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Periodical volume 31. März 1920

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1920

dort denselben Unterricht, der vom Leiter angeordnet 
ist, nur mit dem Unterschiede, daß es ihm möglich ist, 
den naturgeschichtlichen Unterricht in der freien Natur 
zu erteilen, aber irgend eine neue Änderung tritt nicht 
ein. W ir haben also eigentlich oenselben Unterricht wie 
jetzt, nur mit der Möglichkeit, den naturwissenschaft­
lichen Unterricht draußen zu erteilen, den Kindern 
Gartenkunde beibringen zu können, sie an  Ort und 
Stelle in Kenntnis setzen zu können davon, wie man 
das Land bebaut, wie man Gemüse zieht und andere 
naturwissenschaftliche Kenntnisse an Ort und Stelle ge­
winnt. Ich muß also sagen, daß tatsächlich eine doppelte 
Schulleitung stattfindet, eine innerhalb der Stam m - 
schule und eine solche außerhalb, in der Gartenschule. 
Nun ist nicht klar, wie das möglich ist. Worin, besteht 
eigentlich dir Leitung, die der Gartenschulleiter draußen 
hat? Die einzelnen Lehrer müssen nach dem Plane 
unterrichten, den sie von ihrem Innenleiter haben. M ir 
ist noch nicht ersichtlich, wie sich die Leityngsbefugnisse 
des Gartenschulleiters eigentlich gestalten. Jedenfalls 
Hot der Gartenschulleiter keine von den in der Dienst­
anweisung für Schulleiter genannten Befugnisse/ Bis 
jetzt habe ich wenigstens von niemand etwas darüber 
erfahren können. Ich erwarte, daß ich heute vielleicht 
noch Angaben dafür bekomme, falls aber den Dienst der 
an der Gartenschule Lehrenden der Leiter der M utter­
schule festsetzt, kann von einem Schulleiter der Garten- 
schule keine Rede sein, weil er nur die Klassen empfängt 
und ihren lehrplanmäßigen Unterricht beobachtet. Wenn 
nun der M agistrat sagt, es erscheint angemessen, für die 
Stelle des Gartenschulleiters das Diensteinkommen eines 
Volksschuliektors anzusetzen, so erscheint das meiner 
Parte i nicht angängig. Es müßte zunächst nach­
gewiesen werden, ob draußen in der Gartenschule die­
selbe Schulleitung stattfindet, die die Schulleiter großer 
Schulen zu Hause haben. Is t das nicht der Fall, so 
können w ir nicht billigen, daß für den Gartenschulleiter 
ein gleich hohes Einkommen angesetzt wird. I n  dem 
Augenblick, wo man in Neukölln sa sparsam vorgehen 
zu müssen behauptet, daß man manchmal Anträge sehr 
unglücklicher Menschen ablehnte mit der Begründung, 
es seien keine Mittel da, erscheint uns diese Freigebigkeit 
doch nicht tunlich, und ich sehe mich daher gezwungen, 
die Bedenken unserer Partei zum Ausdruck zu bringen. 
Es ist innerhalb unserer Gruppe klar zum Ausdruck ge­
kommen, daß es hier den unangenehmen Eindruck 
macht, als wollte man für eine gewisse Persönlichkeit ein 
Amt schassen. (Hört, hört!) Ich bin gezwungen, das 
klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen.
D ann möchte ich noch die Frage beantwortet haben, 
wie m an sich die fachkundigen Lehrkräfte am der 
Gartenschule denkt. Ich weiß nicht, ob die Lehrer a ls 
Gartenschullehrer auch Zwischenlehrer sein und als 
solche genau so gestellt werden sollen, wie die übrigen 
Zwischenlehrer. D as würde mir angesichts der Tatsache 
unglaublich erscheinen, daß der Magistrat zugleich sagt, 
im Som m er soll der gesamte Unterricht nach draußen 
verlegt werden. Ich bin sehr begierig, was ich darauf 
für eine Antwort bekomme. Ich kann mir nicht denken, 
wie es möglich ist, daß man den Unterricht fämtlicher 
Neuköllner Schulklassen einmal nach draußen verlegen 
kann. D ann würde der F all eintreten, daß die Schul- 
Häuser innerhalb Neuköllns leer sind und die Schul­
klassen alle draußen unterrichtet werden. Wenn nun 
, der gesamte Unterricht nach draußen verlegt werden soll, 
so sehe ich nach dem klaren W ortlau t. . .  (Zuruf: Es 
handelt sich nur um die Oberstufe!) Zunächst sind es 
die Oberstufen, aber ich kann mir denken, daß es auch 
Mittelstufen sein könnten, und schließlich besteht auch 
bei Unterklassen die Notwendigkeit, hinauszukommen. 
Ob das möglich sein wird, alle Oberstufen hinauszu­
legen, erscheint uns auch noch sehr fraglich.
