Path:
Periodical volume 21. März 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

sollten. I n  Brem en haben sich wochenlang Dinge er­
eignet, wie in B erlin nur an einigen Tagen. Unserer 
Parteikasse sind 35 000 M  durch R äuber der S p arta - 
E sten abgenommen worden. (Hört, hört! Lärm.) I n  
B rem en  sind unsere Gewerkschaften durch die S p a r ta ­
kisten an der Arbeit gehindert worden. Die Schweine­
wirtschaft von Brem en konnte keine Regierung dulden. 
A n d  wenn w ir S ie  an dieser Wirtschaft hinderten, 
M ann  beschimpfen S ie  Scheidemann und Ebert „Blut- 
M unde". (S eh r richtig!) W as aber dam als von der 
Regierung getan worden ist, w ar ein geschichtlicher Akt, 
tun nicht die Revolution im C haos endigen zu lassen. 
|<5ehr richtig! Widerspruch. Lärm .)
Vorsteher (unterbrechend): Ich bitte S ie  von der 
Linken ebensoviel Takt aufzubringen wie die andere 
S eite  und den Redner weiter sprechen zu lassen.
Redner (fortfahrend): Ein Apell an den Takt ist 
da vollständig vergebens. Dazu gehört Selbstbeherr­
schung, die bekanntlich die größte Tugend ist. (Zuruf: 
W ir  w aren doch früher anständig, wo w ir m it Ih n en  
zusamm engearbeitet haben.) Ich bin immer anständig. 
B rem en  wird abgelöst von Rheinland und Westfalen, 
wo die körperlich heruntergekommene Bergarbeiterschaft 
in den Streik hineingehetzt werden sollte und der Streik 
wirklich ausbrach, obwohl sich 95 P roz. der Berg- 
arbeiterbevölkerung nicht mit dem Ausbruch des Streikes 
einverstanden erklärt hatten. (Zurufe.) Die Arbeiter 
werden gewaltsam an der Arbeit gehindert von wenigen 
Spartakisten, die drohten, den Arbeitern die Luftzufuhr 
rbzuschneiden. D as Streikfieber zieht sich von dort 
lach Mitteldeutschland und gelangt von dort nach Berlin. 
)ch habe nicht geglaubt, daß w ir ähnliche Zustände 
sie in der Januar-W oche wieder erleben würden, 
spandauer S taatsw erkstättenarbeiter sagten m ir, daß 
|ie  beschlossen hätten, am 3. M ärz  in den Streik ein­
zutreten und daß bei dem Beschluß eine geheime A b­
stimmung mit G ew alt unterbunden worden wäre. 
Die Leute beteuerten mir, daß w ir am Vorabend 
g ro ß e r Ereignisse stünden. Auf meine F rage erhalte 
ich die Antwort, daß es wahrscheinlich ohne gewaltige 
Zusammenstöße nicht abgehen wird. Auf meine F rage, 
sb denn die Arbeiter im Besitze von W affen seien, 
.antwortete ein Arbeiter: E s find Waffen unter der 
Arbeiterschaft in Hülle und Fülle. Diese Aeußerung 
)at für mich eine große Bedeutung erlangt, a ls w ir 
in der großen Episode der B erliner Schreckenstage 
( standen. Der Streik w urde am 3. M ärz  von der 
B e r lin e r  Arbeiterschaft beschlossen. Geheime Ab­
stim m ung in den Betrieben wird abgelehnt. W er 
larbeiten will, soll evtl. mit H andgranaten aus den Be- j  
trieben gejagt werden. (Hört, hört!) I n  den S traß en  
Istehen jene merkwürdigen Gestalten, die w ir in der 
iIanuar-W oche gesehen haben, die ihre dummen Phrasen 
tan  das Publikum bringen. (Rufe: W er bezahlt denn 
fbie?). Die sind von russischem Gelde bezahlt worden. 
|(H eiterteit.) Spartakus hat doch M illionen von R u ß ­
la n d  erhalten. D as wird von den Leuten ja zugegeben, 
f(Zuruf: Du hast wohl W erm uth-Tropfen getrunken! 
G roßer Lärm .) D ann spielen sich die heftigen Kämpfe ( 
| ab mit den Regierungstruppen mit allen M itteln der 
1 modernen Feldschlacht. Und da m uß m an sich fragen: 
|W ie ist es möglich, daß mit dem M om ent des A ns­
p ruchs dieser Kämpfe mit einem M al so viel Waffen 
I vorhanden sind? Diese Dinge sprechen einen beredte 
Sprache. Die M atrosen und das M arinehaus hatten | 
mehr Waffen, a ls manchmal im Felde vor einem G e­
fecht vorhanden w aren. Ein Offizier sagte: Soviel 
Waffen hatten w ir m itunter in einem Gefecyt nicht ge­
habt. (Hört, hört! G roßer Lärm .) Die Unabhängigen 
leugnen natürlich, mit diesem Putsch etw as zu tun ge­
habt zu haben. E s ist doch sonderbar, daß die „R ote ' 
Fahne" vom 3. M ärz  schreiben konnte: W ieder ist die 
S tunde gekommen, wieder stehn die Toten auf, wieder 
streiten die Niedergerittenen, und am Schluß heißt es: 
,K lärt die Zagenden und Zurückgebliebenen auf, laßt 
euch nicht in unnötigen Schießereien, bleibt beieinander
in den Betrieben, dam it iyr aktionsfähig seid im ge­
gebenen Falle. Nieder mit Ebert, Scheidemann und 
Noske! Nieder mit der N ationalversam m lung! Alle 
M acht den A rbeiterräten! (B ravo! S e h r richtig! Lärm !) 
