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Periodical volume 28. März 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

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Deses P lanes an den M agistrat die Frage, ob er ge- 
jmft, diesen Bauplan mit allen Kräften durch Hergabe 
Eiligen Baugeländes zu unterstützen. Es liegen bereits 
De Zeichnungen vor. Die Gebäude, die errichtet werden 
'Men, sind schön befunden worden. Ich frage an, ob 
|b e r  das Mundspitzen hinaus auch gepfiffen werden 
soll. Denn in diesem Falle gilt die Tat und nicht das 
Wort. Ich möchte fragen, ob diese Tat nach dem 
D ort in die Erscheinung treten kann.
Bürgermeister Dr. Mann: Meine Damen und 
Herren! Die Verhandlungen mit dem Beamten-Woh-
[ungsverein, der die Kleinhaussiedlung aufzuführen eabsichtigt, sind bereits so weit gediehen, daß der Vertragsentwurf augenblicklich der Prüfung des M a­gistrats unterliegt und die Angelegenheit so beschleunigt 
werden wird, daß bereits der nächsten Stadtverord­
netenversammlung der Vertrag zur Beschlußfassung 
vorgelegt werden kann. Ich hoffe, daß dieses auch in 
tädtebaulicher Beziehung außerordentlich schöne Projekt 
)er S tad t zur Zierde gereichen wird.
Stadtverordneter Wille (S .P . D.): Ich möchte Herrn 
Donath eine kurze Aufklärung geben. Er beschwerte 
lieh über die Zustände in der Volksschule Mariendorfer 
Weg. Die Beobachtungen, die S ie gemacht haben, die 
stimmen wohl, aber sie hängen auch mit dem zu­
sammen, was S ie schon anführten, mit der Ueberfüllung 
der Schule. Ich habe verschiedentlich die Eltern über 
diese Zustände gesprochen, auch über die Bestimmung, 
daß die Kinder vor Beginn des Unterrichts auf dem 
Hofe herumgehen sollen, und alle Eltern, die ich ge­
sprochen habe, haben sich damit einverstanden erklärt. 
M an muß immer die Dinge von zwei Seiten sehen. 
Von draußen sieht das grausam aus, daß man die 
Kinder da herumgehen läßt. Es ist aber in allen 
Schulen so. Aber kommen S ie hinein und schauen Sie 
sich die Sache an; da sind allein drei Klassen direkt 
am Eingang und in den Klassen sitzen je 50—60 Kinder. 
Klingelt es, dann kommen 180 Kinder heraus, direkt 
am Eingang. Und nun stellen Sie sich vor: Werden 
die Kinder vom Hofe schon hereingelassen, dann sind 
das 500—1000 Kinder, und wenn die vorher in den 
Fluren sind, drängen sie sich dort. Es haben sich schon 
die fürchterlichsten Szenen abgespielt. S o  lange wir 
das Herumgehen auf dem Hofe nicht eingeführt haben, 
kam es vor, daß kleine Kinder von den großen glatt 
übertrampelt wurden. Deshalb haben alle Eltern sich 
damit einverstanden erklärt. Bei schlechtem Wetter 
werden wenigstens die kleinen Kinder hereingeholt und 
in der Vorhalle untergebracht; leider ist die zu klein 
für alle. Es müßte erst eine größere Wartehalle ge­
schaffen werden.
Sfadfo. Quäck (Dt. dem. Partei): Ich wollte an 
den M agistrat die Anfrage richten, ob die Verhand­
lungen mit der gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für 
Angestelltenheimstätten hier schon stattgefunden haben 
und in welcher Weise der. Magistrat hierzu Stellung 
nimmt.
Bürgermeister Dr. Mann: Die Verhandlungen, die 
nach der Richtung stattgefunden haben, bezogen sich 
nur auf die Hergabe von Kapital zur Ermöglichung 
der Durchführung des Baues. Diese Verhandlungen 
sind im Gange und noch nicht abgeschlossen, sie stören 
in keiner Weise die Projekte und die Ausführungen, 
die die S tad t auf baldige Beseitigung der Wohnungs­
not vorhat: sie laufen darauf hinaus, daß uns aus 
Mitteln der Reichsoersicherungsanstalt für Angestellte 
unter günstigen Bedingungen Baukapital gegeben wird. 
Augenblicklich ist für die Bauten, die wir jetzt im 
Gange haben, kaum eine besondere Veranlassung vor­
handen, von diesem Angebot Gebrauch zu machen. 
W ir werden das Angebot natürlich prüfen, insbesondere 
daraufhin, ob es günstige Beleihungsbedingungen ent­
hält. Aber wie den Damen und Herren bekannt ist, 
beabsichtigen wir, auf dem neuen Stadtgebiet am 
Dammweg doch auch größere Kleinhaussiedlungen auf­
zuführen. F ü r diesen Fall werden wir zweifellos mit
dem Kapital der Reichsversicherungsanstalt für An­
gestellte unter günstigen Bedingungen rechnen müssen.
