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Periodical volume 11. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

verursachen werden. Alle diese Bauten zusammen er­
fordern wieder 40 Millionen Mark. Es wäre sehr zu 
wünschen, wenn wir sobald als möglich diese Arbeiten 
in Angriff nehmen könnten, um dadurch in weitgehen­
dem Maße der Erwerbslosigkeit zu steuern, aber es ist, 
wie gesagt, sehr bedauerlich, daß die M ittel nur in be­
schränktem M aße vom Reiche zur Verfügung gestellt 
werden, und weiterhin ist es bedauerlich, daß der 
S ta a t die Hilfsaktion nur einleiten will für die Arbei­
ten, die wir bis zum 15. August vollendet haben. 
Mindestens müßte gefordert werden, daß wesentlich 
länger diese Unterstützungen vom S taate getragen wer­
den, denn es ist ausgeschlossen, daß w ir nach dem 
15. August mit einem Male wieder normale Zeiten 
bekommen, so daß diese Arbeiten dann eingestellt wer­
den können.
W as nun die Durchführung der Arbeiten selbst be­
trifft, so beschäftigen wir bei den Arbeiten zurzeit nicht 
ganz 2500 Arbeiter, und zwar 500 vom Hochbauamt, 
1500 vom Verkchrsbauamt und 500 von den übrigen 
städtischen Betrieben. Wenn alle die Arbeiten, die ich 
genannt habe, in Angriff genommen sind, werden etwa 
6000—8000 Arbeiter in der S tad t beschäftigt werden'.
W ir führen vom Verkehrsbauamt einen goßen 
Teil der Arbeiten in eigener Regie durch, und ich muß 
sagen, daß ich im großen und ganzen von der A r­
beitsfreudigkeit «ms er er Arbeiter angenehm berührt 
bin. Die vielen Klagen, die bei Notstandsarbeiten oft­
mals laut werden, treffen nicht zu. Es ist nur erfor­
derlich, daß ein volles Einvernehmen zwischen Arbeiter 
und ausführender Behörde besteht, und ich glaube, daß 
m an den Arbeitern selbst ein gewisses M aß von Kon­
trolle auf den Baustellen einräumen muß, und das ist 
bei u n s in  weitgehendem Maße geschehen, auch glaube 
ich sicher, daß mit unseren Arbeitern, die bisher bewie­
sen haben, daß sie für die Sozialisierung im großen 
und ganzen — von einigen Ausnahmen abgesehen — 
Verständnis hoben, sich, recht gut B auten im eigenen 
Betriebe der S tad t durchführen lassen.
W as die Arbeitsleistung der Arbeiter betrifft, so 
können wir natürlich auf all unseren Bauten, ob es 
nun private oder städtische Bauten sind, nicht mehr die 
hohen Anforderungen stellen, die vor dem Kriege ge­
stellt worden find, denn es ist eine selbstverständliche 
Tatsache, daß, wenn eine Arbeiterschaft vier Jahre  hin­
durch unterernährt ist, sie nicht mehr das leisten kann 
-als vorher; über, wie gesagt, ist die Arbeitsfreudigkeit 
so, daß ich glaube, daß wir ohne Schmierigkeiten die 
Arbeiten in eigener Regie durchführen können. (Hört, 
hört!) Die größte Schwierigkeit macht uns bei den 
Bauten nicht «die Frage der Arbeiterbeschaffung, son­
dern die Beschaffung der Baustoffe. Große Schwierig­
keiten bereitet die Beschaffung der Ziegelsteine. Aber 
nicht allein- die Ziegelsteine sind schwer zu beschaffen, 
sondern auch Kalk, Zement und Tonröhren, und am 
allerschwersten ist Eisen zu bekommen. I s t  bei den 
erstgenannten Baustoffen nur der M angel a n  Kohlen 
schuld, so ist -es bei Eisen sowohl der Kohkenmangel 
als auch die mangelnden Transportmittel, die Schuld 
daran tragen. Bei den Ziegelsteinen kann durch den 
W assertransport ausgeholfen werden-, w as beim Eisen 
nicht möglich ist, weil die direkte Wasserverbindung 
fehlt, und es w ar ein außerordentlich schwerer Fehler, 
daß w ir seinerzeit nicht mit aller Macht den B au  des 
Mittellandkanals durchgeführt haben, denn wenn das 
geschehen w äre, würden wir über die größten Schwie­
rigkeiten bei der Beschaffung des Eisens hinweg­
kommen.
