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Periodical volume 21. März 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

leider eine M enge frag w ü rd ig er E lem ente wie überall. 
(A ha-R ufe!) A ber die R eg ierung  m u ß  sich ih re r be­
dienen, um  sich gegen die gew altsam e D iktatur zu 
schützen, um  den demokratischen Aufstieg der M enschheit 
zu gew ährleisten. Die R eg ie ru n g stru p p en  stellen dar 
den Schutz der D em okratie und S ie  stellen d ar, den 
T o ten g räb er der R evolu tion . E s  ist eine S k laven­
m o ra l, w enn S ie  vielleicht g lauben, durch diese D iktatur 
zu Ih re m  Z iele zu kommen. G enau  w ie der Sklave, 
w enn er seine Fesseln sprengt, oft zum  T y ra n n  w ird , 
so w erden  S ie  zum T y ra n n  durch die M aß reg e ln  und  j 
durch die M it 'e l der D iktatur. W ir ab e r sagen: Tod 
der T yrannei, gleichviel von welcher S e ite  sie kommt. 
W ir  können I h r e  A n träge  nicht unterstützen, solange 
sie die B evölkerung w eiter heimsuchen m it diesen G e­
waltputschen, w ird die R eg ie rung  gezw ungen sein, 
M aß reg e ln  zu treffen, um  I h r e  Anschläge auf die 
G rundrechte des Volkes zurückzuschlagen. (G roßer 
B eifall. W iderspruch. L ä rm .)
Sfabfo. Künstler (U. S .  P .  D .): Ich  g laubte mich 
nach W eim ar versetzt, a ls  ich den sehr breit angelegten 
V o rtra g  —  ich w ill lieber sagen V orlesung —  des 
H errn  W erm uth  hören  m ußte. Z u r  S ache selbst hat 
er kein W o rt gesagt, kein W o rt über die Scheußlich­
keiten der S o ld a tesk a . M it solchen allgem einen R ede­
w endungen  zeigt m an  eben, daß  m an  g a r nicht in der 
L age ist, diese Politik, w ie sie von I h r e r  S e ite  ge­
trieben w ird , zu verteidigen. H e rr  W erm uth  glaubte, 
m einem  P a rte ifreu n d  Radtke einen V o rw u rf machen 
zu können. D er w ird  die Sache selbst klarstellen. A ber 
ich kenne sehr viele H erren  van  der m ehrheitssozialisti­
schen P a r te i ,  die seinerzeit B e fü rw o rte r  der Politik  der 
sozialdemokratischen Arbeitsgem einschaft w aren . A ls  es 
dann ab e r h a rt au f h a rt ging, w o die G eister sich 
schieden au s  Angst v o r der eigenen C ourage , daß sie 
eventuell auf G ru n d  ih re r U eberzeugung eingezogen 
w ürden , da sind S ie  denn nachher zum  R egierungs- 
Sozialism us übergegangen. (W iderspruch und S e h r  
richtig! U nruhe.) D a s  eine m uß m al festgestellt w erden : 
I n  einer w idersinnigen A rt und Weise w ird  eine 
P ro g ro m -S tim m u n g  erzeugt gegen die U nabhängige 
P a r te i ,  w ogegen die P ro g ro m e  der früheren zaristischen 
R eg ierung  gegen die Ju d e n  ein Kinderspiel sind. W ie 
liegen die V erhältn isse? E s  w urde  schon gesagt, wie 
sich die R eg ierungstruppen  in der Tham asschule gegen­
seitig bekäm pften, wie übera ll S partak isten  die R e ­
g ierungstruppen  bedrohten, und w ie lagen die D inge 
in  Wirklichkeit? I m  Hause H arzerstraße  64 w aren  auf 
dem Dachboden zwei M aschinengew ehre eingebaut, und 
die befunkten auch die T rep to w er S tra ß e , w o ich w ohne. 
