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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Schule, und dazu soll uns der 1. M ai ein M ittel sein." 
(Hört, hört!) Ich Hoffe, daß inzwischen die Anschau­
ungen über die Unmöglichkeit, in der Schule Politik 
zu treiben, auch diese sehr scharfen W orte als das er­
wiesen haben, w as sie sind, als einen Erziehungsfehler. 
Ich kann m ir nicht denken, daß die große P a r te i der 
unabhängigen Sozialdem okraten heute noch auf diesem 
Standpunkt steht, ich nehme vielmehr an, daß sie am  
nächsten 1. M ai wünscht, daß eine unpolitische L ehrer­
schaft eine unpolitische Kinderschaft in Rücksicht auf 
V ölkerverbrüderung und Völkerfrieden allgemein 
menschlich beeinflußt.
W as H err Kollege Wille vorgetragen hat über die 
A ufforderung zum Haß, das hat m einen Ekel erregt. 
W enn in einer Iugendschrift, v^e der Ju g en d  zugänglich 
ist, steht, daß die Erziehung zum Haß, zur Rache, das 
Erste und Wichtigste ist, so ist es etw as furchtbares! 
W enn m an dem Kinde am A nfang des Unterrichts 
eine solche Gesinnung zum H aß an gedeihen läßt, glaubt 
m an denn dann noch, daß m an unbeeinflußte Seelen 
haben könnte unter der Kinderschar, die fähig sein 
könnten, sanfte menschliche S itte n  an - diesem Tage 
noch aufzunehm en? Ich  möchte das aufs stärkste be­
zweifeln. Und wenn dann der deutsche Lehrer kommt 
m it der großen W ahrheit: „Überall weht G ottes Hauch, 
heilig ist rocht mancher Brauch", — da w ird das Kind, 
das hassen gelernt hat, sagen: Nein, nein, das ist nicht 
überall der F all, ich habe hassen gelernt und will keine 
Gemeinschaft m it den übrigen. —  Solch ein H aß ist 
e tw as Furchtbares. Und da möchte ich d ie .P a r te i der 
Deutschnationalen bitten, sich auf das W ort zurück­
zubesinnen, M öm er 12, 19: Rächet euch selber nicht! 
E in  solches W ort können S ie  nicht zugleich lehren mit 
dem  W ort vom Haß und von der Rache.
T an n  schien m ir aber H err Kollege W ille nicht 
glücklich zu sein in  der H eranziehung des bekannten 
Spruches aus R öm er 13, daß jederm ann der Obrigkeit 
un tertan  sein solle. E s gibt ja keine U ntertanen mehr! 
Auch im heutigen S ta a t  gibt es keine U ntertanen mehr, 
und die Heranziehung w ar zum mindesten nicht sehr 
glücklich. W ir wollen uns heute das Recht des freien 
Urteils gegenüber jeder Obrigkeit bewahren, sie komme, 
woher sie wolle. W ir haben es u n s  früher schon erlaubt 
und wollen es auch künftig tun.
W enn an  einem schwarzen B rett stehen kann: 
„Ju d en  haben keinen E in tritt" , so ist das der Gipfel 
der Geschmacklosigkeit, und ich begreife nicht, daß trotz 
bei Erziehung in der höheren Schule der gute Geschmack 
in der höheren Schule doch soviel zu wünschen übrig 
läßt, daß dieses W ort überhaupt an eine Tafel ge­
langen konnte. Ich  m uß sagen, daß ich in meiner 
Klasse in der Volksschule dafür gutstehe, daß kein ein­
ziges m einer K inder es w agt, an eine öffentliche Stelle 
ein solches W ort hinzuschreiben und dam it seine M it­
schüler aufs schwerste zu verletzen. Ich m uß feststellen, 
daß in einer Klasse, wo eine derartige Kundgebung 
möglich w ar, die Id ee  der Völkerversöhnung und -Ver­
brüderung n u r sehr m att und verwachsen gelehrt w or­
den sein kann, denn sonst w äre eine solche Gehässigkeit 
an der Tafel ausgeschlossen.
E s  ist gesagt w orden, w ir hätten Angst vor dem 
Deutschnationalen -Jugendbunde. Ich  m uß sagen: ich 
unterschreibe das. J a ,  ich habe Angst vor einem Bunde, 
der so weit gegangen ist, einen Teil der Volksgenossen 
so verächtlich beiseite zu werfen. „Ju d en  haben keinen 
Z u tritt!"  J a ,  w as  will m an  denn? S in d  das noch 
Christen? H at denn der M eister ein einziges M a l so 
gehandelt? W arum  hält m an sich in diesem P unk t nicht 
an den M eister, der selbst ein Ju d e  w a r?  (Widerspruch.) 
