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Periodical volume 21. November 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

solche Vorkommnisse fü r die Zukunft unmöglich zu 
machen.
W ie ist es gekommen? E s w ird doch hossemlich 
keiner im S a a le  sein, der das Ganze als einen A usfluß 
spontaner Volkserregung darstellen will. S o  ganz 
spontan sind doch die beiden Versam m lungen aus 146 
Uhr abends nicht zustande gekommen, und ich weiß 
nicht, ob die Funktionäre der U nabhängigen, die von 
H aus zu H aus gegangen find und ihre M itglieder ein­
geladen haben, in die Bezirkslokale zu kommen, so ganz 
spontan gegangen sind ,Z u ru f: Die w aren so spontan, 
w ie ihre Versam m lung am S o n n ta g ’}, und die 
G ruppen, die ich aus den Bezirkslokalen kommen sah 
und die ich in  die Versam m lungslokale ziehen sah, sind 
doch auch nicht so spontan zustande gekommen. 
(Zwischenrufe der Unabhängigen.) W enn S ie  Witze 
machen wollen, machen S ie  gefälligst etw as teurere. 
(Glocke des Vorstehers, Unruhe.) A us den Versam m ­
lungen sind die Leute vor das R a th au s d irigiert 
worden. H ier vor dem R a th au s  fanden sie verschlossene 
T üren , und nun  mache ich auf eins besonders aufmerk­
sam: E s  w urde hier im S a a le  bekannt, daß die T üren 
geschlossen feien. E s  w urde sofort vom Sta-dtverord- 
netenvorsteher-Stellvertreter, H errn  Künstler, beantragt, 
alle T üren  im R athaufe zu öffnen, w as von I h r e r  
S eite  dahin korrigiert wurde, alle Z u g a n g s t ü r e n  
zu öffnen. Dieser A ntrag  w urde von der M ehrheit 
abgelehnt. D am it hatte die S tadtverordnetenversam m ­
lung beschlossen, daß die Z ugangstü ren  zum Rathause 
verschlossen zu halten seien, dam it hatte die S ta d tv e r­
ordnetenversam m lung beschlossen, daß das R a th au s  
n u r  zu betreten hatten die S tad tverordneten  und Leute 
m it A usw eiskarten. Trotzdem find Hunderte von 
Leuten in  das R a th au s eingedrungen. H err B ü rg er­
meister D r. M a n n  hat die ganz präzise F rage, wie 
diese Leute in s  R a th au s eingedrungen seien, ob ihm 
darüber etw as bekannt fei, nicht ebenso präzise beant­
w ortet. E r  hat gesagt, daß das Polizeipräsidium  d a r­
über E rm ittelungen anstelle. Je d e r  aber, w ir alle, 
haben doch unsere A ugen aufgehabt. W ir haben doch 
gesehen, w er nach Ablehnung dieses A ntrages h inaus­
lief. Ich  habe gesehen, w er die Treppe h inunter lief, 
und w ir alle haben gesehen, wie der H err wieder her­
aufkam, und wie er m it gewichtiger G ebärde in den 
S a a l  w ieder hereinkam und wie dann  die Scharen 
hier eindrangen, an  der Spitze ein M ann , der der 
P ro to ty p  eines . . .  (Z uruf der U nabhängigen: P ro ­
letarier!) W ir haben es früher anders genannt. Und 
a ls  ich vom Sessel aufsprang und dem H errn  V or­
steher-Stellvertreter zurief, daß er die Leute herein­
gebracht habe, da ha t er nicht irgendwie protestiert, 
sondern m it höhnischem Lachen m eine Z urufe quittiert. 