Und die Leute auf der S tra ß e  sagten: D a oben sitzen 
die S partak isten  und beschießen die ruh igen  B ü rg e r 
und die R eg ierungstruppen . E rst auf D rän g en  der 
B ew o h n er in diesem Hause hat der V erw alte r die Sache 
untersucht. Und wissen S ie , w er auf diesem Dachboden 
H arzerstraße  64 gesessen ha tte?  Z w ei R e g ie ru n g stru p p en ; 
und der V erw alte r w a r  gezw ungen, bei dem L eu tnan t 
vorstellig zu w erden, daß die R eg ie rungstruppen  den 
Dachboden verlassen sollten, sonst hätten  die M ie te r 
dem H a u sw irt die M iete  gesperrt. S ie  sehen, wie diese 
S o ld a te sk a  sich übera ll einnistete, und w ie sie dann 
Unruhe und Unsicherheit in den S tra ß e n  van Neukölln 
verbreitete. E s  ist eigentlich komisch und sonderbar, 
daß  die H erren  von der S .  P .  D. u n s vorw erfen , w ir 
hätten  ein g ro ß es M a ß  Schuld an  diesen V orgängen , 
w ährend  hier auf der anderen  S e ite  H err O b erb ü rg er­
m eister Kaiser selbst erklärte, daß  er m einer P a r te i  
und auch dem A rb e ite rra t, dem viel verlästerten, von 
Neukölln d as  zugesteht, daß  sie vielleicht a lles getan 
haben, um  die R uhe und S icherheit für Neukölln zu 
verbürgen . S ie  sehen, auf welch schiefe E bene sie ver­
fielen. A ber, verehrte D am en  und H erren , w ir a ls  
unabhängige Sozialisten  und auch die K om m unisten 
scheuen u n s nicht, es auszusprechen und bestreiten es 
auch nicht, daß überall üble E lem ente, sagen w ir ruh ig : 
gem eingefährliche V erbrecher, am  W erke sind, U nruhen 
zu stiften. (R ufe : N a  also!) J a ,  na  also, w er will
denn behaupten, und  ich glaube, es kann u n s keiner a 
beweisen, daß unser Volk und dam it die deutsche Ar- |
beiterklasse durch einen 4 1 2jährigen  K rieg veredelt 
w orden  ist. I m  G egenteil, jeder, der schon draußen 
w ar, der es nicht so gemacht hat, wie gewisse über­
zeugte Sozialisten , der w ird  zugeben müssen, daß unser 
Volk verroh t ist, und daß w ir  zum  Teil, die wir 
wirklich im  Schützengraben gelegen haben, viel an 
kulturellen S itte n  verloren  haben und w ir im Laufe 
der Z eit, a ls  w ir  in die K ultu r zurückkamen, wieder « 
viel annehm en m ußten  (H ört, hört!), und w enn der \ 
H err dort, der Zwischenrufer, hört, hö rt! sagt, so zeigt j  
e r jedem, daß er vielleicht den Schützengraben in seiner 
ganzen A rt, in seiner ganzen Fürchterlichkeit nicht ge- i  
sehen hat. Nachdem  nun  der K rieg m it seinen fürchtet- |  
liehen F o lgen  d as Volk verroh t hat, ist es ganz logisch |  
und selbstverständlich, daß  V erbrecher m ehr a ls  je auf-W 
tauchen. E s  kommt dann  noch hinzu die traurige |  
soziale L age, in der w ir  u n s  befinden, die ein Produkt j 
des schrecklichsten a ller Kriege ist. Auch diese schafft |  
V erbrecher. H aben w ir  es nicht schon in sogenannten f 
n o rm alen  Z eiten  gesehen, daß bei wirtschaftlichen Nieder- |  
gängen die Krim inalstatistik außerordentlich in die Höhe j 
gegangen ist. Und d as  soll nicht der F a ll  fein, nach- ^ 
dem ein so tra u rig e r  K rieg so grenzenloses E lend über ) 
d a s  deutsche L and  gebracht h a t?  Ich sage, es ist 11 
