rund 10 M., und die 
S tad t bekommt 40 M . Wo bleiben die 30 M .? Wer 
wäscht sich da die Finger? Genau so ist es mit dem 
Getreide. D as Land hat bisher 500 bis 600 M. für 
die Tonne bekommen, und in der S tad t kostet sie 900 
bis 1000 M ., also geradezu -das Doppelte. S ie  können 
dem freien Handel keine Schuld geben, denn er ist beim 
Getreide sowohl als auch beim Kartoffelhandel aus­
geschlossen. Hier sind andere Hebel im Bewegung zu 
fetzen. Ich will nicht sagen, daß der freie Handel von 
heute auf morgen eingeschaltet werden muß: eine be­
stimmte Konkurrenz würde aber, glaube ich, einen An­
sporn geben, vorausgesetzt, daß w ir erst wieder die 
Produktion steigern. Aber wie ist es heute? Heute 
wird auf dem Lande aufgekauft. Da ist zunächst der 
Großauskäufer. Der verdient sein Geld, der Anlieferer 
verdient ferm Geld: ein einziges Telephongespräch, und 
der M ann hat Hunderte und Hunderttausende ver­
dient. (Zuruf: D as muß doch sein!) Nein, das muß 
nicht sein. Es ist nicht notwendig, daß derjenige, der 
nur einen Frachtbrief schreibt, 1000 oder 2000 oder 
3000 M . in  die Tasche steckt! Dann geht das Getreide 
an die Reichsgetreidestelle. Die hat ebenfalls wieder 
einen erheblichen A pparat zu versorgen von Beamten, 
Angestellten und dergleichen mehr. D as erfordert ent­
sprechende Ausgaben. D ann geht's von der Reichs­
getreidestelle an die Verteilungsstelle Groß-Berlin, und 
G roß-Berlin fährt auch nicht zu knapp dabei. Erstens 
der V erw altungsapparat, und zweitens, w as noch übrig 
bleibt. D ann geht das Getreide an die Gemeinden, und 
die legen auch kein Geld zu. Es ist kein Geheimnis, 
wenn ich sage, daß Neukölln mindestens IX- bis 
2 M illionen M ark verdient hat am Mehl. Das pfeifen 
die Spatzen von den Dächern. Da fragt es sich, ob das 
notwendig ist. W ir verlangen, daß das B rot billiger 
werden soll; dann soll zunächst die Gemeinde ihren 
Gewinn lassen! Also hier könnte der Hebel angesetzt 
werden. Die Zwischenspanne zwischen landwirtschaft­
lichen Produkten und zwischen dem Verkauf muß un­
bedingt ausgeglichen werden, so daß die Bevölkerung 
bedeutend billiger kaufen kann. Wenn diese besonderen 
Stellen, von oben angefangen bis zu den Gemeinden 
herunter, wirklich Gemeinwirtschaft treiben würden 
und nicht jeder bedacht wäre, einen erheblichen Ge­
winn zu erzielen, wäre manches besser.
Notwendig ist noch die Umstellung unserer W irt­
schaft. W ir müssen mehr zur landwirtschaftlichen 
Produktion übergehen. Es geht auf die Dauer nicht, 
daß in den großen S tädten  Hunderttausende von A r­
beitslosen liegen und draußen Arbeiter gebraucht 
werden. Ich weiß, daß hier wieder der eine die Schuld 
auf den anderen schiebt. Der Landwirt sagt: W as 
soll ich mit dem Städter anfangen: er leistet nicht ge­
nug! Und der S täd ter sagt: W as soll ich auf dem 
Land«? Dort 'bekomme ich nicht genügend bezahlt, 
habe scheußliche Wohnungsverhältnisse und dergleichen
mehr! Beide haben recht. Der Landwirt bekommt vom 
Städter nicht das geleistet, w as er vom landwirtschaft­
lichen Arbeiter geleistet bekommt, und der S tädter hat 
nicht die Behandlung und Bezahlung und Unterkunft 
wie in der S tadt. Da wäre es angebracht, wenn ein­
mal beide ein Loch zurückstecken würden, wenn der 
Landwirt sich mit den städtischen Arbeitern begnügen 
würde, die nicht soviel leisten wie landwirtschaftliche 
Arbeiter, und wenn der Städter sich einmal sagen 
würde: es ist doch immerhin noch besser, auf dem 
Lande sich zu ernähren, einen angemessenen Verdienst 
zu haben, a ls wie hier im Hinterhaus, vier Treppen, 
ein oder anderthalb Jahre arbeitslos zu liegen und 
am Hungertuche zu nagen. W ir haben kürzlich in der 
Arbeitslosenkommission festgestellt, daß es Leute gibt, 
die bereits feit November 1918 keine Arbeit mehr 
haben und auch keine finden konnten. Das ist ein 
M ißverhältnis, das ausgeglichen werden muß. Auf 
dem Lande fehlen die Leute, hier sitzen sie! Also eine 
Entvölkerung der Städte, hinaus auf's Land, um zur 
Produktion überzugehen! Ich könnte noch eine ganze 
Reihe M ittel angeben, will aber darauf verzichten. 