Die Deutsche Demokratische Partei hat gegenüber 
der Magistratsvorlage einen anderen Wunsch. Uns 
erscheint die Sache der G artenschule wohl sehr an ge­
erscheint die Sache der Gartenschule rocht sehr ange­
nehm, und w ir gönnen jeder Oberklasse einen Unter- 
richt i n  Luft u n d  Licht, aber w as uns mchr, bewegt, ist 
der Wunsch, daß die Allerschwächsten und Allerkränksten 
so schleunig wie möglich gesammelt werden mögen in 
einer (Bartenschule, und daß die gelegt wird in die 
Nähe eines schönen Waldes, etwa in die Baracken in 
der Nähe der Königsheide. Dort würden wir die 
Kinder sammeln, denen der bleiche Tod aus dem Gesicht 
schaut. Die könnten ln der nächsten Nähe des Heimes 
gespeist und getränkt werden. Ich glaube, daß das 
nicht mit mehr Kosten verknüpft sein würde. Jedenfalls 
würde das unseren Wünschen mehr entgegenkommen. 
W ir möchten gern haben, daß zunächst für die Kranken 
gesorgt wird, und daß nicht zunächst unterschiedslos 
von sechs Schulen die Oberstufen, ohne Rücksicht, ob die 
Kinder gesund oder krank sind, genommen werden. W ir 
möchten daher bitten, die Vorlage nicht anzunehmen, 
sondern den M agistrat zu ersuchen, eine neue Vorlage 
auszuarbeiten mit dem P lan  einer Waldschule, die uns 
in den S tand  jetzt, kranke Kinder schnell gesunden zu 
lassen. Wir möchten also bitten, lehnen S ie die Vor­
lage des M agistrats ab und nehmen Sie unseren An­
trag an.
Stadtverordneter Schilling (Bürgt. V.): Ich be­
dauere es sehr, daß gerade diese lebenswichtige Frage 
der Schulleitung die sozialpädagogische Deputation nicht 
beschäftigt hat. (Stadtschulrat Dr. Buchenau: Hat sie 
beschäftigt!) Herr Heyn, der zukünftige Leiter der 
Schule, ist ein Leiter ohne Kollegium. Es ist etwas 
ganz eigenartiges, ein Leiter ohne Instruktionen und 
ohne gewisse Befugnisse. Die Lehrkräfte, die er be­
kommen soll, sollen den alten Systemen verbleiben; er 
kann nicht darüber verfügen, er kann selbständig keine 
Stundenpläne machen. W as soll mit dem Leiter der 
Schule im Wintersemester beispielsweise gemacht wer­
den? W as soll mit der ganzen Schule überhaupt im 
..Winter werden? Dann die Stellung der Lehrer zu 
dem neuen Schulleiter, die ist m ir auch etwas unklar. 
Wenn der Lehrer kommt und sagt: Ich überweise dir 
die Arbeit, oder ich wünsche, daß sie anders ausgeführt 
wird — ja, der neue Leiter kommt jedenfalls in Kon­
flikte! Es werden Reibungen entstehen, die aber ver­
hindert werden müssen, und daher wäre eine genauere 
Besprechung in der fozialpädagogischen Deputation 
notwendig gewesen. W as den Zweck der Schule an­
geht, so bin ich etwas optimistischer a ls Herr Exner. 
W enn w ir kranke Kinder noch draußen bringen wollen, 
— ja, unsere Kmder sind mehr oder weniger alle krank 
und bedürfen! der Sonne, des Lichts und der Luft, und 
wenn es möglich ist, diese Wohltat des Draußenunter­
richts recht vielen Kindern zuteil werden zu lassen, dann 
werde ich von Herzen zustimmen. W ir dürfen nicht ver­
gessen," diese" Art von Gartenschulen ist in Groß- und 
Industriestädten bis heule noch nicht verwirklicht w or­
den; wir hätten hier in Neüköölln tatsächlich das erste 
Beispiel, daß eine Gartenarbeitsschule in einer größeren 
S tad t in  diesem Umfange eingeführt wird. W ir hatten 
die Gartenschule schon in Industriestädten im Westen, 
bei den Sem inaren, aber in diesem Umfange, wie sie 
hier geplant ist, hatten w ir sie noch nicht, und da möchte 
ich sogen: w ir wollen nicht so skeptisch das ganze Projekt 
betrachten, wir wollen erst mal sehen, welche Erfahrun­
gen wir machen: wir wollen den Anfang machen. 
Jedenfalls sehe ich doch in dieser Gartenarbeitsschule 
ein Zurückbringen oder Hinführen unserer Kinder zur 
Uajgr, zum Beobachten der N atur selbst und zur Be­
obachtung der einzelnen Kräfte, die in der N atur wirk­
sam sind. J a , wir sehen in dieser Gartenarbeitsschule
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