selbstverständlich, daß nach einem solchen K rieg mit 1 
solchen Begleiterscheinungen derartige  V erbrechen fast j 
an  der T ag eso rd n u n g  find, und niem and hat d as  Recht, j 
einer P a r te i , w ie es die U. S .  P .  ist, diese L eute an fl 
die Rockschöße zu hängen. (S e h r  gut!) J e n e  Leute s 
haben kein Recht dazu, die gerade durch ihre K riegs- 1 
Politik dazu beigetragen haben, daß w ir  heute vor so t 
trau rig en  Verhältnissen stehen. J e n e  Leute sollten tn jj  
sich gehen, sollten sich selbst einm al d arü b er Rechenschaft« 
ablegen über die langen J a h re  ih rer verkehrten Politik. |  
Und w enn m an  schon die gem eingefährlichen V erbrecher ; 
an  die Rockschöße einer politischen P a r te i  hängen will. * 
so ist d a s  sehr leicht und billig, es zeugt ab er davon, I  
daß  m an  nicht die nötigen geistigen W affen besitzt, u m i  
eine solche P a r te i  w irkungsvoll zu b ekäm pfen / H errD  
D r. B ru n n  w a r  es, der glaubte, sich auf die A us- Z 
führungen eines H errn  Noske oder eines H errn  Hebte 1  
zu berufen, um  dam it zu beweisen, w ie recht er ge-V 
handelt hatte. M eine verehrten  D am en und H erren  ! |  
W enn H err D r. B ru n n  kein an d eres  B ew eism ateria! Z 
herbeibringen kann, a ls  w ie die K ronzeugen Noske und j  
H eine, dann  zeigt er allein schon, wie schlecht und jj 
falsch seine Politik  in diesen T ag en  gewesen ist. s 
(R ufe: N a, n a!) W enn auch ein Reichsw ehrm inister D 
Noske noch so hoch steht, w enn auch er es w a r , d e r .■ 
d as  S tan d rech t über G ro ß -B erlin  verhäng t hat, so steht 1 
doch d as  eine heute schon fest und w ird  von keiner |  
politischen P a r te i  m ehr bestritten, daß  auch dieses ß 
S tan d rech t verhäng t w orden  ist auf G ru n d  einer Lügen- j  
M eldung, auf G rund  jener M etzeleien, die angeblich in Z 
Lichtenberg stattgefunden haben sollen, und w enn S ie  |  
d a s  nicht glauben, so lesen S ie  n u r  einm al die A e u ß e -1 
rungen  des Lichtenberger Polizeipräsidenten  nach. - 
S e h e n  S ie , auf G ru n d  solcher Schwindelnachrichten. > 
die von allen bürgerlichen B lä tte rn  verzapft m orden 
sind, auch vom  regierungssozialistischen „ V o r w ä r t s " !  
h a t sich der S ozia lis t und A rbeiter Noske gem äßigt • 
gefühlt, d as  S tand rech t über G ro ß -B erlin  zu verhängen!
W enn je ein M a n n , der eine V eran tw o rtu n g  vor |  
der Oeffentlichkeit hat, ein so trau rig e s  F iasko gemacht 1 
hat m it seiner B ew eisführung , so ist es heute Abend 
H err S ta d tr a t  D r. B ru n n  gewesen. D as  eine steht l 
fest, trotzdem ein g ro ß er T eil der Neuköllner A rbeiter-Z  
schaft ziemlich oppositionell gerichtet ist, daß  b is zu 3 
jenem  denkw ürdigen Einrücken der w eißen G ard e  kein j 
B lu ts tro p fen  in Neukölln vergossen w orden  ist, und alle |  
die Anklagen, die gegen die U nabhängigen und Sparta-- Z 
fisten geschleudert w orden  sind, w erden durch diese eine |  
Tatsache vollständig w iderlegt. E rst m it dem Eintreffen j 
dieser w eißen G ard e  ist dieses B lu tverg ießen  in N eu­
kölln über u n s gekommen, und m ein P arte ifreu n d  1
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