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Periodical volume 5. September 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

alles im entferntesten nicht ausreicht, ist ja klar, und 
w ir  wollen in der Kommission d a rü b e r  beraten, wie 
w ir  diese Angelegenheit zum  Besten der Allgemeinheit 
au sführen .  Ich  bitte, den A n tra g  der Kommission für 
das Gesundheitswesen zu überweisen.
S ta d tv e ro rd n e te  F r a u  Becheret (Dt.-dem. P . ) :  Die 
demokratische F rak t io n  begrüßt den vorliegenden A n ­
trag. E s  kann au f  dem Gebiet der sozialen Fürsorge , 
namentlich den K indern  gegenüber, g a r  nicht genug  g e ­
schehen. W ir  müssen alles tun , um  durch H ebung des 
Gesundheitszustandes der J u g e n d  o as  heranwachsende 
Geschlecht zu gesunden, arbei tssreudigen  und dam it auch 
arbe i ts fäh igen  Menschen heranzuziehen, die unser deut­
sches Volk wieder hochbringen werden. Uno die E inrich­
tu n g  einer Poliklinik fehlte in Neukölln, die E in w o h n e r  
w a re n  gezwungen, B e r l in e r  Kliniken aufzusuchen. 
N u r  durch E in rich tung  einer Poliklinik w erden  w ir  in 
der L age sein, den K indern  eine besondere Pflege  a n -  
gedeihen zu lassen, die sie b isher, sei gs a u s  U nkennt­
nis ,  sei es a u s  Nachlässigkeit der E lte rn ,  vermissen 
mußten . Auch m üßte  die neu zu errichtende Poliklinik 
mit den Machtbefugnissen versehen sein, dam it  sie auch 
in  den Fä l len ,  wo der begründete  Verdacht vorliegt, 
daß  die K inder  M iß h an d lu n g en  ausgesetzt sind, die 
Untersuchung selbständig einleiten kann. W ir  treten 
daher grundsätzlich für den A n t r a g  ein, bean tragen  
abe r  auch unsererseits der Wichtigkeit ha lber ,  diesen 
A n t ra g  den in F r a g e  kommenden Kommissionen, der 
K ran kenhaus-  und  GesunLheitsdeputation, zu ü b e r ­
weisen, die sich über  da s  W o  und  W ie  schlüssig zu 
machen hätten.
S ta d tv e ro rd n e te r  Rektor Schilling (Vgl. Verein.): 
M i r  Schulleiter haben  es  im m er  a ls  recht unangenehm  
und störend em pfunden ,  w enn  die Kinder durch den 
Besuch der Charitee  u n s  fü r  S tu n d e n  und ganze  Tage ,  
auch Wochen hindurch, entzogen w u rd en .  Die Kinder 
m uß ten  oft nach der Charitee , un d  bei dem K inder­
reichtum Neuköllns fällt d a s  in s  Gewicht, u nd  es m äre  
besser, w enn  eine solche unentgeltliche, zweckent­
sprechende N eueinrichtung geschaffen w ürde , dam it 
w ir  diese Schulschwierigkeiten nicht m eh r  hätten. 
A b e r  e in s  möchte ich dem H e rrn  Dezernenten  fü r  das 
Gesundheitswesen noch vo r t rag en :  Ich  hatte in den 
letzten vierzehn T a g e n  zwei Unglücksfälle in meiner 
Schule, und ich habe es sehr bedauert , daß  der A n trag ,  
den Oie Rektorenschaft seinerzeit dem M ag is t r a t  u n te r ­
breite t hatte, nämlich den A n t r a g  aus A n lage  eines 
Te lephons ,  nicht an g enom m en  w o rd en  w a r .  Heute, 
w o  jeder H ändler ,  ja  fast jeder P r i v a t m a n n  ein Te le ­
phon  benötig t,  da ist es unbedingt erforderlich, daß 
auch ein S ch u lhaus ,  da s  64 Klaffen beherbergt und 
das von 6000 und  m ehr  K indern  p ro  T a g  besucht wird , 
ein Telephon hat, dam it  in  den F ä l len ,  wo es sich 
um  die Heranschassung eines A rz tes  oder einer T r a g ­
bahre usw. handelt ,  der Schulleiter eine möglichst 
schnelle V erb in d u n g  m it  den zuständigen Schulärzten  
u n d  m i t  den anderen  Dienststellen gew innt.  (S e h r  
richtig!) Ich  möchte daher bit ten, daß recht ba ld  alle 
Schulhäuser  m i t  Telephonverb inüung  versehen werden. 
Ü berhaup t  m üß ten  m ir  in  unseren Schulen aus das 
M o m e n t  der ersten Hilfstätigfeit  m ehr  unser A u g e n ­
merk richten. W ir  haben  in der Schule noch nicht m al 
eine T ra g b a h re ,  u m  ein verletztes Kind fortzutragen. 
Unsere S an i tä tskäs ten  sind nicht im m er  einw andfre i  
eingerichtet, oder es fehlen die Persönlichkeiten, die sie 
instand haltert. Bei dem ganzen Kapite l der G esund­
heitspflege ist zu wünschen, daß  w ir  recht bald die G e ­
sundheitspflege in den Schulen a ls  obligatorischen Sehr- 
gegenständ bekommen.
