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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

fanniesten aufrechten Demokraten ist. Sie haben bei 
den vier Wahlen also in drei Fällen sozialistisch und 
demokratisch denkende Männer gewählt. Das möchte 
ich hier ausdrücklich feststellen.
Stadtverordneter Radtke (U. S. P.): Meine Damen 
und Herren! Ich hatte nicht geglaubt, daß dieses Thema 
uns so lange beschäftigen würde, insbesondere, wie ich 
die Begründung hörte. Es soll ihnen ja nichts getan 
werden. Was wollen Sie also denn? Sie können 
nachher ruhig nach Hause gehen und Ihre Arbeit an 
den Schulen ruhig weiter verrichten. Alles drängt sich 
d a n n  wieder zusammen, sobald Hindenburg wieder 
nach Berlin kommt. Dann wird wieder in der Mitte 
ein bißchen Aufregung sein, daß ein Ministersessel 
wackeln könnte, man wird wieder ein bißchen Revo­
lution machen, und wenn diese Zeit vorbei ist, schläft 
alles wieder ein. Meine Damen und Herren! So 
liegen die Dinge! Sie haben doch kein Recht, sich auf 
etwas zu berufen. Die Regierung hat selbst gerufen, 
sie hat während der Märzunruhen ein Telegramm fol­
genden Inhalts an die Universitäten erlassen: „Die 
Reichsregierung beabsichtigt die akademische Jugend 
einzuladen zum Kampfe gegen die drohende Anarchie 
und baut auf ihre Treue und Hingebung. Sicherheit 
fü r die für das Studium verloren gehende Zeit wird 
durch besondere Verfügung gewährleistet werden." — 
Was den Herrschaften von den Universitäten recht ist, 
•ist den Herren Dungens an den Schulen billig. (Wider­
spruch.) Jawohl! Dann braucht man sich nicht darüber 
wundern, wenn auch die Jungens von 12 bis 13 
Jahren schon Verein spielen wollen. Aber die Dinge 
liegen noch anders! Diese jungen Leute sind von den j 
Eltern als Dekoration für ihr politisches Vorgehen 
systematisch mißbraucht worden. Darin liegt die um i 
geheure Gefahr. Sie werden sehen, in Neukölln ist es | 
noch nicht Schluß. Heute sind w ir noch dabei, die un­
geheuren, schrecklichen Folgen des Krieges zu beseitigen, j 
W ir sind dessen nicht Herr, w ir können es nicht schaffen. 
Alle stehen w ir unter dem ungeheuren Eindruck, was 
dieser Krieg hervorgebracht hat. Heute aber wird von : 
diesen Organisationen das M ilitär- und Soldatenspiel 
schon wieder propagiert. Hier habe ich einen Bericht, j  
da wird ausführlich geschildert, wie Lichtenberg gegen 
Neukölln vorging, und wie dann schließlich die kleinen : 
Neuköllner sich Lichtenberg ergeben mußten. Genau 
derselbe Fall wie früher, der, wie Herr Kollege Wald- : 
heim sagte, die Vorbedingung für den Krieg geschaffen 
hatte. Im  übrigen: unsere Lehrerschaft ist nach dem 
Vereinskalender auch ziemlich aktiv in den Dingen tätig. 
Das dazu.
Nun die Organisation an und für sich. Was macht 
daran erfreulich? Das ist die Offenheit. Sie sagen: 
W ir wollen alle jungen Deutschen um uns scharen. , 
wollen ihren Glauben an das kommende . . . .  [tieft 
vor). Das ist vielsagend. Sie wollen in den Herzen 
unserer Jugend die Flamme leuchten lassen, die 
Flamme der Begeisterung im August 1914. — W ir 
danken dafür. Sie sagen weiter, Sie wollen, daß auch 
die jungen Deutschen zu uns kommen, die außerhalb 
der uns aufgezwungenen Grenzen nun leben. W ir 
wollen nicht zuletzt aber auch stark werden in dem 
Glauben an „ihn", — wer ist dies? — dessen Namen 
w ir nur mit Ehrfurcht nennen. — Sie gehen munter 
auf ihr Ziel los. Daß sie die Juden da nicht haben 
wollen, ist schlecht. Aber nachher nehmen sie gerne das 
Geld von den jüdischen Mädchen, wenn sie sie heiraten. 
