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Periodical volume 11. April 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Die Jugendpflege soll für die gesamte Jugend da sein, 
auch für die Arbeiterjugend; und S ie  wissen es; daß 
der Ortsausschuß für Jugendpflege ungeheure Unter­
stützungen erhalten hat seitens des S taa tes und des 
M agistrats. Alle diese M ittel wurden natürlich nur 
verwendet, um die Arbeiterjugend den Arbeitervereinen 
abspenstig zu machen, um sie in das Lager der B ü r­
gerlichen hineinzuführen. Ich betone nochmals, daß 
die bürgerliche Jugendbewegung vor dem Kriege dazu 
da war, die Arbeiterbewegung zu unterdrücken, und 
während des Krieges hat sie es sich angelegen fein 
lassen, den Krieg zu verherrlichen und den Weg vor­
zubereiten für alle diese Vereine, die sich die militä­
rische Ausbildung der Jugend angelegen fein ließen, 
durch Jungdeutschlandbund, und wie alle diese Vereine 
-hießen. W ir mußten natürlich strikte ablehnen-, uns 
daran  zu beteiligen und können auch heute noch nicht 
mit diesen Vereinen arbeiten; das erkläre ich frei und 
offen. W ir verlangen -also in diesem Antrage, daß die 
Jugendpflege -eigene in die Hände der Stadtgemeinde 
übernommen wird, und ich bin überzeugt, daß S ie un­
seren Antrag werden annehmen- müssen, aus dem ein­
fachen Grunde, weil nur so die Gerechtigkeit gewahrt 
werden kann. W ir verlangen, alle Einrichtungen, die 
Kinderhorte usw. sollen in die Hände der S tad t­
gemeinde übergeführt werden, weil alles, was auf die­
sem Gebiete bisher getan wurde, Sache der sogenann­
ten freiwilligen Liebestätig-keit war. Es w aren größ­
tenteils kirchliche Vereine, die sich des Kleinkinder- 
rvcsens angenommen haben, und auch die Kinderhorte 
find schon benutzt worden, um diese Kleinsten der 
Kleinen militärisch zu verseuchen, und wenn S ie  zuge­
sehen haben, wenn die Kleinsten mit schwarz-weiß- 
roter Fahne in Knegsgesänge eingestimmt haben, 
dann mögen S ie  heute darüber lachen. Damals haben 
S ie nicht darüber gelacht, damals haben S ie es -für 
selbstverständlich gehalten. Dieses Gebiet wollen wir 
aus den Kinderhorten herausnehmen. Die Kinderhorte 
müssen es sich zur Aufgabe machen, die Jugend wis­
senschaftlich zu erziehen. W ir betrachten die E r­
ziehung a ls  Wissenschaft; nur wirklich gute, wissen­
schaftlich vorgebildete Jugendpfleger, Kindergärtnerin­
nen gehören hinein in diese Kinderhorte. Die Kinder 
sollen erzogen, nicht verzogen werden; und wenn im­
mer vor dem Kriege bis zu dem heutigen Tage erklärt 
worden ist, jeder Preuße ist der geborene Soldat, so 
darf ich wohl behaupten, daß das falsch ist, indem ich 
sage, jeder Preuße w ar der dazu erzogene Soldat; 
und auch dazu haben -die vielen Tausende und Aber­
tausende von Kinderhorten beigetragen. Ferner ver­
langen wir die Einrichtung der Jugendheime, soge­
nannter städtischer Jugendheime, Jugendheime, die 
mit den modernsten Erziehungsmitteln ausgestattet sind, 
m it guten Büchereien usw. W as bis jetzt in Neukölln 
geschehen -ist, w a r bisher lediglich Sache der Vereine, 
und das -genügt noch lange nicht für die Neuköllner 
Verhältnisse. Ich gebe zu, daß augenblicklich- durch 
die bestehende W ohnungsnot es schwer sein wird, 
solche Heime neu zu schaffen-, aber man kann schon heute 
oder morgen dazu übergehen, Schulräume dazu herzu­
geben für die Jugend über 14 Jah re  in den Abend­
stunden. Das steht durchaus im Bereiche des M ög­
lichen, und auch da möchte ich unseren Magistrat bit­
ten, die Sache in die Hand zu nehmen, um den Bedürf­
nissen, die die Arbeiterjugend hat, nachzukommen. 
