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Periodical volume 22. Oktober 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

zu versuchen, das Unternehmen, das von der S ta d t ein­
gerichtet ist. so schnell wie möglich wieder von der B ild ­
fläche verschwinden zu lassen. M eine Dam en und 
Herren, das w äre  das Verkehrteste, w as w ir in der 
augenblicklichen Zeit tun könnten. Die Versorgung der 
hiesigen Bevölkerung mit Kleidern und Schuhen ist 
ebenso notwendig, wie die Versorgung der Bevölkerung 
m it einem angenehmen Heim, weil auf dem Gebiete der 
Versorgung der Bevölkerung m it Kleidung w ährend des 
Krieges der allergrößte Wucher getrieben worden ist. 
Die einzelnen Gemeinden blicken geradezu mit S tolz 
* auf die Gemeinde Neukölln, daß  w ir den Versuch un ter­
nommen und auch in Bezug auf die Versorgung mit 
Bekleidung an der hiesigen Bevölkerung den Anfang 
gemacht haben. Ich  kann Ih n e n  heute erklären, daß 
meine Frcktionsknllegen, solange wie uns die Möglich­
keit dazu gegeben ist, danach streben, dieses Unternehm en 
im Interesse der Gesamtbevölkerung noch weiter a u s­
zubauen, und weil w ir dieser Auffassung sind, daß die 
Notwendigkeit dazu vorhanden ist, deshalb möchten 
w ir S ic dringend ersuchen, dieser Vorlage I h re  Z u ­
stimmung zu geben. W enn erst die Zeiten andere sind 
und u n s andere R äum e als in der Bergstraße zur 
V erfügung stehen, um das Geschäft nach dem Geschmack 
der Bevölkerung weiter auszubauen, dann werden w ir 
ohne w eiteres unsere Hand dazu bieten. A ber in der 
augenblicklichen Zeit ist gar nichts anderes zu tun, als 
diesem Notbehelf unsere Zustim m ung zu geben. Ich  
w ill weiter darauf hinweisen, daß in diesen Baracken 
die E inheitsm öbel ausgestellt werden sollen, die in -e r  j 
von der S ta d t eingerichteten Tischlerei hergestellt werden j 
sollen, um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben-, j  
die hergestellten M öbel in  Augenschein zu nehmen, die - 
dazu ausgebaut werden soll, auch ihren B edarf an den 
notwendigsten M öbeln für die spätere Zeit kaufen zu 
können. S ie  werden sicherlich nicht die Notwendigkeit 
der Herstellung der M öbel in städtischer Regie bestreiten 
können. G enau so, wie auf dem Gebiete des Beklei- 
dun 'sw escn s ein unheimlicher Wucher getrieben worden 
ist, so ist derselbe Wucher in  der letzten Z eit in der 
schamlosesten Weise aus dem M arkte des M öbelwesens 
getrieben w orden. (S eh r richtig!) Um diesem entgegen­
zutreten, müssen w ir un ter allen Umständen alles a n ­
wenden, um  diesem schamlosen Wucher, soweit es j  
möglich ist, zu steuern; und wenn w ir m it unseren ; 
Kleidern und M öbeln aus städtischer Regie n u r einen 
kleinen Teil dazu beitragen, um  preisregulierend zu j  
wirken, d an n  w erden w ir  der Bevölkerung den besten 
Dienst erweisen. E s unterliegt gar keinem Zweifel, 
daß die beiden sozialistischen Fraktionen, getreu ihrem 
Grundsatz, danach streben werden, alles mögliche in  
städtische Regie zu übernehmen und  deshalb dieser V or­
lage die Zustim m ung geben.
S tad tvero rdneter B ornem ann (Dt.-dem. P a rte i): 
M eine Dam en und Herren! Auch w ir sind durchaus 
davon überzeugt, daß unserer Bevölkerung, besonders , 
unserer ärm eren Bevölkerung, Bekleidungsstücke zu an- j 
gemessenen Preisen zur V erfügung gestellt werden 
müssen, und w ir haben u n s  eben dieser Notwendigkeit 
wegen auch dam it abgefunden, daß hier städtischerseits 
ein Verkauf eingerichtet w ird. V erlangen müssen w ir 
natürlich, daß  Voraussetzung dafür ist, daß dieser V er­
kauf nach kaufmännischen Grundsätzen geschieht, und 
daß selbstverständlich die S ta d t keine Gelder dabei zu­
setzt. W enn das möglich ist, daß dann -die S ta d t stets 
billiger an die Bevölkerung verkaufen kann a ls  der 
Handel, so höben w ir im  gegenw ärtigen Augenblick — 
das können w ir ruhig  und offen erklären —  kein I n ­
teresse daran , diesen Verkauf an sich einzustellen. Aber 
es ist doch etw as anderes, w as w ir jetzr bezwecken. E s 
ist nicht ganz richtig, w enn von dem H errn V orredner 
hier im m er gesagt worden ist, daß w ir lediglich die
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Vorlage zu F a ll bringen wollten zugunsten der Klein­
gewerbetreibenden. E s handelt sich lediglich darum , 
daß w ir der S ta d t  -den G roßhandel sichern wollen und 
daß w ir sie ersuchen müssen, im Interesse der konsu­
mierenden Bevölkerung die Sachen mehr zu verteilen. 
