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Periodical volume 16. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

Laß diesen H errschaften, Liesen P riv a tk ap ita lis ten , m ehr 
a ls  b isher der B aden  u n te r  den F ü ß en  entzogen w ird . 
W ir müssen in  schärfster Weise zum  Ausdruck bringen, 
daß eine W irtschaftspolitik  in a u g u r ie r t w erden m uß, 
die sich dem allgem einen  In teresse  und nicht dem 
privatkapitalistischen n äh e rn  m uß . W ir  müssen der 
R eg ie ru n g  zu verstehen geben, daß  es in  dieser Z eit 
unm öglich sein sollte, daß  einzelne Gesellschaften noch 
sc hohe D ividenden ausschütten, w ie es die K ohlen­
barone  heute tatsächlich noch zu tun  im stande sind. Ich  
möchte deshalb  auch an  die F reu n d e  c t u  links die 
d ringende B itte  richten, d ir S tad tg em ein d e  nicht en t­
gelten zu lassen fü r etw aige F eh le r , die au f dem  G e­
biete der W irtschaftspolitik liegen. M e in e r  A uffassung 
nach ist es ein verkehrter S tan d p u n k t, in  einer G e­
m einde, in  der m an  lebt und  w ebt und fü r deren fo rt­
schrittliche K u ltu r m an  e in tritt, d aß  m a n  dieser G e ­
m einde gegenüber sich w eigert, M itte l bereitzustellen, 
die fü r  die E rled ig u n g  vcn  K ü ltu rfo rd eru n g en  u n u m ­
gänglich no tw end ig  sind. M ir  schwebt jetzt vor, daß 
diese P o litik  auch von I h r e n  eigenen Genossen nicht 
übera ll getrieben  w ird . Ich  w eiß  mich zu entsinnen, 
daß  kürzlich in  Düsseldorf die un ab h än g ig e  F rak tio n  
in  der S tad tv e ro rd n e ten v e rsam m lu n g  einem  6. S te u e r ­
v ie rte ljah r zugestim m t h a t m it der einfachen B e g rü n ­
dung, d aß  m an  geradezu feinen eigenen S ta n d p u n k t 
und die eigene T ätigkeit erschweren w ürde , w enn  m an
der S ta d t  die M itte l verw eigere, die sie no tw end ig
gebraucht, um  fü r  die kulturelle Besserstellung der
eigenen S ta d t  und der G em eindegenossen S o rg e  zu
tragen .
D ah er richte ich a n  S ie  die dringende B itte , doch 
von diesem S ta n d p u n k t abzugehen u nd  der A uffo rde­
ru n g  des H errn  S ta d t r a t s  C o n rad  F o lg e  zu leisten, 
fü r die V orlage  m it e inzu treten .
S ta d tv e ro rd n e te r  G ü ttle r  (S . P .  D .): M eine  D a­
m en und H erren ! E s  ist nicht das erste M a l, daß w ir 
u n s  bezüglich der K ohlenfrage in e iner Diskussion be­
finden. W enn  H err Kollege Quäck heute seine R esolution  
nicht eingebracht hätte , so w ürden  w ir u n s  in e iner der 
folgenden S itzungen  erneu t m it der K chlenxreis- 
e rhöhung  beschäftigt haben . A ber d a  durch die R eso­
lu tion , die H err Quäck der S tad tv e ro rd n e ten v e rsam m ­
lu n g  vorgeleg t ha t, die ganze K ohlenfrage e iner E r ­
ö rte ru n g  zugeführt ist, sc w erde ich gezw ungen, dazu 
e tw a s  zu sagen.
I n  A u sfü h ru n g  des Beschlusses, der seinerzeit hier 
gefaß t w u rd e  in  B ezug  au f die K ohlenfrage, ist die 
A ngelegenheit der Sozialisierungskom m ission ü b e r­
wiesen w orden . W en n  H err W erm u th  e rw äh n t, daß  
in  e iner der letzten S itzungen  H err B a u r a t  Z izler einen 
kurzen B ericht ü b e r die A rbe it der S o z ia lis ie ru n g s­
kommission in  diesem P u n k te  gegeben habe, welche B e ­
schlüsse sie gefaß t u nd  durchgeführt habe, so möchte ich 
h ier zunächst jenen B ericht rekap itu lieren  und  er­
gänzen. D ie Sozialisierungskom m ission ha t sich in 
e iner län g eren  S itzung  m it dieser F ra g e  beschäftigt 
und eingehend alles erw ogen , w a s  dazu führen 
könnte, um  unserer städtischen B evölkerung  eine E r ­
leichterung in B ezug au f die K ohlenm isere zu v e r­
schaffen. W ir kam en zu dem  Beschluß, eine D epu ta tion  
an  d a s  R eichsw irtschaftsm inisterium  zu entsenden, 
eventuell auch zum  K ohlenra t, um  d o rt zu hören, welche 
M om ente  es begründen , Laß die K ohlenknappheit eine 
so um fangreiche ist u n d  welche M om en te  die Ursache 
seien, d a ß  die P re iss te ig e ru n g  eine so außerordentlich  
große ist. I n  diese K ommission w u rd en  entsandt: 
vom M a g is tra t H err B a u ra t  Z izler, von d en  U nab ­
h än g igen  H err A dam eit und von den M eh rh e its ­
sozialisten m eine W enigkeit. W ir  haben  e tw as  lange 
w a rte n  müssen, b is  w ir  im  R eichsw irtschaftsm inisterium  
eine U n terredung  e rh a lten  konnten. V om  M in iste r
w urde  u n s  eine baldige U n terredung  in  Aussicht ge­
stellt, a b e r bei der u n ruh igen  Z e it w a r  e s  nicht möglich, 
den T e rm in  innezuhalten , e r w urde  m ehrfach ver­
schoben. E rst später haben  w ir eine S itzung  im  
R eichsw irtschaftsm inisterium  gehab t, und zw a r nicht 
; m it dem  M in ister selbst, sondern m it dem U nterstaa ts- 
; iekretär Professor D r. Hirsch. W ir  haben u n s  l 'A  S tu n ­
den un te rh a lten  und hatten  eine eingehende E rö rte ru n g . 
