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Periodical volume 4. Juni 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

Steuerzuschlag von 260 P rozen t erheben, der im V er­
gleich zu den Steuerzuschlägen anderer Großstädte 
außerordentlich gering ist, so werden S ie  anerkennen 
müssen, daß in  diesem S p ie lrau m  natürlich die M ög­
lichkeit zu r Deckung mancher Fehlbeträge und mancher 
S um m en liegt. F ü r  u n s in G roß-B erlin  kann es 
natürlich nicht in F rag e  kommen, Laß w ir a ls  einzelne 
Gemeinde diesen exorbitanten Satz von sagen w ir  dem 
Doppelten von dem jetzigen erheben, weil die B evöl­
kerung ja verlangen m uß, daß  einheitlich in G roß- 
B erlin  verfahren w ird . A ber das ist ja  gerade der G e­
sichtspunkt, w eshalb w ir sagen: bei diesen Lasten und 
der Unmöglichkeit, g e s o n d e r t  für uns zu sorgen, 
ist es eben die dringende Notwendigkeit, daß eine E in ­
heitsgemeinde geschaffen w ird, die dann  diese Rück­
sichten nicht mehr zu nehmen hat und die auch in  der 
Lage ist, durch Heranziehung der finanziell gesunden 
S tad t gemeinden, die die Lasten besser tragen  können 
a ls  w ir, den Ausgleich zu finden. In so fe rn  ir r t wohl 
auch der H err V orredner, w enn e r  behauptet, w ir 
hätten die Teuerungszulage nicht auf den E ta t über­
nommen. Ich habe bereits hervorgehoben, daß die ge­
samten T euerungszulagen fü r die Arbeiterschaft auf 
den E ta t übernom m en sind weil nämlich die Lohn- 
feftsetzungen für die gesamten städtischen A rbeiter jetzt 
so getroffen sind, daß Teuerungszulagen dabei nicht 
m ehr in F ra g e  kommen. W ir haben die neuen Lohn- 
summen, die in vielen F ällen  das Fünffache dessen be­
tragen  haben, w as  das J a h r  1918 erforderte, in den 
E ta t hineingebracht. Die Teuerungszulagen sind darin  
enthalten. Die Teuerungszulagen fü r die Beam ten sind 
allerd ings herausgeblieben, weil die B eam tengehälter 
noch nicht reguliert sind. Dagegen haben w ir den ganz 
wesentlichen B etrag  von 1200 M ., den sogenannten 
Gehaltszuschlag, der einen Teil der Teuerungszulage 
dorfteilt, bereits in den E ta t a ls  laufende A usgaben 
eingestellt, und dieser B etrag  kommt auch zur Deckung. 
A ußerhalb des E ta ts  figurieren n u r die K riegs­
teuerungszulagen und die Kriegsbeihilfen, und zw ar 
nicht n u r  bei uns, sondern bei allen Gemeinden des 
Deutschen Reiches. D enn ein W egfall derselben ist erst 
begründet, w enn die G ehälter neu festgesetzt sind. S in d  
die G ehälter allgemein festgesetzt, w ird  m an sie auch 
auf den E ta t übernehm en können. S o lange aber tappt 
m an im Dunkeln, und da ist es richtig, diesen B etrag  
auf Kriegskredite zu übernehmen.
S tad tvero rdneter Treffers: (Vgl. V erein .): M eine 
D am en und H erren! Von den A usführungen des 
H errn  F reund  verdient doch manches festgehalten zu 
werden. Ich  meine zunächst den Satz, den e r  glatt a u s­
gesprochen h a t: w ir können es  selbstverständlich jetzt 
nicht besser machen. Ich meine, das ist schon viel wert, 
daß er das vor der Öffentlichkeit ausgesprochen hat, 
daß die unabhängige Sozialdem okratie es zurzeit weder 
in  der Gemeinde noch im Reich besser machen könnte, 
selbst auch, w enn sie die Herrschaft bekäme. E r ver­
tröstet uns im m er auf die Zukunft und sagt: w ir 
können erst die V erantw ortung  übernehm en, wenn 
wieder geordnete Verhältnisse eingetreten sind. J a ,  
meine verehrten D am en und H erren, d as  ist sehr ein­
fach. W enn geordnete Verhältnisse eingetreten sind, 
w enn w ir geordnete finanzielle, wirtschaftliche un­
politische Verhältnisse haben, d an n  kann schließlich 
jeder regieren. D ann  kann schließlich jeder aus dem 
Vollen schöpfen und braucht seinen Gefühlen keinen 
Z w ang  anzutun. D ann kann m an einfach oewilligen 
und alle seine Theorien schließlich in die P ra x is  um ­
setzen. Aber gerade jetzt, wo die politischen und w irt­
schaftlichen, die sozialen und finanziellen Verhältnisse 
derm aßen zerrüttet sind, wie noch niemals, ist es 
außerordentlich schwierig. (Z uruf von der, U .S o z .: 
Durch Ih re  Schuld!) Wessen Schuld es ist, das wollen
w ir hier im  einzelnen nicht untersuchen. Ich w ill auch 
nicht darauf eingehen, w ie die Verhältnisse sich ge­
staltet hätten, w enn w ir nicht den 9. November und 
das, w as sich im Anschluß daran  abgespielt hat, gehabt 
hätten. D as ist ein Kapitel, das w ir hier in diesem 
R aum  nicht zu untersuchen brauchen. W ir finden uns 
m it der gegebenen -Tatsache ab. W ir wollen jetzt über­
legen: w ie kommen w ir aus den Verhältnissen her­
aus wieder zu geordneten Zuständen. D a sagen S ie  
(zu den 11. Soz.) nun  im m er, es m uß alles anders 
werden, der S ozia lism us m uß zur Herrschaft kommen. 
