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Periodical volume 12. Dezember 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

und cs ist zur Abgabe einer Offerte eine Tischlerei auf­
gefordert worden, lau t deren Offerte sich der Schrank 
auf 30 M . gestellt hat. dagegen bei der städtischen 
Tischlerei auf ungefähr die Hälfte. Natürlich allgemeine 
Freude. Nachher soll sich herausgestellt haben, daß 
unsere Tischlerei vergessen hatte, das Holz einzukalku­
lieren. (Heiterkeit. Rufe: Soll!) Jedenfalls haben mir 
Interesse dafür, weil w ir m al sehen wollen, ob sie in 
der Lage ist, so vorteilhaft zu fabrizieren, wie der ein­
zelne Unternehmer. Ich bezweifle es. Ich halte es für 
.richtig, daß die Sozialisierungsdeputation dam it be­
schäftigt wird.
S tad tverordneter R eum ann (S . P .  D.): W enn
H err Borgt meint, es fei kein Kunststück, da ja doch 
die S ta d t  große Kapitalien zur V erfügung stelle, 
billiger zu arbeiten, als der kleine Betrieb. —  ja, das 
haben w ir doch imm er behauptet, wenn w ir bean trag­
ten, die S ta d t solle die Arbeiten in  eigene Regie 
nehmen. W ir haben es im m er dam it begründet, daß 
w ir dann die Sache viel großzügiger betreiben könnten 
als der kleine M ann , der da 30 Kubikmeter Holz vom 
Holzhändler zum Tagespreise kaust. Der Großbetrieb 
ist eben dem Kleinbetrieb überlegen, weil er größere 
M ittel zur V erfügung hat und besser vorarbeiten kann. 
W ir werden nicht reüssieren, w enn w ir es genau so 
machen, wie ein kleiner K rauter. D arin  liegt das  G e­
schäft, daß m an Voraussicht genug und die Kapitalien 
zur V erfügung hat. um  zu günstiger Zeit billig ein­
kaufen zu können. (Zurufe.) Aber, Herr Dr. B ier­
bach, selbstverständlich können w ir nicht ohne Geld 
arbeiten, w ir müssen genau so m it Geld arbeiten, wie 
jeder andere Betrieb.
N un hat H err Voigt diese Bierbank-Geschichte von 
den Schränken erzählt. Ich  bin darüber unterrichtet. 
E s  sind einige dreißig Schränke gewesen, fü r die nicht 
mehrere Tischlermeister ein  Angebot abgegeben haben, 
sondern n u r eine F irm a, die ca. 9000 M . dafür for- 
dete, unsere Tischlerei dagegen 3900 M . Ich  habe so­
fort m it dem Geschäftsführer unserer Tischlerei Rück­
sprache genommen und habe gefragt: „S ind  S ie
I h r e r  Kalkulation sicher?" Und er hat versichert, daß 
er noch einm al nachgeprüft habe und hat erklärt, daß 
die Tischlerei m it ganz erklecklichem G ew inn diese 
Schränke liefern werde. Auf meine F rage, woher der 
Preisunterschied käme, hat er gesagt: „Ach Gott, die 
andere Tischlerei ist der M einung gewesen, sie bekäme 
die A rbeit doch nicht, und sie hat nicht so genau kalku­
liert." Ich  billige Ih n e n  den guten G lauben zu. aber 
nicht denen, die das draußen erzählen. Ich  will bei 
der Gelegenheit nochmals feststellen, daß m an solchen 
Gerüchten immer mit großem M iß trauen  begegnen 
sollte, denn die Unternehm er sind durch den städtischen 
Betrieb in den H intergrund gekommen und haben alles 
Interesse daran , in  der Öffentlichkeit Gerüchte zu ver­
breiten, die unseren Betrieb schädigen können. E s hat 
vor nicht sehr langer Zeit in einem Ort, wo w ir große 
Holzmengen gekauft haben, ein H err in einem Lokal 
erzählt, die städtische Tischlerei sei sozusagen schon pleite, 
sie arbeite zu teuer, und  er hat am anderen Tage bei 
einer F irm a, m it der w ir in Geschäftsverbindung 
standen, das Geücht verbreitet, daß die S ta d t Neukölln 
kaputt sei. W ir haben festgestellt, daß dieser H err ein 
E inkäufer für die Handwerkskammer G roß-B erlin  w ar, 
dem w ir das Holz vor der Nase weggekauft hatten. 
D er H err vertritt eine Institu tion , deren M itglieder zum 
Teil Tischlereigefchäfte haben. D aß  der H err sich einer 
üblen Nachrede u n d  einer Kreditschädigung schuldig 
gemacht hat, das scheint ihm nicht zum Bewußtsein ge­
kommen zu sein. W ir werden m it solchen Gerüchten 
noch m ehr zu tun  bekommen, die Hauptsache ist, daß 
sie nicht w ahr sind. E s ist im günstigen F alle  nichts
als Bierbankgeschwätz, das m an als solches behandeln 
sollte.
