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Periodical volume 22. Oktober 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

gestellt worden, daß in der städtischen Schuhverkaufs­
stelle Schuhwerk gekauft wurde, eine Viertelstunde 
später m it um 20 M . höherem Preise in der Nachbar­
schaft im  Laden gestanden hat. Diese Gewerbetreiben­
den und F irm en  sollen w ir heranziehen? Ich  weiß 
nicht, welche Kontrollm aßregeln w ir da einführen 
könnten, um jedem M ißbrauch vorzubeugen. D as ist 
ganz unmöglich. Schon a u s  diesem G runde müssen w ir 
die A nregung des V orredners ablehnen. W ir sind stolz 
darauf, daß  w ir in Neukölln der Bevölkerung zu an ­
gemessenen, billigen Preisen Kleidungsstücke und 
Schuhwerk zur V erfügung stellen. W ir sind stolz dar­
auf, auch den anderen Gemeinden gegenüber, die zum 
Teil ihre Aufgaben so vollkommen vernachlässigt haben 
und jetzt Studienkommifsionen zu u n s  senden, die, nach­
dem sie die noch m angelhaften Einrichtungen bei uns 
angesehen haben, m it dem Entschluß fortgehen, in ihren 
Gemeinden etw as zu machen. So llen  w ir den Studien- 
lommissionen schreiben: M acht's nicht, w ir hören da­
mit auf, weil w ir au f die Kleingewerbetreibenden 
Rücksicht nehm en!?
N un  konstatierte der H err V orredner die Über­
füllung der Läger. E s  ist klar, die R äum e sind zu klein. 
Kein Mensch hat bei der Anlage daran  gedacht, daß es 
sich so ausm achten würde. E s w ar eine N otstandsm aß­
nahme. W ir haben vor zwei Ja h re n  M ieter a u s ­
gemietet, so leid es uns tat, weil kein anderer Weg 
übrig blieb, weil w ir nicht dezentralisieren konnten. 
D as Überfülltsein der Bekleidungsstelle liegt aber nicht 
allein an den nicht ausreichenden R äum en, es liegt zu 
einem guten Teil d a ran , daß leider in der Bekleidungs­
stelle das Verkaufsperfonal vom städtischen B ü ro ­
personal gestellt ist, das sich weigert, länger als bis 
4 Uhr zu arbeiten, auch S onnabends. D as heißt, daß 
es den A rbeitern, wenigstens den männlichen, und auch 
den F ra u en , außerordentlich erschwert, wenn nicht un­
möglich gemacht ist, in der ihnen freigegebenen Zeit 
sich dort Bekleidungsstücke zu kaufen. W ir sind daran  
— der A ntrag  liegt dem M agistrat vor — , daß w ir, 
genau wie alle anderen Verkaufsstellen, bis 6 Uhr ge­
öffnet haben können, dadurch, daß  w ir uns vom Hilfs­
personal freimachen und Fachverkäufer einstellen. W ir 
haben hin  und  her beraten. Die Baracken sind auch 
uns nicht angenehm gewesen, die Bedenken dagegen 
sind uns alle bekannt. Die Feuergefährlichkeit haben 
w ir dadurch ausgeschaltet, daß w ir eine Z en tra l­
heizungsanlage vorgesehen haben. Denn die Baracken 
sollen in Fachwerk gebaut werden, aber heizbar sein. 
S ie  sollen nur A ufbew ahrungsräum e fein. Gewiß ist 
ein massiver B au  sicherer, aber deren Herstellung un ter­
liegt jetzt großen Schwierigkeiten. F ü r  eine genügende 
Bewachung w ird  gesorgt werden. Diese Baracken sind 
ein Notbehelf, aber ein anderer W eg blieb nicht übrig, 
wenn w ir nicht weit aus der S ta d t herausgehen 
wollen, un d  das würde auch der H err V orredner nicht 
wünschen. Zeit ist auch heute Geld, ugb heute, wo 
gerade die F rau en  einen großen Teil ihrer Zeit in den 
Läden m it Zusam menholen der W aren zubringen 
müssen, darf m an sie nicht noch mehr belasten. Ich  bitte 
S ie , der Vorlage Ohre Zustim m ung zu geben. I m  
Augenblick ist e tw as anderes nicht möglich.
S tad tverordneter R abffe (U. S . P .) :  M eine D a­
men un d  Herren! Die Verhältnisse entsprechen durch­
aus nicht unseren Wünschen. Leider sind w ir nicht in 
der Lage, zurzeit bessere herzustellen, und deshalb 
müssen w ir un s m it N otbauten behelfen. Die F rage 
w ird ja  von Ih n e n  auch ganz anders aufgezogen, als 
sie ist. (S eh r richtig!) S o lange Angebot und Nach­
frage ein derartiges B ild  zeigen wie alle Lebensmittel 
und Verbrauchsgegenstänüe, w äre es eine Nachlässig­
keit der Gemeinden, wenn sie auch nu r einen Deut von 
dieser sogenannten Zw angswirtschaft preisgäben.
