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Periodical volume 22. August 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

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w as er zu tun beabsichtigt, um ine Wiederkehr solcher 
Sachen in Zukunst zu verhindern?
S tad tra t M ier: Ich möchte zunächst die Anfrage 
von Herrn Treffen beantworten. Es ist geltend ge­
macht worden, daß unter dem Einfluß des Arbeiter­
ra ts Beschlüsse des Lebensmittelausschusses nicht zur 
Ausführung gekommen wären. W as zunächst die An­
gelegenheit mit der Kirschenversorgung anlangt, so ist 
es zutreffend, daß der Lebensmittelausschuß sich an­
heischig gemacht hat, auch einmal den Versuch zu 
machen, ob es nicht möglich sei, angesichts der schlechten 
Versorgung der Bevölkerung mit Obst hier mildernd 
einzugreifen. Er hat Kirschenpachtungen ins Werk ge­
setzt, um diese Kirschen ohne Vermittelung durch den 
Zwischenhandel unmittelbar an die Bevölkerung her­
anzubringen. Als seinerzeit die Verhandlungen einge­
leitet wurden, machte sich schon ein starkes Steigen der 
Preise für Kirschenpachtungen bemerkbar, und im 
Lebensmittelausschuß hatten wir uns zu vergegen­
wärtigen, ob wir bei einem Preise von ca. 80 Pf. bis 
1 M . für die Kirschen ab B aum  diese Pachtungen noch 
vornehmen sollten. Der Lebensmittelausschuß stellte 
sich auf den Standpunkt, daß angesichts des geringen 
Angebots von Obst während des ganzen Krieges es 
immerhin zu rechtfertigen wäre, wenn man Kirschen 
bis zum Preise von 2 M . an die Bevölkerung zum Ver­
kauf brächte. Nachdem man diese Feststellung gemacht 
hatte, entschied man sich dafür, einige Herren aus dem 
Stadtverordnetenkreise zu beauftragen, diese Kirschen­
pachtungen vorzunehmen. W ir haben auch tatsächlich 
vier Pachtungen im Wege des Höchstgebots erlangen 
können und setzten nun ein, diese Kirschen an die Be­
völkerung zu verteilen. Als Verteilungsmodus w ar 
-gedacht, daß ein halbes Pfund Kirschen auf den Kops 
der Bevölkerung der Reihe nach zur Ausgabe gelangen 
sollte. Nach dem Preise, den wir selbst für die Pach­
tungen hatten zahlen müssen, sahen w ir uns genötigt 
im Lebensrnittelausschuß, für die ersten Kirschen einen 
Preis von 2 M. im Kleinhandel festzusetzen, und wir 
hatten die Absicht, bei der fortschreitenden Ernte dann 
die -Preise herabzusetzen, bis zum Preise von 1 M.
Als die ersten Kirschen aus dem M arkt in Berlin 
erschienen, da zeigte es sich, daß für Kirschen Preise 
von 4 M. pro Pfund gefordert wurden. Diese Preise 
lösten natürlich Erbitterung bei der Bevölkerung aus, 
und die Erregung machte sich auch sogar in tumultu- 
arischen Szenen bemerkbar. W ir glaubten dessen­
ungeachtet, daß w ir unsere Beschlüsse noch zur Durch­
führung bringen könnten, und wir brachten die ersten 
Kirschen zum Preise von 2 M. pro Pfund in den 
Handel und gaben sie zu 1,80 M. an die Kleinhändler 
ab. Die ersten Kirschen trafen ein am  Freitag. Am 
M ontag waren aber bereits derartige Tumulte im 
Gange, daß ernste Ruhestörungen befürchtet wurden. 
Es erschien dann auch beim Herrn Oberbürgermeister 
um 11 Uhr der Arbeiterrat und erklärte, es wäre nicht 
mehr zu rechtfertigen, daß w ir Kirschen mit 2 M . ver­
kauften, denn nach Beschluß des Vollzugsrats Groß- 
Berlin dürften Kirschen zu einem höheren Preise als 
1,20 M . im Kleinverkauf nicht verkauft werden. Und 
der Arbeiterrat erklärte, bezüglich der Tumulte wolle 
er sich anheischig machen, die Ruhe wieder herzustellen. 
Im  anderen Falle würde es dem M agistrat gar nicht 
gelingen, die Kirschen heranzubringen, denn es wären 
schon Plünderungen vorgekommen. Uiid wenn der 
M agistrat vermeiden wollte, daß diese Plünderungen 
sich auch auf die städtischen Kirschen erstreckten, so müsse 
er sich dem Beschluß des Vollzugsrats fügen.
