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Periodical volume 22. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Ich  glaube also, daß kein G rund  vorliegt, namentlich a n ­
gesichts der schlechten F inanzlage der S ta d t, auch diesen 
Kindern, die es durchaus nicht dringend nötig haben, 
un ter allen Umständen die Lernm ittel umsonst zu 
liefern. Ic h  möchte nochmals betonen, daß der A ntrag  
der E lte rn  bei den  Lehrern nicht etwa eine Bettelei 
darstellen soll. Diese Rolle w ird kein Mensch -den E ltern  
zum uten. E s  ist vielmehr ein schriftlicher A ntrag , nach 
dem der Lehrer verfährt. D as versetzt die E lte rn  der 
Schule, gegenüber keineswegs in eine unangenehm e 
Lage. Ich bitte, von dieser A usübung nicht abgehen zu 
wollen.
S tad tverordneter Schilling (B ürgl. V .): B isher
w ar es in  unseren Schulen so, daß  die E ltern  den 
schriftlichen A ntrag  bei den Rektoren der Schulen 
stellten, die Lernm ittel frei zu bekommen, un d  jedes 
Kind, jede M utter, jeder V ater, der überhaupt einen 
A n trag  au f unentgeltliche Hergäbe der Bücher stellte, ist 
bisher berücksichtigt w orden. I n  der letzten Zeit haben 
die Rektoren durchweg noch nicht m al die schriftlichen 
A nträge als notwendig erachtet, sondern jedes Kind, 
das kam und Bücher wünschte und verlangte, hat sie 
auch bekommen. (Hört, hört!)
S tadtverordnete F rl. Schütz (U. S .  P .) : Ich möchte 
au f das eingehen, w as  H err Exner sagte, daß es u n ­
bedingt abgelehnt werden müßte, daß die Lehrer von 
selbst die Bedürftigkeit der E ltern feststellen. Selbst­
verständlich wollte ich nicht sagen, daß der Lehrer nun 
au f das schwören muß, w as  ein K ind ihm vorerzählt, 
ich halte aber den W eg für gangbar, daß m an  die 
E lte rn  zu sich kommen läß t. I n  vielen anderen H üllen  
tu t m an  es auch. Ich habe viele K inder gesehen, die 
in  diesem fürchterlichen W etter m it Zeugschuhen in die 
Schule kamen. D a fragte ich mich a ls  sozial em pfinden­
der Mensch -ganz von selbst: Welche Verhältnisse zw in­
gen die E lte rn  dazu, bei diesem W etter die K inder so 
in  die Schule zu schicken? I s t  das die bitterste N ot? 
Is t  das vielleicht ein A usnahm efall? W enn ich eine 
Klasse lange habe, dann kenne ich die K inder und auch 
die E lte rn  und die häuslichen Verhältnisse. Und ich 
halte es a ls  Lehrperson für meine P flicht/nicht n u r die 
K inder so, wie sie in der Schule vor m ir stehen, kennen 
zu lernen, sondern auch in die häuslichen Verhältnisse 
einen Einblick zu gewinnen, denn danach kann m an die 
Kinder erst richtig beurteilen. M a n  kann sich die F rage 
vorlegen: S te llt m a n  nicht zu hohe A nforderungen an 
ihre Leistungsfähigkeit, oder leidet ein K ind unter der 
Depression fam iliärer Verhältnisse, w as sehr häufig 
vorkommt? W enigstens m uß ich aus m einen E rfah ­
rungen im  Lyzeum sagen, daß oft zu Haufe ganz tra u ­
rige Fam ilienverhältnisse w aren, die die K inder in 
ihren Leistungen derartig  drückten, daß m an meinen 
konnte, m an  hätte ein nachlässiges, faules K ind vor sich. 
I n  Wirklichkeit lag das M anko an den häuslichen V er­
hältnissen. Und ich glaube fest, daß  die Lehrer diese 
nötigen Feststellungen in  dieser Sache ganz von selbst 
und gerne machen werden, um  bedürftigen K indern zu 
helfen. D arum  frage ich H errn  S tadtschulrat Dr. 
Buchenau: Welche Anweisungen sind den Rektoren 
und Lehrern diesbezüglich gegeben? W iew eit dürfen sie 
die Lehr- und Lernm ittelfreiheit aus sich heraus ge­
w ähren?  W ir müssen eine gewisse N orm  haben, 
denn schließlich könnten Lehrer A nträge aller E ltern  
bewilligen, und w ir hätten am  Ende des Rechnungs­
jahres einen ganz enorm en B e trag  zu decken. D as 
wollen w ir m it diesem A ntrage natürlich nicht, daß die 
S ta d t so enorm  belastet w ird. W enn- es möglich w äre, 
allgem eine Lehr- und Lernm ittelfreiheit zu gewähren, 
w ürden w ir dies natürlich m it F reuden begrüßen, aber 
w ir sehen selbst ein, daß es unter den heutigen V er­
hältnissen noch nicht möglich ist. Aber gewisse Richt­
lin ien  lassen sich aufstellen, und diese hätten w ir gerne
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zur K enntnis genom m en, darum  die A nfrage. D ann 
könnte m an doch jedes dritte K ind ohne w eiteres frei­
geben. Ich  kenne aber viele F am ilien , wo noch nicht 
d a ran  gedacht w ird, daß  das dritte Kind frei ist, und die 
nach wie vo r ihre Bücher für das dritte Kind bezahlen. 
