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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Herren, ich habe dieses V ertrauen  zu diesen Schul­
leitern für die Zukunft gern, und ich möchte in  dieses 
V ertrauen  auch eine große Anzahl von L ehrern ein­
schließen, vor allen D ingen die Lehrer, die diesem 
Hause angehören, und nach seiner letzten Rede sogar 
H errn  Kollegen Dr. Bierbach. (Heiterkeit.) A ber T a t­
sache ist doch, daß  viele E rfahrungen  aus jüngster Zeit 
es leider wicht n u r bedauerlich, sondern geradezu be­
schämend gemacht haben, daß der A ntrag , der uns hier 
beschäftigt, zu einer Notwendigkeit gew orden ist.
W ir wollen ganz gewiß nicht, daß die K inder in  
den Schulen ausschließlich aufgepäppelt w erden m it 
dem B eibringen rein  elem entarer Kenntnisse, sondern 
w ir wünschen, daß das Kind schon in  der Schule für 
die Pflichten, die es später e in m al als S ta a tsb ü rg e r 
hat, vorbereitet w ird. W ir wünschen, daß den K indern 
in der Schule in objektivster Weise die verschiedenen 
S taa tsso rm en  erklärt werden, w ir wünschen, daß ihnen 
schon in  der Schule die Möglichkeit gegeben w ird, sich 
über die verschiedenen Bestrebungen der H auptparteien  
ein B ild zu machen, ohne sich dabei ein V orurteil zu 
bilden. Aber unter keinen Umständen darf es dazu 
kommen, daß, wie es früher unter dem alten Regime 
geschah, die K inder einseitig im Interesse der gerade 
herrschenden P a r te i oder im Interesse einer oppositio­
nellen P a r te i beeinflußt werden. E s  ist besonders schön 
im A lte r,-w enn  m an sich der Ju g en d  erinnert, ihrer 
Harmlosigkeiten und ihrer Freundschaften. T rä g t m an 
aber den P arteistreit in  die Kinderseelen hinein, dann  
ist dam it das Schönste an  der Ju g en d  vorbei. Und 
besonders ist dies d an n  der F all, w enn dieser S tre it in 
die Ju g en d  hineingetragen w ird von einer P arte i, die 
selbst am  allerwenigsten A nlaß hat, sich als V er­
treterin  von T reu  und  G lauben und V aterlandsliebe 
aufzuspielen. (S eh r richtig! S eh r gut!) G erade die 
deutschnationale P a r te i ist es doch, die andere P arte ien  
m it Vorliebe als Judenparte ien  beschimpft, w ährend sie 
selbst so viel wie möglich Judengeld  in  ihre P arte i- 
kassen einsteckt, w ährend führende M itglieder, auch 
waschechte Aristokraten, im Lande jede Gelegenheit 
w ahrnehm en, um  ihre Taschen m it jüdischem Geld, 
z. B . in  F o rm  von M itgiften, zu füllen. Die Deutsch- 
nationale P a r te i beschimpft besonders uns als die 
P a r te i des Geldsacks. G erade die Deutschnationale 
P a r te i aber ist es, die über M illionen verfügt, wie 
keine andere P a rte i. Die Deutschnationale P arte i, 
meine D am en und H erren, beschimpft auch durch ihre 
V ertreter in den Schulen die anderen P arte ien  a ls  
vaterlandslos und undeutsch, und vergißt dabei ganz, '  
daß doch Angehörige aller P arte ien  in dem Glauben, 
daß w ir einen Verteidigungskrieg führten, ihr B lu t 
und G ut geopfert haben. Wahrscheinlich sitzt auch in 
diesem Hause keiner, der nicht irgend ein M itglied seiner 
F am ilie  zum Opfer gebracht hat. Die Deutschnationalen 
wollen allen anderen N ationalbew ußtsein und V ater­
landsliebe absprechen. D a möchte ich d aran  erinnern, 
wo denn eigentlich die Leute sitzen, die vor dem Kriege 
W affen und M un ition  in s  A usland  geliefert haben. 
D a möchte m an fragen, w er nationaler ist, die P a r ­
teien, die den in ternationalen  Zusammenschluß! der 
Völker wollen zur F örderung  der K ultur, oder die­
jenigen P arte ien , die die W iederherstellung der M o ­
narchie erstreben. G erade die M onarchen der verschie­
denen L änder w aren  es doch, die unter sich den I n te r ­
nationalism us auf die Spitze getrieben haben.
M eine D am en und H erren! Nachdem w ir so die 
Grundsätze der Deutschnationalen Volkspartei erkannt 
haben, kommen w ir zu dem, w as H err Kollege Dr. 
