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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

groß geworden sind, und wenn nicht endlich in der 
Schule die Jugend , die an  das V aterland und seine 
sozialen und sozial-ethischen Ausgaben glaubt, hoch­
kommt, w enn diese alten Leute, die nicht mehr anders 
können, im m er noch Hetzen, dann ist auf d e m  Gebiete 
nichts m ehr zu wollen. Die Jugend  hat das W ort. 
S o rgen  S ie  mit dafür, daß junge Lehrer und frische 
Menschen, die wirklich sozial-ethisch und sozial-päda­
gogisch denken, m  die S tellen  berufen werden. W enn 
heute diese alten  Lehrer und 65= bis 75jährigen Direk­
toren weiter im Amte sitzen bleiben, und wenn nicht 
Schluß gemacht w ird mit den einseitig nationalistisch 
gerichteten Elementen, w ird es nicht anders werden. 
Jedenfalls, von Seiten der Schulverw altung w ird diesen 
F ällen  in jeder Beziehung nachgegangen, w ir werden 
keine Parteipolitik, aber eine entschiedene sozialpäda- 
gcgische Kulturpolitik treiben!
S tad tverordneter Dr. Bierbach ('Bürgt. V.): Unsere 
F rak tion  bedauert es auss äußerste, daß S ie  die G e­
legenheit benutzen, um die Ju g en d  in den S tre it  m it 
hineinzuziehen. W ir bedauern es um so mehr, als w ir 
bereits, wie H err S tad tvero rdneter Wille angeführt hat, 
in der D eputation für die höheren Schulen u n s  über 
diese F rag e  unterhalten haben und un s im wesentlichen 
darüber einig w aren, daß jeder vernünftige Pädagoge, 
m ag er so weit links oder so weit rechts stehen, wie er 
will, das Hineinziehen der Parteipolitik  in  die Schule 
verurteilt. D as verurteilen auch w ir auf das schärfste. 
(R ufe: W ir!) Ich habe in der D eputation ausgeführt, 
genau so, wie H err S tadtschulrat Dr. Buchenau es hier 
getan hat: W ir befinden uns in  einer Zeit der heftigsten 
politischen Kämpfe. E s kommt hinzu, daß unser aller 
N erven in einer fortw ährenden Unruhe und S p an n u n g  
sind; so ist es ganz selbstverständlich, daß Übergriffe 
vorkommen, Übergriffe aber, meine Dam en und Herren, 
von allen S eiten , auch von Ih n en .
Die sozialdemokratische F raktion hat nun  hier diesen 
A ntrag  eingebracht, und H err S tad tvero rdneter Wille 
h a t dabei durchblicken lassen, daß die Rede auch zum 
Fenster h inaus gehalten werden sollte; denn er hat er­
klärt: w ir wollen aufklärend wirken, w ir wollen die 
E ltern  aufklären. S ie  wollen also diese F rage, die 
jeden P ädagogen  interessiert, benutzen, um  nach außen 
hin durch diesen A ntrag  aufklärend zu wirken. D as 
nenne ich Parteipolitik  treiben, diese F ra g e  auf das 
N iveau der P arteipelitik  herunterziehen. (Hört, hört!) 
Ich  sage: herunterziehen, denn w ir müssen doch sagen, 
daß die politischen Kämpfe heute leider auf einem sehr - 
niedrigen N iveau stehen. Schuld daran  sind alle P a r ­
teien, die sich n u r  sehr selten bemühen, oder gar nicht, 
den G egner sachlich zu verstehen und objektiv zu be­
urteilen und zu erkennen, daß  auch der G egner seine 
Gesichtspunkte h a t und seine feste Überzeugung.
H err S tad tvero rdneter Wille ha t dann gesagt, es 
sollte eine W arnung  sein. Diese W arnung, H err Kollege 
W ille, ist ausgektungen in eine unverhüllte D rohung, 
nämlich in die D rohung: S p ä te r  werden w ir in  euren 
Unterricht hineinriechen! (S eh r richtig! Oho-Rufe.) 
W ir haben es noch nicht gemacht, aber dann werden 
w ir dafür sorgen, daß ihr fliegt! T u n  S ie  das! (Zuruf 
von links: Außerordentlich notwendig! —  Z uruf
Radtke: Aber diesm al noch nicht!) Hören S ie ?  D ies­
m al noch nicht! B itte, tun S ie  das ruhig, w ir sind nicht 
ängstlich. Ich  habe gesagt: w ir bedauern diesen A n­
trag , denn er verstößt gegen das, w as der H err M inister 
für Volksbildung usw. ausgesprochen hat, nämlich daß 
Jugend land  heiliges L and  fein soll, und w ir sollten uns 
wirklich davor hüten, dort einzubringen und unsere 
Kämpfe und Streitigkeiten in das Jug en d lan d  hinein­
zutragen. (Rufe von links: Machen S ie  es doch nicht, 
S ie  sind es doch gewesen, die Deutschnationalen!)
