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Periodical volume 26. September 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

sch östlich am schlechsten gestellt sind. Das muh eine 
der Hauptaufgaben fein.
Nun wird behauptet, daß 361 Kriegsbeschädigte 
und 109 Kriegerwitwen schon zur Anstellung gelangt 
seien. Da muß man aber den Zeitraum berücksichtigen, 
in dem diese Anstellungen vollzogen worden sind. Das 
sind jetzt schon über vier Jahre, und da m uß man 
weiter den Personalbestand berücksichtigen, und da 
glaube ich, daß bei diesem Personalbestand diese Zahl 
nicht als diejenige angesehen werden kann, die dem 
entspricht, w as der Herr Vorredner will und was wir 
alle wollen, Laß die Kriegsbeschädigten und die Hinter­
bliebenen in erster Linie untergebracht werden. Das 
Verhältnis ist nicht nur nicht ein gesundes, sondern es 
ist so, daß beinahe stündlich Beschwerden der Ein­
wohnerschaft kommen über die ungerechte Einstellung 
oder vielmehr Beschäftigung von Leuten, deren w irt­
schaftliche Lage so ist, daß sie ohne diesen Arbeits­
verdienst sehr gut auskommen könnten; und in der 
heutigen Zeit handelt es sich in erster Linie darum, 
daß jeder nur soviel hat, um seine Existenz zu fristen. 
Um weiter nichts, es kann kein Kriegsbeschädigter von 
der Rente, die er bekommt, leben. Dann aber bietet 
die A rt der Beschäftigung, die wir bieten, auch noch 
Gelegenheit für viele Kriegsbeschädigte, sich zu betäti­
gen, weil sie in den meisten Fällen eine leichte ist, und 
es ist sehr viel Arbeit vorhanden, die jetzt durch andere 
Personen verrichtet wird, die aber sehr gut durch 
Kriegsbeschädigte erledigt werden könnte. W ir haben 
seinerzeit veranlaßt, daß die Fragebogen herumgingen, 
und wir hatten angenommen, daß der M agistrat über 
das Ergebnis einen Bericht erstatten würde und uns 
gesagt hätte, falls sich der Angestelltenausschuß in der 
Sache etwas widerspenstig zeigt.. Es ist Sache aller 
Stadtverordneten, in der breiten Öffentlichkeit mal mit 
dem Angestelltenausschuß darüber zu reden, damit er 
seine Grundsätze eventuell ändert bei der Entlassung 
usw. Nach Behauptungen aus der Einwohnerschaft 
werden noch dreifache Hausbesitzer hier beschäftigt und 
Leute, die sehr gut gehende Geschäfte haben usw. Dann 
müssen diese betreffenden Personen in ihren Angaben 
auf dem Fragebogen sehr fahrlässig gewesen fein, wenn 
ein derartiges Resultat sich herausgestellt hat, und es 
ist notwendig, eine Kontrolle vorzunehmen. Ich möchte 
bitten, daß der betreffende Ausschuß oder die Depu­
tation sich mal die Fragebogen vornimmt und in  Ge­
meinschaft mit dem Angestelltenausschuß die gegen­
wärtige wirtschaftliche Notlage berät und insbesondere 
darauf bringt, daß die Kriegsbeschädigten, die heute 
keine Möglichkeit haben, Arbeit zu bekommen — sie 
sitzen auf den Arbeitsnachweisen und bieten sich an wie 
fairer Bier — , in Stellungen kommen. W ir müssen 
uns in die Lage eines solchen Menschen versetzen, ihm 
fehlt ein Fuß, er hat schon die seelischen und körper­
lichen Leiden, und nun noch dazu die materielle Not, 
da ist es kein Wunder, wenn das Familienglück glatt 
dahinschwindet. Aus diesem Grunde müssen- wir als 
eine Kommune, die sicherlich nicht in anderen Dingen 
zurücksteht, und die wohl den größten Prozentsatz der 
Kriegsbeschädigten ausweist, überall da. wo die M ög­
lichkeit sich bietet, diese Leute einstellen.
Ich möchte also bitten, daß rücksichtslos alle die­
jenigen, die zu Unrecht beschäftigt werden, ohne weiteres 
entlassen werden. W ir können das tun, denn wir 
finden geeignete Kriegsbeschädigte in  genügender An­
zahl, weil die verschiedensten Berufe darunter vertreten 
sind, und weil bei ihrer Behandlung in den Lazaretten 
auf die Ausbildung in  einer solchen Tätigkeit, wie wir 
sie ihnen bieten können, W ert gelegt worden ist.
