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Periodical volume 25. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

damit müssen w ir uns für dieses Ja h r  zufrieden -geben. 
W as später sein wird, das ist eine cura posterior, 
über die wir uns heute den Kopf nicht zerbrechen 
wollen. Das deutsche Proletariat hat die feste Zuver­
sicht, und keine Nationalversammlung der Welt wird 
daran zu rütteln imstande sein, dost der 1. M ai zum 
Weltfeiertag geworden ist. (Sehr richtig!) S e it dreißig 
Jahren  strebt das deutsche P ro letaria t danach, den 
1. M ai als Weltfeiertag, aber auch a ls  Feiertag der 
Deutschen, begehen zu können. Daß das unter dem 
alten Regime nicht gelingen konnte, w ar selbstver­
ständlich. W ir hatten da so viele andere Tage zu feiern; 
wir hatten den 27. Jan u a r, wo die Kinder in m onar­
chischem Sinne gepaukt wurden, wir hatten die ver­
schiedenen Buß- und Bettage. (Zurufe rechts.) J a ­
wohl, S ie können mir nachher antworten. W ir hatten 
den 2 September, wo im Andenken an die Schlacht 
von Sedan den Kindern d as  chauvinistische ©ist ein­
geimpft wurde. Und so sollte es auch m it diesem Kriege 
werden, bei so herrliche Früchte getragen hat. (Zuruf: 
Siehe Frankreich!) Alle diese Feiertage, die dem 
Kriege und dem Chauvinismus gegolten haben, dem 
Monarchismus und dem Byzantismus, wollen wir er­
setzen durch einen Feiertag, der da gelten soll dem 
Völkerfrieden und der Völkerversöhnung, der Aufklä­
rung des P ro letaria ts im  S inne des Sozialismus. 
Wenn das an einem Tage geschieht, an dem die Kinder 
darüber belehrt werden, daß die Völker sich nicht be­
kriegen sollen, sondern daß sie in versöhnlicher und ver­
söhnender Weise miteinander verkehren sollen, wenn 
die Kinder darüber belehrt werden, daß wir keine 
Kaiser, keine Könige und keine Fürsten brauchen, daß 
es keine Herren zu geben braucht und kerne Knechte, 
keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten, dann wird 
das den Kindern viel dienlicher sein, a ls  wenn ihnen, 
wie am 2. September, gesagt wird: I h r  müht so tüch­
tig auf die Franzosen losdreschen, wenn ihr sie wieder 
kriegen könnt, daß von ihnen nichts mehr übrig bleibt. 
— Zu dem Zwecke brauchen w ir den Einfluß der 
Lehrerschaft auf die Schüler, und zw ar nicht in ver­
hetzendem Sinne, sondern im S inne  des Sozialism us. 
Es sollen den Kindern an diesem Tage nicht P arte i­
hader und Parteiunterschiede beigebracht werden, son­
dern sie sollen lediglich einen würdigen Vortrag hören 
über die sojialistische Weltanschauung, soweit es Gehirne 
von 13- bis 15jährigen Kindern aufzufassen vermögen. 
Es ist selbstverständlich, daß eine solche Feier nur die­
jenigen umfassen kann, die an ihr teilzunehmen ein 
Interesse haben. Der Herr Vorredner sprach davon, 
daß wir Unabhängigen die Kinder dazu zwingen woll­
ten, weil hier nichts von Freiwilligkeit drin stände. 
Wenn er statt Unabhängigen gesagt hätte unabhän­
gige Sozialdemokraten, dann wäre er vielleicht nicht 
dazu gekommen, von Zw ang zu sprechen, denn wenn 
er selbst Sozialdemokrat wäre, wenn er wüßte, was 
ein Sozialdemokrat ist dann würde er auch wissen, 
daß ein Sozialdemokrat kein Kind zwingen kann, an 
irgend einer Feier, sei sie monarchistischer oder republi­
kanischer Art, teilzunehmen. (Rufe: Na, na!) Die S o ­
zialdemokraten haben von jeher einen solchen Zw ang 
verurteilt, und wenn wir unserem Anträge das W ort 
„freiwillig" nicht ausdrücklich hinzugefügt haben, so 
haben mit geglaubt, das unterlassen zu können, weil 
die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung, die 
ja aus Sozialdemokraten besteht, nach unserer Ansicht 
uns nicht falsch verstehen" konnte. E tw as anderes wäre 
es gewesen, wenn so etwas von bürgerlicher Seite ge­
kommen wäre. Aber Parteigenossen oder früheren 
Parteigenossen mußte man unter allen Umständen so 
viel zutrauen, daß sie ohne weiteres wußten, wie es 
gemeint war. Es ist selbstverständlich, daß die Feier 
nicht nur für die Kinder eine freiwillige sein soll, son­
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dern auch eine freiwillige fü r die teilnehmenden Leh­
rer, -ganz abgesehen davon, daß wir darauf verzichten, 
bei einem gewissen Teil der Lehrer, ich möchte z. 93. 