S ie  sagen B ravo  und sehr richtig! Tatsache ist, daß 
die M arinedivision an verschiedene große Betriebe an ­
telephonierte, die beisammen bleiben sollten, und die 
Arbeiter kamen bewaffnet und haben an diesem Kampf 
tätigen Anteil genommen. M an  kann auch zwischen 
den Zeilen lesen und die Tatsachen haben gezeigt, daß 
das Berechtigung hatte, w as m an zwischen den Zeilen 
lesen konnte. (Zuruf: Dasselbe stand auch im V orw ärts!) 
Lesen S ie  erst den V orw ärts  und fallen S ie  nicht auf 
irgend welche Phrasen hinein, die S ie  dann weiter 
tragen. Auch Neukölln w ar der Schauplatz heftiger 
Kämpfe. Ich will mich im engeren R ahm en da nicht 
auf Einzelheiten einlassen, denn ich kenne die Dinge 
nicht genügend. (Aha-Rufe!) S ie  brauchen nicht 
Aha zu schreien, sondern können höchstens Ih r e  Hoch­
achtung aussprechen, wenn ich nicht etw as behaupte, 
w as m ir nicht zusteht. Ich habe am  Anfang meiner 
Ausführungen gesagt, daß w ir nicht herzlos und ge­
fühllos genug sind. (Zuruf: Ach, sind S ie  ein Engel!) 
Der Schmutz reicht an mich nicht herauf. (S eh r richtig!) 
Festgestellt ist aber, daß es in Neukölln nicht möglich 
gewesen w ar, die Republikanische Soldatenw ehr von 
spartakistischen Elementen zu säubern und daß sie sehr 
durchsetzt w ar von solchen. (Zurufe.) E in Teil kämpfte 
in B erlin  im Verein mit den M atrosen gegen die 
R egierungstruppen, ein anderer Teil plünderte die 
Kasernen aus, und der verbleibende Rest selbst mußte 
erst die fremden Truppen gegen ihre eigenen M itglieder 
zu Hilfe rufen. Zahlreiche Ziviltruppen wurden mit 
W affen versehen, die raubend und plündernd durch die 
S traß en  zogen; Verbrecher wurden befreit und auf die 
friedliche Bevölkerung losgelassen. Auf G rund dieser 
Vorkommnisse wurde von der Bevölkerung das E in­
greifen der Regierungstruppen als eine Erlösung be­
grüßt. Die Pflicht gebietet es auszusprechen, daß sich 
die Regierungstruppen mannigfache Uebergriffe haben 
zuschulden kommen lassen, aber wer darf darüber zu 
Gericht sitzen? (Rufe: W ir!) Nicht diejenigen, die m it­
schuldig sind, sondern diejenigen, die sich freiwissen von 
den Dingen. (Z uruf: D as sind w ir!) Die die in der 
Lahm legung des W irtschaftslebens als eine T at preisen, 
sind die Unberufensten. (Z uruf: D as haben S ie  ja 
früher auch gemacht!) J a ,  aber nicht in einer Zeit, in 
der das totwunde Wirtschaftsleben noch tätlicher ver­
wundet w ird: Dann wird ein Streik „Verbrechen". 
D as sind keine politischen Kampfmittel, die einen Ehren­
platz einnehmen werden in der Geschichte des P ro le ta ria ts , 
sondern die das ganze Volk noch elender und unglück­
licher machen und die Essensportionen noch kleiner 
machen. Aber es liegt noch ein tieferer G rund in Ih re n  
Anklagen: S ie  wollen das Augenmerk über diesen 
Generalstreik, der mit einem beispiellosen Debatte ge­
endet hat, hinwegtäuschen durch ihre Hetze. E s  w äre 
Ih r e  Pflicht gewesen, daß S ie  sich als die H ervorrufet 
der beklagenswerten Ereignisse bekennen. Unfähig zu 
jeder positiven Arbeit, suchen S ie  Ih re  ganze politische 
Im potenz durch Phrasen zu verdecken. (Zurufe, Lärm). 
Hunger und Verzweiflung sind Ih r e  Kampfgenossen. 
W enn der Hunger nicht mehr umgeht in Deutschland, 
dann werden Ih r e  Phrasen unfruchtbar bleiben. (S eh r 
richtig!) Eine solche Taktik entspricht politischen Leichen­
fledderern, nicht aber Sozialisten, deren ernster Wille 
und ernstes S treben  es ist, die Niedergedrückten wieder 
hinaufzuführen zu den Sonnen  des Lebens. Ein neues 
F lugblatt der Spartakisten prophezeit einen neuen 
Generalstreik auf breitester Grundlage. Die Diktatur, 
die da angedeutet wird, kann nicht zu einem gedeihlichen 
politischen Leben führen; solange mit diesen M itteln 
die M ehrheit beherrscht werden soll, solange wird die 
Regierung gezwungen sein, sich Elemente zu bedienen, 
deren sie sich lieber nicht bedienen möchte. (Aha-Rufe.) 
S o ll sie sich spartakistische Truppen halten, um sich 
niederstechen zu lassen? Unter diesen Truppen sind
13
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.