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Periodical volume 16. Januar 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

her unsererseits zu bewerten, wie cs sich gehört. Also 
w ir wollen nur, dah einm al K larheit gegeben w ird: 
wie entwickeln sich derartige städtische Unternehm ungen, 
und zw ar nicht n u r  im Laufe des letzten Ja h re s , son­
dern w ährend der ganzen Zeit, seit sie existieren. D as 
ist unser Wunsch.
Ich habe ferner im vorigen J a h re  vor B eginn der 
E ta tsberatungen  den A n trag  gestellt, der M agistrat 
möge u n s eine Übersicht über die Kriegskredite über­
mitteln. Ich  möchte diesen A ntrag  in  diesem Ja h re  für 
überflüssig halten, weil ich annehme, der neue H err 
Käm m erer w ird  von selbst m it einer solchen Übersicht 
kommen. N u r möchte ich den Wunsch ausdrücken, daß 
diese Übersicht wirklich eine Übersicht w ird und nicht so 
ausfällt wie im vorigen Ja h re , wo die Zahlen, die uns 
geboten wurden, doch zum Teil recht unklar w aren, 
denn sie w aren  zum Teil unvollkommen, zum Teil nur 
Salden-, und ich möchte deshalb bitten, dafür zu sorgen, 
dah w ir aus der Übersicht über die Kriegskredite dann 
wenigstens mehr ersehen können, als bloß die Tatsache, 
daß w ir eine A nzahl von M illionen ungedeckter Schul­
den haben, und daß dann Kollege Radtke nicht wieder 
nötig hat, auf den Tisch zu schlagen und zu sagen: 
D ann  ist die ganze Geschichte überhaupt nichts wert!
W as den Wunsch anbetrifft, das W ort „unverzüg­
lich" zu opfern, so legen w ir d a ra u f herzlich wenig 
W ert. W ir haben das W ort hineingeschrieben, weil 
w ir uns sagten, wenn unser M agistrat etw as „unver­
züglich" macht, dann  dauert das an sich schon eins ganze 
Weile. (Heiterkeit.) Ob das n u n  drin steht oder nicht, 
vor allen D ingen liegt uns daran , daß w ir diese Über­
sicht mindestens b is zur E ta tsberatung  bekommen.
S tad tverordneter Dr. Bierbach (B ürgl. V .): M eine 
D am en und Herren! G anz so einfach, wie H err : 
Kollege Kunze sich die Sache gemacht hat, fassen 
w ir die Sache doch nicht auf; w ir un ter­
stützen den A ntrag  und werden noch einen kleinen Z u ­
satzantrag stellen. W ir gehen dabei nicht von dem 
S tandpunkt aus, daß w ir diese Gelegenheit benutzen 
wollen, gegen die Sozialisierung W ahlreden zu halten. 
W enn w ir gegen die Sozialisierung sprechen, dann 
machen w ir das, wenn irgend etw as sozialisiert werden 
soll. S o  fassen w ir den A ntrag  nicht auf. W ir sehen 
den A ntrag  a ls  eine unbedingte Notwendigkeit an, um 
eine Übersicht zu bekommen über die F inanzlage der 
S tad t. E s  ist grundfalsch, w as H err Kollege Kunze 
gesagt hat, es sei gleichgültig, ob die Gesamtheit der 
S tadtverordnetenversam m lung diese Zahlen in die 
Hände bekommt, oder die einzelnen D eputationen und 
Kommissionen- D ann w eiß die Sozialisierungskom ­
mission, die S ta d t Neukölln hat so und so viel hundert­
tausend M ark in  der Ziegelei von Gransee angelegt, 
irgend eine andere Kommission weiß, so und so viel 
Geld steckt in  der städtischen Tischlerei, aber kein einziger 
S tad tverordneter h a t einen Überblick darüber, w as  die 
S ta d t in  allen  ihren wirtschaftlichen Betrieben an ­
gelegt ha t insgesam t. Ich darf S ie  daran  erinnern, 
daß von allen P arte ien  dieses Hauses in  der letzten 
S itzung der Kaffen- und F inanzdeputation  dieser M iß ­
stand anerkannt worden ist. Deshalb werden w ir von 
diesem A ntrage unter keinen Umständen abgehen, 
und w enn S ie  diesen A n trag  ablehnen, meine H erren 
von der M itte, dann  zeigt das, daß  S ie  Angst haben, 
daß S ie  sich darum  herumdrücken wollen, u n s  reinen 
W ein einzuschenken über die F inanzlage unserer S tad t.
