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Periodical volume 30. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

erteilen hat, zum allermindesten dieselbe Zeit zu r Vor- 
unb Nacharbeit verlangt.
N un aber bitte ich S ie , zu bedenken, daß ein Teil 
der Arbeiterschaft jetzt schon bedeutend höher besoldet 
w ird, als S ie  glauben, den Lehrerstand besolden zu 
sollen. W as w ird das für Folgen haben? D as w ird 
zunächst die Folge haben, daß die tüchtigen Köpfe unter 
Ih re n  K naben in der Volksschule sich hüten werden, 
den Lehrerberuf zu ergreifen. M a n  kann doch schließ­
lich keinem Menschen zum uten, daß er Lehrer werden 
soll, w enn rr sich 6 J a h re  auf feinen B eruf sehr mühsam 
und eifrig vorbereiten und dann nach dieser sechsjähri­
gen, kostspieligen V orbereitung, w ährend der Ih re  
Söhne täglich hohe E innahm en hatten, erhöhte Pflicht­
stunden leisten m uß bei niedrigeren G ehältern. E ine 
solche S tellungnahm e der Sozialisten w undert mich hier 
in Neukölln außerordentlich. S ie  scheint aber auf die 
allgemeine M einung zurückzuführen zu se in . .  (Zurufe.) 
Ich  werde mich zunächst m it m ir beschäftigen und der 
Sache selbst, —  ich sage, das  scheint die Ursache darin  
zu haben, daß  im allgemeinen jetzt der Grundsatz auf­
gestellt w ird innerhalb  der U. S .  P .  D .-V erttetung, daß 
geistige A rbeit nicht anders zu bewerten ist a ls  körper­
liche Arbeit. (Unruhe, Zurufe.) Dieser Grundsatz 
wurde ja letzthin im C harlottenburger S tadthaufe offen 
ausgesprochen. Ich  nehme die Gelegenheit w ahr, um 
von Ih n e n  selbst eine A ntw ort in  dieser F ra g e  zu er­
halten. W enn S ie  die geistige A rbett nicht höher be­
w erten, so werden S ie  nach einem Menschenalter, oder 
schon früher, dam it zufrieden sein müssen, daß ihre 
K inder von Lehrern unterrichtet werden, die selbst nicht 
mehr gelernt haben als diejenigen, die jetzt diesen Z u ­
stand herbeiführen, und die jetzt (erregte Zurufe, Un­
ruhe. R ufe: Frechheit!) erklären, daß es nicht not­
wendig sei, für die geistige A rbeit höhere M ittel auf­
zuwenden. (Zuruf: D as ist eine Frechheit, die S ie  sich 
gestatten!) W er es wünscht, daß die geistige A rbeit in  
solcher Weise entw ürdigt w ird, der w ird  natürlich m it 
solchen L ehrern zufrieden sein müssen. (Zurufe.) S ie  
beschimpfen sich ja  selbst, merken S ie  das nicht? 
(R edner sagt dies au f die Z urufe der U nabhängigen, 
die ununterbrochen lau t werden.) Ich  habe es jetzt m it 
dem w erten Haufe zu tun. (R ufe: M it P unk t 14 der 
T agesordnung!) D arüber entscheide ich selbst. (Rufe: 
Schiedsspruch der städtischen Arbeiter!) Ich  bitte, mich
nicht zu unterbrechen, ich stelle fest, daß  d ieses___
(Z uruf S tad tv . F reund : U nterhalten S ie  sich über 
etw as anderes, über Tanzvergnügen!) D ann  m uß ich 
den H errn  Vorsteher bitten, daß H errn  S tad tv e ro rd ­
neten F reund  das W ort erteilt w ird, wenn ich es nicht 
mehr habe. Ich  denke gar nicht d a ran , mich durch 
Zwischenrufe verhindern zu lassen, A usführungen zu 
machen, die ich fü r notwendig halte. (S eh r richtig! 
rechts. —  Rufe: Aber zur Sache!)
W ir wollen, daß auch die tüchtigen K naben au s  der 
Arbeiterschaft dahin kommen sollen, daß sie einm al 
ihrem Genossen, denen sie sich ih rer Herkunft nach am 
nächsten fühlen, geistige F ü h re r sein können. S ie  haben 
im m er behauptet, daß diejenigen, die aus der A rbeiter­
schaft hervorgehen, gerade für die Ärmsten im Volke 
am wärm sten fühlen. S ie  scheinen aber der Ansicht zu 
sein, daß I h re  tüchtigen Köpfe dahin gar nicht sollen, 
denn sonst könnten S ie  zu einer solchen E ntw ürd igung  
der geistigen A rbeit gar nicht die Hand bieten.
Ich  stehe nicht an , nochmals zu erklären, daß es 
mich W under nim m t, daß eine Arbeiterschaft nicht 
wünscht, die Fähigsten ihrer S öhne  in  den Lehrerüerus 
hineinzubringen, dam it sie dort genossenschaftlich tiefer 
empfinden a ls  Bürgerliche. U ns haben S ie  das tiefe 
Gefühl sehr oft abgesprochen.