Wie man da von einer sozialistischen Partei aus nun 
solche Spielerei treibt, ist einfach sonderbar. Wie, wenn 
w ir gegen den einen Flügel der Partei polemisieren 
wollen, der in radikaler Weise die Verhältnisse ändern 
w ill! (Zuruf Dr. Bierbach.) Das ist mir noch unbegreif­
licher. Herr Kollege Bierbach, Sie können beruhigt
sein. Durch solche Mittelchen wird man uns niemals 
mit den Herren in der Mitte zusammenbringen. Da 
müssen erst andere Taten folgen, da müssen Sie erst 
unser Programm anerkennen. Wenn Sie das nicht 
machen, gehen Sie Ihren Weg weiter und w ir den 
unsrigen, dann gehen w ir nicht zusammen. (Unruhe, 
Widerspruch, Zuruf: Sie verlassen Euch!) Nein! Wenn 
Sie das behaupten, dann haben Sie eben keine 
Broschüre, kein Flugblatt mehr zu Hause von dem, das 
Sie früher verbreitet haben, was w ir gemeinsam be­
handelt haben. Wenn Sie das nicht haben, so stelle ich 
es Ihnen gern zur Verfügung. Dann werden Sie 
natürlicherweise nicht sagen: Die Dinge müssen so 
bleiben, wie sie sind. Daß w ir das Programm, das 
nunmehr 40 Jahre alt ist, nicht als ein Heiligtum an­
erkennen, das ist selbstverständlich. W ir werden ja nach 
den Umständen unsere Propaganda einrichten. Und w ir 
sehen, daß es heute notwendig ist, scharf vorzugehen, 
d. H., daß nur durch das Rätesystem und die Räte­
diktatur ein neues System gewährleistet werden kann. 
Sie drüben. Sie haben dann kein Recht, sich darüber 
zu beklagen. Bis heute haben Sie noch nichts von 
Diktatur gespürt. Sie haben bis heute noch genau das­
selbe System wie bis 1914, nur mit der einzigen Um­
änderung, daß Herren, die früher noch von einem Vor­
gesetzten, wenn er auch bürgerlich war, zur Verant­
wortung gezogen wurden, heute nicht mehr zur Ver- 
; antwLitung gezogen werden von sogenanten Sö­
st zivilsten. I n  den Regierungsstellen hat sich nichts ge­
ändert. Und der Deutschnationale Jugendbund — das 
sind nur Symptome. Man gehe den Dingen auf den 
Leib, man nehme sie da, wo man sie packen muß, man 
fordere die Beseitigung der Einwohnerwehren. Das sind 
die Gebilde, die die größte Gefahr in sich bergen. W ir 
fordern Auflösung dieses konterrevolutionären Söldner­
heeres, Auflösung der Polizeiformationen, Technischen 
Nothäfen, Polizeitruppen usw. Solange das noch 
existiert, solange es noch heißt: „Dieses Haus steht unter 
dem Schutze der Einwohnerwehr", und wo man die 
Waffen überall findet, rein zufällig, — ja, wenn Sie da 
glauben, mit solchen Anträgen auf dem Boden der 
bürgerlichen Demokratie und mit derartigen Redens­
arten die Fragen zu lösen, dann tun Sie mir wirklich 
leid. Heute muß ernsthaft geredet werden. Und wenn 
Sie sagen, daß Politik in der Schule nicht getrieben 
werden sol l . .. (Rufe: Sehr richtig! und: Parteipolitik!) 
Parteipolitik soll nicht getrieben werden, aber Politik 
muß getrieben werden, denn wenn nicht, dann müßten 
Sie die ganzen Schuigeschichtsbücher verbrennen, weil 
überall etwas von Politik drin steht, das war syste­
matische Geschichtsfälschung. Wie können Sie cs 
eigentlich mit Ihrem Gewissen vereinbaren, — wenn 
ein Gedenktag kam, dann setzten Sie Ihren Seifen- 
proppen auf das gelehrte Haupt und hielten eine 
geölte Festrede. (Heiterkeit.) Davon müssen w ir uns 
freimachen. W ir verübeln es Ihnen nicht, daß Sie 
anderer Ansicht sind, aber tun Sie es offen und frei 
heraus und benutzen Sie nicht die Institutionen des 
Staates dazu. W ir wollen unsere Jugend schon sozial­
demokratisch erziehen, aber zu Hause, in unseren 
Organisationen und vor allen Dingen dadurch, daß w ir 
den Kindern sozialistische Beispiele geben. Das ist der 
Grund, daß w ir in einer Einheitsschule nach einem 
einzigen System die gesamte Menschheit erziehen 
wollen, daß w ir sie freimachen von dem Egoismus, 
daß w ir sie sozialistisch erziehen. Nicht, daß kapi­
talistische und eigennützige Interessen den Kindern 
schon in der Jugend beigebracht werden, daß man ihnen 
sagt: du darfst dich mit den Arbeitern nicht gleich­
stellen, aber die machen die Arbeit dann für dich. 
(Zuiufe.) Aber Herr Kollege Bierbach, Sie sollten cs 
wissen, was in den Schulen systematisch gepredigt und
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