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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Jugendbund  vollkommen abgetrennt hat; der Vorstand 
besteht jetzt lediglich au s  Jugendlichen, m it A usnahm e 
eines H errn , der Kassenwart ist; da hat sich die Ju g en d  
gesagt: F ü r  die Erledigung dieser Geschäfte brauchen 
w ir einen geschäftskundigen und erfahrenen M ann . 
(Rufe von links: Unter K uratel!) Und diese A btrennung 
von der Deutschnationalen V olkspartei in  Neukölln ist 
nicht ohne Zwistigkeiten vor sich gegangen. (Rufe von 
links: Und das Geld? —  D as liefert im m er noch die 
P arte i!)
D ann hat H err Kollege Wille auch gesagt, das, w as 
der Deutschnationale Jugendbund tue, sei ohne Zweifel 
zum  großen Teil anerkennensw ert, und ich weise z. B. 
darauf hin, daß V orträge gehalten w orden sind über 
V alu ta usw., wogegen durchaus nichts einzuwenden ist. 
N un sagen S ie  aber, er hängt zusammen m it der 
D eutschnationalen Volkspartei. D as w ird bestritten. 
Aber aus der anderen S eite : wie ist es m it Ih re n  O rga­
nisationen? E s  gibt dort die A rbeiterjugend, hängt sie 
nicht zusammen m it der Sozialdem okratie? (S ehr rich­
tig! rechts. (Z uruf von links: T reib t die P ro p a g an d a  
in den Schulen?) Ich werde gleich auf diese F rage  
kommen. —  H ängt sie nicht dam it zusam m en? Gleiches 
Recht für alle! Ich  sehe aus dem, wie still S ie  werden, 
Laß S ie  zugeben (Heiterkeit rechts), daß die A rbeiter­
jugend zusam m enhängt m it der sozialdemokratischen 
P a rte i. (Unruhe.) W ir wollen absolut ruhig und sach­
lich verhandeln. (Z uruf F rl. Schütz: D as weiß ja jeder, 
w ir verbergen das nicht!) N un , wie arbeitet denn die 
A rbeiterjugend? S ie  machen den Deutschnationalen 
zum V orw urf, daß sie für das Deutschtum eintreten, 
für das, w as S ie  „national" nennen, weil S ie  belieben, 
in te rnational zu denken. Ich  habe hier einen „M ahnruf 
an  die A rbeiter-E ltern". Dieser M ahnru f ist unm ittel­
bar vor Schluß eines Schulhalbjahres verteilt worden. 
D as F lu g b la tt ist unterzeichnet vom Jugend -S ek retaria t 
G roß-B erlin , L indenstraße 3, und darin  steht: „W ir 
erziehen E ure Töchter und S öhne  zur S o lid a ritä t und 
zum  Klassenbewußtsein." (Hört, hört! rechts. — S e h r  
richtig! links.) W ie das Klassenbewußtsein aussieht, das 
wissen w ir ja. — E s geht w eiter: „E s darf nicht sein, 
daß E ure K inder andere W eg einschlagen und Euch im 
politischen Kampfe a ls  G egner gegenüberstehen." D as 
w ar ja schon dje Klage des H errn  Kollegen Wille, daß 
ein sozialdemokratischer V ater in die furchtbare Lage 
kommen könne, zu sehen, er habe einen deutschnatio­
nalen  S o h n . N un, meine D am en und Herren, ich habe 
Ih n e n  schon oft zugerufen: Ich glaube, ich bin doch 
freiheitlicher a ls  S ie! (Heiterkeit links.) Ich halte das 
fü r einen M ißbrauch der elterlichen G ew alt und für 
hellen Unsinn, w enn S ie  Ih re  K inder zwingen wollen, 
dieselbe Überzeugung zu haben wie S ie. (Z u ru f F rl. 
Schütz: Haben K inder schon politische Überzeugung?) 
J a ,  hier steht doch, es darf nicht sein, daß E u re  K inder 
andere Wege einschlagen und Euch im politischen 
Kampfe als G egner gegenüberstehen! D a kann ein 
denken der Mensch n u r herauslesen: I h r  m üßt Eure 
Kinder so erziehen oder so behandeln, daß sie nachher 
Sozialisten sind. (S eh r richtig! — Z uru f links: W ird  
das  B la tt in den Schulen verbreitet?) D as sollen S ie  
nicht schreiben. Ich habe Ih n e n  nu r gesagt: Ich halte 
das für einen M ißbrauch der elterlichen G ew alt. (Z u ­
ruf S tad tv . H eitm ann: Haben S ie  ein solches B la tt in 
den Schulen gesunden?) Ich spreche weiter. (Heiterkeit 
links.) Ich  werde gleich dazu kommen; S ie  brauchen 
keine Angst zu haben, daß ich Ih n e n  entwischen will.
