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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

ich b in  aber bereit, den N am en dem H errn Stadtschul­
ra t persönlich mitzuteilen. D ort haben zu einer Zeit, 
als die M itglieder des Deutschnationalen Jugendbundes 
noch haufenweise herumliefen mit dem Abzeichen 
schwarz-weiß-rot, einige M itglieder des Demokratischen 
Jugendbundes ihre schwarz-rot-goldenen Abzeichen ge­
tragen. E in Lehrer jener Schule erklärte nun  einem 
dieser Schüler: „W eg mit dem Abzeichen, das diese 
F arb en  zeigt! Sehe ich diese Schandfarben noch ein­
mal, dann passiert etw as!" Also ein Lehrer nennt das 
Schandfarben, w as jetzt die F arben  des Deutschen 
Reiches sind. Ich will allerdings a ls  mildernden Um­
stand hierbei nicht unerw ähnt lassen, daß gerade dieser 
Lehrer vielleicht nicht ganz m it norm alem  M aße ge­
messen w erden darf, weil er allem Anschein nach
pathologisch ist. S o  hat der betreffende Lehrer im 
deutschen Unterricht bei der Behandlung von Freilig- 
ra th s  „Löw enritt" die Sache in anschaulicher Weise 
vortragen zu müssen geglaubt. E r hat einen Schüler 
veranlaßt, eine G iraffe darzustellen und a ls  solche vor 
dem Katheder hin und her zu laufen: er selbst hat den 
Löw en gespielt und ist a ls solcher dem Schüler auf den
Nacken gesprungen, so daß beide zu F a ll kamen. S o
hat e r  den L öw enritt in der Klasse vorgeführt. Ich weiß 
nicht, ob er dabei auch sein Gebiß in den Nacken der 
Giraffe geschlagen hat (Heiterkeit), aber diese Geschichte 
läßt darauf schließen, daß dieser Lehrer nicht ganz 
norm al ist. (Zuruf: Versetzen S ie  ihn doch in den 
Zoologischen G arten! Stürm ische Heiterkeit.) W as 
w äre einem Lehrer unter dem allen Regime passiert, 
w enn er es gewagt hätte, die dam aligen Reichsfarben 
feinen K indern gegenüber a ls  Schandfarben zu be­
zeichnen? Dieser eine V organg genügt, um die ganze 
F rage, die u n s beschäftigt, zu beantw orten.
Ich  will mich zum Schluß dahin zusammenfassen: 
W ir halten es für notwendig im Interesse der Jugend  
und ihrer Erziehung, daß jede A rt von Parteipolitik  
au s  der Schule ferngehalten w ird. Ich  unterstreiche 
aber: j e d e A r t von P a r t e i  Politik. Ich habe dabei 
im Auge insbesondere auch die Wünsche, die uns ge­
legentlich unserer Aussprache über die F rage  des 
1. M a i vorgetragen wurden, besonders von H errn 
F reund. Auch diese A rt von Parteipolitik  wollen w ir 
nicht in  der Schule haben.
W eil w ir aber jede A rt von Parteipolitik  aus der 
Schule entfernt haben wollen, stimmen w ir dem A n ­
trage, der uns beschäftigt, in demselben S in n e  zu, wie 
er von dem H errn  A ntragsteller begründet worden ist, 
d. h. er soll eine W arnung  sein. Eine W arnung  aller­
dings, die, w enn sie keinen E rfolg hat, auch die nötigen 
Konsequenzen nach sich ziehen muß.
S tad tvero rdneter W aldheim  (U .S . P .) :  M eine
Dam en und H erren! W enn m an die A usführungen der 
beiden V orredner gehört hat, glaubt m an sich auf einem 
Kaffeekränzchen zu befinden. H err Kollege Dr. B ie r­
bach hat alles a ls  harm los hingestellt. Die Sache, um 
die es sich hier aber handelt, ist nicht so harm los, für 
un s ist sie sehr gefährlich. W ir w agen es zu bezwei­
feln, daß w ir mit dem vorliegenden A ntrage überhaupt 
etw as erreichen, denn das Übel ist inzwischen zu groß 
und übermächtig geworden.
H err Kollege Wille hat uns nichts Neues erzählt. 
W ir kennen diese Bew egung schon jahrelang: sie besteht 
nicht erst seit gestern und heute. Schon jahrelang rast 
sie und suchte erst die Atmosphäre zu schaffen, in der 
der Krieg sich austoben konnte. Alle diejenigen, die an 
dieser Bewegung, teilnahmen, haben Schuld a n  dem 
Kriege, haben Schuld an dem Elend, unter dem w ir so 
leiden müssen. W ährend des Krieges haben nun die 
N ationalhelden gewütet, aber nicht mit der W affe in 
der H and gegen den Feind, sondern m it dem M und 
durch Lügen und Verhetzung in der Heimat. N ur
während der Novem bertage des vorigen J a h re s  hat 
ihre A rbeit brach gelegen, da haben die Herrschaften 
geschwiegen au s  Angst vor dem, w as sich befreite. 
