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Periodical volume 11. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

und -der gesamten Kohlenversorgung, so sind mir von 
der Voraussetzung ausgegangen, baß jetzt so nach und 
nach sowohl in den Reichsbehörden als auch beim Groß­
handel das Bestreben sich geltend macht!, die jetzige 
Zwangswirtschaft abzubauen und den freien Handel 
wieder einzuführen. Die Anzeichen, die sich gezeigt hin­
wieder einzuführen. Die Anzeichen, die sich gezeigt haben 
in der kurzen Zeit, da bloß Liese Idee einmal etwas 
mehr publiziert worden ist, die müssen gerade dazu füh­
ren, daß man beizeiten daran denkt, derartigen Bestre­
bungen einen Riegel vozuschieben. Ich darf ja bloß dar­
an erinnern, daß die Verordnung des Reichsernährungs­
amtes, daß der Eierhandel frei bleiben soll, dazu bei­
getragen hat, daß der Eierhandel geradezu immense 
Formen angenommen hat; daß es geradezu ein Skan­
dal ist, wie sich jetzt der freie Handel des ganzen Eier­
handels bemächtigt. Alle diese Dinge müssen uns dazu 
veranlassen, daß selbstverständlich beizeiten Vorsorge 
getroffen wird, damit der freie Handel das Gebiet, wel­
ches er bisher für sich in Anspruch genommen hat, in 
Zukunft nicht mehr in Anspruch nehmen Lars, und 
zwar erstens aus dem Grunde, weil seWstoerständlich 
die Lebensmittel in der nächsten Zeit noch nicht so 
reichlich hereinkommen werden, daß in absehbarer Zeit 
daran zu denken ist, daß das deutsche Volk sich durch 
Angebot und Nachfrage mit Lebensmitteln versorgen 
kann, sondern daß wir noch sehr lange damit zu rech­
nen haben werden, eine bestimmte Beschränkung der 
Lebensmittclralionen für jeden einzelnen aufrecht zu 
erhalten. Wenn wir davon ausgehen, daß die Be­
schränkung der Lebensmittelrationen noch eine Weile 
aufrecht erhalten werden muß, damit einigermaßen 
jedem sein nötiges Quantum zukommt, so wäre es von 
uns geradezu verwerflich gehandelt, wenn wir in sol­
chem Augenblick dem freien Handel Spielraum gewäh­
ren würden. Das geht nicht, denn w ir würden den 
Lebensunterhalt der ärmeren Klassen auf Kosten der 
Reichen herabdrücken. Sie wissen, daß an der schlech­
ten Nahrungsmittelversorgung viele zugrunde gegangen 
sind, daß es ein Unding wäre, derartige Maßnahmen 
jetzt einführen zu wollen. Was der freie Handel bedeu­
tet in  einem jetzigen Augenblick, darf ich wohl bloß 
mit einigen Tatsachen erwähnen. Ich erinnere, daß im 
Handel mit Pferdefleisch und Zi-egenwurst geradezu 
eine wüste Spekulation eingesetzt hat und gerade die 
arbeitenden Schichten nicht mehr in  der Lage sind, 
sich diese Lebensmittel kaufen zu können. Das muß uns 
dazu führen, beizeiten Vorsorge zu treffen, daß die 
Versorgung den Interessen der Bevölkerung entspricht. 
Wenn wir den Vorschlag machen, fraß die Lebensmittel­
versorgung von der S tad t aus übernommen werden 
soll, so leiten uns auch noch andere Gründe dazu. Zu­
nächst betrachten wir die Löbensmittelfürsorge als 
einen Zweig der sozialen Fürsorge, Wir sind der Auf­
fassung, daß die Städte, ebenso gut wie bei der Ar­
beitslosigkeit oder anderen Dingen; dafür eintreten 
müssen, daß den arbeitenden Schichten wenigstens eini­
germaßen die Existenzmöglichkeit gelassen bleibt und 
daß wir genau so in der Lebensmittelfürsorge vor­
gehen müssen. Wenn auch schließlich nicht mehr anzu­
nehmen ist, daß wir in absehbarer Zeit einen Krieg 
haben werden, so sind w ir doch andererseits nicht von 
der Gefahr ausgeschlossen, daß durch Mißernte eine 
kolossale Beschränkung der ganzen Versorgung eintre­
ten kann, sondern auch durch -andere Dinge, wirtschaft­
liche Katastrophen, wir in eine sehr unangenehme S i­
tuation kommen können: und was die schlechte Lebens­
mittelversorgung, die 'bisher Reich und Kommunen 
durchgeführt hatten, aus sich gehabt hat, ist ja nur den 
Wenigsten bekannt. Bei Ausbruch des Krieges, im 
Monat Februar wurde von seiten der Regierung er­
klärt, das Mehl würde nur reichen bis zum 15. Fe­
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bruar und die Kartoffeln bis 15. Mai. — Das war im 
Jahre 1915; und trotzdem ist es noch möglich gewesen 
infolge der überaus schlechten Einrichtung, daß im 
Juli 1914 noch ungeheure Mengen Brotkorn in das 
Ausland gegangen find, und auch noch Anfang August, 
Das wäre natürlich bei einer Einrichtung, die darauf 
zugeschnitten gewesen wäre, die ganze Löbensmittel- 
fürsorge von Reichs wegen und von Kommune wegen 
zu übernehmen, ein Unding gewesen. M an hätte die 
Ausfuhr sofort sperren können. Wir sehen die Lebens­
mittelfürsorge als einen Zweig der Sozialfürsorge an 
und sind infolgedessen auch der Auffassung, daß bas 
Reich sowie die Gemeinden dazu verpflichtet sind, dafür 
zu sorgen, daß die Lebensmittel auch in einer Qualität 
geliefert werden, die dem Vclksbedürfnis entspricht. 
