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Periodical volume 12. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

W e rt angerechnet w ird , sondern m it dem W ert, den sie 
heute hat, d. H. m indestens 20%  höher a ls  im  J a h r e  
1914. D er M a g is tra t d a rf  sich die G elegenheit, die er 
ha t, d a s  bei der B eso ldungsrefo rm  zu revidieren , nicht 
entgehen lassen, und  w ir  w erden  ein A ugenm erk  d a r ­
au f haben , d aß  unserer F o rd e ru n g  G enüge geschieht.
D a n n  fe rner fragen  w ir  den M ag is tra t, w a s  er zu 
tu n  gedenkt, um  die M a ß n a h m e n  der Z w a n g s e in q u a r­
tie ru n g  anläßlich der herrschenden W o h n u n g sn o t 
e r n s t l i c h  in die T a t  umzusetzen, denn au f d a s  W o rt 
ernstlich komm t cs u n s  vo r allen D ingen  an . W ir  haben 
b is  jetzt einige V o rbere itungen  d e r Z w a n g s e in q u a r­
tie ru n g  schon erlebt, aber es ist im  g roßen  und ganzen 
bei den V orbere itungen  geblieben; d e r ernstliche W ille, 
diese V orb ere itu n g en  in die T a l umzusetzen, scheint b is ­
her zu fehlen. I m  S ep te m b e r 1918 ist eine V erfügung  
erschienen vom  S taa tsk o m m issa r fü r  W ohnungsw esen , 
die die Z w a n g se in q u a rtie ru n g  in B e r lin  regelt. D a ­
m a ls  h a t die W ohnungskom m ission beschlossen, H aus- 
listen aufzustellen zu r Feststellung der vo rhandenen , 
nicht voll besetzten g roßen  W ohn u n g en . D ie A us­
stellung dieser Listen ist dem  N euköllner statistischen 
A m t ü b ertrag en  w orden , u n d  d o rt h a t  m an  m erk­
w ürd igerw eise  sehr lange Z e it gebraucht, um  diese 
Listen fertigzustellen. W ir  stehen allen diesen A u s ­
w irkungen , die sich in  diesem A m t zeigen, von  v o rn ­
herein  m it M iß tra u e n  entgegen, u n d  w enn  eine solche 
an  sich recht einfache M aß n ah m e  sechs W ochen Z e it be­
darf, so stehen w ir  dieser langsam en  A rb e it m it dem  
V erdacht gegenüber, daß  d a  absichtlich S a b o ta g e  an  
unseren  Beschlüssen getrieben  w ird . W ir wissen ja , daß 
die alte reak tionäre  B eam tenclique , die noch üb era ll 
zu H ause ist, u n d  die m a n  noch nicht verstanden  hat, 
a u s  ih ren  B ürostuben  herau szu jag en , w o m a n  sie 
längst durch ebenso gute un d  bessere und  tüchtigere 
L eute hätte  ersetzen können, passive Resistenz, w ie m an  
das zu  n ennen  pflegt, tre ib t; u n d  d a s  macht sich hier 
bem erkbar au f a llen  G ebieten  des staatlichen un d  ge­
meindlichen L ebens. S o  auch hier. Die A ufstellung der 
H auslisten , an  die ich ein ige M a le  g em ahn t habe, ist 
d an n  endlich fertig  gew orden , und  am  9. Oktober 1919 
h a t auch der M a g is tra t eine B ekanntm achung über die 
B eschlagnahm e ü b e rg ro ß e r W o h nungen  erlassen. A m  
9. O ktober 1919! D a ra u s  sind d a n n  H auslisten  a u s ­
gegeben w orden  zu r Feststellung d e r ü b e rg ro ß en  W o h ­
n u n g en . S ie  sind den H ausbesitzern zugegangen , von 
d a  a n  die M ie te r verschickt w orden , und  d a  kann ich 
I h n e n  die bezeichnende M itte ilu n g  machen, daß  von 
den  In h a b e r n  ü b e rg ro ß e r W ohnungen , d ie  diese Listen 
auszu fü llen  hatten , 90%  geschw indelt haben. ((Er­
regung .) 90 von H u n d ert haben u n w ah re  A ngaben  ge­
macht, u nd  m an  kann bei 85%  sagen, wissentlich u n ­
w ah re  A n g ab en  —  d a s  w erden  m ir  andere  bestä ti­
gen — , u m  sich diese leidige Z w a n g se in q u a rtie ru n g  
vom  Leibe zu  halten . D a ru n te r  befinden sich H e rr­
schaften, deren F a m ilie  a u s  e iner P e rso n  u n d  sieben 
oder acht Z im m ern  besteht. W en n  es d a ra u s  ankom m t, 
der herrschenden W o h n u n g sn o t abzuhelfen, W o h n u n g s- 
dedürstige bei sich aufzunehm en, so scheuen sie sich nicht, 
schriftlich wissentlich falsche A ngaben  zu machen. (Z u ­
ru f: W ie viele große W o h n u n g en  g ib t es d en n ?) D a s  
verstehen S ie  nicht, das interessiert S ie  auch nicht. 
