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Periodical volume 11. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

und der gangen Energie der M itwirkung auch weiter 
Kreise der Bevölkerung, denn w as hier kommen soll, 
soll den weitesten Kreisen der Bevölkerung genügen. 
Diese sozial-pädagogische Deputation hat sich zum Ziel 
gesetzt, die gesamten Aufgaben, die die Erziehung an- 
gehen, systematisch zu bearbeiten, von der Säuglings- 
füriorgc bis zur Pflege der Erwachsenen. Ich bin in 
der T at der Ansicht und stimme mit dem Herrn Vor­
redner überein, daß für die nächsten Jahrzehnte dieses 
die allerwichtigsten Ausgäben sind. W ir bedürfen also 
der Konzentrierung dieser Aufgaben, und dazu dient 
die Deputation. W ir bedürfen andererseits aber auch 
einer gewissen Dezentralisation, so daß diese Depu­
tation selber wieder aus verschiedenen Gruppen be­
stehen soll: Fürsorge für die Säuglinge, für die Früh- 
linder, für Erziehungssragen, die das Schulkind an­
gehen — auch auf dem Erbiete ist noch viel Neues zu 
schaffen —, Erziehungsfragen, die die Kinder an­
gehen zwischen 14 und 18 Jahren , also das Problem  
der bisher sogenannten Jugendpflege, dann  die Be­
ratung der Erwachsenen in  intellektueller, ästhetischer 
und ethischer und sozialer Hinsicht. Das soll auch ge­
schehen durch die neu zu gründende Volkshochschule, 
die selber wieder durch den Volksbildungsausschuß ge­
schaffen werden foll, ein Volksbildungsausschuß, der 
in breitester Weife auf die Kräfte der Bevölkerung ge­
stützt werden soll. Das ist zunächst das allgemeine. 
Wie die Sache nachher aussehen wird, das wird, wie 
gesagt, von der Kraft, von der Liebe und von der 
Treue abhängen, mit der diejenigen, die berufen find, 
diese Arbeit zu tun, zu ihr stehen, denn die Organi­
sation, die Maßregeln an und für sich sind nichts, wenn 
nicht entsprechende M änner, entsprechende Persönlich­
keiten, die die Jugend lieben, dahinter stehen. (Sehr 
richtig!)
W as dann zweitens den Ortsausschuß für J u ­
gendpflege betrifft, so habe ich auf Wunsch der betref­
fenden Institution den Vorsitz übernommen und habe 
am vergangenen M ontag die erste Sitzung des Orts­
ausschusses abgehalten. Ich glaube, daß w ir das Ver­
trauen haben dürfen, daß diese Sache vielleicht aus 
etw as zu sehr nach rechts ausbiegenden Bahnen nun­
mehr zurückkehren wird in die goldene Mitte. Hierbei 
möchte ich betonen, Arbeitervereinigungen sind auch 
bis jetzt schon im Ortsausschuß gewesen. W ir hatten 
am letzten M ontag die Freude, die verschiedenen Ver­
treter der freien Turnerschaft hier zu sehen, die sich an  
der Diskussion in  erfreulicher Weise und lebhaft beteiligt 
haben, und soweit ich orientiert bin, sind die Mitglieder 
der freien Turnerschast zum großen Teil Angehörige der 
mehrheitssozialistischen P artei und zum Teil auch der 
unabhängigen Partei. Jedenfalls soll der O rtsaus­
schuß für Jugendpflege nunmehr in diese sozial-päda­
gogische Deputation mit hineinkommen und wird dort 
dem modernen Zug ohne weiteres folgen. W as eine 
Reihe von anderen Fragen, wie Kindergärten«, Kinder­
horte, «betrifft, fo «habe ich mich auch diesen Dingen seit 
Jah ren  praktisch gewidmet. Ich habe Gelegenheit ge­
habt, im Peftalozzi-Fröbel-Haus die Jugendleiterin­
nen« und Kindergärtnerinnen im ganzen über acht 
Jah re  zusammen zu haben und habe eine Reihe von 
Erfahrungen gesammelt, «die hoffentlich «meiner neuen 
Stellung zum Nutzen gereichen. Dort habe ich «gesehen, 
wie gerade in punkto Kindergärten und Kinderhorte 
von den dabei «beteiligten Lehrerinnen — es sind fast 
nur F rauen an der Spitze — die beiden Leiterinnen, 
Fräulein  Dreescher und Fräulein Sicker, diese Sache 
ganz ausgezeichnet machen ohne jeden konfessionellen 
Eigensinn, wie dort, ohne jeden Versuch, die Sache 
nach rechts abzubiegen, eine vorzügliche sozial-pädago­
gische Arbeit «bereits geleistet ist. W ir wollen uns also 
solche Einrichtungen, wie sie dem Pestalozzi-Fröbel-
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H aus entsprechen, wie sie dem Geiste dieses großen 
M annes Pestalozzi bereits vorgeschwebt haben, nutz­
bar machen und wollen in diesen Bahnen weiter w an­
deln. Sowohl Kindergärten und Kinderhorte, wie Kin­
derheime sind Dinge, die uns bereits beschäftigt haben. 