S tad tverordneter Voigt (Bürgl. V.): W ir wollen, 
daß  die Tischlerei auf eigene Füße gestellt und daß hier 
nicht das städtische K apital in dieser Weise zur V erfü­
gung gestellt wird, wie es heute der F a ll ist, und dann 
wollen w ir uns m al wieder sprechen, w enn die Tisch­
lerei aus eigener Tasche wirtschaftet. D ann bezüglich 
der Bierbankgespräche. J a ,  heute bei dem B ier danke 
ich dafür. (Heiterkeit.) S ie  haben m ir meine F rage 
noch nicht klar beantwortet. Der M an n  w ar vielleicht 
vorsichtiger in  der Kalkulation. S ie  haben n u r kalku­
liert nach den Preisen, wo S ie  m al billig Holz ge­
kauft haben.
Vorsteher: W ortm eldungenchegen nicht mehr vor. 
E s ist der A ntrag  gestellt worden, die V orlage der 
i  Hochbaudeputation zu überweifen. — E s ist so be­
schlossen.
S tad tverordneter F reund  (U .S . P .) : M eine D a­
men und Herren! W ir fragen den M agistrat, w as  er 
zu tun  gedenkt, um  ernstlich die M atznahm en der 
! Z w angseinquartierung  anläßlich der herrschenden 
! W ohnungsnot in  die T a t umzusetzen, und w ir stellen 
einen A ntrag : Z u r  besseren Übersicht ist seitens des 
; M agistrats sofort eine genaue Aufstellung über die von 
: der S ta d t gew ährten Dienstwohnungen m it Angabe der 
i R äum e und des M ietspreises vorzulegen.
Ich will die beiden Dinge getrennt behandeln 
| und anfangen m it dem zweiten: Z u r besseren Über­
sicht ist seitens des M agistrats sofort eine genaue A uf­
stellung über die von der S ta d l gewährten Dienst­
w ohnungen m it A ngabe der R äum e und des M iets- 
; Preises vorzulegen.
E s ist bekannt, daß einem Teil der B eam ten, 
besonders der höheren B eam ten, D ienstwohnungen zur 
V erfügung stehen, die ihnen zum Teil au f das Gehalt 
angerechnet werden. Die neue Besoldungsreform, die 
in  B earbeitung ist, sagt im § 10: Der W ert der Dienst­
w ohnung ist von F all zu F all örtlich festzustellen. D a­
bei hat der Angestellten- und B eam tenrat mitzuwirken. 
W ir hatten in  der Unterkommission einen Zusatz be­
schlossen, den ich hier in  dem m ir vorliegenden Exem­
p la r vermisse. W ir hatten beschlossen: Der W ert der 
D ienstwohnungen ist von Zeit zu Zeit nachzuprüfen. 
Diese F orderung  ist berechtigt, denn S ie  wissen, daß in 
den letzten Ja h re n  der W ert der W ohnungen im all­
gemeinen erheblich gestiegen ist. Die Mietszinse haben 
eine S teigerung  von durchschnittlich 20% überall e r ­
fahren in  ganz B erlin  und in  ganz Neukölln, n u r die 
Dienstwohnungen sind in ihrem M ietszins nicht ge­
steigert worden, und es kommt heute noch vor, daß 
Beam te, denen im  Ja h re  1910 eine D ienstwohnung 
von 6 Z im m ern —  sie w ird ja nu r zum Teil auf G e­
halt angerechnet, m it ungefähr zwei D ritteln ihres 
W ertes, also m it ungefähr 1000 M ., zum G ehalt an ­
gerechnet worden ist —  auch heute noch 1000 M  kostet, 
w ährend, wie ich schon ausführte, alle übrigen W oh­
nungen in  ganz Neukölln seit dieser Zeit durchschnittlich 
20% gesteigert worden sind. D as stellt eine B evor­
zugung dieser B eam tenw ohnungen dar, die nicht zu 
rechtfertigen! ist. W ir fordern deshalb eine sofortige 
N achprüfung des W ertes aller Dienstwohnungen der 
Beam ten. Ich  gebe dem M agistrat, dem Personal- 
dezernenten, dem Bürgerm eister hier m it auf den Weg, 
darauf sein Augenmerk zu richten, daß  bei der Fest­
setzung des G ehalts nach der neuen Besoldungsreform  
in dieser Beziehung das Notwendige veran laß t w ird, 
j  daß, w enn also festgesetzt w ird, der und der B eam te 
: hat 12 000 M . Gehalt, darauf w ird ihm zwei D rittel 
für seine Dienstwohnung angerechnet, daß dann diese 
I Dienstwohnung ihm nicht m ehr m it ihrem  bisherigen
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