U n ter I h r e n  F rak tionsgenossen , H e rr R o ß , können S ie  
d a s  am  besten erfah ren , denn d a ru n te r  sitzen die I n ­
h aber dieser ü b e rg ro ß en  W ohnungen , sitzen auch die 
S chw ind ler! M erken  S ie  sich d as! R u n  wissen S ie  es  
ganz genau! (G roße E rre g u n g . R u fe : N am en  nennen!) 
Ic h  w erde Ih n e n  gleich N am en  nennen , w enn  S ie  d a s  
w ollen. U nd in  welcher W eise m an  m it dem M a ­
g is tra t um zugehen beliebt, dazu w ill ich Ih n e n  einen 
einzigen F a ll  nennen . D er D irek tor e iner hiesigen 
höheren Schule au f der E m ser S t r a ß e  h a t eine W o h ­
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n u n g  von 3 Z im m ern  und Z ubehö r, obgleich er J u n g ­
geselle ist, er h a t diese W o h n u n g  . . . (Z u ru f : B rau ch t 
er jedenfalls f ü r  fein Z ubehö r! H eiterkeit.) E r  h a t 
früher einige M öbel in  einem L aden  stehen gehab t, und 
a ls  diese große W o h n u n g  frei w urde , h a t e r die M öbel 
a u s  dem L aden  herau fgenom m en  u n d  eingestellt, h a t 
aber, w ie festgestellt ist, die W o h n u n g  nicht benutzt. 
W ir  haben d a s  herausbekom m en. E s  ist angezeigt 
w orden , w eil W ohnungsbedü rftige , die die W o h n u n g  
n ö tiger brauchten, sich beschwert haben . D er be­
treffende H e rr ist kon tro lliert w orden . E s  sind Leute- 
hingeschickt w orden  zu den  verschiedensten T ageszeiten  
u n te r  Z eugen . Ich  habe die T ag esz ie len  h ier, früh  um  
7, 8, 9, 10 U hr, zu allen möglichen T ageszeiten . E s  
w a r  n iem an d  da. D er S ta u b  a u f  den  T ü re n  lag  dicht. 
D er B rie f trä g e r  konnte keine B riefe  abgeben, der G a s ­
messer ist nicht benutzt. A lles d a s  steht fest. D er H err 
h a t also da nicht gew ohnt. D ie .Versuche, in  diese 
W o h n u n g  hereinzukom m en, und  von ihm  die W oh n u n g  
zu bekom m en z u r B efried igung  des B edürfnisses von 
W o h n u ngsbedü rftigen , m iß lang . Schließlich w urde  der 
H err, a l s  a lles fehlschlug, v o r die U nterkom m ission ge­
laden. D o rt erk lärte  e r: Ich  habe eine W irtschafterin , 
die w ohn t da. E s  w u rd e  gefrag t: W er ist die W ir t­
schafterin? „ D a rü b e r verw eigere  ich d ie  A usk u n ft!"  