D i e  Tatsache steht fest: W as hier im  S a a l  geschehen 
ist, wissen S ie, daß einzelne tätlich angegriffen worden 
sind, daß einer unserer Kollegen m it dem Spazierstock 
oder Schirm  in den Bauch gestoßen worden ist, so daß 
er tagelang das B ett Hütern mußte, daß einer Dame, 
die ich nicht nennen möchte, Ä ußerungen zu­
gerufen worden find, so gemein, so unflätig, wie 
sie n u r  in der tiefsten Gosse gedeihen können. (Allge­
meine Unruhe. Lachen bei den U nabhängigen. Die 
Glocke des Vorstehers ertön t dauernd.) Von den T ri­
bünen: w urden Stinkbom ben in den S a a l  herunter- 
geworfen. Nebenbei gesagt, die Leute, die sie gekauft 
haben, m ögen sich gesagt sein lassen, daß sie betrogen 
worden sind. (Heiterkeit.) Der Chemiker, der sie 
untersuchte, hat ausgesagt, sie seien ganz schwacher 
Kriegsersatz. W as sich weiter hier abgespielt hat —  
die Rede des H errn Künstler kann ich übergehen; ich 
will n u r  noch feststellen» daß eine der E ingedrungenen, 
eine F ra u , zu einem der unabhängigen S tad tv e ro rd ­
neten gekommen ist und ihm gesagt hat: „Haben w ir
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das nicht gut gemacht?" (Hört, hört!) Die Tatsache 
steht fest. (Widerspruch bei den U nabhängigen, große 
allgemeine E rregung, Glocke des Vorstehers. Der 
R edner ist infolge der allgem einen Unruhe am  S ten o ­
graphentische n u r  schwer zu verstehen. R ufe der Un­
abhängigen: W as N eum ann nicht alles aus der Luft 
greift!) E s ist nu r einem  Zufall zuzuschreiben, daß  bei 
dem W erfen m it S tüh len  unser Kollege G ürtler mit 
einer Hautabschürfung davongekommen ist, ebenso, daß 
unser S tenograph  nicht durch einen S tu h l erschlagen 
w orden ist. Auch S ie  m üßten das bedauern. Ich er­
w arte, daß  S ie  das nachträglich noch sagen. (Z uruf 
der U nabhängigen: W ir tragen keine Schuld!) W enn­
in der „Freiheit" freilich ein Artikel steht m it der 
Überschrift: Eine Hinrichtung m it Hindernissen —  ich 
kenne ja  den Geschmack der Leute nicht, die so etw as 
schreiben, denn hingerichtet werden doch nu r V er­
brecher — : „ . .  ein R uhm estag in der Geschichte N eu­
köllns dürfte dieser T ag  nicht bilden", so möchte ich den 
Satz unterstreichen. D er T ag  ist ein Schandfleck für 
Neukölln.
W ir haben zu überlegen, w as  jetzt zu geschehen 
hat. Ich  kann erklären, daß, w enn  u n s nicht a u s ­
reichende E rklärungen vom H errn Vorsteher-Stellver­
treter gegeben werden, daß e r  unschuldig ist an  der 
Öffnung des R athauses, daß  dann unsere S te llung  zu 
dem A ntrage der Dem okraten gegeben ist.
Aber w eiter: W ir wissen, die intellektuellen U r­
heber sitzen (zu den U nabhängigen gewandt) in  I h re n  
Reihen. Ich  nehme an, daß nicht alle von I h n e n  von 
dieser Sache gew ußt haben. S ie  können die E inge­
drungenen von I h re n  Rockschößen nicht abschütteln, 
S ie  können schütteln, soviel S ie  wollen, es gelingt 
Ih n e n  nicht.
F ü r  uns kommt nun die F ra g e : W as hat zu ge­
schehen, dam it sich solche Vorkommnisse nicht wieder 
ereignen können? Und da sind w ir der M einung, daß 
dem Stadtverordnetenvorsteher und dem B ürgerm eister 
die genügenden M ittel in die H and gegeben werden 
müssen, daß diese beiden in V ereinbarung m iteinander 
dafür sorgen, daß  unsere B era tungen  ungestört vor 
sich gehen können, daß  die S tad tverordneten , unbeein­
flußt von irgendwelchen krakelenden und skandalieren- 
den M engen ihre B eratungen  vollziehen und ihre B e­
schlüsse fassen können. (Z uruf der U nabhängigen: S ie  
haben wohl Angst, daß  der neue Bürgerm eister das 
nicht machen könnte?) D as hat dam it gar nichts zu 
tun. W ir verlangen, daß der Bürgerm eister in V er­
einbarung m it dem S tadtverordnetenvorsteher V or­
sorge trifft, daß die B era tung  der S tad tverordneten­
versam m lung ungestört vor sich geht. W ir sind der 
M einung, daß w ir u n s  solche Unterbrechungen, solche 
unflätigen Beschimpfungen, wie sie schon vordem häufig 
von der T ribüne erschallt sind, auf die D auer nicht ge­
fallen lassen dürfen. (Zwischenrufe.) E s  sind un­
flätige Beschimpfungen gewesen. Ich kann es verstehen, 
w enn eine Masse erregt ist, daß da un ter Umständen 
einem m al das Herz auf die Z unge tritt, irgend eine 
M einungsäußerung  a u s  der Masse nim m t m an  hin, 
aber geradezu systematisch sind bestimmte S tad tv e r­
ordnete herausgesucht worden und in  der unflätigsten 
Weise beleidigt worden. W ir sind der M einung, daß 
es die E hre der Versam m lung gebietet und die Ehre 
jedes einzelnen M itgliedes dieser V ersam m lung, daß 
Vorsorge getroffen w ird, daß solche D inge nicht vor­
kommen können. Ich  bin der M einung, daß, wenn 
der S tadtverordnetenvorsteher-Stellvertreter, der neben 
dem Vorsteher die Pflicht hat, fü r  O rdnung zu sorgen, 
das Gegenteil getan hat, es eine Beleidigung dieser 
V ersam m lung w äre, w enn sie sich einen solchen S te ll­
vertreter weiter gefallen lassen würde.
        
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