Vor kurzem «habe ich Gelegenheit gehabt, die Frage 
gemeinsam mit dem zuständigen Referenten zu be­
sprechen, der m ir zusagte, daß Herr Minister Haenisch 
dieser F rage das «größte Interesse entgegenbringe und 
daß er bereit sei, nicht unbeträchtliche Sum m en für J u ­
gendheime zur Verfügung zu stellen. Daraufhin habe 
ich dem Herrn Geheimrat gesagt: W ir werden sehr 
bald als S tad t Neukölln an S ie  herantreten und ich 
sage Ih n en  schon «heute, unsere Wünsche bezüglich der 
Beteiligung des S taates werden nicht allzu bescheiden 
seid.
Dann die Frage der Bibliotheken. Da liegt n a tü r­
lich manches im argen. Die Bibliothek, welche mir 
haben, so dankenswert und so schön sie ist, ist doch noch 
etwas gar zu klein, und gerade auf diesem Gebiete muß 
außerordentlich viel Neues geleistet werden. Es gibt 
ja fast kein Mittel, welches unmittelbarer und vorzüg­
licher wirkt als das: Lektüre eines guten Buches, wie 
das Ansehen eines guten Holzschnittes und dergleichen 
und damit zusammenhängend Vorträge, Lichtbilder 
usw. W ir müssen dazu kommen, eine ähnliche Volks­
bücherei zu bekommen wie sie die Gemeinde C har­
lottenburg seit Jah ren  besitzt; aber auch hier appel­
liere ich wieder an die Kraft und die Liebe der Bevöl­
kerung. G ründen wir eine solche Gesellschaft der 
Freunde der Volksbücherei und bringen S ie  die Leute 
auf, die sich dafür interessieren, sammeln wir freiwil­
lige Fonds, denn« um anderes wird es sich jetzt nicht 
handeln«, um  die nötigen M ittel «für die neuen Bücher 
zu haben, damit die Bibliothek nicht verarmt. Neben 
diese Zentralbibliothek werden auch Kinderbibliotheken 
treten. Das «alles sind sehr schöne Projekte, aber die 
einzelne Gemeinde — das müssen wir uns klar 
machen — kann bei der finanziellen Mißlage allein« 
nichts leisten. Hier heißt es, m it aller Energie an  
Reich, S taa t und Provinz heranzutreten, damit für 
diese Bildungsaufgaben in kürzester Zeit M ittel be­
reitgestellt werden. (Zuruf: N ur das Zentrum er­
laubt es nicht!)
S tab tra t Dr. Sicherstem: Gestatten S ie mir, auch 
noch einiges über W ohlfahrts- und Jugendangelegen­
heiten zu sprechen-. W ir dürfen aber nicht die gesund­
heitliche Seite der Angelegenheit unterschätzen. W ir 
dürfen nicht unterschätzen«, welche großen Aufgaben 
unserer in Zukunft harren, nicht nur hinsichtlich der 
Jugend, sondern für die ganze Menschheit, um die 
'Menschheit von dem Elend in gesundheitlicher Be­
ziehung zu befreien«, in das sie durch den Krieg hinein­
gekommen ist; und dazu soll diese Vorlage ein Mittel 
fern Die Vorlage, wie w ir sie beabsichtigen und sie 
auszuführen gewillt sind, umschifft die Klippen sehr 
geschickt, die bis jetzt immer da wäre», wenn es sich 
darum  handelte, Jugendäm ter zu bilden. E s war ja 
bis jetzt ein S treit in der gesamten Literatur vorhan­
den, wer ein Jugendam t leiten soll, ob ein Verwal­
tungsbeamter, ein Pädagoge oder ein Hygieniker. 
Dieser Entwurf, «den wir Ihnen  vorlegen, hat diese 
Schwierigkeiten ganz geschickt dadurch beseitigt, daß er 
sagt, «daß das Jugendam t als« solches nur die Jugend 
für sorge in verwaltungsrechtlicher Hinsicht ausführen 
soll und daß es die Zusammenarbeit gewährleistet! 
soll zwischen Verwaltung, Hygiene und Schulpflege, 
und das ist auch im § 3 des Gesetzentwurfes der alten 
preußischen Regierung ganz zweckmäßig festgelegt. 
Ich glaube, an den übrigen Punkten «der gedruckten 
Vorlage «haben wir alle schon w as auszusetzen gehabt 
und wir stehen gar nicht mehr auf dem Standpunkt
        
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