Herrn Rektor Schilling nennen, von diesen Herren die 
Kinder in sozialistischem S inne aufklären zu lassen. 
F ü r das Vergnügen würde ich danken. (Zuruf S tadtv. 
Schilling: Macht mir aber auch S paß! Heiterkeit.) 
Ganz abgesehen davon, möchten w ir aber auf die Leh­
rer keinen Gewissenszwang ausüben1, und nur diejeni­
gen Lehrer, die im Verein der sozialistischen Lehrer 
und Lehrerinnen zusammen g eschlossen sind, kommen 
für diese Aufklärung in Frage.
Ich resümiere mich dahin: Es soll am 1. M ai 
eine kurze Feier stattfinden, in der die sozialdemokra­
tischen Lehrer die Kinder, die sich freiwillig an  dieser 
Feier beteiligen wollen, in würdiger Weise m sozi­
alistischem S inne aufklären.
N un schien die Sache zu scheitern an schultech- 
nischen Gründen, weil die Volksschulen keine Aulen 
haben. W ir kommen darum  herum, wenn der M a­
gistrat uns zu diesem Zwecke die Aulen der drei höhe­
ren Schulen zur Verfügung stellt, die Aula des Ly­
zeums, des Realgymnasiums in der Boddinftraße und 
des Realgymnasiums in der Kaiser-Friedrich-Straße. 
I n  der Emser S traße soll auch noch eine sein. Diese 
Aulen könnten nach unserer Auffassung für die Feiern 
in Anspruch genommen werden in der Weise, daß die 
Schulen bezirksweise eingeteilt werden, daß in allen 
Schulen bekannt gemacht wird, daß die Kinder, die sich 
beteiligen wollen, zu der und der Zeit in der und der 
Aula zu erscheinen haben. F ü r die Lehrer, die diese 
Feiern leiten sollen, w itd durch den sozialistischen 
Lehrerverein gesorgt werden.
Nachdem S ie  diese Aufklärung erhalten haben, 
glaube ich, wird wohl kein Zweifel mehr bestehen; wie 
die Sache gemeint ist, und wir bitten daher, daß S ie 
unserem Antrage zustimmen und auf diese 9Veife am 
1. M ai mit den Kindern vorgegangen wird.
Stadtverordneter Exnkr (dt.-dem. P .): Meine D a­
men und Herren! Ich bin in der sehr angenehmen 
Lage, mein Einverständnis mit diesem Antrage voll 
und ganz aussprechen zu können. (Hört, hört!) Ich 
stehe auf dem Standpunkt, daß das demokratische 
Bürgertum  alle Veranlassung hat, den 1. M ai als 
Weltfeiertag zu wünschen. W ir sind allerdings auch der 
Überzeugung, daß das nicht aus kleinlichen partei­
politischen Rücksichten heraus geschehen darf. W ir 
wollen in der Zeit des allgemeinen Unfriedens und 
der Völkerverhetzung einen Tag haben, an dem sich 
alle Völker der Welt klar sind, daß sie etwas besseres 
zu tun haben, als sich zu bekriegen, zu zerfleischen und 
um das E rträgnis ihrer Arbeit zu bringen. W ir wol­
len ferner, daß der Gedanke des Völkerbundes a n  diesem 
Tage durch die gemeinsamen Feiern der Völker aller 
Welt die tiefsten Wurzeln schlagen soll. W ir wollen 
drittens, daß der Arbeiterschutz, allerdings der Schutz 
jedes Arbeiters, an diesem Tage in das Bewußtsein 
der ganzen Welt eingehämmert wird. S ie  sehen also, 
daß wir Ih rem  Antrage folgen und uns in  diesem 
Zeitpunkte sogar freuen, ihm folgen zu können. Dieser 
Standpunkt wird noch höher dadurch, daß w ir mit 
Ih n en  auch wollen, daß dieser Tag nicht n u r einmal, 
nicht etwa bloß 1919, sondern immer (Zuruf: Bravo!) 
und von der ganzen Welt gefeiert wird. Deswegen 
wollen wir unseren Standpunkt m it genügender K lar­
heit zum Ausdruck bringen.
M an soll die Größe der Idee nicht verwässern 
durch kleinliche Bemängelungen. M an hat gesagt, die 
Gegner unter den Völkern werden nicht gewillt sein, 
uns zu folgen. Meine Damen und Herren! Noch nie 
hinderte es mich, wenn man bet Erreichung eines 
Hochzieles danach fragte, ob andere auf dem Wege
        
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