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Periodical volume 28. März 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Wohnungsnot herrschen wird. Ich habe schon ver­
schiedentlich auf die Tätigkeit des Wohnungsverbandes 
hingewiesen, und hier muß ich sagen, daß im allgemeinen 
für Groß-Berlin der Wohnungsverband allerdings eine 
sehr umfassende Tätigkeit entwickelt hat. Es sind gleich­
zeitig 5—6000 neue Wohnungen, für die der Wohnungs­
verband für Groß-Berlin Mittel bewilligt hat, die in 
nächster Zeit fertiggestellt werden. Und die Tätigkeit des 
Wohnungsverbandes geht noch weiter. Von vielen Ge­
meinden laufen andauernd Anträge auf Ueberteuerungs- 
zufchüffe ein, und überall sollen neue Wohnungen und 
Kleinsiedelungen entstehen, so daß zu hoffen ist, daß 
durch diese Tätigkeit des Wohnungsverbandes für die 
weitere Zukunft Sorge getragen ist
Sfabfv. Volk (Bürger!. Verein.): Meine Herren! 
Ich habe schon früher immer darauf hingewiesen, es 
möchte doch, wenn auf so außerordentliche Mietsteige- 
rungen hingewiesen wird, die betreffende Adresse mit­
geteilt werden, sonst wird hier ein Fall verallgemeinert, 
und wir können nicht prüfen, ob sich derselbe wirklich 
so verhält, wie er vorgetragen worden ist. W ir müssen 
doch mindestens ein Interesse daran haben, daß solchen 
Fällen nachgegangen wird, daß für eine Brandmarkung 
des Betreffenden gesorgt wird, und dazu gehört natürlich 
die Angabe der Adr>sse. (Zuruf: Das kann ich mir 
denken!) Hier in diesem Hause ist ja der Hausbesitzer 
als das niedrigste Objekt hingestellt worden, was es 
gibt, als ob er als Hauswirt oder Hausagrarier an 
die Wand gestellt werden müßte. (Zuruf: Bitte!) Ich 
bin solche Aeußerungen als Hausbesitzer in dieser Be­
ziehung schon gewöhnt.
Stabto. Donath (U. S . P . D.): Meine Damen und 
Herren! Die Debatte ist ziemlich ausgiebig. Ich möchte 
mich nur an Herrn S tadtrat Lindner wenden. Er 
sagte hier, daß wir wahrscheinlich in kürzester Zeit, in 
einem Vierteljahr, mit der Wohnungsnot zu Ende sind 
bezw. daß sie dann behoben ist. Ich befürchte aber, 
daß Herr S tadtrat Lindner gar keine Ahnung hat, 
wie groß die Wohnungsnot ist. Jedenfalls werden 
wir in der Lage sein, dem Magistrat morgen eine 
Anzahl von Personen zuzuweisen, die zum 1. April 
noch keine Wohnung haben. Die Zahl geht weit über 
die Hundert hinaus. Ich meine, bevor man alle solche 
Versprechungen abgibt, sollte man erst eine Statistik 
aufmachen, aus der ein Ueberblick gewonnen werden 
kann, wieviel Wohnungslose es eigentlich gibt. Nun 
wird hier gesagt durch Herrn S tadtrat Lindner, daß 
nur 10 M. Miete verlangt werden — wenn ich mich 
nicht irre. — Ich habe aber Schriftstücke zu Gesicht 
bekommen, wo drinsteht, daß zwar vom Magistrat aus 
eine Wohnung nachgewiesen wird, daß aber der Be­
treffende sogleich 30 M. mitzubringen hat (Zuruf: Das 
ist für 1U Jahr!) für entstehende Kosten usw. Ich 
möchte wissen, wie sich das zusammensetzt. Nun sind 
aber auch noch von anderer Seite Klagen über die 
ungesunden Räume vorgebracht worden. Vor einigen 
Tagen kam jemand zu mir, der erklärte, daß ihm zwar 
ein Raum nachgewiesen sei, daß er ihn aber nicht be­
nutzen könne, denn die Familie bestehe aus Mann, 
Frau, vier erwachsenen Töchtern und vier erwachsenen 
Söhnen im Alter von 8—20 Jahren. Daß ein solcher 
M ann in eine einzimmerige Wohnung nicht einziehen 
kann, ist doch selbstverständlich.