Vorsteher: Wünscht noch jem and d a s  W o r t ?  D as  
ist nicht der F a l l .  D a n n  darf  ich w oh l  annehm en, daß 
die S tad tv e ro rd n e ten v e rsam m lu n g  m i t  dem w eiter­
gehenden A n t ra g e  einverstanden ist, die V orlage  der 
K rankenhausdepu ta t ion  und  der D eputation  fü r  G e­
sundheitspflege in  Gemeinschaft zu überweisen. I c h  
höre keinen Widerspruch, d a n n  ist so beschlossen.
D a n n  P u n k t  19: E in r ä u m u n g  des Rechtsanspruchs 
auf Pension  und H interbliebenenversorgung an  B e ­
dienstete.
D er W ahlausschuß ha t  zugestimmt und empfiehlt 
I h n e n  die A n n ah m e  der V orlage .  W ortm e ldungen  lie­
gen nicht vor, d a n n  ist die S tad tvero rdne tenversam m - 
| lu n g  dam it einverstanden.
P u n k t  19a ist dieselbe V orlage  wie vorher.  Auch 
dazu w ird  das  W o r t  nicht gewünscht, d a n n  ist die V o r ­
lage angenom m en .
Z u  P u n k t  20: Ankauf von Grundstücken, liegen 
keine W ortm e ldungen  vor. D a n n  ist diese V orlage  
ebenfalls an g enom m en .  —  D a n n  ist zu P u n k t  20 noch 
eine neue V orlage  e ingegangen  über das  «Grundstück 
R ichardstraße 25. Auch dazu liegen W ortm e ldungen  
nicht vor. E s  ist dan n  so beschlossen.
Die V orlage  zu P u n k t  21 ist vom M ag is t r a t  zu­
rückgezogen w orden. D er M ag is tra t  h a t  sich noch nicht 
d a rü b e r  schlüssig w erden können, infolgedessen w ird  die 
| Sache heute nicht verhandelt.
W ir  kommen zu P u n k t  22: A nfrage  der H erren  
S tad tv e ro rdne ten  Radtke und Genossen, betreffend die 
! Entscheidungen des M ie tse in igungsam tes .
D azu ist folgender U n te ran trag  gestellt w orden: 
Die W ohnungskom mission  ist zuständig für alle A n- 
i  gelegenheiten des M ie tse in igungsam tes .
G egen  die B eh an d lu n g  a ls  dringliche Angelegen­
heit h a t  w ohl n iem and  e tw as e inzuw enden? D a s  ist 
| nicht der Fall .
S tad tv e ro rd n e te r  F re u n d  (U. S .  P . )  zur B eg rün -  
; d ü n g :  Ich  habe schon vor einigen M o n a te n  in  einer 
S itzung  der W ohnungskom mission den M a g is t r a ts ­
mitgliedern und den dabei tä t igen  S tad tve ro rdne ten  
ein Aktenstück unterbreitet,  w o rin  M a te r ia l  über die 
M ie tsp re isc rhöhungen  im einzelnen gesammelt w ar .  
Ich  habe d a r in  un te r  A ngabe  der N am en  der betreffen­
den M ie te r  —  H e r r  D r. B ierbach w ird  sich der F ä l le  
e r inne rn  —  und der V erm ieter festgestellt, welche M iete  
bis zum  A pril  gezahlt w orden  ist und welche S te ig e ru n ­
gen nach diesem M o n a t  vorgenom m en  w orden  sind. 
Die M ietss te igerungen haben  sich in einer großen A n ­
zahl von F ä l len  über  20 bis 25 P ro zen t  h in a u s  bewegt 
und sind gestiegen aus 40, 45 bis 60 P rozen t ,  in einem 
Fa lle  sogar au f  76 P rozen t .  Alle diese Entscheidungen 
sind gefällt w orden  durch Oas M ie tse in ig u n g sam t,  
und  ich habe schon d a rau f  hingewiesen, daß diese E n t ­
scheidungen fü r  Neukölln unmöglich sind, und d a ß .d e r  
Vorsitzende des M ie tse in igungsam tes ,  der m it  seinen 
Beisitzern solche Entscheidungen fällt, in Neukölln 
| u n te r  der a rm e n  A rbeiterbevölkerung sich am  unrechten 
Platze befindet. E s  ist aber feit der Zeit eine Besserung 
nicht eingetreten. F o r td a u e rn d  w erden un s  Fä lle  be­
richtet, in  denen M ietss te igerungen vorgenom m en wer- 
| den, die über d a s  angebliche Durchschnittsmaß von 
20 P ro z e n t  der b isherigen M iete  h inausgehen . Um 
; b loß  m a l  einen besonders krassen F a l l  a n z u fü h ren : 
E s  ist in einer S itzung  am  27. August eine M ie te r in  
a u s  dem Hause S tu t tg a r t e r  S t r a ß e  73, IV gesteigert 
w orden  —  sie .hat 3 Z im m er,  Küche, K am m er ,  W a r m ­
wasserversorgung —  von 52 M .  bezw. 55 M .  a u f  80 M . 
j E s  ist m i r  ferner ein F a l l  bekannt, der noch nicht en t­
schieden ist, der ein Schlaglicht wirst aus die A r t  und 
Weise, mit welcher Dreistigkeit in Neukölln die H aus-  
i w ir te  ihre M ie te r  zu schröpfen w agen. I n  der H erzberg­
straße 13,1 befindet sich eine W o h n u n g  von zwei 
Z im m e rn  m i t  W arm w asser ,  die im F r ieden  gekostet 
: ha t  36 M .,  nachher 40 M ..  nachher 45 M., u n d  durch 
B rie f  vom  25. August ist diese W o h n u n g  p e r  1. Ok-
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