S ie  sagen aber den Leuten nicht, w as  b is dahin ge­
schehen soll. S ie  wissen doch auch, daß w ir in vierzehn 
T agen und in vier M onaten  noch nicht zu geordneten 
Verhältnissen gekommen sein werden. E s werden 
noch J a h re  vergehen, b is w ir den Krieg und die R e­
volution und alle die Dinge, die das im  Gefolge ge­
habt hat, ausgeglichen haben. Und da wollen S ie  
sagen: solange wollen w ir die Leute vertrösten. D as 
kann und w ird niem and verstehen. S ie  wollen das 
Chaos im m er noch größer machen. S ie  wollen nicht 
einen A usw eg mit uns fuchen, sondern im m er noch 
tiefer hinein in  das Holz, weil S ie  wissen, daß, je 
größer die Unzufriedenheit und je verw orrener die 
Verhältnisse sind, um so eher I h r  Weizen blüht. S ie
sagen auch, daß S ie  keine Angst haben vor der Ab­
lehnung des E ta ts  und die Zw angsetatisierung nicht 
scheuen. S ie  hoffen eben, dam it neuen Agitationsstoff 
gegen die R egierung, die S ie  nicht vertragen können, 
zu 'bekommen. S ie  möchten gern, daß diese Regie­
rung  den E ta t zwangsweise einführt in der F o rm , wie 
H err Scholz ausgeführt hat, dam it S ie  dann wieder 
hinausgehen und sagen können: da hab t ihr eine sozi­
alistische R egierung, einen solchen E ta t hat sie uns
aufgezwungen! Und dann kommt die alte P hrase:
Hinweg m it dieser Regierung! D am it wollen S ie  ver­
w orrene Verhältnisse schaffen und I h re n  Weizen in 
die Scheune fahren. Ob dam it der Bevölkerung ge­
dient ist, scheint bei Ih n e n  keine Rolle zu spielen. S ie  
wissen, daß, w enn die Zw angsetatisierung von der 
heutigen R egierung so vorgenomm en w ird, wie sie 
H err Scholz geschildert hat, daß also A usgaben, die w ir 
heute machen können, und Dinge, die heute im E ta t 
stehen, gestrichen werden. N un sagen S ie , S ie  fürchten 
diesen Z w angse ta t nicht. W ollen S ie  dam it dem Volke 
dienen? Diesem ist doch nicht dam it gedient. S ie  wollen 
also nicht der Bevölkerung dienen, sondern A gita tions­
stoff haben. Bei Ih n e n  geht es so: T u t m an Ih re n  
W illen, dann  stellen S ie  sich hin und sagen: „D as 
haben w ir durchgesetzt, hätten w ir noch mehr Leute, 
stände es  noch bester." Geht es nicht, I h r e  A nträge 
zu erfüllen, dann  stellen S ie  sich hin und sagen: „W ir 
sind nicht stark genug, wenn w ir stark genug gewesen 
w ären, hätten w ir das durchsetzen können." W ie m an 
es macht, dient es natürlich Ih re r  A gitation, ob w ir 
die A nträge ablehnen oder annehmen.
Ich sage noch allem al: S ie  haben uns nicht gesagt, 
w as w ir tun sollen, bis dieser sozialistische Jdealstaa t 
eingerichtet ist. Jetzt wollen unsere Leute leben, jetzt 
wollen S ie  A rbeit und B ro t haben, jetzt wollen sie 
Ruhe und O rdnung haben und nicht erst in zehn bis 
zwanzig Ja h re n , w enn es  endlich einm al gelingen 
sollte, w as ich noch nicht glaube, Ih re n  sozialistischen 
Zukunftsstaat einzurichten.
H err Künstler kommt ja wahrscheinlich noch zu 
W orte. E r  möge un s einm al erklären, wie er sich die 
Dinge jetzt denkt, wo w ir noch keinen sozialistischen 
S ta a t  haben. (Z uruf von den U .S oz .: D as überlasten 
w ir Ih n en !)  Ach, meine Herren, w as ist d a s  so be­
quem! D as ist so bequem, wie ein kleines Kind arbeiten 
kann, daß m an sagt, das paß t u n s nicht, da spielen 
w ir nicht mehr mit. W enn m an Ih n e n  neue Wege
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