Dann können diese Jugendheime noch zu gleicher Zeit 
ausgestaltet werden für die Nach-mittagestunden für 
die schulfreie Jugend. Das wird alles Ausgabe der 
sozial-pädagogischen Kommission sein. Auch das ist eine 
Notwendigkeit. W ir müssen Räume schaffen für die 
Schuljugend, wo die Schuljugend zusammenkommen 
kann, um zu spielen oder zu lesen. Große Lesehallen
große Büchereien. Aus dem Gebiete der Schulbiblio- 
theken muß viel geändert werden-. Vielleicht kann man 
hier eine -große Zentralbibliothek schaffen. Die Ge­
meinde hat hier ungeheure Aufgaben vor sich. W as 
w ir für unsere Jugend tun, das tun wir für die Zu- 
i tunst. W ir müssen alles aufbieten, um die Jugend aus 
dem Elend der Kriegsjahre herauszuführen, denn w as 
die Jugend in den Schulen gelernt hat — das wurde 
in der vorigen Sitzung betont — , das ist derartig 
dürftig und das Dürftige w ar auch noch schlecht. Be­
weise liegen vor. Die Literatur, die dort gepflegt 
wurde, -die Gedichte, die gelernt wurden-, waren mit­
unter die ödeste Kriegsliteratur, auch heute noch, so daß 
wirklich die Jugend es nötig hat, nachdem sie die 
Schule verlassen hat, S tätten zu finden, wo sie ihre 
Fortbildung pflegen kann. Die Fortbildungsschulen 
genügen nicht. Ich betone, stimmen S ie  unserem A n­
trage zu und Helsen S ie  mit, daß endlich auch mal was 
für die Jugend geschaffen wird, damit die S tad t Neu­
kölln auf dem Gebiete der Jugendpflege vorangeht, 
damit endlich einmal die Phrase von dem Jah rh u n ­
dert des Kindes zur Wirklichkeit wird. (Beifall.)
S tad trat B runn: Meine Damen und Herren! Die 
Anfrage des Herrn- Redners der unabhängigen sozial­
demokratischen P arte i ist zum großen Teil schon beant­
wortet durch die Vorlage des M agistrats über die 
Errichtung eines W ohlfahrts- und Jugendam tes mit 
den Folgen, daß auch die sozial-pädagogische Abteilung 
eingerichtet und die hygienische Abteilung ausgebaut 
worden ist. Der Zustand der Kinderhorte und der 
Kindergärten, wie ich sie hier gefunden habe, hat mich 
veranlaßt, diesen Fragen meine ganz besondere Auf­
merksamkeit zu widmen. S ie  werden demnächst in dem 
vorgelegten E tat finden, daß ein Betrag von 25 000 M. 
für diese Zwecke eingesetzt worden ist im Gegensatz zu 
400 M . im letzten Jahre, in dem allerdings ein Betrag 
von über 10 000 M. noch aus Kriegsvorschüssen 
gezahlt worden ist. Hinsichtlich der einheitlichen 
Regelung des Hvrtwesens galt es zunächst, eine 
Organisation zu schaffen, auf der aufgebaut wer­
den kann. Das ist geschehen- durch meine Vorschläge 
über die Errichtung eines Wohlfahrtsamtes. Zu den 
Ausführungen des Herrn Berichterstatters über die 
Errichtung eines W ohlfahrts- und Jugendam tes möchte 
ich nur noch ganz wenig hinzufügen. Vielleicht hat der 
Herr Berichterstatter ein W ort in der M agistrats­
vorlage zu wenig betont, und das ist, daß den Vor­
schlägen des S taö tra ts  B runn nur g r u n d s ä t z l i c h  
zugestimmt werden soll. E s wird nicht verlangt, alle 
diese Vorschläge im einzelnen anzunehmen. Das hat 
der Berichterstatter heute ausgeführt. W ir haben uns 
die Sache so gedacht, daß die einzelnen- heute zu wäh­
lenden Kommissionen den Ausbau der verschiedenen 
Aufgaben, die ihnen obliegen, weiter vornehmen soll. 
Hier wird Ihnen  wiederum nur der Rahmen gegeben. 
Die einzelnen Aufgaben sind im großen Rahmen fest­
gelegt, die einzelnen Kommissionen sollen dann aus­
arbeiten, wie sie die Einzelausführung für richtig hal­
ten. Ich glaube also, daß S ie  der Vorlage- zustimmen 
können, ohne sich irgendwie auf Einzelheiten festzu­
legen. W ir legen selbst großen W ert -darauf, daß das 
nicht geschieht, sondern daß dieses Recht den Kom­
missionen vorbehalten bleibt.
Stadtschulrat Dr. Buchenau: Ich möchte heute nur 
in aller Kürze auf einige Fragen eingehen; erstens 
bezüglich der sozial-pädagogischen Deputation, zweitens 
hinsichtlich des Ortsausschusses für Jugendpflege. Die 
| Einrichtung einer solchen sozial-pädagogischen Depu- 
: tation ist ein Experiment (sehr gut!), und dieses Ex­
periment muß sich natürlich erst bewähren, d. h. w ir 
wollen sehen, w as daraus wird. Damit daraus etwas 
wird, bedarf es der Mitwirkung erstens der S tad t
        
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