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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

kam die A nregung, daß derartiges in Zukunft un ter­
bleiben feile. Ich m uß aber m einer V erw underung 
Ausdruck geben, daß  das aus dem Kollegium heraus­
kommt, daß nicht der neu erwählte Direktor sich der 
Sache angenom m en hat. (Z uruf Radtke: D er hat es 
ja angeregt! W ie können S ie  so etw as sagen! —  Große 
Unruhe.)
N un  möchte ich noch auf eins hinweisen. -Es ist 
u n s  der A ntrag  gemacht w orden, daß in  unserem An­
trage der Schlußsatz so ganz kraß klingt: daß der M a ­
gistrat aufgefordert werden solle, Len D isziplinarantrag 
einzuleiten mit dem Ziel der Entlassung. Da, das en t­
sprich! natürlich unserer Absicht für später, w enn unsere 
W arn u n g  keinen Erfolg haben sollte. Und sehen w ir 
uns einm al die F älle  an, w enn sonst das Disziplinar­
verfahren eingeleitet w ird  m it dem Ziel auf Dienst­
entlassung. E s  mögen schlimme Fälle dabei sein, bei 
denen der Betreffende ohne w eiteres zu verurteilen ist, 
aber sonst liegt bei manchem der Betroffenen n u r ein 
F ehltritt vor, sc daß m an nu r von einer Schwachheits­
sünde sprechen kann, und m an hat eventuell noch M it­
leid m it dem Betreffenden. W enn aber in  die Herzen 
unserer Ju g en d  Zwietracht gesät w ird, w enn m an die 
Jugend  den Haß, Las 11 r gift alles Bösen, lehrt, dann 
ist Las keine Schwachheitssünde mehr, sondern ein V er­
brechen, das S ühne  erfordert.
Und dann noch einiges zu dem Begriff „national", 
m it dem der Deutschnationale Jugendbund  gerade bei 
unserer Ju g en d  soviel Eindruck zu erwecken strebt. 
Selbstverständlich: W ir predigen keinen Haß, w ir
wollen sogar, daß alle Völker verbrüdert sein sollen, 
w ir wollen genau das Gleiche, w as einst Je su s  von 
N azareth in seiner allumfassenden Menschenliebe ge­
predigt hat, und w ir erstreben das glühenden Herzens, 
w enn auch unsere Wege im einzelnen auseinandergehen 
in  der Erreichung dieses Zieles. A ber w ir wollen u n s 
nicht den V orw urf machen lasten, daß w ir n u r in ter­
na tional seien, daß w ir unser deutsches Volk vielleicht 
nicht gern  haben. D as sollten S ie  uns nicht vorwerfen. 
D a könnte ich noch antw orten: Unter „na tional" ist 
doch im m erhin manchmal noch etw as anderes zu ver­
stehen. M an  müßte zu allererst daru n te r verstehen, 
daß endlich m al die unberechtigte S tandeseinb ildung  
fallen gelassen w erden muß, und daß endlich einm al 
das deutsche Volk ein „Volk von B rüdern" zu sein hat, 
wie es  im m er so schön aus der R ütli-Szene zitiert w ird, 
ein Volk von B rüdern , das nicht n u r nach dem trockenen 
Buchstaben der Verfassung gleiche Rechte hat! D ann  
können w ir  erst von einer G esam t-N ation sprechen. Die 
ist noch nicht da, (Nach rechts): I h r  Begriff „N ation" 
um faßt nur einen Teil der N ation,
N un  möchte ich bitten, nicht zu denken, es fei wieder 
eine Rede zum Fenster h inaus gehalten w orden. Uns 
sind diese Dinge zu wertvoll, a ls  daß  w ir u n s  leiten 
ließ en ' durch politische Umstände, und unsere Kinder 
sind u n s zu lieb, a ls  daß w ir sie politischen Kämpfen 
in der Schule aussetzen wollen. M alen  S ie  sich doch 
einm al aus, w as entstehen würde, w enn die sozial­
demokratischen P arte ien  Neuköllns S tu rm  laufen w ü r­
den gegen die höheren Schulen! W as w ürde da ent­
stehen? W ir wollen, daß unsere Kinder in  der Schule 
e tw as Tüchtiges lernen, daß ihr Geist und ihr G em üt 
weiter gebildet w ird ; und  das kann n u r geschehen, 
wenn in den Schulen Frieden herrscht. W ir wollen 
auch heute abend n u r  dem F rieden  dienen, nichts 
weiter.
S tadtschulrat D r. Duchenau: I n  der A nfrage heißt 
es, daß der M agistrat ersucht w ird, m it allen zu G e­
bote stehenden M itteln  dafür zu sorgen, daß jede A gi­
tation des Deutschnationalen Jugendbundes un ter­
bunden wird.
