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Periodical volume 12. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

geschlagen, um  eine genau« Kontrolle zu haben, daß  die 
K a r te n  in  Z ukunft  au f  der Rückseite mit dem S tem pe l  
des S ta d tv e ro rd n e te n b ü ro s  versehen w erden sollen. 
B e im  B etre ten  der T r ib ü n e n  w erden seitens der dienst­
habenden  B e a m te n  die K ar ten  durch A b riß  einer Ecke 
ungü lt ig  gemacht. W ill ein Besucher die T r ib ü n e  auf 
kurze Z e i t  verlassen, so ha t  er seine K arte  dem B eam ten  
zu übergeben. Bei der Rückkehr w ird  ihm die K arte  
w ieder au sg e hän d ig t  usw. (W ird  verlesen.)
D er Ä ltestenrat ha t  sich in  seiner gestrigen T a g u n g  
in  ausführlicher Weise m i t  dieser F r a g e  befaßt u n d  
folgendes beschlossen: B e im  Verlassen auf kurze Zeit 
w erden  die en tw erte ten  K a r ten  nicht abgegeben. Die 
Besucher e rha l ten  eine Uberwachungsmarke, die mit 
dem Tagesstempel versehen ist und beim W iederein trit t  
vorgezeigt w erden  m uß. Die K ar ten  eines T a g e s  sollen 
auf a llen P lätzen die gleiche F a r b e  haben. Die v e r ­
schiedenen T a g u n g e n  sollen durch verschiedene F a rb e n  
unterschieden w erden .  Die D em okraten  sollen statt 9 
jetzt 10 K a r te n  erhalten, dafü r  erhalten die B e am ten  
statt 16 n u r  15 K arten . Die 20 R estfarten  sollen der 
Auskunftsstelle zu r  V erte i lung  an  die E in w o h n e r  übe r­
geben werden. E ine  Bekanntm achung  soll daraus  
hinweisen.
S ta d tv e ro rd n e te r  F re u n d  ( U . S . P . ) :  S o la n g e
nicht m ehr K ar ten  ausgegeben  w erd en  und  nicht m ehr 
Tribünenbesucher zugelassen w erden, kann ich die Z a h l  
von 15 K ar ten  an  die B e a m te n  im V e rh ä l tn is  zu den 
20 an  die Neuköllner B evölkerung nicht a ls  in einem 
billigen V e rh ä l tn is  stehend ansehen. E in ige  wenige 
H un der t  B e am ten  15 K arten ,  w äh ren d  an  die B e ­
völkerung Neuköllns n u r  20 K a r ten  gegeben werden! 
(Z u ru f :  Und die F rak t io n en ?  W o lassen S ie  denn I h r e  
K o rten ? )  M a n  könnte das  in dieser Weise machen, 
u n d  den B e am ten  w en iger  K ar ten  zuteil w erden 
u n d  den B eam ten  e tw as  w en iger  K a r te n  zutei lw erden 
ließe, oder m a n  v erg rößer t  eben die Z a h l  der T r ib ü n e n ­
karten.
S ta d tv e ro rd n e te r  E n ge l  (Dt.-dem. P . ) :  A u f  dis 
A u sfü h ru n g en  des H e rrn  F re u n d  möchte ich e rw idern , 
daß  die B eam ten  als  solche auf T r ib ün enk a r tcn  ver­
zichten. Die Beamtenschaft steht aus dem S ta n d p u n k t ,  
a ls  Neuköllner E in w o h n e r  genau  so wie jeder andere 
B ü r g e r  behandelt zu w erden, und sie har d as  Reckt, 
diesen Anspruch zu erheben. Die Beamtenschaft ward 
verzichten, aber  sie w ird  an  die Auskunttsstellen h e ra n ­
gehen und a>s B ü rg e r  ihre Karten  verlangen. (Z u ru f :  
A b er  hoffentlich nicht gleich zuerst d rankom m en!) D a s  
w erden S ie  ja nicht un terb inden  können. Derjenige 
w ird  die K ar ten  sich holen, der die Z e it  dazu hat.  Ob 
S ie  dan n  nicht erreichen, daß noch m ehr B e am te  auf 
den T r ib ü n e n  erscheinen a ls  jetzt, f r a g t  sich ja. W ir  
B eam te  sind jedenfalls nicht B ü rg e r  zw eiter Klaffe.