N un eine andere Sache, die zeigt, wie die S ozia l­
demokraten arbeiten. E s  ist vom H errn Kollegen Wille 
im m er behauptet w orden, daß der Deutschnationale 
Jugendbund  die K inder zum Ungehorsam gegen die 
Obrigkeit erziehe. J a ,  H err Kollege Wille, ich w ar doch 
erstaunt, daß die S inder den Reichsfinanzminister Erz-
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beiger —  denn aus den spielten S ie  an —  als Obrigkeit 
betrachten sollen. M it diesem E inw and nehm en S ie  
überhaupt jede Möglichkeit, gegen einen M inister Po- 
| lemik zu treiben. (S tad tv . W ille: Nein, S ie  sollen die 
Kinder nicht dahin beeinflussen!) Aber die sozialistischen 
Lehrer dürfen zu offenem Ungehorsam gegen die vor­
gesetzten Behörden öffentlich auffordern! Ich zitiere 
wörtlich: „V ereinigung sozialistischer Lehrer und Lehre­
rinnen. Anläßlich der Beisetzungsfeierlichkeit fü r den 
verstorbenen Abgeordneten Haafe ersuchen w ir alle M it­
glieder um  vollzähliges Erscheinen (Heiterkeit rechts), 
möglichst auch im F alle  der U rlaubsverw eigerung. 
Treffpunkt: D onnerstag, 11 Uhr vorm ittags, S ieges­
allee beim Denkmal Otto des F au len ." (Heiterkeit.) S in d  
das Erzieher der Ju g e n d ?  S ie  fordern B eam te auf 
zum Ungehorsam gegen die vorgesetzte Behörde. S o  zu 
lesen im  „V orw ärts" . I s t  das nicht ein Hineinziehen 
der Politik in die Schule, w enn ein Lehrer seinen Dienst 
versäumt, um  ein P arte ioberhaup t zu beerdigen?. Ich  
weiß nicht, wie das auf die Ju g en d  wirken soll! (Z uru f 
Radtke: W ilhelm !I. ist ja  geflüchtet, den können mir 
nicht beerdigen! — Heiterkeit.)
N un zu dem, meine Dam en und Herren, w as S ie  
in  Ih re m  A ntrage verlangen. D as ist ja bereits ge­
schehen, lange bevor S ie  ihn eingebracht haben. H err 
Kollege Wille ha t die V erfügung des M inisters ver­
lesen. W as soll denn nun  eigentlich noch geschehen? 
D er K ultusm inister hat einen E rlaß  herausgegeben, 
an dem kein vernünftiger Mensch etw as aussetzen kann. 
E s  heißt darin : Parteizwistigkeiten gehören nicht in die 
Schule, die müssen vermieden werden. D arau s folgt:
1. D i e  S c h u l e  darf die P arteipolitik  nicht fördern.
2. D i e L e h r e r  dürfen bestimmte Dinge nicht dulden.
3. S i e  S c h ü l e r  haben sich bestimmter Dinge zu ent­
halten. E in  klarer und deutlicher E rlaß . Und da kommt 
hinterher die mehrheitssozialistische F raktion  in N eu­
kölln hergelaufen und sagt zum M agistrat: M it allen 
M itteln, die dir zu Gebote stehen, m ußt du dafür sorgen, 
daß die A gitation des Deutschnationalen Jugendbundes 
unterbunden w ird. (Rufe von links: I n  den Schulen!) 
J a ,  wozu denn? Die Sache ist ja unterbunden durch 
den M inisterialerlaß. (S e h r richtig! rechts, Z urufe 
links: S iehe M itteilungsb la tt des Deutfchnationalen 
Jugendbundes! Unruhe.) Jetzt sagen S ie , diese V er­
fügung w ird nicht befolgt. D afür müssen S ie  den B e­
w eis schuldig bleiben (Widerspruch), denn das, w as 
H err Kollege W ille hier vorgebracht hat, trifft nicht zu. 
D er E rlaß  hat zw ar bereits am  14. November, abends, 
im  „V orw ärts"  gestanden, im  R egierungsblatt, aber 
den Direktoren der Neuköllner Lehranstalten ist er erst 
innerhalb der letzten vierzehn Tage zugegangen. (Ruse: 
D as ist ja sehr interessant!) M ir  ist dieser E rlaß  vor 
8 bis 10 T agen dienstlich mitgeteilt worden. S ie  haben 
die Albrecht-Dürer-Oberrealschule genannt. D ort sind 
Anschläge des Deutschnationalen Jugendbunües am  
schwarzen B rett erschienen, bis diese V erfügung heraus­
kam; an dem gleichen Tage, a ls  die V erfügung kam, 
sind sie abgenom m en w orden. Und w enn die H erren in 
den Schulen das geduldet haben, so sind sie, wie H err 
Direktor K rüger in der D eputation schon ausgeführt hat, 
von dem Gedanken absoluter F reiheit ausgegangen: 
sie haben gesagt: jede O rganisation, die zu uns kommt 
und ihre Anschläge anheften will, kann sie anheften, w ir 
haben absolut nichts dagegen. (Rufe: Auch die un­
abhängigen Sozialdem okraten?) Selbstverständlich! 
(Heiterkeit.) H err Kollege F reund , es ist kein Neuköllner 
Schüler zu der H indenburg-Ehrung gegangen, aber die 
angeblich so reaktionären Direktoren der Neuköllner
Schulen h a b e n  Nein, das kann ich nicht behaupten.
Ich  w ill ganz genau sein; n u r ein F a ll ist m ir bekannt. 
Also ein Lehrer ist beurlaub t worden, um an  der
        
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