H err Kollege Kunze hat gesagt, es werden uns die 
B ilanzen zugänglich gemacht werden. M eine Dam en 
und Herren! W as heißt denn das?  W er B ilanzen zu 
lesen versteht, weiß, daß  m an aus der B ilanz, wenn 
derjenige, der sie aufstellt, es will, überhaupt nicht klug 
w erden kann. (Widerspruch.) Nein! Gerade das, w as 
w ir wissen wollen, können S ie  nicht au s jeder B ilanz
herauslesen. (Zwischenrufe.) W enn S ie  das nicht glau­
ben, w ill ich Ih n e n  ein Beispiel geben. E in  solcher 
Betrieb —  ich nehme einen von der S ta d t losgelösten 
Betrieb —  stellt eine B ilanz auf. D a steht dann  auf 
der Passivseite ein Posten Kreditoren, d. h. auf Deutsch: 
G läubiger. D ann kann ich nicht wissen, ob die S ta d t 
Neukölln dieser G. m. b. H. Geld geliehen hat, oder die 
S tad tbank  Neukölln, oder irgend ein anderer G läubiger; 
es kann sich auch um Warenfchulden handeln. Also 
können w ir gerade das nicht herauslesen, w as w ir 
wissen wollen, wie weit die S ta d t a n  die Gesellschaft 
Forderungen hat. D as müssen S ie  m ir ohne weiteres 
zugeben. (Zwischenruf.) La, wenn S ie  das tun  wollen, 
geht es, aber w enn S ie  einfach sagen. S ie  legen eine 
B ilanz vor, und daraus können w ir alles herauslesen, 
so ist das keineswegs der F all.
W eiter: E s wurde von der Großhandelsgesellschaft 
gesprochen. Die w ird  keine B ilanz vorlegen können, 
höchstens die Eröffnungsbilanz. Ich weiß nicht, wie sie 
aussieht, vielleicht so: Aktiva: Bankguthaben 50 009 
M ark., Passiva: K apital 50 000 M . Ich schätz«, das 
w ird die Eröffnungsbilanz fein. D am it ist uns nicht 
gedient. W ir wollen keine Bilanz, w ir wollen eine 
Aufstellung haben, wieviel Geld die S ta d t Neukölln der 
Großhandelsgesellschaft geliehen hat.
D a komme ich zu einem anderen. Nicht n u r  das 
m uß aufgeführt werden, w as die S ta d t der H. m. b. H. 
und anderen Betrieben geliehen hat. sondern auch, w as 
die Sradtbank Neukölln den Betrieben geliehen hat. 
Die S tad tbank  Neukölln fällt nicht unter den A ntrag, 
aber tatsächlich ist das nichts anderes. D as Geld n ä m -__ 
lich, das die S tad tbank  Neukölln diesen Betrieben geben'  
muß, könnte sonst die S ta d t  Neukölln a n  sich ziehen, 
und ich glaube, der H err K äm m erer w ird m ir zugeben, 
daß die S ta d t Neukölln von der S tad tbank  soviel Geld 
nim m t, wie sie irgend kriegen kann. Also so einfach 
liegt die Sache nicht.
E s  käme auch in Betracht —  ich weiß nicht, ob 
das der F a ll ist — , welche M ittel die städtische S p a r ­
kasse diesen Betrieben geliehen hat. E s find alle m ög­
lichen Dinge, über die w ir klar sehen wollest. Also mit 
B ilanzen ist uns nicht gedient. B ilanzen wollen w ir 
vorläufig überhaupt nicht haben, sondern es soll ledig­
lich einm al festgelegt w erden im Interesse einer gefunden 
Finanzwirtschaft Neuköllns, welche F orderungen  die 
S ta d t oder von  der S ta d t abhängige In stitu te  an 
U nternehm ungen der S ta d l haben. Ich würde deshalb 
vorschlagen, die Ziffer 3 des A ntrages so zu fassen: 
3. die von der S ta d t oder von Institu ten , die von der 
S ta d t abhängen, außerdem  geleisteten Nachzahlungen. 
Zuschüsse und Darlehen.
S tad tvero rdneter Radlke (U .S . P .) : Ich  halte es 
im m er m it denen, die da sagen: w ir wollen uns nichts 
vormachen. D eshalb wollen w ir die Dinge so nehmen, 
wie sie sind. —  H err Kollege Bierbach, eine S o zia li­
sierung mit Entschädigung, eine Kom m unalisierung 
mit Entschädigung ist an und fü r sich ein Unsinn, weil 
m an W erte bezahlen m uß, die in Wirklichkeit nicht vor­
handen sind. D eshalb kann es sehr leicht vorkommen, 
dah die Unternehmen, die w ir jetzt kommunalisieren, 
in  der ersten Zeit nicht so ertragsfäh ig  sein können, 
weil w ir die alten Baracken zu einem hohen Satze a n ­
gerechnet bekommen. D arüber heute schon ein Urteil 
zu fällen, ist nicht möglich. Die H erren Antragsteller 
haben den größten W ert auf die Absätze 3 und 4 ge­
legt; das andere ist n u r  zur Perschönerung so mit 
vornean gesetzt worden. Aber w ir find Ih n e n  doch 
dankbar, daß S ie  den A ntrag  gestellt haben, denn w ir 
begrüßen jedes M ittel, welches geeignet ist, diese un­
sinnigen falschen Gerüchte, die gegenw ärtig in der B e­
völkerung herumschwirren, zu beseitigen. M eine Damen 
und Herren! W as ist in den Versam mlungen für Un-
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