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Periodical volume 5. September 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

•als in  dem der Achtung des Lehrers vor dem T ltern- 
hause äußert. M a n  w ird m ir nie einen F a ll nennen 
können, in  dem ich m ir auch n u r einm al gegenüber 
m einen Schulkindern einen Ton erlaubt hätte, a n s  dem 
das K ind herausfühlen möchte: der Lehrer achtet 
m einen V ater und meine M u tte r nicht. W enn der 
L ehrer das auch nu r ein einziges M al tut, so verletzt 
e r gerade ein solches Kind, das die E ltern  sehr lieb 
hat, so tief, daß er das durch verschiedene andere M aß­
nahm en nicht wieder gutmachen kann. Und ich fühle 
mich veranlaßt, gegen solche erziehungskundlichen 
M ißgriffe und Ungeschicklichkeiten mein scharfes M iß ­
fallen zu äußern . E inem  Kinde zu sagen: du weißt, 
daß ich ein solches K ind verachte! —  das ist nach 
meinem Gefühl eine B arbarei. (S eh r richtig!) W enn 
jem and einem Kinde das sagt, so w iegt das so schwer, 
daß ich durchaus wünschen muß, der betreffende A m ts­
genosse oder die Amtsgenossin werde dafür in aller 
F orm  zur Rechenschaft gezogen. (S e h r richtig!)
N un aber kann ich dem H errn Kollegen Heyn in 
seinen A usführungen über den R eligionsunterricht 
doch nicht folgen. E s  frag t sich im m er, w as m an d a r ­
un ter versteht. W er unter R eligionsunterricht nichts 
anderes versteht a ls  die Heroorkehrung konfessioneller 
Besonderlichkeiten, das A usw endiglernen von B e­
kenntnisstoffen usw., dem kann ich es nicht verdenken, 
w enn er fern Kind nicht in dem R eligionsunterricht der 
Schule haben will. W er aber darun ter das versteht, 
w as m an unter dem klaren W ort „R eligion" verstehen 
m uß: re lig ia ro , d, H. Jm m er-w ieder-anknüpsen des 
Kindes an die großen Gesetze, die ein Kind zu einem 
tüchtigen S taa tsb ü rg e r , zu einem folgsamen Kinde im 
Elternhause machen, der w ird  nicht wünschen, sein 
Kind vom R eligionsunterricht fernzuhalten. Diese oder 
jene Verschiedenheit des Bekenntnisses, diese oder jene 
Ansicht über das A bendm ahl oder sonst etwas, das ist 
nicht Religion. S ehen  S ie  sich die großen Religions- 
stister an. Alle haben sie cs abgelehnt, die Menschen 
m it solchen Kleinigkeiten auseinanderzureißen. Da 
m uß ich leider bedauern, daß P ädagogen  heute noch 
der M einung sein können, daß ein solcher R elig ions­
unterricht erteilt werden müsse, obgleich doch solcher 
Religionsunterricht eigentlich kein R eligionsunterricht 
ist. Ich bin dieser Anschauung wiederholt im N eu­
köllner T ageb latt begegnet. S o lange  noch Erzieher 
diese ganz irrige M einung haben, solange kann ich es 
den E ltern , die ihre K inder nicht durch die bekenntnis- 
m äßige Verschiedenheit auseinanderreißen und mit 
Abscheu gegen einen anderen Teil der Bevölkerung 
erfüllen lassen wollen, nicht verübeln, wenn sie solchen 
Religionsunterricht nicht haben wollen. (Rufe Heyn: 
N a  also!) H err Kollege Heyn, S ie  wollen doch gar 
keinen Religionsunterricht! (Z u ru f Heyn: Doch!)
S ie  haben davon nichts gesagt. W ie stellte sich der 
S tif te r  unserer R elig ion zum trennenden Bekenntnis- 
unterricht? D as samariterische W eib kam zum 
M eister m it der F rag e: „Unsere V äter haben aus 
diesem Berge angebetet, und I h r  sagt, zu Jerusalem  
sei die S tä tte , wo m an anbeten soll, w as sagst nun 
D u?" Da erw arte t wohl jeder, daß der große Reit- 
oionsstister sagen werde: „Selbstverständlich m üßt ihr 
in  Jerusalem  anbeten." Nein, das tu t er nicht, er tu t 
allen denen, die das größte Gewicht auf das Bekennt­
n is legen, diesen Gefallen nicht, sondern e r  sagt: 
„O Weib, es w ird  die Zeit kommen, wo m an weder 
in Jerusalem , noch auf dem Berge anbetet, denn G ott 
ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist 
und  in  der W ahrheit anbeten." — Riecht das nach 
Bekenntnis, nach A useinanderreißen der Menschen, so 
daß  dann einer sagen kann: ich habe die allein selig­
machende Kirche? D as spricht von einem großen, 
einigenden Hochziele, dem alle Menschen zustreben
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sollen. Und wenn w ir uns unter Religion das denken, 
daß w ir die Menschen schmieden an die Gesetze, die sie 
zu wertvollen S ta a tsb ü rg e rn  machen, dann werden 
S ie  gegen solchen Religionsunterricht sicher nichts haben 
können. Ich  halte dafür, daß ich Ih n e n  einen au ß e r­
ordentlichen Dienst leiste, wenn ich I h re  Kinder, die 
S ie  m ir  in den  Religionsunterricht schicken, a n  das 
vierte G ebot knüpfe, dam it das Kind fühlt: ich m uß 
meine E ltern  ehren, dam it ich lange lebe auf Erden. 
