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Periodical volume 9. Mai 1919

Full text: Amtlicher stenographischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten zu Neukölln Issue 1919

das nicht!" W as soll der Lehrer tun, soll er nochmals 
wiederholen oder sich m it den K indern besonders h in­
setzen? E s ist fü r die K inder eine unangenehm e Lage, 
nicht dabei gewesen zu sein. Ich stehe auf dem S ta n d ­
punkt, daß der Unterricht in  der Schule durch den Kou- 
firm andenunterricht der Geistlichkeit nicht geschädigt 
w erden bars (sehr richtig!), und ich b itte den H errn 
Stadtschulrat, m ir darin  freundlichst entgegenzukom­
men und dafür zu sorgen, daß die Geistlichkeit gehalten 
ist, den Konfirm andenunterricht in  eine Z eit zu legen, 
in  der die Kinder nicht in die Schule gehen. Ich sehe 
nicht ein, w arum  die K inder deswegen geschädigt w er­
den sollen. E s ist technisch unmöglich, in diese S tunde 
eine Religionsstunde zu legen. S ie  bekommen bei m ir 
den schuiplanmäßigen R eligionsunterricht und von den 
Geistlichen noch zwei S tu n d en  zu, w ährend Rechnen 
und andere wichtige S tu n d en  ausfallen. Ich  möchte 
bitten, daß von jetzt ab der Grundsatz durchgeführt 
w ird, daß  der K onfirm andenunterricht der Geistlich­
keit den Schulunterricht der Lehrer nicht m ehr kreuzen 
und lähm en darf. (Z uruf: W ie steht es denn m it dem 
ordentlichen R eligionsunterricht? Können S ie  sich nicht 
dazu äußern?) Ich habe Ih re  A nfrage nicht ver­
standen.
Rektor W ille (S . P .  D.): Ich  stehe auf dem 
Boden der A nregungen aus der unabhängigen 
P a rte i. S ie  decken sich im  G runde genom m en durch­
a u s  m it den V erfügungen, die m ir bisher haben, die 
allerdings aus anderen G ründen erlassen worden sind. 
F rüher, a ls der Religionsunterricht an der ersten oder 
letzten Ecke liegen sollte, hieß es: Der R elig ionsunter­
richt ist der wichtigste Unterricht in der Schule. Aber 
ob nu n  so oder so: Ich glaube, w ir können uns ruhig 
dam it einverstanden erklären, daß der R elig ionsunter­
richt in die letzte S tunde gelegt w ird. Ich möchte das 
besonders hervorheben. Ich bitte, die erste S tunde 
auszuschalten. E s  handelt sich aber, H err Kollege 
Schilling, sicherlich nur um ein P rinz ip , das aufge­
stellt werden soll. Auch F räu le in  Schütz hat sich über­
zeugt, daß jetzt die Sache nicht sofort geändert werden 
kann. Ich  möchte n u r ein M om ent dazu anführen: 
Bei uns hat nicht jeder Lehrer nu r seine eigene Klasse, 
so daß er den Religionsunterricht beliebig legen 
könnte. (Rufe rechts: N a also!) Der Klassenlehrer 
w ird  in erster Linie den Deutsch-Unterricht vornehmen, 
weil der der wichtigste ist. Der Religionsunterricht 
w ird oft von Fachlehrern gegeben, die bei den heutigen 
ganz unnorm alen Verhältnissen nicht im m er gerade in 
der letzten S tunde der betreffenden Klasse eingesetzt 
werden können, weil sie da gegebenenfalls in  ihrer 
eigenen Klasse unterrichten müssen. M an  kann also 
den R eligionsunterricht jetzt nicht im m er auf die letzte 
S tu n d e  legen. V erlangen S ie  alles das nicht in  der 
Übergangszeit, denn es ist technisch unmöglich. (Z uruf 
rechts: N a also!) Ich möchte bitten, die Debatte abzu­
brechen und die Sache der Schuldeputation zu über­
weisen.
S tadtverordnete F r l .  Schütz (U .S . P .) :  Ich  hatte 
schon gesagt, „soweit, wie es bei den heutigen Schul- 
Verhältnissen möglich ist, bitten w ir, daß die R eli­
gionsstunde an  den Schluß des Unterrichts gelegt 
w ird", und ich bitte, daß über diesen A ntrag  abge­
stimmt w ird, um zu beweisen, daß w ir hier wohl alle 
im P rin z ip  dafür sind, daß der Religionsunterricht 
a n  den Schluß des Unterrichts gelegt w ird. D ann w ird  
unserem Wunsche in den einzelnen Schulen wohl 
m ehr Rechnung getragen werden, die einzelnen Schul­
leiter können die Religionsstunden nicht mehr so w ill­
kürlich festsetze», wie es bisher der F a ll w ar.
S tad tvero rdneter Exner (Dt.-dem. P .) : Ich  habe 
so ungünstige E rfahrungen , wie die V orredner uns 
