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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

fein, irgend Limas anderes in sich aufzunehmen! (Z uruf 
Radtke: S ie  sollten unabhängig  werden, dann w ären  
sie gleich verboten!)
Ich  will m ir weitere A usführungen darüber e r­
sparen. W ie der Deutschnationäle Jugendbund auch 
den militärischen Gedanken pflegt, darüber brauchen m ir 
kein W ort zu verlieren, das wissen w ir. Aber auch die 
Hetze gegen die jetzige republikanische S taa tsfo rm  spielt 
eine große Rolle. E in  M inister, nicht bei allen gut a n ­
gesehen, ist auch beim Deutschnationalcn Jugendbunde 
nicht sehr beliebt. E s heißt in derselben Zeitung: 
„Dieser und andere V aterlandsverräter laufen imm er 
noch frei herum  und nehm en hohe S taatsstellungen ein. 
I h r e  N am en wollen w ir m it der G lut des Hasses und 
der Verachtung in unsere und die Herzen unserer Nach­
kommen brennen. W ir predigen unseren K indern Haß 
und Rache gegen alle solche Leute, die die deutsche Ehre 
angetastet haben." (Hört, hört!)
W enn w ir erwachsenen Leute mit unserer Regie­
rung  nicht zufrieden sind, dann schimpfen w ir, wie es 
u n s  um s Herz ist, aber die Ju g en d  zu vergiften und sie 
aufzuhetzen gegen die Obrigkeit, der m an im m erhin 
„un tertan  sein soll', nach den Lehren gewisser Leute 
(Z uruf Dr. Bierbach: Von sieben Uhr ab, H err Kol­
lege!), das halte ich für unerhört. Ich sehe vor allen 
D ingen e i n e  G efahr in  solcher Verhetzung: Ju n g e  
empfängliche G em üter können dadurch leicht zu poli­
tischen Verbrechen angestachelt werden. P rü g e l haben 
ja manche Leute schon genug bekommen von A ngehöri­
gen des Deulfchnationalen Jugcndbundes, und  w as die 
S tre ik s fü r eine Rolle spielen, das wissen m ir auch.
Hervorheben möchte ich noch die B ehauptung, daß 
lediglich sozialdemokratische Bestrebungen schuld an der 
Niederlage und dem weiteren Unglück Deutschlands 
feien. D as w ird geflissentlich im m er angeführt. Aber 
von der Schuld der alten Regierung darf natürlich nie­
m als gesprochen werden.
D aß die jungen Leute angehalten werden, äu ß er­
lich nun  auch ihre Zugehörigkeit zum Deutschnationalen 
Jugendbunde zum Ausdruck zu bringen, das ist n a tü r­
lich selbstverständlich. D arüber wollen w ir auch nicht 
reden. A ber ein W ort noch zu dem, w as ich schon her­
vorhob bezüglich der unbestreitbaren antisemitischen 
Tendenz. S ie  w ird ja offiziell wieder abgeleugnet, und 
diese Tendenz steht auch nicht in dem Werbebuch und in 
verschiedenen Artikeln der Zeitung; aber m an muß doch 
einm al in  den Versam m lungen gewesen sein, m an m uß 
die A usführungen der R edner selbst gehört haben, m an 
m uß es an  anderer S telle gelesen und m uß die jungen 
Leute angehörtchaben, wie sie über diese Sache sprechen, 
und dann  weih m an Bescheid, daß diese antisemitische 
Tendenz im Deutschnationalen Jugendbunde ganz kraß 
vertreten ist. I n  einer der N um m ern  der B undes­
zeitung w ird  es auch m al wieder abgeschwächt, aber 
dann kommt es wieder deutlicher zum Vorschein, indem 
es heißt: „Die aber dann weiter unser Volk ausnützen 
wollen, denen tretet m it E urer Jugendkraft entgegen, 
ihnen zeigt zur rechten Zeit die junge F aust!" D ann 
kommt sofort w ieder das andere: „Blonde, mit jüdisch- 
undeutfcher Gesinnung, sind außerdem noch unsere 
größten Feinde, denn sie ziehen d as  deutsche Volk in  
den Kot, und dagegen verw ahrt Euch!" N un, w er die 
B londen sind mit jüdisch-undeutscher Gesinnung, das 
können w ir un s wohl an  den fünf F ingern  abzählen. 