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A ls ich hier zum ersten M ale von der zweifellos 
parteipolitisch gefärbten A gitation  des B undes hörte, 
da habe ich mich m it den Instanzen , die dafür in B e­
tracht kommen, m it dem Schulkollegium und dem 
M inisterium , in V erbindung gesetzt, und ich wurde in 
der Angelegenheit von dem H errn  stellvertretenden 
M inisterialdirektor Dr. Jahnke em pfangen. M ir  wurde 
schon dam als versichert, es sei ein E rlaß  bevorstehend, 
in dem die Regierung mit aller Energie darauf drücken 
würde, daß solche parteipolitische A gitation von unseren 
Schulen ferngehalten w ürde .Dieser E rlaß  ist inzwischen 
erschienen, und  das Wichtigste hat Ih n e n  der H err V or­
redner schon vorgelesen. E s heißt ausdrücklich in den 
EinleitungsWorten dieses Erlasses: E s soll der unfrucht­
bare Zw ist in  Zukunft aufhören, es soll das gesamte 
Schulwesen sich von politischen Streitigkeiten aller A rt 
fernhalten. S o lan g e  ich dieses A m t verw alte und in­
direkt oder direkt auf Rektoren und Lehrer einwirke, 
glaube ich sagen zu dürfen: Ich  habe diesen S ta n d ­
punkt, daß P arteipolitik  nicht in die Schule gehört, m it 
aller Energie vertreten. Ich kann natürlich n u r a ls  
Vorgesetzter sprechen und insofern einwirken auf die 
Volksschulen. Bezüglich der höheren Schulen ist meine 
M achtvollkommenheit sehr gering. Aber auch da habe 
ich bei den Direktoren, die persönlich auf ganz anderem 
Boden stehen, a ls  auf dem der Sozialdem okratie, E n t­
gegenkommen gefunden, und ich habe m ir noch heute 
von zweien dieser Direktoren bestätigen lassen,daß sie 
jedenfalls durchaus den ernsten W illen haben, P a r te i­
politik in  ih rer Schule, gleichgültig, wie sie selbst auch 
stehen, nicht zu dulden; das gilt sowohl von den Direk­
toren der Mädchen- wie auch der Knabenschulen. Und 
ich möchte S ie  bitten, im Interesse der Gemeinschaft, 
i n der und f ü r  die w ir arbeiten, m it diesem guten 
W illen zu rechnen und auf diesen guten W illen 
zu bauen. W ir müssen nun  einm al m it dem Problem  
der politischen Erziehung fertig werden, und so einfach 
ist die ganze Sache durchaus nicht. W ir kommen nicht 
aus ohne eine gesunde politische Erziehung unseres 
Volkes. W enn uns etw as gefehlt h a t in den letzten 
Ja h re n , so ist es vielfach das gewesen, daß uns in den 
weitesten Kreisen die S taa tsgesinnung  und d as  V er­
ständnis fü r die außen- und innenpolitischen Aufgaben 
nicht vorhanden w aren  (sehr richtig!), u n d  keine P a r te i 
hat es b isher verschmäht —  das wollen w ir zugeben — ,
; auch die sozialistischen P arte ien  nicht, diese politische 
Erziehung zu erwecken, durch eine politische Erziehung 
die Jugend  vorzubereiten, (Rufe von links: Aber nicht 
in der Schule!) E s sind Fehler auf allen S eiten  ge­
macht w orden, es sind Einseitigkeiten auf allen  S e iten  
vorgekommen. (Rufe: S o  spricht der Deutschnationale!) 
E s ist auf jeder S eite  gesündigt worden, andererseits 
hat der Deutschnationale Jugendbund  allerdings eine 
A gitation  entfaltet, die giftig gewesen ist, davon bin  
ich allerd ings auch überzeugt. E s  sind hier Dinge vo r­
gekommen —  ich habe m ir im M inisterium  einiges 
M ateria l geben lasten — , die unter keinen Umständen 
vorkommen dürfen; und bereits in der Konferenz, die 
H err K ultusm inister Haenisch m it den Direktoren über 
die F rage  der politischen und  religiösen Erziehung hatte, 
sind die linksstehenden und  die im wesentlichen rechts­
stehenden Direktoren aus das heftigste zusam m engeraten 
in  einer Weise, daß ich den Eindruck hatte, daß der 
H err M inister Haenisch in der Konferenz m it den 
wenigen nicht rechtsstehenden Direktoren fast allein 
stand. Und ich habe dem  H errn 'M in is te r wörtlich ge­
sagt: „H err M inister, w enn S ie  nicht einige von diesen 
Erzreaktionären absägen, w i r  d es nicht anders." Und 
auf diesem S tandpunk t stehe ich noch heute. W ir haben 
eine gange Reihe von Direktoren und O berlehrern, die in 
dieser Schule den N ationalism us —  das h a t nichts zu 
tun m it guter deutscher und nationaler Gesinnung —
        
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