Stadtverordneter Bornemann (Dt.-dem. P a rte i) : 
Zweifellos hat das deutsche Volk eine Ehrenpflicht den 
Kriegsbeschädigten gegenüber zu erfüllen, und diese
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Ehrenpflicht kann natürlich nicht nur darin bestehen, 
den Kriegsbeschädigten in Form  einer Rente ein 
Almosen zu geben, sondern unsere Ausgabe muß sein, 
dafür zu sorgen, daß jeder Kriegsbeschädigte wieder 
das Bewußtsein erhält, daß er sich durch seiner eigenen 
Hände Tätigkeit wieder ernähren kann, und daß er 
auch als vollwertiges Glied der Gesellschaft gilt. Es 
wird den Schwerbeschädigten zweifellos sehr schwer ge­
macht. Ich verkenne durchaus nicht die Schwierig­
keiten, in denen sich die städtische Verwaltung befindet, 
aber es w äre wohl möglich, noch etwas strenger zu 
sieben und zu sichten. Ich möchte anregen, einen Appell 
an die Angestelltenverbände zu richten, in  dem sie ge­
beten werden, ihrerseits bei den Kündigungen, wenn es 
gilt, Platz für die Kriegsbeschädigten zu machen, dar­
aus Rücksicht zu nehmen. Ich möchte noch weiter gehen 
und einen öffentlichen Appell richten an unsere staat­
lichen Behörden. Ich meine, daß auch bei unseren 
staatlichen Behörden sehr viel Kriegsbeschädigte unter­
gebracht werden können, und daß diese Behörden sehr 
streng alle die Personen sichten sollten, die vorüber­
gehend während der Kriegszeit eingestellt worden sind. 
Es ist ja verständlich, daß die Leiter der einzelnen 
Abteilungen, die jetzt eingearbeitetes Personal haben, 
ungern dieses Personal missen wollen, weil die Kriegs­
beschädigten! erst wieder angelernt werden müssen. Das 
ist menschlich begreiflich, aber gegenüber der hohen 
Pflicht, die wir den Kriegsbeschädigten gegenüber zu 
erfüllen haben, muß hier etwas rücksichtslos durch­
gegriffen werden. W ir müssen dafür Sorge tragen, 
und ich hoffe, daß auch sämtliche Anstalten, nicht nur 
unsere städtischen, diese Notwendigkeit anerkennen 
werden. Angesichts der trostlosen Lage, in  der sich 
unser Volk befindet, ist es doppelte Pflicht, für die 
Aermsten der Armen zu sorgen, und dazu gehören die 
Schwerkriegsbeschädigten und die Hinterbliebenen.
Vorsteher: Weitere Wortmeldungen liegen nicht 
vor. Dann nehme ich an, daß der von der unabhän­
gigen Fraktion gestellte Antrag, die ganze Angelegen­
heit dem Ausschuß für Angestellte und Beamte behufs 
Nachprüfung zu überweisen, angenommen ist. Im  
übrigen nehme ich an, wird der M agistrat die Grund­
sätze, die von den Herren Rednern aufgestellt worden 
sind, zur Durchführung bringen, wie ja Herr B ürger­
meister Dr. M ann erklärt hat. Die Nachprüfung der 
Fragebogen selbst wird der betreffenden Deputation 
überwiesen. Ich höre keinen Widerspruch, es ist so be­
schlossen.
W ir kommen zum nächsten Punkt der Tagesord­
nung: A ntrag der Stadtverordneten Radtke und Ge­
nossen, betreffend Erledigung der vom Internationalen 
Bund der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen, 
Ortsgruppe Neukölln, gestellten Anträge.
Stadtverordneter Künstler (U .S . P .): Meine D a­
men und Herren! Unzählige Reden sind im Lause der 
Zeit gehalten worden, welche sich mit der traurigen 
Lage unserer Kriegsbeschädigten; Hinterbliebenen und 
Krüppel befaßten. Diejenige Gesellschaft, die damals 
die Kriegsteilnehmer anfeuerte, sie mögen hinausziehen, 
um Deutschlands Ehre zu verteidigen, sie mögen Haus, 
Wohnung und Herd schützen, denken gar nicht daran, 
ihre Versprechungen nur halb nachzuholen, die sie da­
mals gegeben haben in einer Zeit und unter dem Ein­
druck, a ls die sogenannten Feinde an der deutschen 
Grenze standen. E s  ist eigentlich bedauerlich, meine 
verehrten Damen und Herren, daß mir in dieser Zeit 
überhaupt erst derartiger Anträge bedürfen, um die 
Behörden allerorts, insbesondere die staatlichen, auf- 
; merksam zu machen auf ihre Verpflichtungen.
Nachdem diese Kriegsbeschädigten und Kriegs­
teilnehmer dem Volke alles dargebracht haben, w as 
ein Mensch n u r  zu -geben vermag, hätte doch die Re-
        
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