S tad tv e ro rd n e te r  R adtke  ( U . S .  P . ) :  Ich  habe
volles V ers tändn is  dafür ,  w enn  hier im R athause  B e ­
am te  sind, die sich parlamentarische Gepflogenheiten 
an hö ren  und davon  lernen wollen. D ah er  habe ich ga r  
nicht widersprochen dem Vorschlag: 15 K arten  fü r  die 
B eam te n .  A ber wie die Dinge von H e rrn  E nge l au f ­
gefaßt w erden, gehen sie in Wirklichkeit nicht zu machen. 
E rs tens :  w a s  hier beschlossen wird , ist n u r  Notbehelf, 
w eil w i r  rechnen, daß  möglichst bald m ehr P la tz  ge­
schaffen w ird , denn d a s  ist keine Öffentlichkeit. Die 
ganze T r ib ü n e  ist frei. H ie r  stehen einzelne M änneken .  
(Z u ru f :  D a s  ist doch kein V ergnügen , d a s  hier anzu­
hören! Heiterkeit. Die sind schlafen gegangen! Heiter­
keit.) W ir  haben 146 K arten .  (Z uru f :  Die sind nach 
Haufe gegangen!) E s  ist zweifellos noch eine Reihe von 
P lätzen zu schaffen. W e n n  aber H e rr  E n ge l  sagt: w ir  
verzichten auf 15 K arten ,  so gut; aber w i r  wollen, daß 
Neuköllner B ü rg e r  sich die K arten  holen; so wie an g e ­
führt, bedeutet d as  weiter  nichts, a ls  daß die 35 K arten
von den M ag is t r a tsb ea m ten  genomm en werden. D as  
wollen  w ir  verh indern . V on  den 20 K arten  d a r f  kein 
M agistra tsangeste l l te r  eine erhalten, sie sollen für das  
übrige  P u b lik u m  sein, d as  m it  den einzelnen F rak t ionen  
keine V erb ind un g  hat, und  d a s  ist ein großer T e il  der 
E in w o h n e r .  S o  ist d a s  aufzufassen.
S ta d tv e ro rd n e te r  S o m m e rb u rg  (S .  P .  D.): Ich
bitte, den Vorschlag des Kollegen E n g e l  abzulehnen, 
und z w a r  deshalb, weil die R ege lung ,  die Kollege Engel 
vorschlägt, zweifellos zu Unzuträglichkeiten führen 
w ürde .  M a n  w ü rde  im m er  behaupten, von B eam ten  
feien die K arten  vorweg genom m en w orden ,  u n d  das  
wollen w ir  vermeiden. A u f  der anderen  S e i t e  m u ß  
festgestellt werden, daß die Beamtenschaft ein reges 
In teresse  hat,  den V erhan d lun gen  hier zu e inem Teil 
be iw ohnen  zu können. D a s  liegt nicht n u r  im Interesse 
der B eam ten ,  sondern d a s  liegt auch im Interesse der 
städtischen V erw a l tu n g ,  denn die Beschlüsse, die h ier  ge­
faßt werden, müssen vielfach von den B e a m te n  a u s ­
geführt werden, und  da ist es durchaus richtig, daß  m a n  
der B eam tenschaft .d a s  Recht e in räu m t,  hier eine ge­
wisse A nzah l von  K ar ten  zu r  V e rfü g u n g  zu haben. 
