Path:
Periodical volume 16. April 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

des J a h re s  10 PH pro Kubikmeter zurückzuvergüten. E s 
ist das der Satz von B erlin . W ir haben alle ein I n ­
teresse daran , möglichst dafür zu sorgen, daß w ir einen 
E ta t bekommen, der in E inklang zu bringen ist bei der 
Eingem eindung der Gemeinden m it B erlin . S ie  
w ürden also den B erliner Satz zu dem unsrigen machen.
Ähnlich ist es beim Elektrizitätswerk. W ir kommen 
mit den Preisen, wie sie festgesetzt sind, auch mit den 
B erliner Sätzen -gleich.
Über die Politik w ill ich mich nicht auslasten. Ich 
betone, für uns kommt es an, mit den gegebenen 
Verhältnissen zu rechnen, und da können w ir leider 
nicht anders, a ls Ih n e n  den Vorschlag zu machen, den 
G aspreis  auf 1 M . zu erhöhen, auf 90 P f . bei einem 
M indestvcrbrauch von 365 Kubikmetern pro J a h r , 
also täglich 1 Kubikmeter; desgleichen den T arif des 
Elektrizitätswerkes, zu den tarifm äßigen Preisen van 
40 P f. und 13 P f. pro Kilowattstunde Zuschläge zu 
erheben. F ü r  jede M ark, die der K chlenpreis über 
20 M . je Tonne liegt, w ird bei dem 40 -P f.-S trom  ein 
Zuschlag von 0,6 P f., bei dem 13-P f.-S trom  ein Z u ­
schlag von 0,4 P f. fü r jede Kilowattstunde erhöben. 
Auf die tarifm äßigen Zählergebühren w ird ein Z u ­
schlag von 300 % verrechnet.
W enn w ir diese E rhöhung des G aspreises ge­
nehm igt bekommen, glauben w ir ja, daß w ir über 
d as Schlimmste hinwegkommen, und w ir wollen 
hoffen, daß für die Zukunft wieder einm al gesunde 
Verhältnisse Platz greifen, wo die Kohle nicht ins Un- 
gemessene steigt, sondern w ir wollen hoffen, daß sie sich, 
wie andersw o, auch auf dem Kohlenmarkt bemerkbar 
machen, und dann glaube ich, daß auch wieder gesunde 
Verhältnisse eintreten. Ich  möchte also bitten, dem 
Vorschlage des M agistrats und der D eputation der 
städtischen Werke zuzustimmen, und den G asp re is  jetzt 
schon auf 1 M . bezw. 90 P f. zu erhöhen. W ir kommen 
deshalb zu dem Vorschlage, weil w ir nicht w arten 
können bis M ai oder nach der E ta tsberatung , daß w ir 
dann  erst m it der P re iserhöhung  vorgehen können. 
D as w ürde dann unseren G ew inn bedeutend reduzieren. 
A us diesem G runde bitten w ir, heute schon I h re  Z u ­
stimmung zu dieser V orlage geben zu wollen.
S tadtverordnetenvorsteher W erm ulh: M eine D a­
m en und Herren! Ich  möchte meine A usführungen 
ziemlich kurz fasten. H err Kollege Quäck ha t einen be­
sonders m arkanten Ausspruch getan, in dem er sagte, 
alle F äden  laufen zusammen in einer F rage, nämlich 
in  der Kohlenfrage. S teigen  die Kohlen im  Preise, 
so steigen natürlich auch die Preise für die B e d a rfs­
artikel. E s ist Las ein Rechenerempel für denjenigen, 
der sich etw as mit dem Gebiete der praktischen Ökono­
mie beschäftigt hat.
Ich habe mich zum  W ort gemeldet, weil ich in 
den A usführungen des H errn Kollegen G roßm ann 
nicht das finde, w as eigentlich nach Lage der Sache 
nötig w äre, um den S tandpunk t der F rak tion  der u n ­
abhängigen P a r ie i einigerm aßen zu begründen. Ich  
finde, daß hier eigentlich an der unrichtigen S telle a n ­
gefaßt w ird. G ew iß ist w ahr, daß die Preise der 
Kohlen um das Achtzehn- und Zwanzigfache gestiegen 
sind, die Höhe der Arbeiterlöhne aber n u r um  das 
F ü n f- bis Sechsfache gestiegen ist. Und w ahr ist, daß 
heute —  w a s  ich für eine Schande halte —  Kohlen­
barone noch eine Dividende ausgeschüttet erhalten, 
die oft 20% beträgt. A ls eine Schande m uß dies gelten 
angesichts der Tastache, weil w ir ja vielleicht auf J a h r ­
zehnte hinaus, w enn nicht im A uslande eine Ernüchte­
rung Platz greift, verpflichtet sein werden, französischen 
und englischen Kapitalisten T ribu t zu leisten. E s  sollte 
unmöglich sein in einem Lande wie Deutschland, d as  au f 
Jahrzehnte hinaus a n  einer ungeheuren Knappheit 
aller M ateria lien  und Bedarfsartikel leidet, auch noch
6
inländischen Volksgenossen so ungeheure G ew inne in 
den Schoß fallen. E s  ist m it Recht gesagt worden, 
Schuld d aran  träg t zu einem Teile die R egierung, die 
eine verkehrte Wirtschaftspolitik getrieben hat. E s 
w äre aber falsch, w enn m an sagen wollte, daß, wenn 
w ir einen E influß auf die gesamte G estaltung unserer 
Produktionsverhältnisse hätten, sich dann die Kohlen­
preise wesentlich heruntersetzen w ürden. Ich  w age das 
zu bezweifeln und mit einem N ein zu beantw orten.