(S ehr richtig!) D as entspricht nun  aber durchaus nicht 
dem, w as w ir wünschen. W ir wollen vor allen Dingen, 
daß in der heutigen Zeit das Wenige, w as noch erfaßt 
werden kann —  denn das meiste ist zum Teufel ge­
gangen — , in erster Linie der schlecht gestellten B e­
völkerung zugute kommt. Und nun überlegen S ie  ein­
m al eins: Von dem Wenigen!, w a s  vorhanden ist, kann 
eine Verteilung innerhalb Neuköllns an die einzelnen 
Geschäfte nicht erfolgen, und hier in diesem F alle hat 
der Wunsch, den kleinen Geschäften einen Verdienst zu 
sichern, keine Berechtigung, weil die Preise an und für 
sich schon durch den Erstehungsw ert so hoch sind, daß 
sie kaum noch getragen werden können von der B e­
völkerung. Alle diese G ründe sollten u n s dazu ver­
anlassen, von solchen Experimenten Abstand zu nehmen. 
A ber mit Recht ist hier ausgeführt worden, daß eine 
Kontrolle nicht stattfinden kann. W ir sind doch nicht 
sicher, daß die Anzüge dann  nicht mit 20, 30 und 40% 
mehr verkauft werden. Und w enn H err Kollege B orne­
m ann sagt, m an könnte die zu einem Nachweis ver­
pflichten —  nun, die schreiben alles mögliche auf. Die 
Dinge liegen so: E s  ist nicht soviel vorhanden, daß w ir 
es verteilen können, und zweitens wollen w ir es nicht, 
weil die N otlage so groß ist, und dann müssen w ir als 
Gemeinde es als unsere Pflicht betrachten, dafü r zu 
sorgen, daß w ir nicht ganz nackt und barfüßig gehen.
Diese G ründe müssen uns veranlassen, der Vorlage 
zuzustimmen. S ie  bedeutet einen A usbau und eine E r ­
gänzung des bestehenden L agers; und das, w as Kollege 
N eum ann ausführte, daß es notwendig fei, daß w ir 
das Ganze auf kaufmännischen Boden stellen, um eine 
bessere Bedienung zu gewährleisten, das sind alles Z u­
stände, die w ir bessern sollen und müssen, die ändern an  
dem System  aber nichts. Ich möchte S ie  dringend 
bitten, nicht in Len Kreisen der H ändler und Kaufleute 
zu verbreiten, daß die S ta d t  ihnen hier einen Verdienst 
entziehe, sondern daß w ir hier unsere Aufgabe als 
soziale In stitu tio n  erfassen, die verpflichtet ist, soweit, 
wie n u r die Möglichkeit dazu besteht, fü r  die Bevölke­
rung zu sorgen. D as ist vorläufig nicht anders möglich, 
als daß m an dick Hand drauf hält und möglichst alles 
der Schieberei usw. entzieht.
S tad tverordneter Voigt (B ürgt. V .): M eine
Herren! N am ens meiner F raktion  kann ich Ih n en  
erklären, daß w ir fü r  den A usbau  sind und deshalb 
für die Vorlage stimmen werden. W ir können den A n­
trag  unserer Nachbarn nu r unterstützen!.
Interessant w aren  m ir ja die A usführungen des 
H errn N eum ann über den achtstündigen A rbeitstag. 
D as find die Konsequenzen, die daraus entstehen. 
(Heiterkeit und Widerspruch.) W ir werden uns noch 
weiter darüber unterhalten. (Heiterkeit.^
S tad tverordneter Heitm ann (S . P . D.): M eine
Damen und  H erren! Ich  habe erw artet, daß von allen 
S eiten  der V ertreter der bürgerlichen P a r te i gegen 
diese Vorlage S tu rm  gelaufen würde. E s ist voll ein­
getroffen. Und zw ar hatte ich die V erm utung daraus 
geschöpft, daß in der vorletzten S tad tverordneten­
versam m lung von seiten des H errn  Volk darauf hin­
gewiesen wurde, daß es zweckmäßig erscheine, das H aus 
Bergstraße 29 zu räum en und diese R äum e zu W ohn­
zwecken zu benutzen. Da hatte er das gute Herz, zu 
erklären, daß die W ohnräum e für die hiesige Bevölke­
rung knapp w ären  und m ir dahin streben müßten, 
auf diesem Gebiete alles zu tun , um der W ohnungsnot 
zu steuern. W ir haben in der letzten Satzung nach diesen 
Ausführungen geschwiegen, haben aber schon dam als 
auf dem S tandpunk t gestanden, daß hinter diesen A u s­
führungen e tw as anderes stecken würde, und es ist durch 
die A usführungen der beiden R edner klar erwiesen, daß 
diese V orlage abgelehnt werden soll von jenen Herren, 
um die Interessen der Kleinhändler zu vertreten, um
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