Ich wollte nur mit diesen wenigen Ausführungen 
zeigen, daß es nicht so geht, daß man die Schuld auf 
einen einzelnen schiebt, und hier in diesem Falle auf 
die Regierung und die Landwirtschaft. Ich habe weder 
die Landwirtschaft zu verteidigen, noch die Regierung, 
ich habe aber doch die Pflicht, objektiv die Verhältnisse 
zu würdigen und zu untersuchen, wo der Hebel an­
gesetzt werden muß. Da müssen w ir eingestehen, daß 
der Hebel bei uns allen, in allen Ständen, bei allen 
Bevölkerungsschichten in S tad t und Land eingesetzt 
werden muß. W enn gefordert wird, daß der Schleich­
handel bekämpft werden müsse — ich bin auch dafür, 
daß die schärfsten S trafen angeordnet werden —, dann 
geht's aber auch nicht, daß, wie vorhin gesagt wurde, 
Geßler die ganze Geschichte machen soll. Der eine kann 
es auch nicht. S o  kann es die Regierung mit ihren 
10 Personen nicht allein machen, auch kein Reichs- 
wirtschaftsminister oder Reichsernährungsminister, son­
dern zur Bekämpfung des Schleichhandels und Wuchers 
müssen alle Vevölkerungsschichten ihr Test beitragen. 
Ich -glaube, hier hapert's auch noch zu einem großen 
Teile bei der Bevölkerung selbst. Ich will nicht unter­
suchen, wieweit die einzelnen Schichten in Frage 
kommen, zweifellos die Befferbemittelten am aller­
meisten, aber es greift bis in die untersten Klassen und 
Kreise. Jeder einzelne muß heute dem Schleichhandel 
in die Arme fallen. Das Manko ist, daß keine Anzeige 
mehr erfolgt, daß jeder schweigt und froh ist, wenn 
er nur etwas bekommt. Wenn hier einmal angesetzt 
wird, wenn man schärfer vorgeht, mehr Anzeigen er­
stattet und von der Polizei verlangt, daß auch durch­
gegriffen wird, dann kämen w ir weiter. W ir sind auch 
für die Resolution, möchten aber beachtet wissen, daß 
es noch eine ganze Menge Gründe sind, die maßgebend 
sind für die Verteuerung der Lebensrnittel und für 
die Knappheit und Schwierigkeiten, in denen wir uns 
befinden.
S tad tra t Lange: Ich muß die Ausführungen des 
Herrn Treffen in einem Punkte erwidern. Aus den 
Ausführungen des Herrn Treffen muß ja die B e­
völkerung den Eindruck haben, als ob die städtische 
Verwaltung die Bevölkerung in der größten Not be­
wuchert, und zwar in der Preisbildung. Ich wundere 
mich über die Behauptungen des Herrn Treffen um­
somehr, als Herr Treffert jahrelang dem Lebensrnittel- 
ausfchuß angehört hat und genau informiert ist, wie 
die Preise zustande gekommen sind. (Zuruf: Is t das 
nicht w ahr?) W as S ie  nicht gesagt haben, ist ja die 
Hauptsache. (Zuruf Treffert: W ir sprechen bloß vom 
Mehl!) Ganz recht, ich komme daraus zurück. S ie
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