(H eiterkeit.) M it der hochfahrenden Geste des G y m ­
nasia ld irek to rs, der m it dem da sitzenden S ta d tv e ro rd ­
n eten  kaum  e tw as  zu tu n  h a t!  (Z u ru f : k la  Helsferich!) 
J a ,  so ähnlich, w ie im  U ntersuchungsausschuß. D a 
w urde  ihm  gesagt: W o h n t denn  die D am e bei I h n e n ?  
„D arü b e r verw eigere ich die A uskun ft!"  —  W o ist denn 
die D am e?  I s t  die im m er bei I h n e n ?  —  „N ein , die 
»st bei einem  R ech tsan w alt!"  (H eiterkeit.) —  W a s  ist sie 
d o rt?  —  „ J a ,  d a s  kann ich nicht genau  sagen!" (H eiter­
keit.) S o  w örtlich w a r  die A n tw o rt. S o  g in g  es eine 
V iertelstunde w eiter, b is ich dem H errn  sagte in  G egen­
w a r t  der U nterkom m issionsm itglieder: Wissen S ie ,  
H err —  ich w eiß  nicht, ob P rofessor oder D oktor — , ich 
habe noch n iem als  in  m einem  Leben e in en  L eh rer der 
J u g e n d , e inen  D irek tor e iner Schule getroffen , der so 
leichtfertig m it d e r W ah rh e it um geht w ie S ie !  U nd 
der H err h a t sich d a s  gefallen  lassen; u n d  ich erk läre  
h ier in  a lle r Öffentlichkeit, u m  den H e rrn  zu zw ingen , 
S te llu n g  eventuell gegen mich zu nehm en: d as , w a s  er 
vo rg e trag en  h a t, w a r  die wissentliche U nw ahrhe it. Ich  
beschuldige ihn  a ls  D irektor e ines G ym nasium s, der 
seine S chü le r die W ah rh e it lehren  soll, wissentlich die 
U n w ah rh e it gesagt zu haben . (H ört, hö rt!) F e rn e r :  
Ic h  habe dem  H errn  d an n  selbst eine goldene Brücke 
gebau t, w eil er sich w eigerte, die W ohnung  herzugeben. 
E r  behaupte te , e r  schliefe d o rt m anchm al. W o e r  sich 
sonst au fh ä lt, g eh t u n s  nichts an . W ir  sind keine S i t te n ­
richter. (Z u ru f : Vielleicht h a t e r  eine L aube!) J a ,  der 
J a s m in  b lü h t jetzt. Ich  schlug ihm  v o r: S ie  a ls  J u n g ­
geselle b rauchen  drei Z im m e r nicht, tre ten  S ie  ein 
Z im m er und die K üchenbenutzung a n  eine F a m ilie  ab . 
W ir  w ollen  m it Rücksicht auf I h r e  schönen M öbel eine 
F a m ilie  m it höchstens einem  K ind here in  lassen, I h n e n  
also in  jeder Weise entgegenkom m en. D a s  akzeptierte 
er u n d  g ing w ieder. Inzw ischen  h a t sich d e r H err aber 
von  seinen reak tio n ä ren  K ollegen wahrscheinlich eines 
Besseren belehren  lassen. Ic h  kann m ir  denken, w ie die 
gesprochen h ab en . „W ie, du willst d ir  w a s  vorm achen 
lasten?! S ch re ib ' dem  K erl m a l ’nen  B rie f!"  U nd der 
B rie f w u rd e  geschrieben: „ Ich  nehm e m eine A ngabe, 
ein Z im m er und  Küche z u r V erfü g u n g  zu stellen, zurück. 
Ic h  brauche die W o h n u n g  fü r  mich, d a  ich eine H au s- ' 
h ä lte rin  en gag ie rt habe." S o fo r t  w urde  jem and  h in ­
geschickt. Tatsächlich w u rd e  festgestellt, daß  F r a u  Hoff- 
m a n n  von  der P rin z -H an d je ry s traß e  seit gestern bei 
H errn  M arschall zugezogen ist a ls  W irtschafterin . Ob 
der H e rr D irek tor M arschall a b e r  d a r in  w o h n t oder nicht.
        
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