W enn gesagt worden ist, daß es nur Kleinigkeiten seien, 
so sage ich dem gegenüber gleicherweise, daß die B e­
stände in  der städtischen Dckleidungsstelle wesentlich 
gewachsen sind und daß sich die Sache zu einem 
M illionenunternehm cn auswächst. W enn w ir jetzt eine 
Viertelmillion-Nachsorderung bewilligen und wenn w ir 
sie sparen können und  noch manches dazu sparen 
können dadurch, daß w ir nicht mehr den Kleinverkauf 
haben, dann weiß ich nicht, ob die Ersparnisse, die w ir 
auf dieser S eite  machen, nicht das w ett machen, w as 
w ir den Kleingewerbetreibenden zahlen müssen. Der 
Verdienst des Kleingewerbes könnte möglichst niedrig 
gehalten werden. D arüber müßte zunächst einm al mit
dem Kleingewerbe verhandelt werden, aber w ir
glauben, gerade im Interesse des konsumierenden Teiles 
der Bevölkerung läge es, wenn er nicht stundenlang 
auf A bfertigung w arten  müßte. W enn -gesagt worden 
ist, daß m an keine Kontrolle hätte, daß Schiebungen 
vorkommen, —  dann  können S ie  sicher sein, daß heute 
schon Schiebungen vorkommen. (S eh r richtig!) E s
kommt heute vor, daß Leute sich W are kaufen, und in 
den nächsten -besten Loden gehen -und sie dort ver­
kaufen. D erartige F älle  sind mehrfach festgestellt
worden, daß z. B. S trü m p fe  gekauft und aus der 
S tra ß e  mit erheblichem Nutzen- weiter verkauft worden 
sind. G anz können S ie  auch hier nicht der G efahr be­
gegnen, die S ic  dort befürchten. Aber es ließen sich 
tatsächlich Kautelen dagegen schaffen, daß dieser M iß ­
brauch in möglichst engen Grenzen bliebe.
W ir sind nicht der M einung, daß dieses H aus in 
der Bergstraße wesentlich zur M ilderung der W oh­
nungsnot beitragen würde, wenn m an es gänzlich ab­
baute. B is das möglich fein w ird, w ird die allgemeine 
W ohnungsnot nicht m ehr so groß sein, und w ir halten 
die R äum e nicht sehr geeignet für W ohnungen. M it 
Bezug auf unsere Verkaufsstelle kann ich nu r sagen: 
Allen derartigen städtischen Einrichtungen stehe ich sehr, 
sehr mißtrauisch gegenüber nach dem, w as w ir bis jetzt 
erfahren haben. Von- einem großen Teil der städtischen 
Betriebe, soweit sie Kriegseinrichtungen sind, haben w ir 
bisher noch nicht gehört und erlebt, daß sie uns wefent-' 
liehe Vorteile gebracht hätten. I m  Gegenteil, w ir haben 
doch bei manchen Sachen erkennen müssen, daß die 
S ta d t wesentliche Unkosten gehabt hat. Ich  höre auch 
davon, daß  die S ta d t  M öbel in eigener Regie her­
stellen will. Schön, ich habe nichts dagegen, wenn der 
Nachweis geführt werden kann, daß die S ta d t sie sehr 
viel billiger herstellen kann. Aber zunächst bezweifle ich 
das einmal, und ich möchte erst die Unterlagen und den 
genauen Nachweis dafü r haben. W enn der Nachweis 
nicht geführt werden kann, halte ich es nicht für richtig, 
daß man, das Kleingewerbe vernichtet und derartige 
Dinge in  eigene Regie übernim m t, wovon letzten Endes 
die Bevölkerung keinen Vorteil hat. A us diesen G rü n ­
den können w ir uns m it der Vorlage nicht befreunden, 
und w ir werden sie ablehnen.
S tad tverordneter Jtcurnann ( S .P .D . ) :  G anz ein­
heitlich w aren ja die A usführungen des H errn  B o rn e­
m ann nicht. Auf der einen Seite ist er sehr dafür, daß 
der Bevölkerung zu billigen Preisen Bekleidungsstücke, 
Schuhe und M öbel zur Verfügung gestellt werden, aus 
der anderen S eite  möchte er, daß der K leinhändler 
irgendwie daran  partipiziert. D as ist unmöglich. Der 
K leinhändler kann mit geringem Verdienst g ar nicht 
auskommen, er ist genötigt, -auf das einzelne Stück 
ganz exorbitant hohe Aufschläge zu machen. Ich kann 
mitteilen, daß ein Neuköllner Konfektionär, der ein
        
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