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Periodical volume 16. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

tone nochmals, ich mutz darauf zurückkommen, weil in 
der Presse falsche Berichte gegeben worden sind. Herr 
S ta d tb a u ra t H ahn hat uns statistisches M ateria l ge­
geben. D arau s  ist einwandfrei nachzuweisen, daß die 
Leistungen der A rbeiter —  und das sind andere A r­
beiter, wie sie H errn S ta d tb a u ra t Zizler unterstellt sind, 
N otstandsarbeiter —  bei weitem unter dem Durch- 
schnitt w aren. Ich weife d a rau f hin, daß die Kosten für j  
die U ntergrundbahn gewaltig sind; nach der Berechnung 
im Herbst vorigen Ja h re s  betrogen sie 60 M illionen 
M ark. Die Frühjahrs-L ohnerhöhungen machen etwa 
8 M illionen M a r t;  daß die weiteren Lohnerhöhungen 
w iederum  8 M illionen M ark ausmachen, ist bekannt, i 
Berücksichtigt m an die M aterialpreise, so haben w ir 
heute schon A usgaben für den U ntergrunübahnbau für 
die zwei S traßenzüge von 90 bis 100 M illionen M ark. . 
D a ist es doch gerechtfertigt, w enn w ir fü r diese Löhne, I 
die gezahlt werden, auch eine A rbeitsleistung fordern.
M eine D am en und Herren! I c h  erkenne selbstver- j  
stündlich an, w as  au f einzelnen Baustellen jetzt ge- j 
arbeitet w ird. Aber es ist bedauerlich, daß an anderen 
S tellen  — und H err S ta d tb a u ra t Hahn hat es ja selbst 
bebauen  —  A rbeitsgruppen da sind, wo die A rb e i t : 
weit unter dem Durchschnitt ist. Also w enn die A rbeits­
leistung norm al wird, erspart die S ta d t eine außer­
ordentlich hohe Sum m e. W enn die A rbeit n u r an einer 
S telle, wo sie geringw ertiger ist, doppelt so gu t w ird, 
sparen w ir doch schon das entsprechende doppelte Geld. 
Also durch diese neue gesetzliche Regelung soll dafür ge­
sorgt werden, daß für die aufgewendeten Löhne und 
Kosten auch entsprechende A rbeit gewährleistet wird. 
Der M agistrat hat nun  die S o rge , daß ihm die Z u ­
schüsse nicht bew illigt werden, weil er nicht glaubt, 
Akkordarbeit oder ähnliches einführen zu können. 
M eine D am en und Herren! Ich  weiß es, daß in der 
Subkommission der U ntergrundbahn ein Teil der A r­
beiter dam it einverstanden w ar und sein mußte, daß 
eine gewisse N orm alleistung festgelegt würde. D aß diese 
N orm alleistung festgelegt w ird  mit der Bedingung, daß 
der, wer sie nicht leistet, nicht werterbeschäftigt w ird  oder 
weniger Lohn bekommt, ist eine gerechtfertigte F o r ­
derung. W arum  soll es nicht möglich sein, daß auch die 
hiesige Arbeiterschaft eine derartige Festsetzung der 
Arbeitsleistungen anerkennen w ürde? Die S ta d t hat 
dann einen doppelten Vorteil, einm al den, daß richtig 
gearbeitet w ird, und auf der anderen S eite  bekommt sie 
Zuschüsse. Jetzt will der M agistrat gegen diese wich­
tige produktive Erwerbslosenunterstützung ankämpfen, 
die doch die Defizitwirtschaft einschränken soll. Dem 
Protest in diesem S in n e  können w ir uns in keiner Hin­
sicht anschließen.
S ta d tb a u ra t H ahn: Ich möchte zunächst insoweit 
H errn  Quäck recht geben, daß selbstverständlich bei dem 
großen Umfange unserer Arbeiten es vorkommt, daß 
auf einzelnen Baustellen nicht das geleistet w ird, w as 
m an  unter Beachtung aller Verhältnisse fordern  müßte. 
D as habe ich auch nie bestritten. Auch bei den da­
maligen Auseinandersetzungen habe ich im m er hervor­
gehoben, daß leider im m er einige A rbeitergruppen sind, 
die das nicht erreichen, w as m an norm al fordern  mutz. 
