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Periodical volume 27. Juni 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Dann formten noch neun Klassen der sogenannten un­
gelernten Arbeiter. Meine Damen und Herren! Welche 
Gründe liegen dafür vor, augenblicklich den Umerricht 
auf den Nachmittag, selbst bis in die Abendstunden zu 
verlegen? Schultechnische und wirtschaftliche! Den 
Unterricht für den Nachmittag erteilen durchweg tech­
nische Hilfskräfte, Spezialisten w ill ich sie nennen, die 
w ir beruflich nicht entbehren können. Meine Damen 
und Herren! Diese Leute sind nun erst in den Nach 
Mittagsstunden beruflich frei und für die Fachbil­
dungsschule zu haben. Dann aber haben w ir tatsächlich 
augenblicklich nicht Räume, um diese Forderung zu 
realisieren. Auch fehlt cs uns an hauptamtlichen Lehr­
kräften, um den ganzen Betrieb in die Vormittags-, 
teilweise Abendstunden hineinzubringen. Dann haben 
w ir in Neukölln nicht Lehrlinge genug, um einzelne 
' Bcrufsklassen zu bilden. W ir haben z. B. die (Bewerbe- 
gruppenklosse für das Bekleidungsgewerbe, für das 
Nahrungsmittelgewerbe. Die verschiedensten Arien 
Lehrlinge werden in eine Berufsklasse hineingepreßt. 
Nun, meine Damen und Herren, es ist ein Kunststück, 
für die Teilnehmer, für die Innungen und für die 
Handwerksmeister, da eine gegebene richtige Zeit, die 
allen genehm ist, herauszufinden. Und dann: das 
Schlimmste, das sind die Berufslosen, die Laufburschen 
usw., ein schweres Problem, dessen Lösung kaum zu 
finden ist. W ir haben vor dem Kriege die Fachstundcn 
für die Laufburschen in die Vormittagsstunden gelegn 
Was war die Folge? Die Jungen kamen überhaupt 
nicht in den Unterricht. Wohin sollen w ir die Stunden 
legen? Keine Zeit wird diesen Klassen recht genehm 
sein. Und gehen Sie heran an die Arbeitgeber und 
Fabrikherren, die werden erklären: Nun gut, nehmt 
uns die Lausburschen, dann werden w ir ältere, schul­
freie Laufburschen nehmen. Und die jungen Leute 
kommen tatsächlich um ihre Existenz. Das sind alles 
Gedanken, die nicht so ohne weiteres von der 
Hand zu weifen sind. Meine Damen und Herren! 
Und dann noch eins: die Lehrer in diesen Berufslosen* 
klassen, das sind unsere Volksschullehrer. Und wann ist 
der Volksschullehrer frei? Nur in deir Nachmittags- 
stunden nach 3 Uhr. W ir können für die Berufslosen- 
klaffen keine hauptamtlichen Lehrkräfte anstellen. Es 
ist unmöglich, eine hauptamtliche Kraft für Berufs­
los entlassen zu finden. Erst jetzt wird in Berlin ein 
Plan inszeniert, um auch Berufsleute für Berufslosen- 
klaffen vorzubilden. Die wirtschaftlichen Momente, die 
gegen generelle Festlegung sind, liegen doch auf der 
Hand. Ich erwähne das Bäckergewerbe. Der Bäcker 
muß doch Lehrlinge haben, wenn er Brot backen will. 
Ferner sehen Sie, wenn ein Gewerbetreibender 
drei bis vier Lehrlinge hat, und er muß diese 
Lehrlinge zu gleicher Zeit in die Fortbildungs­
schule schicken, ist das nicht eine Härte? W ir 
verlangen von der Schulleitung, daß die tatsächlichen 
Bedürfnisse des Gewerbes, der Innungen und der 
Handwerksmeister berücksichtigt werden.
W ir hoffen und wünschen, daß die Reformierung 
und die Neuorganisation der gewerblichen Fach- und 
Fortbildungsschulen den Ausweg findet bezüglich der 
Neukonstellation des ganzen Schulbetriebes an und für 
sich, sowie eine Neubearbeitung des Stoffplanes. Da 
gebe ich Herrn Kollegen Schneider recht. Unsere Stoss- 
pläne in den Fachschulen sind veraltet. Wenn man den 
jungen Leuten das bietet, was man den Kindern in 
der Volksschule bietet, dann kann man sich nicht über 
Interesselosigkeit wundern.
Also neben den Stoffplänen auch die Lehrerfrage, 
alles das muß mit einbegriffen werden in die Neu­
organisation. W ir hoffen und wünschen, daß bei der 
Neuorganisation auch dem schwer kämpfenden Hand­
werk Gerechtigkeit und Beachtung gegeben wird.