hier geschildert haben, nicht gemacht. Der W eg von
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den östlich gelegenen Schulen nach dem Tem pelhofer 
Felde und dem  Treptow er P ark  ist nicht so bedeutend, 
daß ihn die K inder der M ittel- und Oberstufen nicht 
m it Leichtigkeit zurücklegen könnten. (Z u ru f: M it
Leichtigkeit!) J a ,  m it Leichtigkeit. Ich versichere: S o  
oft ich bereit gewesen bin, m it den K indern nach 
Treptow  zu gehen, hat sich kein einziges ausgeschlossen. 
Die Kinder wollten nicht zurückfahren, sie w ollten die 
schöne Luft weitergeniehen und sind zurückgelaufen. 
D er A ufenthalt im  Treptow er P ark  m it seinen Plätzen 
und dem herrlichen Baum bestand, der reichen Schatten 
spendet, ist so gesund, daß sich die K inder nach dem 
Besuch des P arkes drängen. D as m uß ich betonen. 
Aber w ir hatten  früher g a r  nicht einm al das Recht, 
m it den K indern so oft hinauszugehen, wie w ir wollten. 
W ir m ußten erst um die E rlaubn is  hierzu bitten. 
Jed en  S paziergang  m ußten w ir bei dem Kreisschul- 
inspektor erst anmelden, und  am  liebsten hätte er das 
P ro g ram m  ausgearbeitet gesehen, nach welchem die 
K inder unterw egs belehrt werden sollten.
Ich m uß also sagen, daß gerade dieses Von-oben- 
herab-reglem entieren, dieses ewige Beaufsichtigen, 
vielen Lehrkräften den W eg nach T reptow  verleidet 
hat. W enn ich m it meinen K indern zusammen fein 
will, brauche ich doch nicht erst eine Anzeige nach oben 
und ein P ro g ram m , dam it die vorgesetzte Behörde 
weiß, w as ich m it den K indern zu besprechen gedenke. 
D as ist wieder ein Bew eis dafür, wie m an  auf dem 
papiernen Wege etw as vom Leben zum Tode beför­
dert. Jetzt ist das weggefallen. Jetzt ist die B a h n  frei, 
w ir können jetzt gehen, soviel w ir wollen.
I n  der Schuldeputation ist in  der letzten Sitzung 
angeregt worden, daß w ir einen schulfreien T ag  haben 
sollen —  D onnerstags oder F re itag s  oder S o n n ­
abends —  je nach den Schulgebieten Neuköllns. A n 
diesem Tage hat dann der Lehrer die Pflicht, die K in­
der in s  F re ie  zu führen. Die K inder lernen an  diesem 
Tage zw ar nichts vom Buchwissen, aber etyias Le­
bendiges aus der N atu r, w as nach m einer M einung  
viel wichtiger ist, als so vieles, w as m an aus den 
Büchern lernen kann. W ir haben n u n  den Wunsch 
des freien T ages ausgesprochen, und er w ird mit Hilfe 
des H errn  S tadtschulrates hoffentlich in nicht zu langer 
Zeit zur D urchführung kommen. Freilich m uß das alles 
noch durch Gesetz geregelt werben. W ir hoffen, daß es 
in  ganz Deutschland, wie es schon in Frankreich ist, 
kommen w ird, daß w ir einen schulfreien T ag  haben 
und dann mit den K indern draußen Lebensschule trei­
ben werden. W ir wollen unseren K indern Luft und 
Licht bieten, denn dadurch bekommen sie Lust zum 
Leben.
S tad tverordneten  - Vorsteher Scholz: D as W ort
w ird  weiter nicht gewünscht. W enn kein W iderspruch 
erfolgt, nehme ich an, daß die V ersam m lung mit dem 
A ntrage einverstanden ist. E s ist also so beschlossen.
W ir kommen jetzt also zu P u n k t 8k.
S tad tverordneter Exner (Dt.-dem. P .) :  M eine D a­
men und H erren! In fo lge  der gestellten A nfrage 
nehme ich Veranlassung, mich zur F rag e  des ordent­
lichen R eligionsunterrichts überhaupt zu äußern. Der 
A ntrag , ihn  in der letzten S tu n d e  zu erteilen, scheint 
nach der m ir gewordenen M itteilung doch auch den 
Unterton zu haben, den Religionsunterricht für eine 
Nebensache im  Schulunterricht zu erklären. (S eh r rich­
tig!) Ich  habe also den H errn  richtig verstanden. N un, 
meine D am en und H erren, über den W ert des R eli­
gionsunterrichts ist m an zu allen Zeiten verschiedener 
Ansicht gewesen. D er große Friedrich sagte einmal: 
„Jeder in  meinem S ta a te  kann nach seiner Fasson 
selig w erden!" (S ehr richtig!) M an  h a t nun  diese 
Fasson dem Einzelnen nicht gestattet, sondern m an ha t 
den R eligionsunterricht im m er in Fesseln geschlagen.
        
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