E s w äre wohl angebracht, w enn diese E ltern  w üßten, 
daß ihr drittes Kind ohne w eiteres freie Lehr- und 
Lernm ittel erhält. Schließlich, w äre es nicht möglich, 
daß auf G rund  der S teuerzettel Kinder, deren E ltern 
n u r  einen geringen Steuersatz oder gar keine S teu e rn  
zahlen, Lehr- und Lernm ittelfreiheit von vornherein 
genießen? W ir können das in der Schuldeputatton 
natürlich nicht festsetzen, sondern das ist Sache des 
Rechnungsausschusses, der solche Sachen erörtert. W ir 
möchten wünschen, daß die heutige Aussprache unsere 
A nregungen verwirktlicht, und daß gewisse Richtlinien 
aufgestellt werden, nach denen ohne w eiteres freie Lehr- 
und Lernm ittel gew ährt werden können. D ann  können 
besondere A nträge im m er noch kommen.
S tad tvero rdneter Exner (Dt.-dem. P .) :  W enn F rl. 
Schütz -an die S telle des schriftlichen A ntrages der 
E ltern  den mündlichen setzen will, so ist dagegen nicht 
das Mindeste einzuwenden. E s ist dabei sogar noch der 
zweite Vorteil, daß der Lehrer Gelegenheit hat, die 
E ltern  einm al näher kennen zu lernen. E s  ist dabei 
aber die F rag e , w as  fü r die E lte rn  bequemer ist, der 
mündliche oder der schriftliche A ntrag . Ich glaube, bei 
dem schriftlichen A ntrage den E lte rn  m ehr entgegen­
zukommen, w ürde aber gerade m it Rücksicht auf das 
gegenseitige Kennenlernen einem mündlichen A ntrage 
den Vorzug geben. W a s 'F r l.  Schütz anführte bezüglich 
des K ennenlernens der häuslichen Verhältnisse, so bin 
ich ganz ihrer M einung, n u r kann das bei der Bew illi­
gung der Lernm ittel am A nfang des J a h re s  nicht in 
G eltung treten, denn bis dahin hat der Lehrer, der eine 
neue Klasse bekommt, nicht die Möglichkeit, die h äu s­
lichen Verhältnisse der E ltern  oder der K inder kennen 
zu lernen; er m uß sich zunächst auf die A ngaben der 
E ltern  verlassen, und er w ird  im Laufe des Ja h re s  erst 
Gelegenheit nehm en, alle die häuslichen Verhältnisse 
kennen zu lernen, deren K enntnis zu einer gerechten 
B eurteilung erforderlich ist.
Vorsteher: W ettere W ortm eldungen liegen nicht 
vor, dann ist die Sache erledigt. Positive A nträge sind 
nicht gestellt.
W ir könnten nu r den A n trag  stellen, daß  dieser 
Sache nochmals nähergetreten w ird, und zw ar nicht nur 
in  der Schuldeputatton, sondern auch im Rechnungs- 
ausfchuß, dam it feste Richtlinien geschaffen werden für 
das nächste J a h r .  Bei der E tatsaufstellung müssen w ir 
wissen, wieviel M ittel für diesen Zweck notw endig sind. 
W ir müssen dann jetzt erst m al einen Versuch machen, 
um  zu sehen, welche M ittel erforderlich sind. Nach den 
diesjährigen eventuellen A nforderungen können w ir die 
Sache weiter verfolgen, ausbauen  und erw eitern.
S tadtschulrat D r. Buchenau: E s  w ird sich praktisch 
am  besten so machen lassen, daß die Angelegenheit in  
der nächsten Rektorenkonferenz in Gemeinschaft m it den 
M itgliedern des L ehrerats nochmals durchberaten w ird. 
E s  kann d an n  festgestellt werden, nach welchen G ru n d ­
sätzen verfahren w erden soll, aber erst dann, wenn die 
Schuldeputatton davon K enntnis nim m t und sich m it 
dem Rechnungsausschuß in V erbindung setzt. W ir 
werden un s ja  den Kopf darüber zu zerbrechen haben, 
wie im nächsten E ta t die M ittel für diese Position er­
höht w erden müssen. E s  w ird  also am  besten sein, w enn 
, die V ertreter der Lehrerschaft bei den O rtslehrerräten  
in  Gemeinschaft m it den Rektoren in  der Rektoren­
konferenz die Sache zunächst besprechen. Ich  glaube 
aber, nachdem, w a s  H err Schilling gesagt hat, ist die 
Sache eigentlich nicht so brennend, denn es ist ja  doch 
von einem Sach- und Fachvertreter ausdrücklich fest-
        
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