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Stadtverordneter Heckes tDt.-dem. P.): Meine
Damen und Herten! Ich kann erklären, daß w ir uns 
dem Antrage vollinhaltlich anschließen. W ir ver­
sprechen uns einen günstigen Einfluß auf die Aus­
bildung, wenn die Unterrichtszeit in den Fach- und 
Fortbildungsschulen in die Vormittagsstunden verlegt 
wird, da ist der Geist noch aufnahmefähig genug.
Auf die anoercn Ausführungen des Herrn Vor­
redners können mir heute Hierselbst keine Stellung ein­
nehmen, das umfaßt ein so gewaltiges Programm, 
daß es uns im ersten Augenblick nicht klar wurde, ob 
das alles auch wirklich in den Vormittagsstunden zu 
erledigen ist. Es müßte uns Gelegenheit gegeben wer­
den, uns ausführlich darüber zu unterhalten. Also 
dem gestellten Antrage geben w ir unsere Zustimmung.
Stadtverordneter Schneider (U.S. P.): Man
könnte ja jetzt, nachdem Herr Schilling die Frage 
. etwas ausführlicher behandelt hat, vielleicht eine 
stundenlange Debatte darüber eröffnen. Ich w ill aber 
im Interesse der Sache davon absehen. Ich glaube, der 
Sache selbst ist am besten damit gedient, wenn w ir sie 
so bearbeiten, wie es Herr Wille beantragt hat, daß 
w ir sie der Deputation für das Fach- und Fortbildungs­
schulwesen überweisen. Ich möchte aber das dringende 
Ersuchen an den Magistrat richten, diese Deputation 
sofort zusammenzuberufen, das heißt nicht nach vier 
bis sechs Wochen, sondern mindestens schon am Anfang 
der nächsten Woche: daß nicht wieder so vom Magistrqt 
verfahren wird, wie es üblich ist. Ich w ill ja nicht auf 
andere Fälle eingehen, aber cs ist schon vot gekommen, 
daß unseren Anregungen in der Beziehung nicht ent­
sprochen wurde. Ich möchte Sie also bitten, von einer 
längeren Debatte Abstand zu nehmen und die Sache 
der Kommission zu überweisen.
Stadtrat Brunn: Herr Stadtschulrat Dr.
Buchenau ist beurlaubt, ich vertrete ihn bis morgen. 
Die weitere Vertretung ist noch nicht bestimmt. Ich 
halte es aber für ausgeschlossen, daß eine solch wichtige 
Frage in Abwesenheit des schultechnischen Dezernenten 
bearbeitet wird. Wenn andere Magistratsmitglieder 
die Frage in die Hand nehmen, so könnte eine Ent­
scheidung doch nur vorläufig getroffen werden. Ich 
würde daher empfehlen, die Angelegenheu bis zur 
Rückkehr des Herrn Stadtschulrats vom Urlaub zurück­
zustellen. (Zuruf: Wie lange dauert der Urlaub noch?) 
Bis zum 14. Juli.
Stadtverordneter Schneider, Karl (U.S. P.): Ich 
möchte bei der Gelegenheit aber feststellen, daß. so­
lange w ir hier im Stadtparlament sitzen, die Kom­
mission für Fach- und Fortbildungsfchulwesen erst ein­
mal zusammengetreten ist, und daß w ir keine Gelegen­
heit hatten, uns über dieses ganze Fach- und Fort­
bildungsschulwesen eingehend zu unterhalten.
Vorsteher-Stellvertreter: Weitere Wortmeldungen 
liegen nicht vor. W ir kommen zur Abstimmung über 
den Antrag Radtke mit Zusatzantrag Wille. Wer da­
für ist, den bitte ich, die Hand zu erheben. Es ist so 
beschlossen.
Dann Punkt 9: Antrag der Stadtverordneten 
Treffest und Genossen, betreffend die Erhöhung der 
Entschädigung für die Bezirksvorsteher und die Zah­
lung einer Entschädigung für die Beisitzer des Miets­
einigungsamtes. ^
Stadtverordneter Ireffert (Bürg!. Verein.): Es
, ist mit Dank zu begrüßen, daß unserer Anregung, den 
Beisitzern des Mietseinigungsamdes eine Entschädi­
gung zu gewähren, insofern schon entgegengekommen 
ist, als der Magistrat zu Punkt 10 der heutigen Tages­
ordnung einen Antrag gestellt hat, den Beisitzern des 
Mietseinigungsamtes für jede Sitzung, an der sie teil­
nehmen, eine Entschädigung von 6 M . mit rückwirken­
der Kraft bis zum 1. April zu bewilligen. Ich glaube,
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