Path:
Periodical volume 25. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

mitmarschieren werden. Es w ar immer so, daß der 
Tüchtige vor einem wichtigen Schritt nicht danach fragt, 
wie viele ihm zunächst folgen. Ich kann also dem, der 
diesen Einw and machte, nicht folgen. Ich muß mich auf 
den Standpunkt stellen, daß, wer die Höhe der Idee 
erkannte, für sich die Pflicht hat, sie zur Herrschaft zu 
bringen. W ir Demokraten werden in dem Kreise, der 
uns zu Gebote steht, in diesem S inne wirken.
Dann hat man gesagt — w as eigentlich sehr töricht 
ist — , es täte uns in  dieser Zeit nicht ein Feiertag, 
sondern ein Buß- und Trauertag not. Meine Damen 
und Herren! Durch Trauer w ird die Trauer immer 
herber, das führt uns zu nichts. W ir müssen vielmehr 
durch Vorwärtsschreiten mit der T at das Traurige der 
Vergangenheit auszutilgen suchen. (Bravo!) Also 
nicht ein T rauertag — Trauertage legen wir hinter 
uns! W ir wollen wagen und uns in Wagemut eine 
neue Well aufbauen! Dann hat man drittens gesagt: 
Feiern hätten wir schon jetzt genug, man brauchte keine 
neuen Feiern. W ir werden ja nicht bloß dieses Jah r, 
in dem allerdings das Feiern ein bißchen sehr stark ge­
worden ist, diesen Feiertag haben, sondern w ir wollen 
ihn für immer haben, und da muß ein so lächerlicher 
Einwand natürlich fallen. M an hat endlich gesagt, 
und das nicht mit Unrecht, daß sich gerade der 1. M ai 
deshalb nicht zu einem Weltfeiertag eigne, weil man 
am 1. M ai nicht in der Lage fei, die Geschlossenheit des 
deutschen Volkes an  sich und aller Völker insgesamt 
zum Ausdruck zu bringen. Das liegt aber nur daran, 
weil von feiten gewisser Parteien dieser Tag als der 
für sie allein geltende Tag in Anspruch genommen 
wird. Dadurch sind die Parteien nach meinem Gefühl 
gegen ihren eigensten Vorteil. S ie wollen doch offen­
bar, daß sie an diesem Tage nicht nur auf sich, son­
dern auf die ganze Welt wirken. Dann sollten sie aber 
doch das ganze Menschentum für diesen Festtag haben 
wollen. An diesem Tage wäre dann die Welt tatstich- 
sich zusammengeschlossen und könnte ihre volle Ge­
schlossenheit feiern. W ir wissen, wie das stärkt, wenn 
eine Idee von einer großen Gesamtheit ergriffen 
wird, von der sich niemand ausschließt, nach der sich 
jeder richtet. Ich bin daher dafür, das Hochziel nicht 
zu verwässern durch kleinliche Einwendungen.
Wenn von einem Redner gesagt worden ist, bei 
dem 1. M ai handele es sich für die Arbeiterschaft dar­
um, den Sieg des Sozialism us zu feiern, um ein Ge­
löbnis zum Siege des Sozialism us, so ist dagegen nichts 
einzuwenden. Die Arbeiterpartei hat das Recht, den 
Tag in diesem S inne zu feiern. Aber üb es klüglich ist, 
die Ursache des Weltfeiertages so hinzustellen, möchte 
ich bezweifeln. Besser w äre es, diese Begründung nach­
zuprüfen. S ie  tut der Größe des Gedankens Eintrag, 
sie stößt diejenigen vor den Kopf, die diesen T ag  auch 
feiern wollen. E s gibt doch auch ein Bürgertum, und 
dieses hätte am 1. M ai nach jener Begründung keine 
Gemeinschaft mit Ihnen ; einen solchen Schatten woll­
ten Sie doch nicht auf diesen Tag fallen lassen.
Ich komme dann zu der Begründung, die der 
Antrag in der Vorlage gefunden hat. Da kann ich mir 
allerdings nach den aufklärenden Worten des Herrn 
Vorredners einen bedeutenden Teil meiner A us­
führungen schenken. S o  wie der Antrag hier begrün­
det ist, müßte er selbstverständlich den stärksten W ider­
spruch auslösen. Denn es war nichts gesagt von F rei­
willigkeit, und auch nichts davon, daß nur die sozial­
demokratischen Lehrer sozialistisch aufklären sollen. 
Nachdem Sie aber erklärt haben — was auch selbst­
verständlich ist —, daß das so zu verstehen ist, fallen 
diese Bedenken weg. Aber gleichwühl muß ich erin­
nern: Auch der sozialistische Lehrer hat doch in seiner 
Schule nicht bloß sozialistische Kinder. Wollen S ie 
denn sagen, die ganze Klasse soll an der Feier teil­
nehmen? (Zuruf: Nein!) Schön, dann fällt auch ein 
weiterer Einw and weg. E s  steht also nun  fest, daß nur 
sozialistische Persönlichkeiten, die das Bedürfnis haben, 
an diesem Tage mit der sozialistischen Jugend zu feiern, 
diese Feiern abhalten sollen. Die anderen Kinder blei­
ben fort. Die P arte i ist dann mit ihren Kindern unter 
sich. Ich möchte aber wegen der Zerreißung der Klasse 
doch zu bedenken geben- Das, w as S ie  an  diesem * 
Tage durch den Lehrer wollen, können S ie  das durch 
die häusliche Beeinflussung nicht schöner erreichen? 