W as die Beschaffung der Ziegelsteine selbst betrifft, 
so glauben mir auch, daß diese Schwierigkeiten in Zu­
kunft fü r Neukölln sich vermindern werden. Es schwebt 
bei uns das Projekt, daß w ir in  kurzer Zeit selbst eine
Ziegelei in Betrieb nehmen werden. Dann wissen S ie  
ja, daß wir auch unser Braunkohlenbergwerk erschlie­
ßen werden, und dann können wir der Ziegelei auch 
Kohle zur Verfügung stellen, und dann wird es uns 
möglich fein, die Baustoffe, die fü r den Hochbau in 
Frage kommen, heranzubringen. W ir müssen hoffen 
und wünschen, daß w ir genügend Kohle aus dem R uhr­
gebiet und aus Oberschlesien bekommen, sonst werden 
wir bei dem Mangel an Eisen und Kohle unsere Bau- 
arbeiten im Hochsommer zum Stillstand kommen las­
sen müssen, denn Eisenvorräte gibt es in  Deutschland 
nicht mehr. Wenn nicht neues Elfen erzeuch wird, 
dann stehen wir in kurzer Zeit vor einer Katastrophe.
Selbst wenn alle diese Arbeiten durchgeführt werden 
sollten, die von dem Herrn Vorredner angeführt worden 
sind, so würde es doch nicht möglich sein, alle Erw erbs­
losen zu beschäftigen, denn es ist ausgeschlossen, daß die 
S tad t jemals als solcher Arbeitgeber auftreten- kann, 
daß aller Handel und alle Industrie vollständig dadurch 
ersetzt wird. Es wird die schwierigste unÄ größte Frage 
sein, wie die Industrie wieder in ihre B ah n en  hinein­
gebracht wird, und das kann, wie der Herr Vorred­
ner schon andeutete, n u r in einer Kommiffion geprüft 
werden. Der Gedanke aber, daß wir einen Teil der 
Industrie oder auch nur etwas übernehmen könnten, 
daß wir all den Industriearbeitern Bror schaffen könn­
ten, ist ausgeschlossen, denn selbst wenn alle unsere 
M aßnahmen zur Ausführung kommen, werden wir 
8000 Arbeiter beschäftigen, und wenn wir da in  Ber­
gleich stellen, daß allein bei Werken wie Siemens 
& Halste und bei der A. E. G. bei Stillegung der Werke 
an einem Tage 60 000 Arbeiter brotlos werden kön­
nen — diese beiden Firm en beschäftigen allein mehr 
Arbeiter als sämtliche Gemeinden Groß-Berlins zu­
sammen durch Notstandsarbeiten beschäftigen können 
— so werden S ie  zugeben, daß durch Notstandsarbei­
ten allein alle Arbeiter einer S tad t nicht beschäftigt 
werden können.
Und -nun zum Schluß noch ein Punkt, den der Herr 
Vorredner berichtete. E s genügt nicht, daß wir allein 
für Neukölln alles aufbieten, um die Erwerbslosigkeit 
zu bekämpfen, sondern das ist eine Groß-Berliner 
Frage, und ich muß offen sagen, daß leider die west­
lichen Vororte Berlins nicht in ähnlicher Weise vor­
gehen, wie wir vorzugehen gezwungen sind. Berlin 
selbst geht ja vor, das kann, m an nicht bestreiten, aber 
die westlichen Berliner Vororte lassen sehr auf sich w ar­
ten, daß sie Notstandsarbeiten in ähnlichem Umfange 
einleiten. W enn aber die Arbeiterfrage nicht -in Groß- 
Berlin gelöst wird, dann ist sie überhaupt nicht zu lösen, 
denn wir in Neukölln allein können sie nicht lös:». 
(Bravo!)
Stadtverordneter Kunze (S . P . D.): Die Frage, 
die hier zur Debatte steht, ist in diesem Hause nicht neu. 
Meine Fraktion hat bereits am 12. Dezember v. I .  
den A ntrag gestellt: „W ir ersuchen den M agistrats­
vertreter um Auskunft darüber, welche M aßnahme» 
getroffen sind, um den aus der Demobilisativn sich er­
gebenden Verhältnissen hinsichtlich der Arbeitslosigkeit 
begegnen zu können." Meine Herren, ich sage, am 
12. Dezember sollte dieser A ntrag verhandelt werden, 
aber gerade die engeren Freunde der jetzigen A ntrag­
steller haben es verhindert, daß dieser Antrag verhan­
delt werden konnte, und zwar w ar das diese Sitzung, 
die hier in diesen Räumen stattfinden sollte am 12. 
Dezember, wo der Arbeiterrat eingegriffen und ver­
hindert hat, daß die Stadwerordnetenfitzung stattfinden 
konnte. (Zuruf: Drei!lasscnmahlrecht!) Meine Herren, 
es ist ranz selbstverständlich, daß ich nicht -danach fra­
gen darf, wenn etwas notwendiges zu tun ist, wer 
hilft, ich muß die Hilfe allerdings auch aus den bür­
gerlichen Kreisen nehmen. Es muß die Arbeitslosigkeit
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