Ich  bitte deshalb, cs bei dem Beschlusse des Ältesten- 
j ra t e -  zu belasten, den B eam ten  15 K a r te n  zur V e r ­
fügung  zu stellen.
Vorsteher: W eitere  W o r tm e ld un gen  liegen nicht 
vo r;  w i r  kämen zu r  A bstim m ung ü b e r  den vom  
Ältestenrat vorgelegten Beschluß. W e r  für  denselben ist, 
b it te  ich, eine H and  zu erheben. (Abstimm ung.) Danke! 
I s t  angenom m en.
W ir  kommen n u n m e h r  zu P u n k t  16, Absatz 2: 
Angesichts der steigenden Pre ise  fü r alle Lebensrnittel 
und Gebrauchsgegenstände soll der M a g is tra t  a ll­
monatlich eine Aufstellung für d a s  Existenzminim um 
einer P e rso n  ausstellen, um  eine Unterlage fü r  die B e ­
urte ilung  der Lohn- und  G eha lts fo rderungen  fü r  die 
B ü rg e r  u n d  ihre V er tre te r  zu schaffen.
S ta d tv e ro rd n e te r  Adarneit ( U . S .  P . ) :  Dieser A n ­
t ra g  ist eigentlich e tw as  N eues  fü r  S ie .  Unsere S t a d t  
S o l in g e n  ist da m it gutem Beispiel vo rang egan gen .  E s  
ist bei den steigenden Lebensmittclprcisen heute w irk­
lich nicht leicht, zu sagen, w a s  m an  zum  Leben braucht. 
D a ru m  ist es erforderlich, daß  die K o m m u n en  ein E nde 
machen darin ,  indem sie monatlich eine Liste aufstellen 
lassen und herausgeben , w a s  die einzelne P e r s o n  u n d  
w a s  eine vier- bis fünfköpfige F am i l ie  an  L eb ens­
mitteln —  ra t ion ie r ten  und  freien —  u n d  anderen  G e­
b rau ch g eg en s tän d en  braucht. Und d as  ha tten  w ir  in 
diesem A n trag  niedergelegt, und w ir  bitten, daß dieser 
A n t r a g  ang eno m m en  wird.
S tad tv e ro rd n e te r  H eitm ann  (S .  P .  D.): W ir  haben 
nichts dagegen, daß eine Statis tik  aufgenom m en w ird  
über das  E inkom m ensoerh ä l tn is  einzelner Personen .  
Ic h  g laube aber, daß  dieser A n trag ,  der von  der hiesigen 
G emeinde durchgeführt w erden soll, überholt ist, weil 
da s  Reich durch das  statistische A m t die A nw eisung  
gegeben ha t  und bereits  die F rag eb o g e n  herausgegeben  
hat,  Laß üb e r  d a s  ganze Reich in allen S tä d t e n  Deutsch­
lands  derar t ige  statistische A u fn ah m en  gemacht w erden 
sollen. Ich  glaube, w i r  können diese Statis tiken be­
nutzen und w ü rden  dam it  d a s  treffen, w a s  die A n t r a g ­
steller wollen, und könnten diese M ehrbelastung  den 
einzelnen G em einden  ersparen, weil da s  E rg e b n is  sicher­
lich e inw andfre i  festgestellt w eiden  w ird  durch das 
Statistische Reichsamt. I c h  möchte S i e  au s  diesen 
G rü n d e n  bitten, den A n tra g  abzulehnen .
S ta d tv e ro rd n e te r  R o ß  (Dt.-dem. P . ) :  D er  G e ­
danke dieser Statis tiken ist an  sich nicht neu, sondern 
hier und da durch behördliche oder p r iva te  J n i t i a t 'v e  
bereits zur A u s fü h ru n g  gekommen. E in  altes W o r t  
sagt: W a s  der Mensch braucht, m uß  er haben. Um 
a b e r  zu wissen, w a s  jeder braucht, m u ß  m a n  d as  erst
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