Ich will in vorgerückter Stunde nicht viel Worte ver­
lieren, aber was uns in den letzten Jahren an Le­
bensmitteln in qualitativer Beziehung geboten worden 
ist, das spottet jeder Beschreibung. Es ist der Zwischen­
ruf gemacht worden: Brot! Ich darf bloß daran er­
innern, daß dieses wichtige Produkt bei einigermaßen 
modernen Produktionssonnen bedeutend besser herge­
stellt werden! könnte, als wie sogar unter den Bedin­
gungen, unter denen wir haben Brot herstellen müssen. 
Das ist zunächst die Hauptsache dabei. Es kommen 
noch andere Lebensmittel in Frage, die von den Ge­
meinden besser hergestellt werden können als bisher. 
Wenn wir aber den Antrag stellen, daß die Lebens­
mittel von S tadt wegen verteilt werden sollen, so leitet 
uns dabei noch der Umstand, daß in Zukunft das 
deutsche Volk rationeller mit seiner Arbeitskraft um­
gehen muh, und daß infolgedessen alle überflüssigen 
Instanzen auf dem Lebensmittelwege wie auf dem 
Produktionswege ausgeschaltet werden müssen. Ver­
suchen wir nun:, jede Produktion auf dem kürzesten 
Wege von dem Produzenten zum Konsumenten- zu 
bringen. Das ist unsere Auffassung darüber, und des­
halb haben wir den Antrag gestellt, diese Lebens- 
mittelfürforge jetzt zu übernehmen. Wir sind der Aus­
fassung, daß die Kommunen jetzt bei den Reichsstellen 
dahin wirken müssen, daß ihnen die Erlaubnis gegeben 
wird, jetzt Lebensmittel einzuführen. M an darf dieses 
wichtige Gebiet jetzt nicht lediglich dem Großhandel 
überlassen, und darin liegt im Moment die große Ge­
fahr. M an hat dem Großhandel die Möglichkeit ge­
geben, die Löbensmittel einzuführen. So werden die 
Kommunen vom Markte verdrängt und sind nachher 
wieder in die Hände des Großhandels gegeben. Das 
veranlaßt uns, beizeiten auf Abhilfe zu drängen. Nun 
hat seitens des Großhandels eine sehr lebhafte P ro ­
paganda gegen unseren Antrag eingesetzt, und es ist 
bedauerlich, daß auch die Kleinhändler sich haben dazu 
gebrauchen lassen, den Großhändlern Vorspanndienste 
zu leisten. Die Kleinhändler, die m  der Versammlung 
im Schulcheiß-Ausschank sich veranlaßt gesehen haben, 
sich mit dem Problem zu beschäftigen und zu diesem 
Antrag Stellung zu nehmen. Von den Rednern ist 
zunächst ausgeführt worden, bei dieser Organisierung 
kämen nur höhere Preise und Wiederbelebung des 
Schleichhandels heraus. Es mutet einen komisch an 
in einem solchen Moment, wo der Schleichhandel bei 
allen nicht rationierten Lebensmitteln in Blüte steht, 
daß man -erklärt, die Kommunalisierung erhöht die 
Preise und führt zur Wiederbelebung des Schleichhan­
dels. Ich bin der Auffassung, man mag die Zwangs­
wirtschaft verurteilen, wie man will, aber wenn sie 
nicht eingeführt worden wäre, so wären so und so viele 
Tausende -und Hunderttausende verhungert, und des­
halb müssen wir an- dieser Zwangswirtschaft festhalten, 
solange, bis die genügenden Lebensmittel zunächst ein­
mal vorhanden sind. Es ist aber weiter in der Ver­
sammlung ausgeführt worden, daß w ir -den Klei nh an-
        
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