Ich habe, als ich hinzugerufen wurde, dagegen 
protestiert und erklärt, daß der Lebensmittelausschuß 
sich wohl klar darüber gewesen sei, daß er die Kirschen 
nicht unter 2 M . würde abgeben können, und daß er
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es nicht verantworten könne, auf Kosten der S teuer­
zahler die Lebensmittel billiger abzugeben, als er sie 
selbst im Wege der Pachtungen erstanden habe. D ar­
aufhin wurde kategorisch erklärt, es wäre nicht zu 
rechtfertigen, der Dollzugsrat hätte den P re is  so fest­
gesetzt. — E s fand eine Beratung statt. Der Herr 
Oberbürgermeister zog die Magistratsmitglieder, soweit 
sie erreichbar waren, zu, und diese sahen sich angesichts 
der S ituation  gezwungen, den vom Vollzugsrat Groß- 
Berlin festgesetzten P re is  bei den städtischen Kirschen 
in Anwendung zu bringen. Der M agistrat w ar damit 
über den Beschluß des Lebensmittelausschusses hinaus­
gegangen. E r glaubte sich aber dazu veranlaßt, weil 
beruhigend aus die Bevölkerung eingewirkt werden 
sollte und der Arbeiterrat sich bereit erklärt hatte, 
seinerseits, wenn der M agistrat diese Erklärung ab­
gäbe, beruhigend aus die Bevölkerung zu wirken und 
einen diesbezüglichen Aufruf zu unterzeichnen. Ange­
sichts all dieser Tatsachen hat der M agistrat, ab­
weichend von dem Beschluß des Lebensmittelaus­
schusses, die Preise anderweitig festgesetzt Dem Le­
bensmittelausschuß ist in  der nächsten Sitzung von 
diesen Vorgängen Kenntnis gegeben worden.
Es ist ohne weiteres anzuerkennen, daß damit ein 
gewisser Eingriff vorlag. Ich kann diesen Eingriff 
aber nicht allein aus das Konto des Arbeiterrats setzen. 
Es w ar eine allgemeine Erregung in  der Bevölkerung, 
und man suchte, wie w ir das schon häufig getan haben, 
diese Erregung zu beeinflussen. Der M agistrat hat 
ebenfalls geglaubt, daß er Veranlassung nehmen müßte, 
beruhigend zu wirken, denn wenn der Handel gezwun­
gen wurde, mit den Kirschen auf 1,20 M. herunter­
zugehen, so konnte der M agistrat für seine Kirschen 
nicht höhere Preise fordern. Das ist vielleicht der Ge­
sichtspunkt gewesen, der den M agistrat veranlaßt hat. 
(Zurufe, Unruhe.) Der Lebensmittelausschuß konnte 
auch nicht so schnell zusammenberufen werden, damit 
er seinen Beschluß hätte abändern können, denn die 
Frist w ar zu kurz. Um 11 Uhr w ar die Sache, und bis 
um lA  1 Uhr nimmt die Presse nur Mitteilungen auf.
W as den Ankauf des Schmalzes anlangt, so ist 
den Mitgliedern- des Lebensmittelausschusses hin­
reichend bekannt, daß für die Versorgung der Bevölke­
rung mit Fett die Fettstelle Groß-Berlin die allein zu­
ständige Stelle ist. Selbstverständlich haben wir uns 
auch bemüht, Lebensmittel, die für die Versorgung 
unserer Bevölkerung notwendig waren, noch im Wege 
des freien Einkaufs zu beschaffen. W as aber diesen An­
kauf des Schmalzes zum Preise von 12 M . anlangt, 
so möchte ich, da Herr Treffer* die Begründung gege­
ben hat, darauf hinweisen, daß Herrn Treffer* bekannt 
ist, daß der Ankauf, den w ir im Lebensmittelausschuß 
beschlossen hatten, dadurch nicht zustande kommen 
konnte, daß die Offerte eben nicht in die Wirklichkeit 
umgesetzt werden konnte. Es ist allgemein bekannt, 
daß von hundert Offerten höchstens zwei, drei, fünf 
in die Wirklichkeit umgesetzt werden können, weil die 
Angebote Luftangebote sind. Ich will aus die E in­
wirkung des Arbeiterrats in dieser Angelegenheit ein­
gehen. E r hat hierin nicht ohne weiteres die Initiative 
ergriffen, er ist auch nicht von uns veranlaßt worden, 
sondern der Zufall wollte es, daß Herr Dir. Rein, als 
der A rbeiterrat in einer anderen Angelegenheit mit 
mir Rücksprache nahm, in mein Zimmer kam und er­
klärte, daß das Angebot von 12 M . für Schmalz unter 
Umständen zur Wirklichkeit werden könnte, daß, wenn 
m an schleunigst ein Akkreditiv bestellte in Flensburg, 
man in Flensburg diese Lebensmittel erlangen könnte.
I n  der Zwischenzeit hatte sich die Konjunktur auf 
dem Schmalzmarkt derartig verändert, daß es zu der 
Zeit nicht mehr am Platze gewesen wäre, einen P re is  
von 12 M. anzulegen. Ez lagen seinerzeit erheblich
        
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