M üßten S ie  nicht an diesem Tage das Bedürfnis ha­
ben. durch den Lehrer das allgemeine Menschlichkeits­
hochziel in das Herz aller Kinder zu senken? (Zuruf: 
Tun sie das alle?) Wohl sollten das alle tun! Ich 
habe mich nicht mit Ausnahmen zu befassen, sondern 
mit der Regel! Die Regel ist, daß der Lehrer die Kin­
der im allgemein-menschlichen S inne belehrt. (Zuruf: 
Nicht immer!) Ich will mich nicht dagegen wenden, 
daß Auswüchse vorkommen (Zuruf.); aber S ie können 
unmöglich der deutschen Lehrerschaft bestreiten, daß sie 
bemüht ist. die höchsten Menschheitsziele in das Herz 
der Kinder zu legen. Auf diesem Standpunkte stehe 
ich stets, mit der Behauptung eines anderen S tand ­
punktes würden S ie  der deutschen Lehrerschaft Unrecht 
zufügen, das kann Ih re  Absicht nicht sein. W ir haben 
durchaus nicht getan, w as S ie immer m it so krassen 
Worten hinstellen. Glauben Sie, daß ich ein einziges 
M al am Sedantage einem Kinde Byzantinism us ein­
gepaukt hätte? Glauben Sie, daß das die Mehrzahl 
der deutschen Lehrerschaft getan hat. (Zuruf: Ganz be­
stimmt!) Oh, dann bedeute ich S ie (Zuruf: 95 P ro ­
zent!), daß S ie ein solches M ißtrauen haben zu einem 
Stande, der über diesen Verdacht entschieden erhaben 
ist. (Unruhe. Zurufe.) Meine Damen und Herren! 
Wenn das wahr wäre, w as S ie behaupten, ich glaube, 
j  dann könnte das deutsche Volk mit solchen Lehrern 
nicht auf die Höhe gelangt sein. Das wäre ganz aus­
geschlossen. Und auch S ie sind, sollte ich meinen, doch auf 
die deutsche Schule stolz! Halten S ie  so minderwertige 
Persönlichkeiten, die an diesem Tage nichts anderes zu 
tun härten, a ls die Kinder zu verhetzen, für fähig, die 
Kinder so hoch hinaufzuführen? (Zuruf: Nein!)
S ie sagen nein. Dann ist es doch aber nicht möglich, 
daß S ie zu dieser unberechtigten Herabwürdigung der 
deutschen Lehrer kommen. Ich habe nicht nötig ge­
habt, selbst bei Kaisers Geburtstag Byzantinism us zu 
treiben. Der erste Staatsbeam te erscheint mir ebenso 
ehrenwert wie der Stadtverordnetenvorsteher im R at­
hause, gegen den ich nicht ohne G rund unhöflich sein 
werde. Ebenso werde ich mich gegen einen Fraktions­
führer nicht ohne G rund unhöflich zeigen. Soll ich 
nun, wenn ich das Staatsoberhaupt feiere, das mir den 
S taa t vorstellt, nicht Worte der W ürdigung haben, 
wenn ich sie, ohne der Sache Gewalt anzutun, haben 
darf? Ich habe die Hunnenrede verurteilt wie jeder 
einzelne von Ihnen. S ie  w ar etwas Häßliches, G rund­
häßliches, etwas, w as uns den allergrößten Schaden 
! in der ganzen Welt zugefügt hat. Jeder Deutsche, der 
das nicht sagt, schadet nicht nur sich, indem er beweist, 
daß er auf einem außerordentlich niedrigen Stand- 
: punkt steht, er schadet auch feinem Volke, denn er rückt 
| nicht ab von einer derartig kleinlichen Gesinnung, wie 
; sie in dieser Rede zum Ausdruck gekommen ist G lau­
ben Sie, daß ich der einzige Lehrer bin, der fo denkt? 
(Zuruf.) S ie  tun uns Unrecht, wenn S ie  das behaup­
ten. W ir haben wohl gewußt, daß die Rede etwas 
! Furchtbares war. Ich betrachte sie als einen bekla- 
j genswerten Ausfluß ungerechter Macht. W er aber jetzt 
: die Macht hat, der soll sich auch nicht zum Mißbrauch 
j gegen andere hinreißen lassen. Hüten S ie  sich also da- 
I vor! S ie haben durch Ih re  Auslegung besten, was 
1 Sie gemeint haben, gezeigt, daß Ihnen  nachträglich zum
13
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.