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Periodical volume 11. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

deshalb sollten S ie  begreifen, daß das Volk selbst die 
größte Not erduldet, aber sich nicht zum Spielball 
einiger Heloten, zum Spielball einiger Leute, die die 
Macht jetzt errungen haben, hergeben wird. Das 
Volk tut das auf die Dauer nicht. S ie werden noch 
viel mehr erleben; und, soweit S ie  noch Verständnis 
für die Dinge haben, das alles, w as S ie  heute her­
geben, das hätten mir begrüßt, wenn S ie  noch die 
wären, die Sie gewesen sind, wenn Sie die Kriegs- 
Politik vergessen hätten. Aber weil S ie  nachdem die­
selbe Politik weiter getrieben Haben, da sind mir ver­
pflichtet, dagegen aufzutreten. W ir haben keinen 
Grund, Ih re  Lehren anzunehmen. W ir haben es schon 
erlebt, daß die Volksstimmung in den letzten Monaten 
sich wesentlich mehr nach links neigt. — Eine Entwick­
lung wird ein  jeder durchmachen müssen, und ich ge­
stehe ehrlich, daß ich eine Entwickelung durchgemacht 
habe. Ich habe nicht damit gerechnet, daß die Dinge 
so verlaufen würden. Aber man muh das einsehen, 
und man sollte mit den Verhältnissen rechnen, wie sie 
sind, und vor allen Dingen sollte man den gefunden 
Kern herausschälen. W ir kommen nicht darum  her­
um; die Macht des P ro letaria ts ist das einzige, w as 
uns rettet. Und es w ird die S tunde kommen, wo auch 
das gesamte Bürgertum, wie in  Ungarn, einfach erklärt: 
W ir können nicht weiter, nun macht I h r  die Sache. 
Eher wird nichts vernünftiges aus der Sache werden. 
(Sehr richtig!) Sie wären ja heilfroh, wenn die Re­
volution, wenn der Bolschewismus in England und 
Frankreich hereinbräche, bloß hier wollen S ie ihn nicht 
haben. (Sehr richtig! Heiterkeit.) Aber so liegen die 
Singe, daß von hier au s die Welle sich fortbewegen 
wird. (Zurufe.) Ihnen  da hinten nehme ich es nicht 
übet, denn S ie  vertreten eine Klasse, die immer von 
der Arbeit anderer gelebt hat. (Heiterkeit! S ehr richtig! 
Lärm. — Z uruf Volk: S ie hüben in Ih rem  Leben 
noch nicht soviel gearbeitet wie ich, das sage ich Ihnen!) 
Ich habe S ie  persönlich nicht gemeint. (Aha-Rufe. 
Rufe: W ir arbeiten alle!) Ich habe gesagt, S ie  ver­
treten eine Klasse, die gewohnt w ar, bisher von der 
Arbeit anderer zu leben. Diesen Zustand zu verewi­
gen, das ist ja natürlich die Mühe schon wert, daß S ie  
sich dafür einsetzen. Anders ist es bei denen, die ihr 
ganges Leben gearbeitet und nichts erworben haben. 
(Zuruf: I n  der früheren Stadtverordnetenversamm­
lung ist mehr gearbeitet worden -als jetzt!) Eine 
Stunde dieser Auseinandersetzung erspart uns viele 
Stunden, in späterer Zeit. (Sehr richtig!) W ir haben 
es nicht hervorgerufen, aber w ir können es nicht zu­
lassen, wenn man hier die Singe nicht versteht, wenn 
man kein M aß hat für die Singe, die um einen her­
um vorgehen, und wenn man uns verdächtigt, w ir w ä­
ren schuld an den Verhältnissen. Nein, schuld daran 
ist. diese Wirtschaft, schuld daran  ist vor allem Singen 
die vierjährige Zerstörung, die Kriegspolitik, die alles 
ruiniert hat, und darauf läßt sich nicht so leicht auf­
bauen. Sie Leute sind alle entnervt, und sie find nicht 
besser geworden durch diese Verhältnisse. Aber w ir 
können diese S ituation nicht damit meistern, daß w ir 
nun sagen: N un Ruhe, macht ruhig weiter! S ie  hät­
ten es am liebsten gesehen, die Leute wären aus dem 
Felde zurückgekommen und wären wieder in  das Joch 
hineingekrochen und hätten- wieder 10 S tunden gear­
beitet und hätten schnell wieder das gutgemacht, w as 
andere verdorben haben. W ir wollen als gleichberechtigte 
Faktoren auftreten, w ir wollen uns den S ta a t  bauen, 
wie er in sozialistischem S inne gebaut werden muß. 