Aber als die Revolution abflaute, als die Herrschaften 
sich wieder sicher fühlten, kamen sie aus ihren Löchern 
heraus, und jetzt stürzen sie sich auf alles, w as so­
zialistisch ist. Die sozialistischen Lehrer können ein Lied 
davon singen, und besonders die, die sich zu den Un­
abhängigen bekannten. I n  Neukölln tun  sich verschie­
dene Rektoren hervor. Bon F achm ännern w ird  be­
hauptet, daß diese Herren für ihre Ä m ter ungeeignet 
sind, aber zur Bekäm pfung der Sozialdem okratie sich 
besonders eignen. Diesen Herren auf die F inger zu 
klopfen, müßte fü r uns alle die erste Ausgabe fein.
D as alles w ar den H erren Kollegen der rechts­
sozialistischen Seite bekannt: sie haben aber bis heute 
nichts dagegen getan. Jetzt, wo die ganze Sache zu 
einem S kandal auszuarten  scheint, möchte m an die 
Geister zurückrufen, die m an erst jahrelang so liebevoll 
gehätschelt hat. Aber die Sache ist nicht so leicht. D enn 
hinter diesen H erren steht das ganze B ürgertum , ob 
deutschnational, ob Demokrat. Nach dieser Richtung 
ziehen sie alle an  einem S trange . D as ganze B ü rg e r­
tum  ist monarchistisch und  militärisch gesinnt. (W ider­
spruch. Z uruf: D as ist falsch! —  D as m uß sich H err 
R oß sagen lassen! Heiterkeit.) W ir w ären für die 
schärfsten M aßnahm en zu haben. Aber nach all den 
V orgängen der letzten J a h re  und den E rfahrungen, die 
w ir m it den Genossen haben machen müssen, müssen 
w ir bezweifeln, daß sie es selbst m it ihrem A ntrage 
ernst meinen. W ir hatten in der letzten Zeit öfter G e­
legenheit, leitende S tellen  an den höheren Schulen m it 
Sozialdem okraten zu besetzen; nu r durch die Schuld der 
rechtssozialistischen P a r te i fielen die Sozialdem okraten. 
W enn S ie  die W ahl haben zwischen unabhängig  und 
bürgerlich, dann ist bestimmt Ih re  S tellungnahm e von 
vornherein, den Bürgerlichen zu wählen, und w enn er 
auch erzreaktionär ist. S ie  haben die Parteigenossen, 
die jahrelang Schulter an Schulter m it Ih n e n  gekämpft 
haben, durchfallen lassen. (Zuruf: Da haben S ie  keine 
A hnung! —  D as wissen S ie  heute nicht!) W as will 
dieser A ntrag  besagen? W enn m an jetzt in diesem 
Augenblick Personen einstellt, die gestern noch im 
Deutschnationalen Jugendbund zu Hause w aren! Daß 
bei einer solchen Politik dem B ürgertum  der Kamm 
schwellten muß, ist klar. Aber, meine Dam en und 
H erren von der rechtssozialistischen Seite , diese Politik 
m uß auch zu Ih re m  Schaden ausschlagen, S ie  vertreten 
nicht die Interessen der Arbeiter, sondern die der 
Gegner. Bezeichnend ist, daß ein J a h r  nach der R e ­
volution in einem S tad tp arlam en t mit sogenannter 
sozialistischer M ehrheit ein solcher A ntrag  erst ein­
gebracht werden muß. Unsere Schuld ist es nicht, daß 
der unglückselige Geist des M ilita rism u s sich wieder in 
frecher Weise breit macht und in den Schulen seine 
Auferstehung feiert. W ir haben diesen Geist bekämpft, 
überall, wo w ir ihn angetroffen haben. D er B ew eis ist, 
daß viele brave Parteigenossen für die Sozialdem okratie 
ihr Leben gelassen haben. E s  ist ein S kandal, daß bei 
der sozialistischen Regierung noch Tausende von P a r te i­
genossen wegen ihres V orgehens für den S ozia lism us 
noch heute hinter Schloß und Riegel sitzen. M eine 
Dam en und H erren! A uf der anderen S eite  sind für 
den S ozia lism us noch keine Opfer gebracht. Unser 
S tandpunkt zu Ih re m  A ntrage ist bekannt: W ir w ären 
bereit, m it allen uns zu Gebote stehenden M itteln  für 
den A ntrag  einzutreten.
S tad tvero rdneter N eum ann (S . P .  D .): M eine
D am en und H erren! Ich  habe H errn  Kollegen Dr. 
Bierbach etw as bedauert, daß e r  gegen unseren A n trag  
sprechen m ußte; denn ihm ist es schwer gefallen, das 
m uß jeder von u n s  gemerkt haben. E r  gehört nicht zu
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