Bierbach, der als M itglied der Deutschen Volkspartei 
sich für berufen hält, den Deutschnationalen Ju g e n d ­
bund zu verteidigen, behauptet hat, in Neukölln seien 
A gitationen der Deutschnationalen P a r te i oder des
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Deutschnationalen Jugendbundes in  den Schulen nicht 
vorgekommen, nichts, w as A nlaß  zu dem vorliegenden 
A ntrage hätte geben können. D a möchte ich zunächst au f 
die Beispiele verweisen, die H err Kollege Wille bereits 
angeführt hat. Auch uns ist eine große Anzahl von E r ­
lebnissen a u s  den Schulen zugetragen w orden, die das 
Gegenteil von dem beweisen, w as  H err Dr. Bierbach 
glaubte behaupten zu können. E s liegt in der N a tu r 
der Sache, daß die V orgänge, die uns berichtet w urden, 
in  der w eitaus überwiegenden M ehrzahl K inder be­
treffen, deren E lte rn  der Demokratischen P a r te i a n ­
gehören; denn diese standen uns näher und haben uns 
zuerst berichtet. Ich w ill da nu r einige Beispiele her­
ausgreifen, um  H errn  Kollegen Dr. Bierbach zu 
zeigen, w as unter dem Einfluß der A gitation  der 
Deütschnationalen P a r te i vorgefallen ist. Da ist es vor­
gekommen, daß ein Lehrer an einer höheren Schule 
die Gelegenheit w ahrnahm , als er den Schulkindern 
mitteilte, daß das Schulgeld erhöht sei, anzufügen, das 
hätten sie dem neuen Regime zu verdanken. —  E s  ist 
erst in  allerjüngster Zeit, in  der vorigen Woche, vor­
gekommen, daß aus dem Gym nasium  an der Kaiser- 
Friedrichstraße F lugb lätter verteilt w urden; ich habe 
eins davon mitgebracht. Ich weiß nicht, von wem es 
verteilt w urde, wahrscheinlich nicht vom Leiter, auch 
nicht von den Lehrern, zweifellos aber wurde es unter 
den K indern verteilt. Da steht: W er rettet uns vor dem 
U ntergang? M an  sieht ein Bild, ein D reigespann zieht 
einen W agen, daraus steht der Tod, und darunter steht: 
Die Deutschnationale P arte i. D as soll nicht etwa 
heißen, daß die Deutschnationale P a r te i das Gespann 
leitet, sondern das soll bedeuten, daß die Deutschnatio­
nale P arte i imstande ist, den W agen auszuhalten, der 
im Begriffe ist, in  den A bgrund zu stürzen. (Zuruf: 
Unter den Schlitten zu bringen! Heiterkeit.) Die K inder ° 
deuten sich das B ild  so, daß die gegenw ärtige Regie­
rung Tod und Verderben bringt. E inen  gewissen S in n  
hätte das  B ild n u r dann, w enn m an den Totenschädel 
mit einem S chnurrbart a la  Haby ausgestattet hätte. 
(Unruhe.)
D arauf ist schon von anderer S eite  hingewiesen 
worden, daß bis in  die jüngste Zeit hinein die schwarzen 
B retter in einzelnen Schulen dem Deutschnationalen 
Jugendbund  zur V erfügung standen, w ährend sie fü r 
Jugendbünde anderer P arte ien  verw eigert wurden. 
(Zuruf: I n  welcher Schulz, bitte? —  I n  der Ober­
realschule a n  der Emser S tra ß e !)  Ich  m uß bei dieser 
Gelegenheit nebenbei erw ähnen, daß unsere P a r te i u r ­
sprünglich nicht die Absicht hatte, in  Neukölln einen 
Jugendbund  ins Leben zu rufen. Erst durch das V or­
gehen des Deutschnationalen Jugendbundes w urden 
w ir dazu gezwungen. Ich  habe jedoch noch ein B ei­
spiel mitzuteilen, das bezeichnend ist fü r den Geist, der 
manche Lehrer beherrscht. I n  Neukölln sind, wie das 
überall ist, Schulfreundschaften vorhanden. Und da 
stellt sich neuerdings heraus, daß zwei solcher Schul­
freunde E lte rn  hüben, die verschiedenen P arte ien  a n ­
gehören. Der V ater des einen K naben ist Demokrat, 
der V ater des anderen Knaben ist ein Lehrer, ich weiß 
nicht, welcher P a r te i er angehört. A ls dieser Lehrer 
erfuhr, daß der F reund  seines S ohnes einen Demo­
kraten zum V ater habe, da hat er seinem S o h n e  gesagt: 
W enn du deinen F reu n d  wiedersiehst, dann  erklärst du 
ihm, dein V ater habe dir verboten, m it dem S ohne 
eines Demokraten in Zukunft weiter zu verkehren. — 
D as h a t der H err natürlich nicht in amtlicher Eigen­
schaft getan. A ber e s  ist doch bezeichnend, in welchem 
S in n e  solche Leute, die die Aufgabe haben, K inder u n ­
parteiisch zu erziehen, ihre eigenen K inder glauben 
beeinflussen zu dürfen.
N un noch ein Beispiel au s der Oberrealschule an  
der Em ser S tra ß e . Ich will keinen N am en nennen.
        
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