W ir a ls  V e rtre te r  der S ozia ldem okratie  m  der S ta d t ­
vero rdnetenversam m lung  haben  natürlich d o rt m it allem  
Nachdruck unsere Wünsche nach der R ichtung h in  vor- 
i  getragen , daß  w ir eine glückliche Lösung der K vhlen- 
I  frage  n u r  d a rin  erblicken, daß  die S oz ia lis ie ru n g  der 
i  B ergw erke stärker be trieben  und durchgeführt w erden  
I m üßte. D ieser F o rd e ru n g  ist nicht w idersprochen 
| w orden . Ich  habe die F ra g e  gestellt, w au m  m a n  die 
| S o z ia lis ie ru n g  nicht w irksam er in s  A uge faste. D a ra u f  
w urde  gesagt, daß, w enn  w ir  heute die K oh lengruben  
der V erstaatlichung zuführen w ürden , die E n ten te , die 
a ls  G läu b ig e rin  des Deutschen Reiches auftre te , in  den 
; B ergw erken  Rechte beanspruchen könnte, w odurch die 
ganze K ohlenw irtschaft D eutschlands gefährdet w ürbe.
| Ic h  habe  H e rrn  Hirsch w eiter die F ra g e  vorgelegt, ob 
; d ies der einzige G ru n d  m äre, oder ob im  W irtschafts­
m in isterium  noch andere G rü n d e  gegen eine S o z ia li­
sierung vorliegen. D a ra u f  w urde  m ir e rw idert, d aß  
die angegebenen B efüchtungen nicht der alleinige 
G ru n d  sei, sondern  es seien auch W iderstände in n e r­
halb  der R eg ie ru n g  selbst zu überw inden , und zw ar 
w ä re n  W iderstände speziell in  der preußischen R egie- 
j  ru n z  v o rhanden , er n a n n te  dabei d a s  M in is te rium , 
j d a s  dabei in  F ra g e  käme, das H andelsm in isterium . Die 
G rü n d e , die von dort a u s  gegen die S ozia lis ierung  in  
den V o rd e rg ru n d  geschoben w erden, lassen sich dah in  
I zusam m enfassen: M a n  befürchtet, daß  bei e iner S o ­
zialisierung  der B ergw erke die P ro d u k tio n  leiden 
könnte: m an  w ies  d a ra u f  h in , daß  in  den preußischen 
B ergw erken , die d e r preußische S t a a t  besitzt, die P r o ­
duktion ungünstiger sei a ls  in  den p riv a ten  B ergw erken . 
M ir  können u n s  dieser A uffassung nicht anschließen,
; ich Hesse auch, d aß  die m aßgebenden H erren  im  W ir t­
ichastsm inisterium  diese B e g rü n d u n g  des W iderstandes 
: der preußischen R eg ie ru n g  nicht a ls  stichhaltig e r­
achten. E s  ist anzunehm en, daß, w enn  die P ro d u k tio n  
in  den fiskalischen B ergw erken  nicht die gleiche Höhe 
erreicht, w ie in den privatm irtsthöstlichen B ergw erken,
| d as  da rau s zurückzuführen ist, d aß  der S ta a t  erst später 
diese G ru b en  gekauft hat, diese erst später in B etrieb  
i genom m en  sind, daß  sie infolge ih re r ganzen L age 
w en iger erg iebig  sind und  d a rin  die geringere P ro -  
duktionLmöglichkeit b eg rü n d e t ist. Über die K ohlen­
knappheil w urde u n s  dahingehend A uskunft gegeben, 
daß  diese d a r in  beg rü n d e t sei, daß  ein T e il unserer 
K ohlengruben nicht m ehr Deutschland gehöre, daß  w ir  
auch verpflichtet seien, riesige L eistungen der E n ten te  
: gegenüber zu erfü llen , und andererseits durch die ganzen 
V erhältnisse, durch den K rieg , die B ergw erke h e ru n te r­
gew irtschaftet seien, auch die L eistungsfähigkeit der 
A rb e ite r habe nachgelassen. Die K ohlenknappheit sei 
also in  der verm inderten  P roduktionsm öglichkeit be­
gründet.
W a s  die P re ise  betrifft, so w urde  von unserer 
S e ite  d a ra u f  hingew iesen, daß  eine große R eihe von 
B ergw erken  doch recht hohe Überschüsse erziele, u nd  d a ß  
diese Tatsache w ohl n u r  d a ra n  schuld sei, d aß  der 
P re is  der Kohle in  dem M aß e  in die Höhe gehe, w ie 
es jetzt der F a ll  w äre . V on H e rrn  Hirsch w urde  d a s  
nicht bestritten, aber es w u rd e  gesagt, daß  auch B e rg ­
werke v o rhanden  seien, die in  B ezug au f D ividende 
: nicht so günstig dastehen. D ie V erhältnisse liegen eben 
außerordentlich  verschieden. E s  w urde  ab e r —  und  d as 
möchte ich nicht u n e rw ä h n t lasten —  von H e rrn  Hirsch
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