Ich sagte, es ist ein Rechenexempel. D as Gold 
als R epräsentant des allgem einen W ertes ist aus dem 
Verkehr verschwunden. Die Banknote, die noch vor 
Ausbruch des Krieges durch ein D rittel des G old­
bestandes gedeckt wurde, ist ebenfalls verschwunden. 
Übrig geblieben sind die Papierscheine, die keinen W ert 
mehr darstellen, die eigentlich nu r a ls  W ert das gute 
W ort des S ta a te s  hinter sich haben. Diese P a p ie r ­
menge, genann t Geld, ist es, die den P re is  der Kohle 
so gewaltig hinausgeschraubt hat; der P re is  kann nur 
dann  fallen, w enn das Land wieder feine eigene 
Lebensfähigkeit erw orben hat. d. H. wenn w ir wieder 
soviel W are haben, wie die Bevölkerung notw endiger­
weise gebraucht, um das Leben fristen zu können. 
Ich w ürde vielmehr die F ra g e  so gelöst sehen, daß  ich 
sage, daß der ungeheure P ap ierum lau f eingedämmt 
werden müßte, und er könnte nur eingedäm m t werden 
(Unruhe), w enn der S ta a t  mit einem S ch lage . . .  (Z u ­
ruf: Sozialisierung!) Nicht Sozialisierung, das w äre 
ein verkehrtes Rechenexempel. Ich sage, daß vielleicht 
der S ozia lism us Schissbruch erleiden könnte, wenn 
w ir im Augenblick der ungeheuren Zerfahrenheit da­
m it einsetzen w ürden. W äre die F orderung  nach dem 
9. November, sofort die Bergwerke zu sozialisieren, 
erfüllt w orden, w ir hätten das größte P a n a m a  er­
litten! Die Bergwerke find Heute noch in einem luder- 
m äßigen Zustande. Die Bergwerke sind durch ihre un ­
geheure A usbeutung w ährend der langen Kriegszeit 
in einen elenden Zustand versetzt. Keine N otarbeit 
w urde mehr geleistet: w ir hätten also von vornherein 
mit einer ungeheuren E rhöhung der Förderkosten 
rechnen müssen. Die Folge w äre gewesen, daß der 
Gedanke der Sozialisierung von vornherein kompro­
m ittiert worden w äre. Inso fern  ist die F rage  der S o ­
zialisierung vom prinzipiellen S tandpunkt wohl sehr 
ernst zu erw ägen, aber nu r dort, wo m an auch darauf 
rechnen kann, daß w ir den S ozia lism us nicht in M iß ­
kredit bringen.
M it Recht hat H err Kollege Quäck gesagt, die Kohle 
ist heute viel m inderw ertiger als früher. D as liegt 
eben an  der ungeheuren A usbeutung der Kohlen­
bergwerke. W ären  die Kohlen, wie früher, regulär 
gefördert w orden und  nicht, wie in  der Kriegszeit, in 
übereilter Weife, dann  w äre die Kohle heute vielleicht 
nicht so m inderwertig.
N un  ist ein A n trag  eingegangen, der versucht, 
einen A usw eg zu finden und die Regierung zu ver­
anlassen, M ittel und Wege zu ergreifen, um den 
S täd te n  billigere Kohlen zuzuführen, dam it sie den 
Abnehm ern von G as und Elektrizität nicht so unge­
heure Preise abzunehmen gezwungen sind. Der A n­
trag  ist gut gem eint, und er m uß die Unterstützung 
eines jeden finden, dem daran  liegt, daß die R egierung 
endlich au f den E rnst der Lage aufmerksam gemacht 
w ird. Aber auch ich wage zu bezweifeln, ob dieses rein  
platonische Wirken unserer Versam m lung von ent­
scheidendem E influß au f die wirklichen Entschließungen 
der Regierung sein w ird. Vergessen w ir nicht, es sind 
Menschenkräfte am  Werke, die den ganzen sozialistischen 
Fortschritt, die ganze Sozialisierung m ehr oder w eniger 
zu sabotieren gewillt sind. E s  sind jetzt Widerstände 
am  Werke, die w ir n u r überw inden können, w enn w ir 
mit ernster und fester Entschlossenheit darauf drängen,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.