Ich m uß dann  sagen, daß mich die Ä ußerungen 
des H errn S ta d tra ts  Lange in höchstes Erstaunen ver­
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setzt haben. E r hat erklärt, es sei vielleicht unklug von 
ihm gewesen, daß  er nicht Lehrer geworden sei. N un, 
H err S ta d tra t, m an kennt natürlich nu r den S tan d , 
in dem m an arbeitet, aber ein klein wenig m ehr V er­
ständnis fü r die Tätigkeit eines Lehrenden hätte ich 
bei Ih n e n  vorausgesetzt, w ährend S ie  sich m it solcher 
Leichtigkeit, die ich sonst nicht bei Ih n e n  gewohnt bin, 
über die Tätigkeit und die Schwierigkeiten eines 
Lehrenden hinwegsetzen. S ie  meinten, daß w ir uns 
nicht überm äßig anstrengten. J a ,  H err S ta d tra t, das 
können S ie  eigentlich nicht beurteilen, wie w ir uns an ­
strengen; das ist unsere Sache. (Zurufe von links: 
S ie  haben ja soviel Zeit zu N ebenarbeiten!) W ir 
müssen doch verlangen, daß diese F ra g en  im  M agistrat 
von einem H errn  beurteilt werden, der für unsere T ätig ­
keit ein wenig mehr V erständnis hat, a ls es die W orte 
des H errn S ta d tra ts  Lange verrieten.
Ich bin der Überzeugung, daß durch die ganze A rt 
und Weise, die der M agistrat hier einleiten zu wollen 
scheint, die B ildung und F ortb ildung ganz bedeutend 
zurückgeschraubt w ird. (Rufe von links: I m  Gegenteil! 
S eh r richtig! rechts.) Und m einer M einung nach sollte 
der M agistrat einer S ta d t wie Neukölln das wirklich 
am wenigsten tun . Ich nehme an, daß der M agistrat 
über die T ragw eite dieser B egründung und dieses 
W ollene keinesfalls die tiefsten E rw ägungen  angestellt 
hat, denn sonst könnte die B egründung eine solche F o rm  
nicht angenom m en haben. W ir demokratischen S ta d t­
verordneten erw arten  vom M agistrat, daß er in  E r ­
kenntnis der Tatsache, daß dam it die Volksbildung in 
Neukölln unbedingt herabgedrückt werden m uß (Rufe 
von links: I m  Gegenteil!), von seiner B egründung ab­
rückt, die n u r dazu dienen kann, weiten Kreisen, beson­
ders den Tüchtigen unter der A rbeiterjugend, den 
L ehreiberuf als einen nicht erstrebensweten und einen 
zu meidenden erscheinen zu lassen. (Zustim m ung und 
Widerspruch.)
Bürgerm eister Scholz: Ich will aufmerksam
machen, daß die B egründung, die beanstandet wird, 
eine V ereinbarung ist unter den Gemeinden G roß- 
B erlins. Auch in unserem  M agistrat haben Bedenken 
bestanden, daß alle diese Wünsche, die zum Ausdruck 
gekommen sind, in dem M aße durchgeführt werden 
können, wie es von den G roß-B erliner Gemeinden ge­
wünscht w ird. Auch w ir sind der Auffassung, daß sich 
das im einzelnen nicht w ird durchführen lassen. W ir 
haben aber geglaubt, u n s  an  die allgemeine B eg rü n ­
dung von G roß-B erlin  halten zu sollen, und deshalb 
möchte ich S ie  bitten, doch weitergehende A nträge heute 
abzulehnen. Ich kann durchaus verstehen, und meine 
persönliche Anschauung ging ursprünglich dahin, daß ich 
gern den B eam ten diese Zulage gew ährt hätte. Aber 
nachdem ein einheitliches G roß-B erlin  beschlossen ist, 
können w ir nicht au s der Reihe tanzen. A us diesem 
ganz einfachen G runde haben w ir vorhin die Vorlage 
über die K rankenhausgebühren zurückgezogen, weil 
w ir nicht einsehen konnten, daß in  B erlin  Sätze von 
9 M . festgelegt w erden und bei uns von 12 M . A us 
diesem G runde möchten w ir bitten, daß w ir uns im 
allgemeinen jetzt an die Bestim mungen halten, die für 
G roß-B erlin  getroffen werden und nicht jeder Einzelne 
aus diesem R ahm en herausspringt. Ich möchte des­
halb bitten, alle weitergehenden A nträge abzulehnen.
S tad tvero rdneter F reund  (U .S . P .) : Über die Z u ­
stimmung m einer F raktion  zu P unk t 14 gem äß den 
Beschlüssen der B erliner S tadtverordnetenversam m lung 
kann es ja einen Zweifel nicht geben. M eine D am en 
und H erren! Die B egründung der V orlage w ar, w enn 
sie auch in G roß-B erlin  einheitlich vereinbart worden 
ist, e tw as unglücklich, denn sie hat zu einer Debatte 
A nlaß gegeben, die m it dem Punkte 14 g a r  nichts zu 
tun  hat. (Zustim m ung und Widerspruch.) E s w ar an-
        
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