Aber noch andere Mißstände bestehen, daß die 
Schulen zu Wohnungszwecken gebraucht und die Kinder 
in andere Schulen geschickt werden. Aus Grund von 
Vorstellungen von Eltern nahm ich Gelegenheit, im 
Winter nach der Schule am Mariendorfer Wege zu 
gehen, um an Ort und Stelle zu prüfen, wie sich 
die Sache verhält. M ir wurde erzählt, daß die Kinder 
im Hofe so lange warten müssen, bis die Schulstunden 
der anderen Kinder beendet find. Stellen Sie sich vor, 
w as das bedeutet, wenn die Kinder bei der jetzigen 
Ernährungsweise und den abgetragenen Kleidungs­
stücken vielleicht 10 Minuten auf dem Hofe bei Schnee 
und Kälte warten müssen, bis der Unterricht zu Ende 
ist. Das ist eine Gegend, wo hinten alles frei ist, wo
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der Wind von jeder Seite her eintreten kann. I , 
meine, das find Dinge, die absolut beseitigt werde 
müssen. Das kommt aber nur daher, daß imme 
wieder die Schulen mit allerhand Dingen beleg! 
werden. Aber ganz eigentümlich berührt es, daß be 
allen diesen Dingen einzig und allein die Gemeinde 
schulen benutzt werden. W ir haben noch niemal; 
gehört, daß die Realschule oder eine andere Schule fü 
diesen Zweck benutzt wurde. Das ist eine Sache, die 
wir uns nicht mehr gefallen lassen können.
Stabto. Quäck (Dt. dem. P .): Alles, w as in der 
schwerwiegenden Wohnungsfrage gesagt wurde, hat 
unser Fraktionskollege Exner in der letzten Sitzung 
bereits erörtert, und ich kann nur betonen, daß wir bei 
allen Fragen, die eine Verbesserung der Wohnungsnot 
bedeuten, den notwendigen Forderungen Rechnung 
tragen werden. W ir haben gehört von Herrn Germel- 
mann, daß er bereits in einer Zeit, als von feiten des 
M agistrats noch wenig geschehen war, einen Weg ge­
wiesen hat, wie der Wohnungsnot abgeholfen werden] 
könne. Ich kann ein neues Moment insofern in die 
Debatte bringen, als mir bekannt ist. daß eine große 
gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestelltenheime 
besteht. Diese Gesellschaft bekommt Kapital von der 
Angestelltenversicherung zu günstigen Bedingungen 
unter der Voraussetzung, daß in den betreffenden 
Gemeinden Flachsiedelungshäuser aufgeführt werden. 
S o  viel mir bekannt, hat der M agistrat sich diesen 
Bestrebungen gegenüber ablehnend verhalten, und es 
besteht die Gefahr, daß eine große Zahl von Ange- 
ftelltenfamilien Neuköllns nach außerhalb ziehen werden. 
Während andere Magistrate bereit find, für diese Flach­
hausfiedelungen Sorge zu tragen, ist mir berichtet 
worden, daß das Hochbauamt den B au solcher Flach­
hausfiedelungen abgelehnt hätte. Es wäre sehr er­
wünscht, wenn der Magistrat vielleicht noch in letzter 
Stunde mit dieser Gesellschaft ein Uebereinkommen 
treffen würde; denn das ist uns klar geworden: die 
W ohnungsnot ist durch die M aßnahmen, die der 
M agistrat vorgeschlagen hat, nicht behoben, sie wird im 
Gegenteil schlimmer werden.
Dann möchte ich doch bitten, daß die demokratische 
Partei mit den Ausführungen von Herrn Lachmund 
nicht identisch erklärt wird, denn die H ausagrarier fitzen 
nicht bei uns, sondern bei meinen Freunden rechter 
Hand. und Sie können überzeugt fein, daß von uns zu 
der Wohnungsnotfrage in einer Weife Stellung ge­
nommen wird, die vom sozialen Standpunkt aus all­
gemein zu billigen ist.
Stabtraf Lindner: Um keinen Irrtu m  bezüglich 
der Mietszahlungen aufkommen zu lassen: Ich habe 
schon gesagt, Herr Donath möchte den Fall vorlegen. 
M an muß verschiedene Fälle unterscheiden, die Miete 
für Wohnungen in den städtischen Häusern und dann 
die Miete für die Schulräume. M an muh auch unter­
scheiden, ob die Heizung und Beleuchtung ganz allge­
meiner Natur ist, so daß Einzelgasmesser nicht auf­
gestellt werden können, oder ob Heizung und Beleuchtung 
abgeteilt ist. Der Mietpreis für die Benutzung der 
Räume, wo die Heizung und Beleuchtung allgemein 
geregelt ist, soll 10 M. betragen, und hinzukommen 
würden noch 15 M . Umlage für Heizung und Be­
leuchtung. Aber, wie gesagt, das find alles Fragen, 
die ich in der Kommission noch vorbringen wollte.
Sfablv. Exner (Dt. dem. Partei): Ich habe noch 
eine Anfrage an den M agistrat: Z ur Behebung der 
Wohnungsnot hat ein gemeinnütziger Verein von Neu­
kölln, der Beamten-Wohnungsverein, einen P lan  an 
den M agistrat eingereicht. E r gedenkt auf dem Ge­
lände in der Nähe des Bahnhofes Köllnifche Heide 
Flachhausbauten zu errichten, und zwar in modernster 
Art, so daß Luft, Licht und Sonne den Mietern in 
ausreichendem M aße zur Verfügung stehen. Dieser 
Bauvorfchlag ist nur dann auszuführen, wenn der 
Magistrat das Gelände zu einem Preise veräußert, 
daß solche Bauten aufgeführt werden können. Ich 
richte mit Rücksicht auf die außerordentliche Bedeutung
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