W arum  w agt m an es, den guten Absichten dieses 
Menschheitsversöhners entgegenzuhandeln und ein der­
artiges häßliches und gehässiges W ort zuzulassen? W er
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so Haß und Rache lehrt, vor dem habe ich Angst, der 
erweckt alle finsteren Gefühle in der Menschenbrust, uno 
der hindert mich, in ein solches Herz irgend welche G e­
danken von gegenseitiger Wertschätzung, D uldung und 
Achtung hineinzupflanzen.
N un ist von der anderen S eite gesagt w orden: 
W ir erziehen zu Klassenbewußtsein. S ie  haben das 
W ort verteidigt. Ich kann es nicht verteidigen. W ir 
wollen den „Klassenhah und Rassenhaß und M assenhaß 
und derlei Teufelswerke" nicht haben, w ir wollen 
im m er wieder feststellen, daß der Friede auf der W elt 
nicht gewährleistet w ird, w enn ich mein Kind zum 
Klassenhaß anfeuere, sondern dann, w enn ich es zum 
Menschenbewußtsein erziehe. A llerdings mutz ich auch 
fegen: die unverhüllte Drohung, die ausgesprochen 
worden ist gegen die Lehrerschaft, hat m ir nicht ge­
fallen. Die D rohung des H errn  Kollegen Wille, gegen 
gewisse Lehrer vorgehen zu wollen, die bewußt eine 
parteipolitische Richtung in der Schule betreiben, w ar 
m ir unangenehm . Ich muh aber sagen, daß die A n­
zahl der Lehrer, die bewußt nach einer Seite hin 
arbeiten, doch wohl sehr gering sein dürfte. (Zuruf: 
E s  gibt aber solche!) W enn es welche geben sollte, so 
w ürde ich das schmerzlich bedauern, die Herrschaften 
heben sich noch nicht durchgerungen zu den w ahren 
Zielen des Crhiftentum s, zu den w ahren Hochzielen 
des Menschentums. S ie  sollen an  sich arbeiten, bis sie 
auf den S tandpunk t kommen, daß sie nicht m ehr fähig 
sind, ihre Mitmenschen durch eine solche Befolgung ein­
seitiger P arteipolitik  zu verletzen.
Ich bin dam it am  Ende und bitte S ie , dafür zu 
sorgen, daß von jeder P arte i, und besonders auch, 
wenn w ir wieder den 1. M ai feiern, in einer ver­
söhnenden Weise der große Grundsatz der P arteilosig­
keit in der Schule in die T at umgesetzt werden möge.
Stadtschulrat D r. Buchenau: M eine D am en und 
H erren! Ich möchte nu r eine kurze Bem erkung machen 
zu dem, w as H err S tad tverordneter R eum ann  vorhin 
geäußert hat. W enn ich davon sprach, daß es not­
wendig fei, die alten, im alten Gleise sich bewegenden 
Schulleiter, Direktoren uno Rektoren, zu ersetzen, so 
galt das  nicht nu r und nicht vornehmlich für unsere 
S tadtgem einde, sondern diese Bem erkung w ar all­
gemein gemeint.
I m  übrigen möchte ich darauf hinweisen, daß ich 
es auf das Allerschäifste zurückweisen muß, als ob es 
bisher hier so gehandhabt worden sei, daß von der 
D eputation Ih n en , unbeschadet der anderen P rü fu n g  
der F rag e  der fachlichen Tüchtigkeit, nu r freiheitlich 
gesinnte und sozial denkende P ersonen vorgeschlagen 
sind. W ollen S ie  doch, bitte, den E influß des einen 
M agistratsm itgliedes hier nicht überschätzen. (S eh r 
richtig!) Die D eputationen setzen sich zusammen in der 
M ehrheit au s  Demokraten und Sozialisten. Der S ta d t­
schulrat, der da drin  sitzt,, hat nu r eine S tim m e. Dam it 
ist die V erantw ortung  gewiß nicht von seinen Schultern 
genommen. A ber diese V erantw ortung  ist eine geteilte. 
W as die A usw ahl betrifft, so sind für den Beam ten, 
der die P rü fu n g  der Gesuche auf sich nimm t, zwei Dinge 
maßgebend: in  allererster L inie die fachlichen und fach«
| liehen Kenntnisse und die Tüchtigkeit, und dann kommen 
in zweiter Linie allerdings sowohl für Volks-, wie 
, M ittel- und andere Schulen freiheitlich und sozial 
denkende M änner. Und S ie  haben doch auch —  das 
m uß ich hervorheben —  sowohl bei der W ahl des 
Stadtschulinspektvrs, w ie bei der W ahl des Rektors der 
Mittelschule rein  sozialistisch denkende M än n er ge­
wählt. S ie  denken nur im m er an  diejenigen Beispiele, 
wo nicht sozialistische M än n er gewählt sind. D a möchte 
ich auch das eine betonen, daß der, wie ich zugebe, von 
mir in erster L inie vorgeschlagene D r. Lötzbeyer, den 
w ir Zuletzt als Direktor gew ählt haben, einer der be-
        
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