Gegen einen solchen R eligionsunterricht kann m an 
nichts haben. Ich kann m ir denken, daß m an Bekennt­
nisunterricht nicht haben will, aber daß m an gegen 
einen solchen sittlichkeitbauenden Unterricht etw as 
haben kann, das kann ich m ir nicht denken. Die 
M änner, die den R eligionsunterricht au s  der Schule 
entfernt wissen wollen, werden im m er diesen bekennt­
n ism äßigen Unterricht meinen, der sich an lauter 
Äußerlichkeiten hält und an  den große» Grundgesetzen 
vorübergeht. Wie sagt der M eister? „Nicht alle, die 
„Herr, H err" sagen, w erden in s  Himmelreich kommen, 
sondern die, die den W illen tun  eines G ottes, einer 
höchsten W eltleitung." D as ist w ahre  Religion. I n  
m einer Klasse ist noch kein Kind auf den Gedanken ge­
kommen, diesen allgem einen R eligionsunterricht nicht 
haben zu wollen. (Z uruf Schneider: D as bebau te ich! 
Heiterkeit.) Ich freue mich dessen. (Z uruf Schneider: 
W ir werden noch mehr agitieren, daß auch I h r e  Kinder 
wegbleiben!) D as glaube ich nicht, daß S ie  das schaffen. 
Doch nu n  zum  A ntrage zurück. W ir verlangen von 
der Hochbauverwaltung, um die erzieherischen Erfolge 
einigerm aßen sicherstellen zu können, u n s  so schnell wie 
möglich m ehr Schulräum e zu schaffen. W enn seitens 
der Hochbauverwaltung nicht alles getan  w ird, uns 
R äum e zur V erfügung zu stellen, so können w ir die 
Erziehungsaufgaben nicht lösen. D er H err Stadtschul­
ra t  und die S tadtverordnetenversam m lung stehen auf 
dem S tandpunkt, daß w ir n u r  dann wirklich p ä d a ­
gogisch w irten  können, w enn w ir a n  das -einzelne Kind 
herankommen, und das ist n u r  möglich, w enn w ir 
soviel R äum e haben, daß w ir nicht 60 b is 65 Kinder 
in einer Klaffe zu unterrichten haben. D aher für die 
Zukunft: Neue Schulen, mehr R äum e und kleinere 
Klaffen. D ann  werden w ir so wirken können, daß die 
Schüler der Volksschulen ihren Lebenszweck zu erfüllen 
imstande sind. (Rufe: Amen!)
S tad tvero rdneter Schilling (B ürg l. V erein.): I n  
zwölfter Nachtstunde dürfen S ie  nicht erw arten , hier 
irgendwie vorgetragene Rcligionsproblem e zum  A u s­
tra g  zu bringen. * E s genügt, w enn w ir  u n s  zu der 
A nfrage, wie sie vorliegt, äußern . Ich  möchte m einer­
seits nu r bemerken, daß  ich das Em pfinden habe, daß 
unsere Volksschulen auch heute noch zu gering  einge­
schätzt w erden bei unserer Schulverw altung, und dieses 
Em pfinden werde ich nicht los. W enn uns vor einem 
halben J a h re  H err S ta d tr a t  L indner sagte: S ie  kön­
nen sich darauf verlassen, zum 1. Oktober sind säm t­
liche Schulhäuser zu haben, vielleicht noch früher — und 
ihm entgegengerufen w urde: W ir glauben Ih re r
P rophetie nicht! —  so w a r  das M iß trauen  dam als  be­
rechtigt. Denn w as haben w ir heute? W ir sind noch 
genau so weit. W ir haben nicht ein Schulhaus be­
kommen. Und w arum ? W eil w ir  Volksschulen zu 
gering eingeschätzt werden. Denken S ie  sich die H erren 
in den höheren Schulen, m it den Schulpalästen und 
m it ihren 20 Klassen, und dann ein Schulhaus in der 
W eserstraße m it 64 Klaffen, w orin von 8 b is 5 Uhr 
unterrichtet w ird, w ährend die höheren Schulen fast 
den ganzen N achm ittag frei haben ! Unsere arm en 
Volksschulkinder laufen barfuß zwei- b is dreim al in 
unsere Schulhäuser, und  die H erren aus den höheren 
Schulen? —  Ach du lieber G ott, es könnte ihnen ja 
e tw as Unangenehm es passieren, wenn einige Volks-
        
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