E s ist aber besser, ich klappe zu. W enn S ie  noch mehr 
wissen wollen, ich stehe zur V erfügung
Noch eins: W enn w ir das zunächst allgemein her­
vorgehoben haben, daß w ir den Deutschnationalen 
Jugendbund  als politisch ansprechen, dann hatten w ir 
vor, dam it ein ganz klein bißchen aufklärend zu wirken, 
aber w ir hatten  ja auch eine W arnung  vor heute abend, 
und. dementsprechend müssen w ir nun  auch Neuköllner
Schulen mit heranziehen. Ich w ill von vornherein be­
tonen, daß w ir kein Gewicht darauf legen, hier nun 
große einzelne Persönlichkeiten unserer Schulen bloß­
zustellen. Ich  will sogar eins sagen: W ir haben nicht in 
den Neuköllner Schulen herumgeschnüffelt, sondern w as 
an  uns herangetreten ist, das ist von ganz allein zu uns 
gedrungen. W ir haben sogar an  manchem, w as w ir 
hörten, ziemlich scharfe Kritik geübt. W ir wollen heute 
auch durchaus nicht in  die Erziehungstätigkeit einzelner 
hineinleuchten und untersuchen, ob und wie politische 
Beeinflussung jugendlicher G em üter stattgefunden hat.
1 D as w ürden w ir künftig tun, w enn der heutige Abend 
vielleicht ergebnislos verlaufen sollte, dann aber auf dem 
vorschriftsmäßigen, auf dem dienstlichen Wege und m it 
allem Nachdruck. Unsere heutige Aufgabe erblicken w ir 
I lediglich darin , zu untersuchen, ob auch Neuköllner 
! Schulen sich in den Dienst des Deutfchnationalen 
! Jugendbundes gestellt haben, und das ist nicht abzu- 
, streiten. Ich  w ill Ih n e n  keine große Z ahl von Bei- 
spielen nennen, nu r einige wenige. E s  ist unbestreitbar 
festgestellt. . . .  E s ist doch wohl ganz gut, wenn ich zu­
nächst den E rlaß  des H errn M inisters vorlese, dann hat 
| die ganze Sache etw as mehr Bedeutung. E s heißt da 
erstens: „Die Schule darf parteipolitischen Bestrebun- 
! gen unter der Schuljugend keinen R aum  gewähren.
■ Zw eitens: Die Lehrer müssen mittelbare oder unm ittel- 
I  bare Beeinflussung der Schüler nach irgend einer p a rte i­
politischen Richtung hin streng vermeiden. D rittens: 
Die Schüler haben sich innerhalb der Schule aller partei- 
( politischen Streitigkeiten und jeder herausfordernden 
! B etonung ihres Parteislandpunktes, z. B . des T ragens 
von Abzeichen, zu enthalten."
W ir haben u n s  nu n  die F ra g e  vorzulegen, ob auf 
G rund dieses Erlasses, der den Neuköllner Schulen 
' schon vor Wochen zugegangen ist, alles getan worden 
ist, um hauptsächlich P unk t 3 zu vermeiden; und da 
! müssen w ir gestehen, daß  das nicht der F a ll ist. Z um  
Beispiel in  der Oberrealschule in  der Emser S tra ß e  
I sind die Schüler m it den doutschnation-alen Abzeichen 
herum gegangen. S a g e n  S ie  nicht: Ach Gott, sie tragen 
, ja sonst auch Abzeichen, z. B . von T urnvereinen usw.! 
J a ,  es ist ein ganz gew altiger Unterschied zwischen 
Vereinsabzeichen und den Abzeichen politischer Jugend- 
: vereine. Ich sehe in dem T ragen  dieser Abzeichen eine 
ungeheure Provokation. E s ist selbstverständlich, daß 
die S öhne andersdenkender E ltern  sich dadurch gereizt 
fühlen müssen. I n  derselben Schule ist es auch bis in 
die jüngste Zeit hinein weiter gestattet worden, daß die 
Tafeln, welche für amtliche Bekanntmachungen be­
stimmt sind, benutzt werden, um E inladungen und B e­
kanntmachungen im Dienste des Dcutschnationalen 
Juger.d 'bundcs anzuschreiben bezw. anzuheften. W eiter­
hin sind in der Schule F lugblätter, Werbeschriften und 
Vereinszeitschriften verteilt worden. D as widerspricht 
alles ganz kraß dem E rlaß . Dasselbe ist vorgekommen 
in dem Realgym nasium  in der Kaiser-Friedrichstraße. 
Da ha t sogar in  der üblichen A nkündigung des Deutsch- 
nationalen  Jugendbundes eines schönen T ages die B e­
merkung gestanden —  es ist schon in der D eputation 
besprochen w orden — : „Die Ju d en  haben keinen E in ­
tritt!" D as gibt im m erhin zu denken. Auch dort sind 
Flugschriften verteilt w orden, auch dort haben die 
Schüler bis in die letzte Zeit hinein ihre V ereins­
abzeichen getragen. G anz besonders möchte ich hervor­
hoben. daß auch in den Mädchenschulen die Deutsch- 
I nationale Jugendbund-Sache in  die Hand genommen 
worden ist, denn im II. Lyzeum am Richardplatz sind 
am 19. Dezember, also vor wenigen Tagen, fü r ein 
Weihnachtssest des Deutfchnationalen Jugcndbundes 
E intrittskarten  verkauft und Festschriften an  die Schüler 
ausgeteilt w orden. Aber ich habe von der Schule etw as 
erfreuliches zu berichten: A us dem Kollegium heraus
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