Sfadfo. Frau Deutschmann (U. S . P . D.): Meine 
Damen und H erren! Um die Interpellation für die 
Kriegerfrauen richtig zu beurteilen, müssen wir in der 
Zeit etwas zurückgreifen. Als 1914 die Kriegsfurie zu 
rasen begann und Tausende und Abertausende erwerbs­
tätige arbeitsfrohe M änner aus ihrem Beruf heraus­
gezogen wurden und ihren Zivilberuf mit der Waffe 
vertauschten, da erfaßte Jam m er und Herzeleid die 
ganze Welt. Leider wurde aber bei vielen Arbeiter­
familien mit der seelischen Not, in der sie sich befanden, 
auch zugleich die wirtschaftliche Not verknüpft. Denn 
wir dürfen nicht vergessen, daß auch in der guten alten 
Zeit, die uns heute wieder so erstrebenswert erscheint, 
auch der größte Teil der Arbeiterklasse mit einer Not­
lage zu rechnen hatte. Wenn wir uns die Verhältnisse 
vor dem Kriege ansehen, so müssen wir d^zu kommen, 
daß auch damals ein großer Teil der Arbeiterklasse 
von der Hand in den Mund lebte und es nicht mög­
lich war, große Ersparnisse zu machen, die ihre Familien 
über die Zeit des Krieges hinweghelfen konnten. S o  
kam es denn, daß mit demselben Tage, wo der Arbeiter 
hinauszog, um das Eigentum der besitzenden Klasse zu 
schützen und das Vaterland zu verteidigen, das ihm 
niemals Vaterland gewesen ist, daß seine Familie vor 
dem Nichts stand. Die Kriegsunterstützung, die von 
den Behörden gezahlt wurde, w ar von vornherein so 
minimal, daß es nicht möglich war, auch nur eine 
Familie vor dem Hunger zu schützen. Die Frauen und 
M ütter, auf denen die Sorge um die Familie lag, 
waren gezwungen, ihre Einkommensverhältnisse durch 
M itarbeit zu erleichtern. Die Kriegsindustrie, die bald 
danach einsetzte, bot eine gute Gelegenheit dazu. W ir 
sehen aber auch, daß die R  gierung ja wieder direkt 
und indirekt die Interessen des Kapitalismus besorgte, 
denn nur dadurch, daß die Kriegsunterstützung so gering 
war, macht sie es möglich, daß auch die letzte F rau 
und das letzte Kind dem Unternehmertum ausgeliefert 
wurde. Darüber sind Sie sich wohl alle einig, daß
überhaupt erst das Eintreten der F rau  in alle die B e­
rufe, die ihr sonst kein Mensch bisher zugemutet hatte, 
es ermöglichte, daß die wirtschaftlichen Betriebe über­
haupt gehalten werden konnten.
Es wurde allgemein anerkannt, es wurde von
allerhöchster Stelle den Frauen der Dank ausgesprochen 
und durch Anschlag in den Arbeitsstellen bekannt­
gegeben, daß sie Teil hätten an den großen Siegen 
da draußen tagtäglich, von denen, man möchte sagen, 
Deutschland heimgesucht wurde. Die proletarische Frau 
war über dieses Lob erhaben. S ie wußte, daß nicht 
die Liebe zum Vaterland, nicht die Hoffnung auf den 
Sieg der deutschen Waffen, sondern nur Not und 
Hunger sie dazu trieb, ihren Beruf als F rau  und
M utter mit einer unwürdigen Arbeit zu vertauschen.
Durch die endliche Einsicht der Soldaten und zu gleicher 
Zeit durch das Eingreifen unserer trefflichen M arine­
division wurde endlich der ewigen Siegerei ein Ende 
gemacht. Es kam für alle Schwärmer die furchtbare 
Ernüchterung, der elende Katzenjammer und endlich der 
Zusammenbruch am 9. November. S o  wenig, wie der 
9. November und die nachfolgende Zeit die revolutionären 
Proletarier befriedigen konnte, so muß man an rtennen, * 
daß in diesen Tagen ein gewaltiger Umschwung in der 
Handlungsweise und in Der Politik vieler Parteien und 
Personen sich vollzog. Dutzende von Thronen und 
Thrönchen und Dynastien stürzten in diesen Tagen wie 
hohle Kartenhäuser zusammen, die ganze althergebrachte 
Ordnung geriet ins Wanken; in diesen Tagen ging der 
Kadavergehorsam des preußischen M ilitärs zu Ende. 
All die Träger des alten Systems suchten entweder das 
Weite, oder aber, als sie den Tritt der Arbeiterbataillone 
erkannten, gaben sie ihre Positionen kampflos auf und 
stellten sich dem neuen Regiment zur Verfügung. Viele 
entdeckten, daß sie immer Volksanhänger und Verfechter 
des Sozialism us gewesen waren, und was bekamen 
wir in diesen Tagen für Zustrom. Leute, die sich
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