Ich  glaube auch zu erkennen, weshalo dieser A n­
trag  hier kommt. (Aha-Rufe.) Die Mehrheitssozialisten 
sind gerade in Neukölln in  die unangenehm e Lage ge- 
! kommen, mit den beiden rechtsstehenden Fraktionen zu­
sammenzugehen gegen die Unabhängigen. (S eh r richtig! 
B ravo! links. Heiterkeit.) Und nun mußte m an nach 
außen hin einm al zeigen: W ir können auch neer, radikal 
sein. (Heiterkeit links. Hört, hört! Unruhe.)
W enn ich gesagt habe: S ie  bemühen sich, diese 
Sache in die politischen Tageskäm pfe hineinzuziehen, 
dann erinnere ich S ie  daran , w as der „V orw ärts"  ge­
schrieben hat um  die M itte des November. D a w aren  
W orte zu lesen, die, glaube ich, nicht von der Liebe zur 
Jugend  diktiert w aren, sondern die den P a rte ih aß  in  
bösester Weise in  die F rag e  hineintragen. D er E ifer 
gegen den Deutschnaticnalen Jugendbund hat sogar 
dichterische Form en gezeitigt, denn im „V orw ärts"  vom 
16. November, A bendausgabe, findet sich ein Gedicht, 
überschrieben mit „Eile tut not", das anfängt : 
Quietschen auf der Kinderflöte! 
Schw arz-w eiß-rote Lausejungen 
Zwitschern wie die Alten sungen, 
Knüppelfüchtig, zoüernblööe.
(Rufe: S eh r richtig!) N un, sehr richtig? Ich frage S ie :
: W as w ürden S ie  sagen, w enn ein rechtsstehendes 
i B latt, w enn die „Deutsche Tageszeitung" die 
sozialistische A rbeiterjugend als Lausejungen schlechthin 
bezeichnete? (Unruhe.) Aber vielleicht tue ich Ih n e n  
Unrecht, S ie  wollen nicht zeigen, daß S ie  auch radikal 
sein können, sondern Cie haben vor dem Deutschnatio­
nalen Jugendbund  in Neukölln Angst (Heiterkeit, Un­
ruhe, Widerspruch der M itte. Z u ru f S tad tv . F reund : 
Doch ein bißchen!), denn S ie  besprechen diese Sache 
nicht nur hier in der öffentlichen S tad tverordnetenver­
sammlung, sondern S ie  gehen gegen den Deutschnatio- 
j nalen  Jugendbund  auch noch anders vor. S ie  haben 
beantragt, ihn a u s  dem Ortsausschuß für Jugendpflege 
auszuschließen. (S eh r richtig!) D as haben S ie  getan, 
obwohl von diesem selben Ortsausschuß, dessen Leiter 
ja wohl ein Ih n e n  nahestehender H err ist, eine Beschei­
nigung herausgekom m en ist, daß der Deutschnationale 
Jugendbund A nerkennensw ertes in 'd er Jugendpflege 
leistet. (Hört, hört!) Und vom W ohnungsam t, H err 
S ta d tra t, hat m an versucht, dem Deutschnationalen 
Jugendbund sein Jugendheim  abzutreiben, einen Laden, 
den er hat, ihm abzunehmen und zu einer N otw ohnung 
herzurichten. Ich  glaube allerdings, das w ird nicht ganz 
einfach fein, da der M inister für Volkswvhlfahrt be­
stimmt hat, daß Jugendheim e nicht beschlagnahmt 
werden dürfen, und w enn sie beschlagnahmt sind, 
w ieder freigegeben werden sollen.
N un frage ich mich: W as soll der A n trag ?  Da 
habe ich1 von H errn  Kollegen Wille gehört, hier in N eu­
kölln liege zu einem solchen A ntrage gar kein A nlaß  
vor. (S eh r richtig! Widerspruch. Heiterkeit.) H err 
: Kollege Wille hat gesagt: I n  den Neuköllner Schulen 
! ist solch ein M ißbrauch nicht getrieben worden, und er 
hat als einziges Beispiel angeführt die Oberrealschule 
in der Em ser S traß e . (S tad tv . W ille: Kommen noch 
m ehr!) I n  Neukölln liegt nun wirklich keinerlei A nlaß 
I vor, gegen den Deutschnationalen Jugenübund vorzu­
gehen. S ie  sagen: der Deutschnationale Jugenddund 
: schwimmt im Fahrw asser der Deutschnationalen Volkr- 
partei. D as trifft für Neukölln nicht zu. E s bestand 
zw ar früher —  S ie  können das im M itteilungsb la tt 
lesen, w enn S ie  sich die M ühe machen wollen, es nach­
zulesen —  früher eine Personalverbindung zwischen dem 
Deutschnationalen Jugendbund und der Deutschnatio­
nalen Volkspartei, O rtsgruppe Neukölln, aber die 
deutschnationale Jugend  Neuköllns ist so selbstbewußt 
jugendlich und  unabhängige, daß sie sich die B evor­
m undung durch die alten H erren verbeten und den
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