(Stufe: Bevorrechtigungen!) Nein, bevorrechtigt wollen 
wir nicht fein. S ie Diktatur des P ro letaria ts ist eine 
notwendige vorübergehende Erscheinung. (Heitert. S ehr 
richtig!) Vorübergehende, jawohl, denn auf die Dauer ist 
sie gar nicht notwendig, weil nach einem gewissem Zeit«
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raum  S ie  eingesehen haben werden, daß es nicht -an­
ders geht. (Zuruf rechts: S ie  wollen für die Arbeiter 
die Knute wieder -einführen!) Also ich lasse mich auf 
Zwiegespräche nicht mehr ein. W ir sind -auf dem 
Wege, der uns vor gezeichnet ist durch die Entwickelung. 
W ir halben unser P rogram m  vor Augen. W ir wissen 
ganz genau, daß den Singen nicht mit Palliativ- 
mittelchen beizukommen ist, -nicht mit Glacehandschuhen, 
sondern daß es eines grundlegenden Umsturzes be­
darf. (Sehr richtig! und Widerspruch. — Große Un­
ruhe.)
Stadtverordneter Bücke (S . P . S .): Meine S a ­
men und Herren! Ich habe mich veranlaßt gesehen, 
auch ein paar Worte zu sagen. Ich möchte die Öffent­
lichkeit . . . .  (Unruhe.)
Vorsteher: Ich möchte zunächst mal die Gallerie 
ersuchen, sich der Mitwirkung zu enthalten. Bisher 
ging es.
Vorredner: E s  w irft auf manche Leute, wenn 
man aus Gernertfchajtsfreifen spricht, als wenn m an 
einem S tie r einen roten Lappen hinhält. S ie  dürfen 
sich darauf verlassen, ich habe in  meinem Leben — ich 
stehe ziemlich lange in der Arbeiterbewegung — viel 
über mich ergehen lassen, und alle die Herren, die ver- 
j  sucht halben, durch Zwischenrufe mich -aus dem Text 
zu bringen, haben sich getäuscht. S o  wird es Ih n en  
auch ergehen; über ich möchte speziell, ich habe mich 
dazu zum W ort gemeldet, um die Öffentlichkeit darauf 
hinzuweisen, und -ich bitte, daß das beachtet wird, wenn 
irgendwelche Anfragen oder Anträge von feiten -der 
unabhängigen P arte i kommen, dann versucht man, 
Reden zu halten, die dazu -angetan sind, aus dem Fen­
ster hinaus gesprochen zu werden, -aber nicht . . . .  
(Unruhe. — Zuruf: Unerhört!) Ich weiß ja doch, 
wenn die W ahrheit gesagt wird, ist es -nicht recht. 
(Unruhe, Zurufe.) Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal 
im Irrenhause gewesen find. Wenn Sie von Blöd­
sinnigkeit sprechen, das kann doch nur ein Blödsinni­
ger glauben. Ich muß das. leider -noch einmal wieder­
holen, daß man- bei uns den Eindruck gewonnen hat, 
a ls wenn man Reden hält, die für draußen bestimmt 
sind, um die P arte i der Unabhängigen in das Licht 
zu stellen, wo sie gern erscheinen möchten, also als 
möglichst radikale Partei, nur als die einzige Partei, 
die die Interessen der Arbeiter vertritt. Das müssen 
wir entschieden zurückweisen. Ich hatte hier angenom­
men, daß diese Frage, die uns als Arbeiterpartei aufs 
höchste interessiert, daß man die sachlich behandeln 
würde, und ich bin natürlich erstaunt, und ich bebaute 
es tief im Interesse der Arbeitslosen, daß mir dauernd 
diesen Kampf hier im Stadtparlam ent zu sichren haben. 
E s ist doch unerhört letzten Endes, wenn m an eintritt 
für Arbeitslose und m an benutzt die Gelegenheit, um  
den anderen Parteien  eins auszuwischen. (Zuruf: 
Kunze!) Meine Herren! S ie  haben in dauernden Re­
den darauf hingewiesen, daß die Regierung und die 
P arteien  in  der Mitte, das Zentrum usw., schuld daran 
sind, daß die Verhältnisse eingetreten sind, und Sie 
dürfen sich nicht wundern, daß w ir a n s  dagegen meh«- 
ren, und das werden w ir immer tun, wenn m ir an ­
gegriffen werden. Ich kann Ih n en  fageni, daß diese 
Debatte, die mir jetzt führen müssen, die w ir natürlich 
nicht gewollt haben, weil sie nicht im Interesse der 
Arbeitslosen liegt, wenn w ir hier stundenlang debattie­
ren müssen, -eine unfruchtbare Arbeit ist. Verständigen 
mir uns kurz, dann nützen m ir den Arbeitslosen mehr, 
a ls wenn wir diese Roden schwingen müssen, aber das 
scheint m an von der -anderen Seite  -gar nicht so ernst­
lich machen zu wollen. W ir sind dam it einverstanden. 
Ich kann erklären, daß wir unsere ganze Kraft ein­
setzen wollen, die Not und das Elend hauptsächlich 
der Arbeitslosen zu lindem. Ich habe täglich Gele-
        
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