Ich  habe mich dam als nur dagegen gewehrt, daß ver- ; 
allgem einert w ird und nicht anerkannt w ird, daß auch 
A rbeitergruppen da sind, die voll und ganz das leisten, 
w as w ir norm al fordern können. D as hat heute H err 
Quäck ja  auch anerkannt. W enn hier der M agistrat 
P rotest erhoben hat, so fasse ich die Angelegenheit doch 
etw as anders auf als H err Quäck. Der M agistrat will 
sich wehren gegen den reaktionären Geist, der aus dieser 
Bestimmung weht, der dadurch zutage tritt, daß die 
Verordnung es verw irft, daß eine S ta d t im eigenen 
Betriebe Arbeiten überhaupt zur Bekäm pfung der A r­
beitslosigkeit ausführt. D ies geschieht, wenn gesagt
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wird, die S ta d t soll in der Regel A rbeiten an U nter­
nehm er vergeben. Ich habe früher schon ausgeführt, 
daß eine S ta d t in der Lage ist, genau dasselbe zu leisten 
wie ein Unternehm er, w enn nach demselben tariflichen 
System  bei beiden gearbeitet w ird  und der Unternehm er 
ebenso ta riftreu  bleibt wie die S tad t. W enn die A r­
beiterschaft aber allmählich wieder daran  geht, bei T ief­
bauunternehm ern nach einem Akkord- oder P rä m ie n ­
system zu arbeiten, sind w ir natürlich nicht m ehr in der 
Lage, ebenso wirtschaftlich zu arbeiten wie T iefbau­
unternehm er, w enn w ir nicht folgen, sondern bei der 
Entlohnung nach S tunden lohn  verbleiben. Ich  habe 
Ih n e n  bereits früher erklärt, daß diese heute vor­
liegende V erordnung kommen wird, und w a s  ich d a ­
m als gesagt habe, ist ja im  großen und  ganzen einge­
treten. N u r habe ich nicht gedacht, daß diese V erord­
nung u n s  d as  Akkord- und Präm iensystem  direkt vo r­
schreibt, und dagegen müssen w ir uns wehren. D aß 
eine gewisse Norm alleistung vorgeschrieben w ird, da­
gegen werden auch w ir u n s nicht wehren, denn wie 
H err Quäck bereits sagte, habe ich schon im F eb ru ar mit 
der Arbeiterschaft verhandelt, und sie hat anerkannt, 
daß selbstverständlich in einem Eigenbetriebe, w enn er 
von uns durchgehalten werden soll, w enn w ir den B e­
weis liefern sollen, daß w ir wirtschaftlich arbeiten, einen 
gewissen M aßstab über Norm alleistungen festlegen 
müssen. E s  darf bloß kein Druck- und  Schwitzsystem 
daraus werden. W enn die V erordnung so aufgefaßt 
würde, w ären  w ir zufrieden. W ir stimmen aber da­
gegen, weil in  der V erordnung das reine Akkord- und 
Präm iensystem  vorgeschrieben w ird.
S tad tverordneter R eum ann (S . P .D .) :  Ich  habe 
meinen A ugen nicht ganz getraut, a ls  ich diese V erfü­
gung las, und ich kann es nicht verstehen, daß  aus 
einem M inisterium , dem ein H err vorsitzt, der lange 
J a h re  Gewerkschaftsleiter w ar, eine derartige V er­
fügung herauskom m en kann, wie von einer Regierung, 
der doch eine ganze Reihe von M än n ern  angehört, die 
sich zu dem A ktionsprogram m  bekannten, das davon 
sprach, daß die Gemeinden ihre A rbeiten möglichst in  
eigener Regie durchzuführen haben, dieser V erordnung 
zugestimmt w erden konnte. W enn irgend etw as ge­
eignet ist, die eigenen Regiearbeiten zu unterbinden, 
dann ist es eine derartige V erordnung. W ir schließen 
uns deshalb dem Protest des M agistrats an  und w ü n ­
schen, dam it er sicher E rfolg hat, daß durch eine persön­
liche Rücksprache beim Reichsardeitsm inisterium  ihm 
Nachdruck gegeben w ird. D as soll nicht heißen, daß  w ir 
nun, wenigstens ich fü r meine Person, es durchaus ab­
lehnen, daß  ein bestimmtes anderes Arbeitsfystem durch­
geführt w ird; es ist ganz zweifellos, daß von dem Ver­
langen der Arbeiter, n u r im Zeitlohn zu arbeiten, auch 
in G roß-B erlin  in  weiten Arbeitsschichten schon jetzt ab­
gegangen ist. Von der Tischlerei z. B . ist es bekannt, 
daß außerordentlich viele Leute in Akkord arbeiten, 
und es ist dies auch bei den N otstandsarbeiten in  ande­
ren Gemeinden, bei T iefbauarbeiten der F a ll, w enn 
auch vielfach die Unternehm er aus bestimmten G ründen 
das offene Akkordsystem einzuführen vermeiden, dafür 
irgend einer G ruppe von Arbeitern m it einigen blauen 
Lappen heimlich bedenken. H err B a u ra t H ahn w ar 
heute m orgen in der Lage, in der Unterkommission 
über einen solchen F a ll zu berichten. Auch unsere N ot­
standsarbeiter w aren  kürzlich bereit, einen gewissen A b­
schlag vom Lohn zu gestatten, wenn un ter einer fest­
gelegten N orm alleistung gearbeitet würde. Ich  hoffe 
auch, daß unsere Arbeiterschaft allmählich zu der Über­
zeugung kommt, daß wieder nach der Arbeitsleistung 
bezahlt w erden m uß. N iem and w ill ein Akkordsystem 
haben. (Zwischenrufe.) N iem and denkt an  ein Akkord­
system wie früher, wo Akkordarbeit wirklich M ord- 
arbeit w ar, wo der A rbeiter in  der w ahnsinnigsten
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